Erinnerungen an den Furggengrat

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VON GEORGES DE RHAM, LAUSANNE

Mit 1 Bild ( 73 ) Die folgenden Zeilen wurden vor etwa zwanzig Jahren geschrieben. Sie berichten über eine Begehung des Furggengrates über die Piacenza-Route, die fünfte in der chronologischen Reihenfolge, ( mein Freund, der Bergführer André Roch, erzählt sie auch in seinem schönen Buch « Mon carnet de courses » ), und über die zweite Begehung der direkten Route von Alfredo Perino, Louis Carrel und Giacomo Chiara, die Gegenstand einer kurzen Notiz bildet im Werk von Charles Gos über das Matterhorn. Obschon älteren Datums, ist dieser Bericht unveröffentlicht. Auf die freundliche Bitte des welschen Redaktors gebe ich ihn hier wieder, als bescheidene Würdigung des schönen Berges.

An einem düsteren und bewölkten Augusttag des Jahres 1944 sind wir zu viert auf dem Weg von Zermatt zum Hörnli. Der starke Südwind in der Höhe vermag unserem Optimismus nichts anzuhaben. Wenn nötig, werden wir in der Hütte warten, bis das schöne Wetter wiederkehrt, um den einmal vorgenommenen Plan verwirklichen zu können: die Begehung des Furggengrates am Matterhorn über die Piacenza-Route. Als wir uns in Zermatt trafen: Alfred Sutter und Alexander Graven einerseits, André Roch und ich andererseits, wussten wir, dass diese Besteigung der Wunsch eines jeden von uns war, und einstimmig beschlossen wir, sie gemeinsam auszuführen.

Für einige Alpinisten ist der Aufstieg zur Hütte gleich einer Art langweiliger Fronarbeit. Ich muss aber zugestehen, dass dieser für mich fast immer einen der lieblichsten Augenblicke einer Bergfahrt bedeutet. Der Geist träumt und schweift frei, er erlebt die gestrige Besteigung wieder, stellt sich diejenige von morgen vor und schmiedet neue Pläne. So ist heute der Aufstieg zum Schwarzsee mit einem Gefühl der Leichtigkeit umwoben, was auch Graven bemerkt, der umsichtigerweise ein Maultier für den Gepäcktransport beschafft hat. Es ist deshalb angenehm, einen Pfad ohne Sack und Pickel aufzusteigen. Der Alpinist Jean Chaubert, dem wir auf dem Weg in der Nähe von Zermatt begegnen, und der uns auf diese Weise wandern sieht, beglückwünscht uns, bei diesem Wetter, das keine grossen Touren ermöglicht, einen Spaziergang zu machen. Wir verschweigen ihm unseren Plan!

Am Hörnli sind Hütte und Hotel beinahe leer. Am Abend überredet mich Roch zu einer Erkundung Richtung Breuiljoch. Wir gehen den Gletscher am Fuss der Matterhorn-Südwand entlang, umgehen einige Spalten und überqueren Lawinenreste. Wie wir das Ziel unserer Erkundungsfahrt, die Felsen links vom Eisabhang des Breuiljochs, erreichen, bricht das Gewitter los. Mitten im Gekrach des Donners und unter sintflutartigem Regen kehren wir pudelnass in die Hütte zurück.

Am nächsten Tag, den 17. August, wie ich um 3 Uhr erwache, erklärt Roch, der neben mir schläft, das Wetter sei schlecht. Jedoch das Wort « Sternenhimmel », das mir beim Anblick eines durch das Hüttenfenster scheinenden Sterns entfährt, reisst ihn aus den Decken. Sutter und Graven, die im Hotel übernachtet haben, gesellen sich in der Küche, wo wir das Frühstück zubereiten, zu uns. Das Wetter ist äusserst trüb, aber einstimmig wünschen wir aufzubrechen, und um 4.15 Unr machen wir uns auf den Weg. Am Breuiljoch, das wir nach 50 Minuten erreichen, ist der Himmel mit grossen Wolken verhängt, die Luft mit Feuchtigkeit gesättigt und die Felsen sind triefend nass. In zwei Seilschaften greifen wir den Grat sofort an. Nach einem Kamin und einer Reihe von Platten steigen wir links von der Gratschneide. Roch führt mit forschem Tempo. Allmählich erscheint der Schnee, zuerst eine kleine Schicht Neuschnee, welche die Felsen bedeckt und deren Dicke wächst, je mehr wir steigen. Vorläufig stört er die leichte Kletterei nicht. Aber wie wird es höher sein? Plötzlich reisst es auf und ein Sonnenstrahl bestärkt uns in unsrer Hoffnung!

