Erschöpfung

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Fritz Hans Schwarzenbach, Chur EINFÜHRUNG

Ein Problem aus der Sicht des Bergsteigers Bergsteiger wissen bei anstrengenden Hochtouren um die Risiken der Erschöpfung; wissen sie aber auch genau, was eine Erschöpfung ist?

Erschöpfung ist kein Unfall, denn unsere Unfallversicherungen schliessen den Tod aus Erschöpfung von ihren Leistungen aus. Sie stützen sich dabei auf die Definition des Unfallbegriffes, die einen Unfall als plötzlich eintretendes Ereignis mit äusserer Ursache umschreibt.

Erschöpfung ist aber auch keine Krankheit. Es gibt weder Erschöpfungsbazillen noch Erschöp-fungsviren. Erschöpfung gehört auch nicht zu den Stoffwechselstörungen des Menschen; denn wenn der Bergsteiger auf sein Vorhaben verzichtet und sich in seinem Liegestuhl im Garten dem süssen Nichtstun hingibt, wird er kaum von einer Erschöpfung heimgesucht.

Darf man Erschöpfung mit « menschlichem Versagen » gleichsetzen? Wer schon auf Expeditionen oder harten Bergfahrten eine Erschöpfungskrise durchgemacht hat, denkt ungern an das Erlebnis zurück und wird sich kaum vom leise bohrenden Selbstvorwurf befreien können, im dümmsten Augenblick körperlich und psychisch versagt zu haben. Ist diese Selbstanklage berechtigt?

Welches Fachgebiet ist eigentlich für die Erforschung dieser eigenartigen Erscheinung zuständig? Selbstverständlich wird bei einem körperlichen Zusammenbruch als Folge einer hochgradigen Erschöpfung der Arzt beigezogen. Fällt aber die Erforschung der Erschöpfung in den Aufgabenbereich des Kreislaufspezialisten oder in die Domäne des Psychiaters, der sich mit Untersuchungen von Bewusstseinstrübungen, von Rausch- und Dämmerzuständen abgibt?

Wie definiert und diagnostiziert man überhaupt eine Erschöpfung? Woran erkennt man als Bergsteiger eine drohende Erschöpfung, und welche Massnahmen sind bei Eintritt einer derartigen Krise geboten?

Je länger wir nachdenken, desto rätselhafter kommt uns die ganze Erscheinung vor. Eines nur wissen wir klar: Wenn einmal eine hochgradige Erschöpfung eingetreten ist, dann haben wir eine Grenze der persönlichen Belastbarkeit überschritten, dann wird uns eine Rechnung für den verschwenderischen Umgang mit unseren eigenen Kräften präsentiert. Aus eigenem Willen können wir nicht mehr viel zur Behebung der Krise beitragen und sind im extremen Fall auf die Hilfe von aussen angewiesen. Wo aber liegt die kritische Grenze der Belastbarkeit?

DER BEGRIFF « ERSCHÖPFUNG » Ohne auf die begrifflichen Auseinandersetzungen der Fachleute weiter einzutreten, verstehen wir unter dem Ausdruck « Erschöpfung » ganz allgemein jene Kette körperlicher und psychischer Veränderungen, die als Folge langdauernder körperlicher Belastungen beim Bergsteigen oder andern körperlichen Betätigungen auftreten. « Erschöpfung » ist in diesem Sinne ein Vorgang, mit jener Situation vergleichbar, wo ein Wagen mit versagenden Bremsen auf einer abschüssigen, blind endenden Einbahnstrasse dem Verderben zurollt.

Der Ausdruck « Erschöpfung » ist in der All-tagssprache schwammig und mehrdeutig, kann er doch sowohl zur Umschreibung eines Zustandes wie auch zur Bezeichnung eines Ablaufes benützt werden. Zur sprachlichen Präzisierung bezeichnen wir den Ablauf einer Erschöpfungskrise als « Erschöpfungsvorgang »; mit den beiden gleichwertigen Ausdrücken « Erschöpfungssta-dium » und « Erschöpfungszustand » belegen wir klar abgrenzbare Stufen im Ablauf einer Erschöpfungskrise, vergleichbar einzelnen Standbildern, die zur Verdeutlichung von Einzelheiten aus einem Film herausgegriffen werden.

