Fahrt auf den Weissen Berg: Mont Blanc

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Mit 2 Bildern ( 22, 23Von Werner Jud

( Luzern ) Winterabend. Es knirscht im Gebälk. Die Fensterläden ächzen eine atonale Melodie, während die Holzscheiter im Ofen prasselnd die Atmosphäre des « Daheim » verbreiten. Pfeifenrauch hängt träge unter der Zimmerdecke, wie das Nebelmeer über dem Mittelland, und lässt das Licht der Lampe mild wie Mondlicht über verschneiten Bergen erscheinen.

Die Gedanken streifen unbekümmert um Schnee und Kälte über steile Grate und auf kühne Gipfel. Unberechenbar, wie sie sind, wenn wir ihnen freien Lauf lassen, durchstöbern sie bald den Schatz der Erinnerungen, bald folgen sie alpinen Autoren auf fremden Pfaden, steigen mit Ludwig Steinauer im Winter auf den Weissen Berg oder kämpfen sich mit Zian Mappaz über die Grate der Bionnassay. Immer wieder werden sie von der hinreissenden Schilderung Roger Frison-Roches gefesselt.

Die Grate der Bionnassay... ein Zauberwort, ein Traum nur... Vielleicht aber einmal Verwirklichung!

August 1951. Saint-Gervais-les-Bains. Trotz Regenwetter spielt sich reger Fremdenverkehr auf den Strassen und vor dem « Bureau des Guides » ab. Die Verhältnisse auf den Höhen seien schlecht, sagt man, und Leute, die nachgewiesenermassen ihre ganzen Ferien im und vor dem Hotel verbringen, reden dreist von schweren Touren, von Hangeltraversen in den Aiguilles und von 60 Grad steilem Eis. Photos von Georges Tairraz werben zwischen Apres-skischuhen und Spielzeugpickeln in den Schaufenstern der Sportgeschäfte für einen literarischen Vortragsabend. Der Autor wird seine Bücher signieren, heute in Saint-Gervais, übermorgen in Mégève - und das Geschäft scheint zu blühen.

Die Taten der Führer von Saint-Gervais, die im letzten Dezember auf der Suche nach dem abgestürzten indischen Flugzeug den Mont Blanc bestiegen, werden in Wort und Bild gezeigt. Ein zügiger Reklameslogan: Les cinq héros de Saint-Gervais.

Wir, meine Frau und ich, sind in einer netten kleinen Pension einquartiert. In unsern Bergkleidern aus Walliser Tuch scheinen wir bereits unangenehm aufzufallen. Nur um irgend etwas zu tun-«übungshalber », pflegte man im Militärdienst zu sagen! -, marschieren wir schwer bepackt auf der Strasse nach Contamines. Die Alpe Miage ist unser vorläufiges Ziel, Ruhe vor dem Klatsch und den sich jagenden Attraktionen unser Bedürfnis.

Schon die Wegsuche nach den Schluchten von La Gruva ist eine Aufgabe, da sich hier noch keine natur- und menschenfreundliche Organisation wie die « Pro Pilatus » der Wegmarkierungen angenommen hat.

Unmutig wird man, wenn man durch den Nebel wandert, endlosen Grashalden entlang, unter tropfenden Bäumen. Den wilden Wassern des Miage folgend, erreichen wir die armseligen Hütten der Alp. Kein Sonnenstrahl vergoldet die melancholische Landschaft. Zwischen Hunden und Katzen, Hühnern, Tauben und Kaninchen bahnen wir uns einen Weg zum Chalet, das von aussen ebenso trostlos aussieht wie die andern Bauten, innen aber ganz wohnlich eingerichtet ist.

Kein Prospekt wirbt für diese Gegend. Der Nordwind reisst plötzlich den Nebelvorhang auf, und leuchtend steht die eisige Nordwand des Dôme de Miage vor uns.

Der Älpler redet vom Wetter; der Wind werde bald drehen und so... die übliche Unterhaltung mit Fremden. Versuchsweise frage ich ihn über die Verhältnisse an der Bionnassay. Die Reaktion ist verblüffend. Mit warmen Worten empfiehlt er uns den Dôme de Miage, den wundervollen Grat vom Col de Miage über den wächtengekrönten Gipfel bis hinunter zum Pavillon de Trélatête, eine grossartige Tour. Aber die Aiguille - « ah, mon ami! » - der Abstieg zum Col de Bionnassay, dazu noch ohne Führer —. Seine Gebärden sind sprechend, und der Zeigefinger an der Stirne unmissverständlich.