Auf einer kleinen Schulter machen wir eine Pause im Erwarten, die Sonne werde den Schnee schmelzen und die Felsen trocknen. Ein dichter Nebel streicht in den Hängen über uns, auf denen unsre Blicke nach dem besten Weg suchen. Der Grat, dem wir gefolgt sind, stösst an die Bergflanke und die Furggenschulter scheint einen anderen Grat zu krönen, welcher sich mehr westlich in den Abstürzen der italienischen Seite verliert. Wir werden eine Schnee- und Eiszunge aufsteigen müssen, und dann, links querend, Felsbändern folgen. Graven übernimmt die Führung und schlägt Stufen in der Eiszunge. Wie wir unter ihm gestaffelt sind, höre ich plötzlich ein Dröhnen und den Schrei: « Steine! » Wir ducken uns. Ich ziehe meinen Rucksack über den Kopf. Einige Steine schlagen in den Schnee unter mir ein... Dann hört alles auf - und wir steigen bis zur Furggenschulter weiter.

Der grosse Aufschwung, der diese Schulter überragt, zieht unsere Blicke auf sich. Das ist der Aufschwung, den Guido Rey erforscht hat, über den sich Blanchet und Mooser abgeseilt haben und den Louis Carrel kürzlich erklettert hat. Sein oberster Teil ist vom Nebel verdeckt, aber der Anfang ist gut sichtbar und scheint weniger unfreundlich, als ich mir vorgestellt habe. Es wäre natürlich ausgeschlossen, seinen Aufstieg unter den heutigen Verhältnissen zu versuchen. Aber diese Frage stellt sich gar nicht. Die Piacenza-Route umgeht diesen Aufschwung auf der Südwestseite, die sich als eine senkrechte Wand von nassen Felsen erweist, schatten- und nebelumhüllt, die kleinsten ebenen Stellen mit Neuschnee bedeckt. Ich denke an die Möglichkeit, die wir für den Fall, dass die Verhältnisse zu schlecht sein sollten, vorgesehen hatten, und die darin besteht, den Schweizergrat über die Felsbänder der Ostflanke zu erreichen. Aber niemand spricht davon. Wir bilden eine einzige Seilschaft in der Reihenfolge Graven, Sutter, Roch und ich. Um 9.30 Uhr packt Graven die Wand mit Schwung an. Nach einigen sehr schnellen Schritten hält er an, beherrscht sich anscheinend mit Mühe und meldet, er werde am Anfang sehr langsam gehen. Meisterhaft führt er uns durch die Wand. Ein enges waagrechtes Sims, ein Überhang, über dem wir den von Joseph Gaspard 1911 geschlagenen grossen Haken finden, ein Felsband und ein kurzer Abstieg im losen Gestein, einige mühsame Klimmzüge, vereiste Felsen und eine heikle Platte führen uns zu einem von einer feinen Schneeschicht bedeckten Eishang. Wir folgen immer Graven, der diesen Hang mit Stufenschlagen rasch aufsteigt. Kleine Eisstalaktiten fallen von den uns überragenden Felsen und für einen Augenblick beleuchtet die Sonne diese winterliche Landschaft. Dann wird der Nebel dichter und es fängt an zu schneien. Eine Felsnische nimmt uns am Ende des Eishanges auf. Linkerhand befindet sich ein Couloir, das auf den ersten Blick verhältnismässig einladend scheint. Aber wir wissen, dass die Seilschaft unserer Genfer Freunde sich im Jahr vorher, zu viel nach links haltend, in einem Couloir verstiegen hat. So nimmt Graven die Wand rechts in Angriff und verschwindet längs eines Risses. In der Nische warten wir lange. Roch überwacht das Seil, Sutter schmaucht Zigaretten. Die Kälte wird beissend. Endlich lässt sich Gravens Stimme hören, er hat den Durchstieg gefunden! Sutter und Roch verschwinden, einer nach dem anderen, und ich bleibe allein in der Nische. Ich höre ihre Stimmen nicht mehr, und endlich reisst mir die Geduld. Ich steige auf, indem ich das Seil aufnehme. Nach einigem Hin und Her in der Wand erreiche ich den Fuss eines schweren Kamins. Roch ist oben und nimmt das Seil, um mich zu sichern. Nun geht es über einen abdrängenden Felsen hinauf, in dem Graven zwei Haken geschlagen hat, und bald sind wir alle auf dem von einer schönen Sonne erwärmten Grat. Die Felsen sind beinahe trocken und bieten keine Schwierigkeiten mehr bei unserem weiteren Vordringen zum Gipfel, auf dem wir uns kräftig die Hände schütteln. Es ist 12.35 Uhr. Der Nebel umhüllt den Berg wieder. Aber was tut 's! Die Unsicherheit, die uns stundenlang bedrückt hat, ist verschwunden und die riesige Freude des Erfolges bemächtigt sich unser.

