Felix Mendelssohn-Bartholdy in der Schweiz

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Edmond Pidoux, Belmont-sur-Lausanne

Die Landschaft ist ungeschriebene Literatur.

( Hippolyte Taine, ( Voyage aux Pyrenees ) ) Wir besitzen alle, oder doch fast alle, das gleiche Sehorgan, unsere Augen, die ihre optischen Signale dem Gehirn weitergeben. Vom selben Standpunkt aus empfangen wir alle dieselben Bilder. Erst in ihrer Interpretation - der Art, sie zu lesen und zu verarbeiten -tauchen Unterschiede auf, die durch die Vorstellungskraft des Einzelnen bewirkt werden. Allein durch sie entsteht aus dem allen zugänglichen Anblick unser persönlicher Eindruck, unsere Ansicht.

Pascal sieht in ihr eine

Mit dreizehn Jahren hatte er bei einer Reise im Kreis der Familie das Gebirge zum ersten Mal gesehen. Mit zweiundzwanzig Jahren kehrte er auf einer zweijährigen Bildungsreise durch Europa, die ihm seine Familie bewilligt hatte, nach Chamonix und in die Schweiz zurück. Damals war er bereits ein gefeierter Musiker, vor allem aber ein ungewöhnlich hoch begabter junger Mann, den die besten Lehrer in alten und neuen Sprachen, Musik, Malerei und Zeichnen, im Sport, Reiten und Schwimmen unterrichtet hatten. Gesichert durch seinen Ruf, das Vermögen und die Beziehungen seiner Familie geht er auf die Reise, das Gepäck voller Partituren, begonnenen oder vollendeten Kompositionen, macht da oder dort Halt, um zu arbeiten, ein Konzert zu geben oder Orgeln - seine Leidenschaft - zu besichtigen. So schrieb er am 2. September aus Walenstadt: Selbst in Sargans, einem Nest, und selbst an einem Sündfluthtage, wie heut, zu thun giebt es doch immer genug, denn zum Glück fehlt nirgends eine Orgel. ) Vor allem aber schaute er, schaute und wanderte. Fast täglich schrieb er seinen Eltern. Seine Briefe sind uns erhalten geblie-ben.1 Noch unterwegs füllte er sein Skizzenbuch mit Zeichnungen, die bestätigen, was schon seine Briefe verraten: einen ausserordentlich gescheiten Blick.

Doch rufen wir uns zunächst den Beginn seiner Karriere in Erinnerung: Mit zwölf Jahren improvisierte er auf dem Klavier und der Orgel, ganz Berlin drängte sich zu den Hauskon-zerten. Mit sechzehn Jahren hatte er mit seinem zwanzigsten Werk, einem Oktett für Streicher, grossen Erfolg, mit siebzehn erreichte er noch grössere Berühmtheit mit seiner Ouverture zu . 1829 sorgte der Zwanzigjährige dafür, dass die fast in Vergessenheit geratene Matthäuspassion Johann Sebastian Bachs in Berlin aufgeführt wurde. Zur gleichen Zeit feierte er in London erneut Konzerttriumphe.

Dies war also der glückliche und vom Glück begünstigte junge Mensch, der 1831 das Gebirge wiedersah und es 1842, fünf Jahre ehe er mit achtunddreissig Jahren starb, noch einmal sehen sollte.

Von grossmütigem Temperament, strahlendem Charakter, einem niemals ermattenden, aber klarsichtigen Optimismus, ist er bereit anzuerkennen, was er andern zu danken hat. So heisst es in einem Brief, den er am 31. August 1831 aus Schwyz an seine Eltern schrieb:

oft ernst gemeint. Man muss annehmen, dass in der Familie Mendelssohn die Echtheit der Gefühle zum Ausdruck kommen und weitergegeben werden konnten. Denn ebenso wie dem Sohn fehlte es auch den beiden Töchtern, an die viele Briefe gerichtet sind, nicht an kritischem Geist. Doch die Begeisterung reisst den jungen Mendelssohn immer wieder hin; als jemand sie dämpfen will, prüft er sich selbst und kommt in einem Brief vom Ende des Juli 1831 aus Chamonix zu dem Schluss:

Der Anblick der Gletscher mit ihren Abbruchen und Eistürmen fasziniert ihn, wie einem Brief vom 18. August aus Hospental zu entnehmen ist:

Er hielt sich jetzt im Lauterbrunnental auf, das gerade in einer Periode schlechtesten Wetters von Wasserfluten verheert worden war, wie er es auch an anderen Orten der Schweiz noch kennenlernen sollte. Es war ein Sommer voller Unglücksfälle, ähnlich dem des Jahres 1987. Der Zauber des Tales wirkte trotzdem auf ihn; aus Lauterbrunnen heisst es in einem Brief vom 13. August: ( Aber die Schönheit des Thals hat dabei einen größern Eindruck auf mich gemacht, als ich sagen kann; es ist unendlich Schade, daß Ihr damals nicht tiefer hinein, als bis zum Staubbach gegangen seid; von da fängt eigentlich das Lauterbrunner Thal erst an; der schwarze Mönch, mit allen Schneebergen dahinter, wird immer gewaltiger, mächtiger; von allen Seiten kommen helle Staubwasserfälle in 's Thal; den Schneebergen und Gletschern im Hintergrunde nähert man sich immer mehr durch die Tannenwälder, und die Eichen und Ahornbäume; die feuchten Wiesen waren mit einer Unzahl bunter Blumen bedeckt, Einblatt, wilde Scabiosen, Glockenblumen, und so viele andere; auf der Seite warf die Lütschine ihre Blöcke über einander, und hatte Felsen ge- bracht, wie mein Führer sagte'größer wie ein Ofen '; dann die geschnitzten braunen Häuser, die Hecken - es ist über Alles schönLeider konnten wir nicht zum Schmadri Bach gelangen, da Brücken, Wege und Stege fort sind; doch werde ich den Spaziergang nie vergessen; ich habe versucht, den Mönch zu zeichnen; aber wo will man mit dem kleinen Bleistift hin? Hegel sagt zwar, jeder menschliche Gedanke sei erhabener, als die ganze Natur, aber hier finde ich das unbescheiden. Der Satz ist sehr schön, nur verwünscht paradox; ich werde mich einstweilen an die ganze Natur halten: man fährt viel sicherer dabei.Soll man von oberflächlicher Romantik, von einem etwas faden Alpenidyll sprechen? Doch man beachte die Wahl des Motivs: der Schwarzmönch, diese gewaltige graue Felsbastion, die dem Torso eines Riesen gleicht. Um sich hier, wo andere entsetzt schreien würden, zu begeistern, sind ein gutes Gefühl für Tektonik und eine zum nackten Fels nötig.

Das gleiche Gefühl für die Schönheit des Gesteins und der Struktur zeigt sich auch auf seiner weiteren Reise über die Kleine Scheidegg nach Grindelwald und dann über die Grosse Scheidegg nach Meiringen. So heisst es am 14. August: ( Grindelwald Abends. Mehr konnte ich Euch heute früh nicht schreiben; es fiel mir schwer, von der Jungfrau wegzugehen. Welch ein Tag war aber heute für mich !) Er schrieb diese Zeilen, ehe er zum Hotel auf dem Faulhorn aufstieg, das ein Jahr vorher auf dem Gipfel, auf 2683 Meter, erbaut worden war. Dies Hotel beherbergt uns noch heute, nach mehr als hundertfünfzig Jahren. Von dort aus schrieb er am 15. August:

Man muss wohl zu dem Schluss kommen, dass die innersten und persönlichsten Freuden des jungen Mendelssohn auf einem architektonischen und musikalischen Empfinden beruhen. Vom Detail, das er sehr gut aufnimmt, geht er spontan zum Gesamten über, vom Zufälligen zum Wesentlichen. Und das Wesentliche des Gebirges ist seine Struktur, seine vertikale Entwicklung und horizontale Verkettung, das, was ohne Unterbrechung die einzelnen Partien verbindet und mächtig in jeder einzelnen wirkt. Er empfindet das ganz klar, als er die Jungfrau, die er als Kind bewundert hatte, wiedersieht, nun aber mit weniger subjektivem Blick. Als er am 14. August nach einem herrlichen Tag, dem am nächsten dann der Schneesturm am Faulhorn folgte, in Grindelwald ankam, schrieb er:

Mendelssohn hatte ein ausgeprägtes zeichnerisches Talent entwickelt. Seine Gebirgs-skizzen überraschen durch ungewöhnliche Sicherheit der Strichführung. Das beweist zum Beispiel seine Skizze der Aiguilles de Chamonix, vom Dorf aus gesehen, die am 14. August 1842 auf seiner dritten und letzten Alpenreise entstanden ist. Er hat die Aiguilles mit den Augen eines Alpinisten, der im Fels zu klettern gewöhnt ist, wiedergegeben, doch das war er nicht - aber er besass die nötige Vorstellungskraft. Man sehe sich nur an, wie er das Aussehen jeder einzelnen Spitze klar unterschieden erfasst hat. Man möchte annehmen, dass er sie genauso liebevoll betrachtet hat wie wir Kletterer, wenn wir von den Verheissungen eines Berges träumen, den wir - abgebildet oder auch tatsächlich - vor uns haben. Seine Zeichnung dringt in das innerste Wesen dieser fernen und geheimnisvollen Formen ein; er vertieft sich in sie, macht sie sich zu eigen und gibt sie uns weiter.

Man betrachte auch, wie er mit einem einzigen Strich seines

Am reizvollsten an seinen Briefen ist, dass sie uns Einsicht in das Leben eines Mannes geben, der sich für andere interessiert und ihnen Sympathie entgegenbringt. Ein kontakt-

r-w/.v.fvfreudiger, für jede Begegnung offener Mensch. Die kaum einmal bestrittene Gastfreundschaft der Bergbewohner entzückt ihn; am 23. August schreibt er aus Engelberg:

..,/ V y " V Vdoppeltem Grimm zu wüthen an. Es war zuweilen, als packe eine Faust den Regenschirm, und schüttle ihn, und drücke ihn zusammen; mit den steifen Fingern konnte ich ihn kaum festhalten; die Wege waren entsetzlich glatt, so daß mein Führer vor mir der Länge nach in den Schlamm fieldas that alles nichts; wir fluchten und jodelten von Herzen, kamen endlich beim Nonnenkloster vorbei, sangen ihnen ein Ständchen, und gelangten nach St. Gallen. ) Und im selben Brief etwas vorher:

Aus dem französischsprachigen Teil. Übersetzt von Roswitha Beyer, Bern.

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