Darf ich wagen, was Mappaz gewagt hat? Wenn ich Vergleiche anstellen wollte, dürfte ich nicht! Doch der Wunsch ist mächtig, die Gelegenheit vielleicht einmalig.

Refuge Durier. Durch die kleine Luke sehen wir den Tag verglühen und lauschen dem Summen des Primuskochers. Tief unter uns, verschwommen in der Dämmerung, liegt die Alp. Ohne Weg, kreuz und quer, den Hängen der Aiguille de Tricot entlang, sind wir stundenlang emporgestiegen, in der Morgenkühle und in der Mittagshitze. Im weichen Schnee auf dem Gletscher haben wir uns abgemüht, und die Felsrippe, auf der zuoberst, hart am Abgrunde die Hütte klebt, verlangte von uns das letzte Restchen Energie.

Jetzt sind wir geborgen im primitiven, unsaubern Refuge, das trotzdem ein richtiger Zufluchtsort ist, auf dem Grat zwischen Frankreich und Italien.

Weit draussen über Savoyen schwimmen von unten rot angeleuchtete Föhnwolken in einem jadefarbenen Meer. Blaue Bergspitzen ertrinken in violettem Dunst. Wie müssig wäre es doch, den Sonnenuntergang auf 3300 beschreiben zu wollen, dieses Naturschauspiel zu analysieren, kalt wie ein besessener Mathematiker.

Das Wetter wird nicht lange anhalten. Das sind meine letzten Gedanken.

Aufbruch. Der ewige Kampf mit den trägen Gliedern, die den Nutzen eines frühen Abmarsches nicht einsehen wollen. Die trübe Stimmung, verbunden mit Unsicherheit und uneingestandener banger Erwartung vor dem Kommenden, stehen im direkten Gegensatz zum Bergenthusiasmus, in dem wir vor unserer Umwelt so gerne schwelgen.

Das Surren des Kochers bringt die Stille dieses weltfernen Ortes noch mehr zum Ausdruck. Lustlos, sozusagen der Not gehorchend, wird gefrühstückt.

Noch in der Hütte machen wir uns reisefertig, binden das Seil um und schnallen die Steigeisen an.

4 Uhr. Der Lichtkegel der Stirnlampe, bisher gefangen im engen Raum, geistert plötzlich ganz unmotiviert in der Gegend umher. Unsicher sind die ersten Schritte. Aber bald haben Körper und Geist sich an den Rhythmus der Fortbewegung gewöhnt, und auf hartem Firn, zwischen unwirklich anmutenden Felsgebilden, entsteigen wir der Nacht. Von der Aiguille de Trélatête gleitet das Tageslicht talwärts, während der Dôme de Miage noch im Schatten des Monarchen ruht.

Träge Wolken liegen über Italien, und man vermisst die frische Morgenkühle. Das Wetter ist zumindest unsicher, fast so unsicher wie die Ausweichmöglichkeiten, wenn es sich ernstlich zum schlechten wenden wollte.

Unwillkürlich muss ich wieder an Zian Mappaz denken, ein Vergleich drängt sich geradezu auf. Allein, mit einer Anfängerin im Eis. Selbst Emile Rey und Miss Richardson, die Erstbegeher von 1888, hatten einen Dritten bei sich. Ein scharfes Firngrätchen, das zu einem Felsaufschwung hinleitet, mahnt mich an die Wirklichkeit. Die steilaufgerichteten Platten sind teilweise mit Wassereis überzogen und wollen entsprechend behandelt werden. Die Kletterei ist weder schwer noch genussreich. Ein scharfer Südwestwind ist aufgesprungen und packt uns, wenn wir einen unbefugten Grenzübertritt auf der italienischen Flanke wagen.

In einem Firnsattel stellen wir wieder auf Eisgehen um, und kurze Zeit später erreichen wir über den steilen Gipfelhang die Viertausenderregion, die wir nun, abgesehen vom Col de Bionnassay ( 3892 ), nicht mehr so bald verlassen werden.

An beschauliche Gipfelrast dürfen wir nicht denken. Allzuweit entfernt ist unser Ziel.

Vorsichtig steigen wir die Südflanke hinunter, soweit es die Steilheit erlaubt, und queren in respektvoller Entfernung von den Wächten am Gipfelfirst zum Ostgrat hinüber. Ein phantastischer Anblick bietet sich uns. Links und rechts schiessen Steilhänge ins Leere. Die Landkarte will uns zwar glaubhaft machen, dass im Norden der französische und im Süden der italienische Bionnassaygletscher die stürzenden Linien aufhalten.