DER ABLAUF EINER ERSCHÖPFUNGSKRISE UNTER DEM BLICKWINKEL DES BERGSTEIGERS Für den Laien fällt die Feststellung eines bestimmten Erschöpfungsstadiums mit Hilfe medizinischer Befunde zum vornherein ausser Betracht. Wir haben daher nach anderen Möglichkeiten Umschau zu halten, um den Erschöpfungsvorgang mit seinen verschiedenen Stufen beschreiben zu können.

Schon mancher, der mit Begeisterung und Schwung auszog, um die Welt und die Berge zu erobern, kam klein, enttäuscht und geschlagen zurück: Zwischen der Hochstimmung beim Aufbruch und der Niedergeschlagenheit bei der Rückkehr liegt eine ganze Skala von Stimmungen. Die persönliche Einstellung zum eigenen Vorhaben hat sich geändert, gespannte Aufmerksamkeit zur Lethargie gewandelt, und die ursprünglich differenzierte Beurteilung der Verhältnisse hat einem kritiklosen Dahintreiben Platz gemacht.

Es fragt sich, ob der Stimmungswechsel, die Wandlung in der Einstellung zum eigenen Vorhaben, das Erlahmen der Aktivität und der Verlust der Aufnahme- und Kritikfähigkeit als Grad- messer einer fortschreitenden Erschöpfung verwendet werden können.

Nach den Ergebnissen von breitangelegten, langjährigen Erhebungen verläuft ein Erschöpfungsvorgang in den meisten Fällen über eine Reihe kennzeichnender Stadien, die sich sehr gut am Beispiel einer langdauernden Hochtour einer grösseren Skifahrergruppe darstellen lassen. Für die wichtigsten Erschöpfungszustände haben die mitarbeitenden Bergsteiger und Gebirgssoldaten volkstümliche Bezeichnungen gefunden, die zwar keineswegs wissenschaftlich klingen, sich aber in ihrer Bildhaftigkeit leicht einprägen.

a ) Das « Scheuklappen-Stadium » Wenn wir mit schwerem Rucksack in einer nie endenden Skispur stundenlang aufsteigen, in gleichmässigem Marschtakt abwechslungsweise den linken und rechten Ski vorschieben, ohne dem Vordermann auf die Ski-Enden zu treten, dann schrumpft die schöne weite Alpenwelt sehr rasch zusammen. Vor uns wippt nur der schwere Rucksack des Vordermannes im Gleichtakt auf und ab. In ödem Einerlei folgen sich die Bewegungen von Armen und Beinen. Der Oberkörper ist ständig nach vorn geneigt, um dem schweren Rucksack das Gleichgewicht zu halten, der Blick zu Boden gesenkt. Das Gespräch ist längst erstorben. Die Zeit steht still, und die Gedanken kreisen ständig um den gleichen Anfang, als ob im Kopf eine ausgeleierte Grammophonplatte sich in ewig gleicher Rille drehen würde.

Die körperliche Anstrengung, der Druck des Rucksackes, die austrocknenden Lippen lenken die eigene Aufmerksamkeit immer stärker von der Umgebung ab. Das Denken fixiert sich dauernd auf das arme, gemarterte eigene Ich. Die anfängliche Begeisterung ist längst verglüht; die Unbehaglichkeit in der eigenen Haut ruft dem Selbstmitleid. Die schwitzenden und schnee-stampfenden Kameraden haben es offensichtlich besser als ich; ihr sprödes Schweigen wirkt unkameradschaftlich, abstossend. Ich komme mir vor wie ein Pferd mit Scheuklappen.

b ) Das « Knallpfropfen-Stadium » Einmal ist es genug! Je länger die Plackerei andauert, desto mehr steigt die innere Siedehitze. Ein unmotiviertes Keuchen stört den ruhigen Rhythmus der Atmung. Ein leichter Ausrutscher bewirkt eine Verkrampfung der Muskeln. Die Rucksackriemen drücken gleich wieder, auch wenn ich mit einem Schwung aus der Hüfte die schwere Last in eine neue Lage gerückt habe. Schweisstropfen brennen in den Augen, der Stockriemen schneidet am Handgelenkt ein, und eine Druckstelle am Fuss lässt eine Blase erahnen. Ich fühle mich klein, elend, geschunden. Allen Kameraden geht es offensichtlich besser als mir; ihr gleichmässiges Steigen zwingt mich zum Einsatz meiner Kräftereserven; ihr lästiges Schweigen wirkt aufreizend, beleidigend, feindlich...