Nach einem schnellen Abstieg werden wir von Sutter ins Hotel Matterhorn eingeladen, um unseren Erfolg zu feiern. Dort treffen wir Jean Chaubert wieder, der sich über unseren « kleinen Spaziergang » erkundigt!

Zwei Jahre später, am 2. August 1946, bin ich wieder auf der Furggenschulter, bequem neben meinem Freund Alfred Tissières sitzend. An diesem klaren Morgen, bei wolkenlosem Himmel, da kein Wind weht und kein Steinschlag droht, war der Aufstieg vom Hörnli über das Breuiljoch ein ruhiger, königlicher Spaziergang. Unter der Führung Alexander Gravens, der sich auf dem Grat schon heimisch fühlt, und Walter Perrens sind zwei andere Seilschaften da. Sie wollen die Piacenza-Route begehen, während wir vorhaben, den direkten Aufstieg über die Louis-Carrel-Route zu versuchen. Die Verhältnisse sind ausgezeichnet: trockene Felsen und absolut zuverlässiges Wetter. Die Aussicht ist so schön, und man fühlt sich so wohl auf diesem Balkon, dass sich unsere Ruhepause in die Länge zieht. Aber nach einer Stunde muss man sich der Faulheit erwehren - und um 8.45 Uhr brechen wir auf.

Zum Anfang kommt ein ziemlich breiter und leichter Kamin, der schräg rechts aufsteigt und in dem ein im Eis eingefrorenes Seil hängengeblieben ist. Der Kamin führt uns zum Rand eines steilen, teilweise schneebedeckten Schuttabhanges in der Ostflanke. Höher aber ist die Wand so steil, so vorgewölbt, dass wir nur deren erste Meter sehen. Wir prüfen sie ängstlich und fragen uns, wie wir da durchkommen können. Bevor wir einen Versuch machen, gehen wir den obersten Rand des Schnee-firns entlang, um weiter rechts nachzusehen. Die Mauer, die uns aufgehalten hat, zeigt sich nun im Profil und ihre Steilheit scheint uns ganz hoffnungslos. Aber mehr rechts, dort wo die Wand nach Nordosten orientiert ist, lenkt ein durch die Wand hinaufziehender Riss unsere Aufmerksamkeit auf sich. Nach einer sorgfältigen Erwägung beschliessen wir, dass dies unser Weg sein soll.