Vor uns wenige Meter eines messerscharfen Grates, scheinbar ohne Fortsetzung. Der Gedanke, da hinunterzusteigen, ist nicht sehr ermutigend, und Mr. Somerset Maugham wird für sein « Auf Messers Schneide » dieses Bild vor Augen gehabt haben.

Mit der Devise des unverwüstlichen Alexander Burgener - « Unmöglich -, aber probieren wollen wir! » - mache ich mich ans Werk.

Den Pickel tief im Pulverschnee der Nordseite verankert, mit den Zwölfzackern auf der blanken Südseite, so geht es Schritt für Schritt in die Tiefe. Sicher kommt meine Frau nach, als hätte sie nie etwas anderes getan, als mit Steigeisen über den Abgründen zu gehen.

Seillänge um Seillänge nehmen wir dem Berg ab. Nach anderthalb Stunden, während denen das Wetter Musse hatte, sich weiterhin etwas zu verschlechtern, durchschreiten wir die Mulde des Col de Bionnassay.

Ohne Atempause führt der Weiterweg steil hinauf zum weissen Baldachin, den die Aiguilles Grises tragen. Hier gestatten wir uns eine kurze Rast und beobachten einen Alleingänger, der sich abmüht, mit dem Pickel riesige Wannen auf dem Glacier du Dôme italien herauszumodellieren.

Der wenig steile Verbindungsgrat zum Dôme du Goûter scheint kurz, doch macht uns der viele Neuschnee schwer zu schaffen. Der Grat ist immerhin zu wenig flach, um eine ungestrafte Rutschfahrt auf den französischen Bionnassaygletscher hinunter zu gestatten.

Die Wolken über Italien sind in steter Bewegung, und einzelne Nebelfetzen streichen um die Grate.

Der blankgefegte Dôme du Goûter erlaubt wieder ein rascheres Vordringen. Fast absurd erscheint der Gedanke, dass man sich auf den zahmen Hängen dieser ungeheuren Kuppel verirren könnte. Und doch ist er der Türhüter des Monarchen und wird Unberufene wohl abzuweisen wissen. Ausserdem verirrte sich ein Zian Mappaz hier, und das vermag mich doch etwas nachdenklich zu stimmen.

Ein leichter Abstieg zum Col du Dôme -, und wir wandern auf dem berühmten, hartgetretenen Karawanenweg. Hier verlässt uns für kurze Zeit der ständige Begleiter aus Südwest und lässt uns freier atmen.

Bei der Vallothütte begegnen wir einer absteigenden Führerpartie. Ein Gruss, ein Wunsch zum guten Gelingen der Fahrt, und wir setzen zum letzten Angriff auf das Dach Europas an. Es ist 1 Uhr.

Noch erhebt sich der Gipfel im fahlen Licht, das den nahen Sturm ankündigt. Die Wolkenflut vom Süden her ergiesst sich bereits über den Col du Dôme, während wir mechanisch dem schmalen Eispfad über die Bosses folgen.

Ich muss an ein gänzlich unpoetisches Bild von überkochender Milch denken.

Wäre es jemandem eingefallen, uns nach dem Zwecke unseres Tuns zu fragen, wir hätten ihn wohl verständnislos angeschaut. Glauben wir denn sicher an ein Ziel? Welch dunkle Macht lässt uns fast willenlos weitersteigen über eintönige Erhebungen in dieser unwirtlichen Gegend? Wir wissen es nicht. Langsam, aber stetig steigen wir.

Weit unten, in der Firnmulde, die sich gegen das Grand Plateau hinunterzieht, unterbricht ein schwarzer Strich die weisse Einöde. Man wird ihn sich merken müssen; der Weg zurück ins grüne Tal. Wie wohl täte jetzt der Anblick von grünen Weiden den vom unbarmherzigen Weiss schmerzenden Augen; diesen selben Augen, die im Tal unten so sehnsüchtig nach den weissen Bergen blicken!