Das Mass ist voll! Es braucht nur noch die Unaufmerksamkeit des Hintermannes, der mir von hinten auf die Ski tritt, oder die Unverschämtheit des Führers, der den angekündigten Marschhalt grundlos um eine Minute hinausschiebt; dann knallt der Pfropfen endgültig los. Der einzelne rebelliert gegen die Gruppe in jener Form, die seinem ganz persönlichen Grundver-halten entspricht:

- Er schafft sich mit Schimpftiraden, Flüchen und Verwünschungen Luft.

- Er schmeisst die Last hin, setzt sich demonstrativ in den Schnee und droht mit der Rückkehr.

- Er sinkt lautlos hin, klappt hilfeheischend zusammen und meldet sich marschunfähig.

c ) Das Stadium des »dicken Öls » und der »Bequemlich-keitsentscheidungen » Kennzeichnen > das « Scheuklappen-Stadium » und das « Knallpfropfen-Stadium » die ersten Er-schöpfungsstadien bei geführten Bergsteigern, so gerät der verantwortliche Führer einer Gruppe mit fortschreitender Erschöpfung in einen Zustand, in welchem die Aufnahmefähigkeit, die Entschlussfassung und die Entschlusskraft gestört sind.

« Dickes Öl » bedeutet:

- Ich blicke auf die Uhr und weiss nach wenigen Sekunden nicht mehr, wie spät es ist.

- Ich lese auf der äussersten Skala des Höhenmessers 400 Meter ab; der dazugehörige Tausender wird einfach vergessen.

- Ich benütze den Kompass und visiere um 1800 verkehrt.

Bei « Bequemlichkeitsentscheidungen » wird jene Lösung gewählt, die in der augenblicklichen Lage die geringste Anstrengung verheisst. Die Trägheit triumphiert; der Verstand wird dazu benützt, die Bequemlichkeitsentscheidungen entschuldigend zu begründen, wobei die Selbstkritik schläft und die faulsten Ausreden zur Stützung des vorgefassten Trägheitsentschlusses benützt werden:

- « Was brauche ich den Windschutz aus dem Rucksack zu nehmen, wir gehen doch gleich weiter!»«Was sollen wir uns für die Nacht im Schnee eingraben, habe ich doch gelesen, dass Polarforscher auf dem Inlandeis Grönlands unter freiem Himmel geschlafen haben! »«Was soll ich den Umweg mit der Gegensteigung für den Abstieg wählen; der direkte Weg durch das Couloir ist doch weit näher, auch wenn man zur Not abseilen müsste! »«Ich weiss aus Erfahrung, dass von hier aus jede Funkverbindung zur Basis technisch unmöglich ist; es wäre Leerlauf, überhaupt nur die Antenne auszufahren und das Gerät einzuschalten .» d ) Das » Halleluja-Stadium » Mit dieser ironisch-spitzen Bezeichnung wird ein Endstadium der Erschöpfung umschrieben, in welchem der betroffene Bergsteiger die Selbstkritik, die Selbstkontrolle und den Willen zur Selbsthilfe verloren hat. Der Erschöpfte kann Wirklichkeit und Phantasiewelt nicht mehr unterscheiden:

- « Man hat mir dort drüben gerufen; wir müssen scharf nach rechts halten, über das Felsband abseilen und den Gletscherabbruch überque-ren.»«Hast Du die blaue Signalrakete gesehen? Sie ruft uns zurück! » Die oft auftretenden Sinnestäuschungen haben diesem Endzustand der Erschöpfung die makabre Bezeichnung « Halleluja-Stadium » eingetragen. Ist diese Endstufe einmal erreicht, so folgt der Bergsteiger in unkontrollierter Weise spontanen Eingebungen: Wahl einer durch die Sinnestäuschung motivierten Route ohne Beurteilung der alpinen Risiken.

- Einschaltung von langen Pausen ohne Rücksicht auf den bevorstehenden Nachteinbruch und ohne Beachtung von Sicherheitsvorkehren zum Schutz vor Wind, Nässe und Kälte.

- Wegwerfen von Ausrüstungsgegenständen und Gepäckstücken.

