Erste Winterbesteigung der Badile-Nordostwand

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VON MICHEL DARBELLAY, ORSIÈRES

Mit 3 Bildern ( 86-88 ) Mein Plan, die erste Winterbesteigung der Badile-Nordostwand zu versuchen, war nicht neu: Seit vier Jahren schon lag mir die berühmte Wand des Val Bondasca im Sinn, die erstmals am 15116./17.Juli 1937 von drei Kletterern aus Lecco, R. Cassin, G. Esposito, V. Ratti, und von zwei Alpinisten aus Como ( die beim Abstieg an Erschöpfung starben ), M. Molteni und G. Valsecchi, durchstiegen worden ist. Im Verlauf des Winters 1966/67 schaute ich mich nach geeigneten Seilgefährten um und fand sie in Camille Bournissen ( 30 Jahre ), Bergführer in Hérémence, und Daniel Troillet ( 23 Jahre ), ebenfalls Bergführer, in Orsières.

Schon Ende Februar 1967 nehme ich die Örtlichkeiten in Augenschein, muss dabei aber feststellen, dass sich im oberen Teil der Wand eine Masse Schnee angehäuft hat, so dass mich die Lawinengefahr vorläufig auf das Unternehmen verzichten lässt. Es scheint auch, dass eine Besteigung zu Beginn der Wintersaison grössere Sicherheit bieten würde; darum beschliessen wir, unsere Kletterei auf den Dezember 1967 zu verlegen.

Gegen Ende November machen wir eine erfolgreiche Erkundungsfahrt und widmen überdies dem Körpertraining drei Tage. Die Wand scheint zwar keine guten Verhältnisse, aber auch keine allzu grossen Gefahren aufzuweisen.

Am 20. Dezember errichten wir unser Basislager nicht weit vom Einstieg entfernt, in der Absicht, jeden Tag wieder herabzusteigen, bis wir direkt im Mittleren Schneefeld einen Unterschlupf einrichten können.

Tags daraufkommen wir 300 Meter voran. Vier italienische Alpinisten ( einer davon gibt schon am Anfang auf ) wollen die gleiche Route in Angriff nehmen und steigen kurz nach uns in die Wand ein. Es sind dies Paolo Armando vom CAI Turin und Gianni Calcagno und Alessandro Cogna vom CAI Genua. Da wir einander gut verstehen, beschliessen wir, die Besteigung gemeinsam fortzusetzen und die Arbeit aufzuteilen.

Am 22. Dezember erreichen wir das erste Biwak Cassin und sehen uns bereits erheblichen Schwierigkeiten gegenüber. Am folgenden Tag gelingen nur zwei Seillängen oberhalb des erwähnten Biwaks; alles ist mit Glatteis überzogen, und die Befestigung der Haken erheischt Stunden mühseliger Arbeit. Am Weihnachtsvorabend beschliessen wir, uns in drei Zweierseilschaften mit den italienischen Kameraden zu gruppieren, von denen die eine den untern Rand des Mittleren Schneefeldes erreicht und darauf wieder absteigt. Um uns eine rasche Rückzugsmöglichkeit zu sichern, haben wir die Wand bis dorthin mit fixen Seilen versehen, denn wir sind wirklich nicht darauf erpicht, in dieser steilen Wand durch grössere Lawinen blockiert zu werden. Überdies ist es absolut zwecklos, darin zu biwakieren, um so mehr, als überhaupt kein Biwakplatz für sechs Personen aufzutreiben ist.

Weihnachten: Dichter Schneefall bedeckt in kurzer Zeit die Felsen. Wir wagen einen weiteren Versuch, aber ganze Fälle von Schnee stieben ohn'Unterlass in unsere Richtung. Wir geben kurzerhand auf und gehen nach Hause zu unsern Familien, während sich die Italiener in die Hütte Sasc Furä zurückziehen.