Wir schlagen einen Haken, an dem mein Freund, der auf einem abschüssigen Band steht, die Seile sichern kann. Ich überlasse ihm Rucksack und Pickel, nehme einen Hammer, Haken und Karabiner, und sehr langsam klettere ich längs des Risses, bald links, bald rechts, bald drin. Der dunkle braune Fels ist sehr brüchig und verlangt grosse Vorsicht. Ich steige etwa fünfzehn Meter, befestige, so gut ich kann, zwei Haken, ziehe die Seile durch, und Tissières schliesst auf. Das gleiche Manöver wiederholt sich, jedes Mal, wenn Tissières mich einholt, bringt er mir die eingesammelten Haken zurück. Der Riss ist etwa vierzig Meter hoch und sein oberster Teil von Eis überzogen, denn dieser Teil der Wand wird von der Sonne nicht mehr beschienen. Oben können wir links ausweichen und erreichen einen kleinen Balkon des Grates, wo sich eine alte Seilschlinge befindet. Das ist zweifellos die letzte Abseilschlinge von Blanchet und Mooser. Ein Kamin am südwestlichen Teil dieses Balkons führt uns 8-10 Meter höher wieder in die Ostflanke zurück, auf eine Terrasse, wo wir eine weitere Seilschlinge bemerken und ein wenig Schnee liegt. Ich erkenne den von Guido Rey erreichten höchsten Punkt seines Aufstiegversuches, wie er ihn beschrieben hat: «... eine Art kleiner Esplanade, wo ein wenig Schnee liegengeblieben war... Weiter war eine Felstreppe, deren Neigung mir weniger schrecklich erschien und die bis zum Fuss einer Mauer aufstieg... » Diese Mauer bildet aber einen grossen Überhang und trotz des Knotenseils, das Daniel Maquignaz von oben zugeworfen hatte, kamen Rey und seine Führer nicht durch. Wir wissen, dass es für uns oberhalb dieses Überhanges ein Leichtes sein wird, den Gipfel zu erreichen, und wir wissen auch, dass es Louis Carrel gelungen ist, diese Stelle zu bezwingen. Aber wie hat er es getan? Auf dem Grat selbst scheint der Überhang weniger ausgesprochen zu sein, und da, glauben wir, wird die schwache Stelle der Mauer sein. Ich steige schräg nach links und komme unter dem Dach des Überhanges an. Ein winziges waagrechtes Sims führt zum Grat. Bevor ich es angehe, suche ich eine Spalte, um einen Sicherungshaken einzuschlagen... und finde einen schönen festsitzenden Haken. Also ist Carrel hier durchgestiegen. Tissières hat mich eingeholt und sichert. Ich bewege mich einem kleinen Sims entlang, beuge mich unter den Felsüberhang und erreiche den Grat unterhalb dem Punkt, der die Spitze der Furggennase zu sein scheint. Ich stehe jetzt in der Sonne, mit den Füssen auf zwei kleinen flachen Tritten, den Körper vom Felsen nach rückwärts gedrängt, jeder so gross wie der Viertel einer Schuhsohle. Unter mir sehe ich nichts als gähnende Leere. Ich erlebe ein ziemlich seltsames Gefühl, als wäre ich allein im Himmel, nur für einen Augenblick aber, der sehr kurz sein mag. Der sich aufbauende Überhang ist viel weniger ausgesprochen als er zuvor von der Terrasse aus schien; er hat Griffe, die jedoch nicht fest scheinen. Indem ich sie prüfe, entdecke ich plötzlich zwei Haken. Daran befestige ich eine Seilschlinge, die mir erlaubt aufzustehen. Der Grat hat hier die Form eines senkrechten, wenigstens einen Meter breiten Rückens. Oberhalb der zwei Haken ist er von einem Kamin durchzogen, in dem man sich hinaufstemmen kann. Der oberste Teil dieses Kamins ist mit Eis gefüllt und man muss links, auf den äussersten Rand eines die Südwand überragenden Daches ausweichen. Von da an steige ich durch eine Nische, in der ich ein Häufchen Holzstücke bemerke ( die Seigel der Strickleiter von Guido Rey ). Ich erhebe mich auf eine breite und bequeme Plattform. Mit einem Freuden- und Erleichterungsruf melde ich meinem Freund, dass die grossen Schwierigkeiten zu Ende sind. Mit Sack und Pickel auf dem Rücken holt er mich, von mir gesichert, rasch ein, und um 13.30 Uhr stehen wir auf dem Gipfel. Dort bleiben wir lange, geniessen die Sonne und die weite Aussicht und erinnern uns der Episoden dieser prächtigen Kletterei, der exponiertesten, die wir je gemacht haben.

( Übersetzung aus dem Französischen von Nina Pfister )

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