- Begehen schwieriger Passagen ohne jede Sicherheitsmassnahme.

- Verzicht auf jeden Gebrauch von Orientie-rungshilfsmitteln, Blinklichtern und Funkgeräten.

BEISPIELE AUS DER PRAXIS Die vorangehende verallgemeinerte Darstellung der Erschöpfungskette mit den zugegebenermassen derben Bezeichnungen für die verschiedenen Stadien mag als vereinfacht und unwissenschaftlich empfunden werden. Ein selbsterlebtes Beispiel aus der militärischen Gebirgsausbildung soll aber zeigen, welche Risiken die Erschöpfungszustände beim Bergsteigen hervorrufen.

Im Rahmen einer zweitägigen Übung hatten mehrere Gruppen bei hochwinterlichen Verhältnissen von Bergün aus über die Porta d' Es-cha ins Engadin zu gelangen. Vorgesehen war die Übernachtung in selbstgegrabenen Schneehöhlen in einer Mulde nahe beim Passübergang.

Nach Abflauen eines Schneesturmes klärte am späten Nachmittag der Himmel auf; am Abend sank die Temperatur bei wolkenlosem Wetterauf —18°. Nach Marschplan sollten die Gruppen gegen 20 Uhr auf dem Biwakplatz eintreffen und unverzüglich ihre Schneehöhlen vorbereiten. Der Weitermarsch war auf 7 Uhr morgens angesetzt, um bei Tageslicht auf der Engadiner Seite des Überganges Abseilstellen und Seilgeländer einzurichten.

Mit Begleitern stieg ich während der Nacht zur Porta d' Es-cha auf.

Zwei Gruppen fehlten. Sie waren beim Aufstieg über den Gletscher vorzeitig nach links abgeschwenkt, da sie eine nahe Lücke im Grat für den richtigen Übergang hielten. Sie hatten vor dem Abbiegen weder den Höhenmesser noch den Kompass benutzt; sie liessen sich auch nicht von der Feststellung beirren, dass sie einen unerwarteten Vorsprung auf ihre Marschtabelle aufwiesen, obwohl sie bis dahin in guter Übereinstimmung mit ihrer Zeitschätzung marschiert waren.

« Dickes Öl! » war der trockene Kommentar meiner Begleiter. Die Geschichte war aber bei weitem noch nicht zu Ende.

Als die beiden Gruppen im zeitlichen Abstand von einer halben Stunde auf dem Nebensattel zusammentrafen, waren sie überzeugt, als einzige den richtigen Biwakplatz erreicht zu haben. Von dieser Meinung liessen sie sich auch am nächsten Morgen nicht abbringen, obwohl ihnen die klare Fernsicht eine exakte Standortbestimmung ermöglicht hätte. Keiner sah sich veranlasst, überhaupt nur die Karte hervorzuziehen, auch wenn ihnen der Steilabfall auf der anderen Seite der Scharte wenig geheuer vorkam.

Eine der vier Schneehöhlen war ausgesprochen liederlich gebaut. Der ehrliche Kommentar lautete: « Es lohnte sich doch nicht, für nur fünf Stunden Schlaf mehr als 30 Minuten lang zu bauen. » Diese nachträgliche Motivation verriet eine typische Bequemlichkeitsentscheidung.

Im Biwak lag ein Mann teilnahmlos im Schlafsack. Ein Kamerad bemerkte nebenbei: « Er hat in der Nacht über kalte Füsse geklagt, ich glaube, es geht ihm jetzt besser. » Beide Füsse und der linke Unterschenkel waren seit Stunden gefühllos. Der Mann wurde abtransportiert und in ein Spital eingewiesen; zum Glück blieb der Zwischenfall ohne ernste Folgen.

Aus Trägheit hatten die Kameraden die Klagen des Betroffenen über kalte Füsse nicht ernst genommen. Er selbst unternahm nicht einmal den Versuch, die steifgewordenen Schuhe auszuziehen und die gefrorenen Socken zu wechseln, obwohl er Reservestrümpfe im Rucksack trug.