Am 28. Dezember setzt südlich der Alpen schönes Wetter ein und ermuntert uns, die Besteigung wieder aufzunehmen. Wir stossen direkt bis zum Mittleren Schneefeld vor, wo wir nachts und schwer beladen ankommen, obwohl wir nicht einmal unsere Biwaksäcke dabei haben. Dort treffen wir die Italiener, die sich - ebenso wie wir - über das Wiedersehen freuen.

Am folgenden Tag bewältigen wir zwei Seillängen oberhalb des Schneefeldes, aber das Wetter verschlechtert sich rasch, so dass wir schon um 14 Uhr kapitulieren, weil die « Schneebäche » immer bedrohlicher werden. Wir vergrössern die Schneehöhle ein wenig, allerdings nicht zuviel, aus Angst, sie könnte einstürzen!

Am 30. Dezember gelingt es uns, um zwei Seillängen weiter vorzurücken, aber es schneit. Mühsam und unter grossen Schwierigkeiten geht es voran. Am Silvester erreichen wir Cassins zweites Biwak. Unsere Lebensmittelvorräte gehen zur Neige, und die Route ist doch viel schwieriger als erwartet. Dazu werden auch die Nächte im Biwak immer unerträglicher. Eine gemischte—italienisch-schweizerische - Seilschaft ist nach Bondo abgestiegen, um neue Lebensmittel zu holen.

1. Januar 1968: Wir verlassen das Mittlere Schneefeld endgültig, in der Hoffnung, aus der Wand hinauszukommen oder zum mindesten im obersten Teil des Badile zu biwakieren. Indessen macht uns das Kamin bedenklich zu schaffen, und die Nacht überrascht uns eine Seillänge weiter oben. Bald bricht auch der Sturm los; ganze Kaskaden von Schnee stürzen längs der Felsen herunter, und eine bissige Kälte lässt unsere Glieder erstarren. Dabei ist es unmöglich, hier einen Biwakplatz zu finden. Also steigen wir zum zweiten Biwak Cassin hinunter, wo wir eine « harte » Nacht verbringen. Die Nachschub-Seilschaft schläft diese Nacht im Mittleren Schneefeld und wird uns am nächsten Morgen treffen.

2. Januar: Wir sind arg mitgenommen von den kalten und feuchten Nächten, vom Wind und vom Nahrungsmangel, aber dennoch glauben wir genügend Kraft zu haben, um den Gipfel zu erreichen. Im frühen Morgengrauen nehmen wir die Besteigung wieder auf und erzwingen den ersten Durchgang. Um 10 Uhr gelangen wir zu dem Punkt, wo wir gestern abend gewesen sind. Unsere Hoffnung, die Schwierigkeiten seien nun hinter uns, wird aber bald enttäuscht. Die letzten Längen müssen mit Stufenschlagen und mit Haken überwunden werden. Dazu bläst der Wind mit 100 Stundenkilometern, und das Thermometer ist auf—30 Grad gesunken. Um unsere Müdigkeit dürfen wir uns aber gar nicht mehr kümmern, und beim Standplatz lassen wir die Säcke auf dem Rücken, während sich unsere Blicke unablässig in die Höhe richten. Um 13 Uhr erreicht die erste Seilschaft den Grat, zwei Stunden später steigt die zweite aus der Wand. Der Weg ist offen - die letzten folgen nach. Um 16 Uhr betreten die ersten den Gipfel, und eine Stunde später sind wir alle oben versammelt.

Jede Seilschaft setzte sich aus einem Schweizer und einem Italiener zusammen, und es spielt wirklich keine Rolle, wer zuerst oben war; der Sieg gebührt der ganzen Mannschaft.

Es ist mit Worten kaum zu beschreiben, wie sich die beiden letzten Tage gestalteten. Nur dies eine sei gesagt: Wir können nicht mehr wie Menschen, wir müssen wie durch den Sturm geisternde Gespenster ausgesehen haben!

Diese erste Winterbesteigung der Badile-Nordostwand war ein grosses Unternehmen, bei dem jeder einzelne der Beteiligten Mut, Kraft und Zähigkeit bewiesen hat. ( Übersetzung Rina Vögeli )

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