Gebeugt unter der Wucht des Sturmes wandern wir mühsam über einen langen First. Wie oft habe ich mir dieses erhabene Gefühl ausgemalt, mir Europa zu Füssen liegen zu sehen! Europa ist irgendwo da unten, aber in einer andern Welt. Das erhabene Gefühl fehlt; es fehlen die Vergleichsmöglichkeiten - nur der Dôme du Goûter ragt einer kleinen Insel gleich aus der weissen Nachtes fehlt das Gefühl der alles überragenden Höhe; denn ein Wintersturm auf dem Pilatus kann uns ebensosehr der Gewalt des Berges ausliefern und uns unsere Bedeutungslosigkeit im Weltall vor Augen führen.

Ein Sieg? Wie viele ziehen hinauf, die Berge zu besiegen! Ist es nicht vielmehr eine Gnade, die uns gewährt wurde? Ich könnte nicht einmal behaupten, dass wir besonders glücklich wären. « Glück » scheint uns vielmehr weit unten in der Geborgenheit einer Schutzhütte zu erwarten. Mit der gebotenen Vorsicht und Eile steigen wir wieder über den Rücken des Dromedars ab. Vor unserm inneren Auge schwebt als lockendes Ziel das Bild der « vier Wände », aus denen wir immer entrinnen wollten. Statt dessen überfällt uns die weisse Nacht. Riesengross erscheinen uns die schemenhaften Umrisse der Vallothütte und des Observatoriums. Den hartgetretenen Pfad erfühlen wir mehr mit den Füssen, als dass wir ihn sehen.

Die Windböen peitschen uns Schneekristalle ins Gesicht. Wenige Meter von der Piste entfernt ist Niemandsland. Plötzlich stehen wir still; der rettende Pfad unter unsern Füssen ist jäh verschwunden.

Man müsste weiter nach links absteigen, gegen die Hänge des Dôme du Goûter. Ist der Dôme wirklich links? Man könnte ebensogut zurücksteigen zur Cabane Vallot, aber die Spur ist verweht, kaum hat man den nächsten Schritt getan. Der Gedanke an einen totentanzähnlichen Irrgang in dieser ungeheuerlichen weissen Wüste wirkt unangenehm realistisch. Langsam setzen wir uns wieder in Bewegung. Es ist schwer, die Neigung des Hanges zu bestimmen. Es ist eine Wanderung ins Ungewisse, aber solange wir wandern, geben wir den Kampf gegen die Gewalt der Elemente nicht auf.

Die Wucht des Sturmes nimmt ständig ab. Wir sind also irgendwo in der Mulde unterhalb des Dôme.

Ein schwarzer Graben gebietet uns Halt. Der Karawanenweg! Der Weg, der Sicherheit verspricht, und wo Sicherheit ist, erlahmt der Kampfgeist. Wir torkeln mehr als wir gehen in der tiefen Furche im Naßschnee. Bald rutschen wir ein Stück weit ab, bald mühen wir uns durch monotone Ebenen. Das Grand Plateau? Was schert es uns! Wir haben nichts weiter zu tun, als dem Weg ins Leben zu folgen, uns wieder aufzuraffen, wenn wir gestürzt sind.

Weiter, weiter! Die Zeit verrinnt. Der Höhenmesser zeigt immer noch 3000 - und fast stossen wir mit der Nase an den Fels. Eine morsche Leiter zeigt den Aufstieg. Aufatmend treten wir in den Schutz der Hütte auf den Grands Mulets, die sich grossartig « Albergo » nennt.

Heisser Kaffee erweckt die Lebensgeister und zugleich die Entrüstung über die groteske Unordnung in dieser unrühmlich bekannten Unterkunft, deren Inneres einen Picasso auf neue surrealistische Ideen bringen könnte. Die Müdigkeit ist auf die Dauer stärker als alle andern Gefühle, selbst das der Dankbarkeit. Ein strahlender Morgen steigt zu unserer Verwunderung und Freude vom Berge herab. Da der Proviant verzehrt ist, müssen wir auf ein Frühstück verzichten. Die Sonne überrascht uns im Labyrinth der Jonction. Riesige Spalten zwingen uns zu allerlei Umwegen; aber das rettende Ufer bei der Station Pierre à l' Echelle ist nahe, und Herdengeläute klingt wie liebliche Musik in unseren Ohren. Welch ein GegensatzAuf dem Weg nach Chamonix hinunter schauen wir oft zurück zum leuchtenden Dôme und zur Aiguille du Goûter hoch über dem zerrissenen Bossonsgletscher. Durch grüne Latschen und verträumte Wälder bummeln wir ins Tal, glücklich, ja, das Glück liegt in der Erinnerung! Frison-Roche hat uns mit seinem « Berg des Schicksals » zu dieser Bergfahrt begeistert!

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