ERSCHÖPFUNG ALS S CHUTZREAKTION Allgemein neigt man als Laie dazu, in der Erschöpfung eine Art Krankheit zu sehen, die den Bersteiger in heimtückischer Weise befällt und ihn hohen Risiken aussetzt. Erschöpfung ist aber keine Krankheit. Sie lässt sich am besten als eine äusserst wirksame angeborene Schutzreaktion verstehen, die den menschlichen Organismus vor den lebensbedrohenden Folgen einer andauernden körperlichen Extrembeanspruchung bewahrt. Über physische und psychische Abwehrreaktionen des Organismus wird der Bergsteiger buchstäblich zu Boden gezwungen, wie wenn er zur Schonung der letzten Reserven an Ort und Stelle immobilisiert werden sollte. Dabei folgt der Organismus einer « Salamitaktik »:

Zuerst wird im « Scheuklappen-Stadium » die Isolierung des gefährdeten Individuums vorbereitet. Die Eintönigkeit der Bewegung, der Zwang der rhythmischen Vorwärtsbewegung, die Einengung des Blickfeldes, der drückende Rucksack und die körperliche Anstrengung lenken die Aufmerksamkeit des einzelnen in der Kolonne immer stärker und immer beharrlicher auf sich selbst zurück. Die Gruppe als aktive Gemeinschaft von Menschen mit gleicher Zielsetzung und gleicher Tätigkeit verliert ihre tragende Funktion. Man empfindet sich als einsame, leidende Seele in einem Tatzelwurm namenloser Roboter, vom harten Rhythmus gegen den eigenen Willen vorwärts gezwungen.

Im ewigen Wechsel kreisen unangenehme Empfindungen von Einsamkeit, Leere und Schmerz im Kopf herum, schaukeln sich gegenseitig hoch und verderben die ursprünglich gute Laune. Das Unbehagen staut sich an und steigert sich immer mehr, bis schliesslich die Spannung schlagartig als Wutausbruch oder in der Form stiller Verzweiflung durchbricht und der rebellierende Bergsteiger im « Knallpfropfen-Sta-dium » demonstrativ aus der Gruppe ausbricht.

Die faktische Isolierung des Individuums, sei es nun in aggressiver oder depressiver Ausdrucksform, bereitet den Boden für die nächste Attacke vor, deren Ziel offensichtlich darin besteht, die Immobilisierung des Bergsteigers an Ort und Stelle zu erzwingen.

In subversiver Taktik wird der ursprüngliche Plan zur Durchführung der Unternehmung fallweise in Frage gestellt. Wenn immer eine besondere Anstrengung erforderlich wäre, um das Ziel zu erreichen, wird sie durch einen auf momentane Trägheit ausgerichteten Bequemlichkeits-entscheid vermieden. Immerhin ist das Gewissen noch soweit wach, dass man die Abweichung vom Plan zu begründen versucht. Dabei lässt jedoch die Ehrlichkeit zu wünschen übrig; wichtige Argumente werden unter den Tisch gewischt; Gefahren werden zwar noch erkannt, doch bleibt es bei der Feststellung, ohne dass Konsequenzen für das weitere Verhalten gezogen werden.

Im Stadium des « dicken Öls » und der « Bequemlichkeitsentscheidung » sind die Aufnahmefähigkeit und die Verarbeitung von Sinneseindrücken erheblich gestört, die Urteilskraft ist reduziert, das Entscheidungsvermögen und die Selbstkritik sind herabgesetzt. Juristisch ausgedrückt, befindet sich der Erschöpfte in einem Zustand verminderter Zurechnungsfähigkeit.

Ist einmal dieses Stadium erreicht, so braucht es nur noch wenig, bis auch die Grenze zwischen Wachen und Träumen, zwischen Wirklichkeit und Phantasiewelt verschwimmt. In diesem Dämmerzustand ist die Wahrnehmung getrübt. Richtige Einzelwahrnehmungen und Halluzinationen bestimmen in kaleidoskopartigem Wechsel die Entschlüsse des hochgradig erschöpften Bergsteigers, der sich jetzt in einem Zustand der Unzurechnungsfähigkeit befindet. Von nun an hängt der weitere Verlauf der Ereignisse vollständig von den Umständen ab, unter denen der Erschöpfte schliesslich aufgibt und zu Boden sinkt.

DIE ABHÄNGIGKEIT DER ERSCHÖPFUNG VON INNEREN UND ÄUSSEREN FAKTOREN Die praktische Erfahrung lehrt, dass sich die Anfälligkeit für eine Erschöpfungskrise von einem Bergsteiger zum andern in einem ungewöhnlich breiten Rahmen bewegt und auch beim einzelnen Alpinisten im Verlaufe der Zeit unterschiedlich ist.

Allgemein lässt sich sagen, dass jede Indisposition, jede Schwäche und jede Krankheit bei Beginn einer bergsteigerischen Unternehmung die Anfälligkeit für den Eintritt einer Erschöpfungskrise erhöhen. Oft beginnt der Erschöpfungsvorgang unverhältnismässig früh, wenn die Flüssigkeitszufuhr oder die Ernährung ungenügend ist.

KONSEQUENZEN FÜR DIE PRAXIS Die wichtigste vorbeugende Massnahme liegt wohl darin, als Bergsteiger die richtige Einstellung zur Erschöpfung zu finden. Eine Erschöpfung kann unter gewissen Umständen jedem Bergsteiger widerfahren. So unangenehm die Auswirkungen einer Erschöpfung für den betroffenen Alpinisten und für seine Begleiter auch sind, so ist eine Erschöpfungskrise ebensowenig ein Werturteil zur Person wie etwa eine allergi-sche Reaktion eines Menschen auf einen Bienen-oder Wespenstich.

Kranke, ermüdete, indisponierte Bergsteiger sollten auf die Teilnahme an einer anspruchsvollen Unternehmung freiwillig verzichten oder vom verantwortlichen Leiter zum Verzicht angehalten werden.

Da das Unfallrisiko schlagartig ansteigt, wenn der Erschöpfte das Stadium verminderter Zurechnungsfähigkeit erreicht, ist eine gegenseitige Überwachung innerhalb einer Gruppe sinnvoll und notwendig.

Bei Unternehmungen mit einer grösseren Zahl von Teilnehmern sollten die verantwortlichen Führer von kräfteraubenden Tätigkeiten, wie dem Tragen von schweren Rucksäcken oder dem Spuren im Tiefschnee, entlastet werden, um durch Schonung der Kräfte den Beginn einer allfälligen Erschöpfung möglichst weit hinauszuschieben.

Unterwegs lässt sich dem Eintritt von Erschöpfungskrisen vorbeugen, wenn man den einzelnen durch Zurufe, durch Gespräch und Aufmunterung aus der Isolierung herauszubringen sucht. Marschpausen und Zwischenverpflegungen, zeitweilige Abnahme von Lasten helfen mit, einer drohenden Erschöpfungskrise zu begegnen.

Bei Erschöpfung eines Teilnehmers sind alle geeigneten Massnahmen zur Schonung des Betroffenen zu ergreifen; ein forcierter Weitermarsch muss grundsätzlich als « ultima ratio » angesehen werden.

Bei hochgradiger Erschöpfung sind die betroffenen Alpinisten entweder an Ort und Stelle bis zur Erholung zu pflegen oder in geeigneter Weise ins Tal zu transportieren. Die Betreuung an Ort und Stelle setzt voraus, dass der Erschöpfte vor Wind, Nässe und Kälte geschützt und ausreichend verpflegt werden kann. Bei fehlender Biwakausrüstung und ungenügender Versorgung mit Lebensmitteln und Getränken ist der Abtransport vorzuziehen. Ein Transport ist ferner angezeigt, wenn die Erschöpfung in Höhen von mehr als 3000 Metern auftritt oder wenn sie sich in tieferen Lagen in Form der « Bergkrankheit » manifestiert.

Eine Erschöpfung unterscheidet sich von einem Unfall in einer wichtigen Beziehung: Sie schleicht sich über erkennbare Anfangsstadien ein, die dem Bergsteiger in der Regel noch eine erhebliche Handlungsfreiheit lassen. Werden aber die Mahnzeichen der ersten Stadien missachtet, dann schnellt das Risiko von Zusammen-brüchen rasch an. Erschöpfungskrisen können Expeditionen und alpinistische Hochleistungen bei gefährlichen äusseren Umständen in extreme Risikosituationen bringen.

Zum Schluss sei aus dem Tagebuch eines Polarforschers eine Bemerkung zitiert, die ins Stammbuch aller jungen Bergsteiger und ehrgeizigen Expeditionsteilnehmer gehört: « Erschöpfung ist nicht Schicksal; Erschöpfung beruht auf mangelnder Voraussicht. »

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