Flirt mit dem Qomolangma

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Mireille Chaperon, Gryon

Noch einige Erinnerungsphotos, Lächeln -dann fahren die beiden chinesischen Chauffeure mit ihren Jeeps davon. Herrn Tao, unserm offiziellen Führer, ist es, als seine Landsleute verschwunden sind, einen Augenblick gar nicht behaglich zu Mute. Wir sind also wieder zurück in Tigri, nachdem wir während zehn Tagen Lhasa und andere Orte mit ihren zauberhaften Klöstern besucht haben. Wir, das sind ausser Herrn Tao vier Belgier, der Sherpa Zimba, Leiter einer Trekking-Agentur in Kathmandu, und aus der Schweiz mein Mann und ich. In einiger Entfernung von diesem kleinen tibetischen Marktflecken, der auf 4350 m liegt, werden wir zwei weitere Sherpas - einer von ihnen ist der Koch - wiedertreffen, die mit den Zelten und dem Material dort geblieben sind. Im warmen Licht des Abends, vor dem Everest und dem Cho Oyu im Hintergrund, weiden an die zehn Yaks, die morgen unser Gepäck tragen sollen. Unser Ziel ist das Basislager des Everest.

Am nächsten Morgen setzt sich die Karawane, nachdem zunächst in mühsamer Arbeit die widerspenstigen Yaks beladen sind, in Marsch; ausser der Gruppe und den Tieren noch drei tibetische Yak-Führer und Dorje, ein alter Bekannter von Zimba, mit seinem Pferd.

Wirfreuen uns, endlich zu Fuss unterwegs zu sein. Nach dem ersten, zwar hinreissenden, aber doch etwas zu behüteten und gelenkten Teil der Reise geniessen wir den Rhythmus unserer Schritte.Vier bis fünf Stunden Marsch über eine weite Ebene, zunächst noch mit einigen Äckern, dann sehr steinig, bringen uns nach Lunja. Zehn Minuten vom Dorf entfernt wird das Lager eingerichtet, knapp ehe das Wetter beginnt, windig und kalt zu werden.

Zweiter Tag: Es hat in der Nacht ein wenig geschneit, das Wetter ist so halb und halb. Wir sind etwas früher bereit als am Vortag; die Karawane ist noch um einige Yaks, die Lebensmittel tragen sollen, angewachsen, ausserdem um ein weiteres Pferd mit seinem Führer, die in Lunja angeworben wurden. Auf einem kleinen Pass treffen wir mit einer Nonne und einem Händler zusammen. Sie sind unterwegs nach Nepal und beschliessen, sich mit ihren Yaks unserer Gruppe zuzugesel-len.

HerrTao möchte uns heute einen Hammel zum Essen bieten. Er will ihn unterwegs kaufen. Nun wollen aber die Tibeter ( oder Sherpas ) als praktizierende Buddhisten kein Tier töten, und es gibt in dem dünn besiedelten Gebiet keinen Metzger. Der Führer wird darum, unterstützt von Dorje und einem der yakmen, das Tier selbst schlachten. Zusammen mit Anne bleibe auch ich dabei. Der yak- Am dritten Trekkingtag auf dem Weg ins Basislager man geht, um aus der von einem Bergvorsprung verdeckten Herde das Tier auszuwählen. Wir erleben das erstaunlich einfache und würdige Töten des Tieres in dieser grossartigen Landschaft. Nachdem der Hammel gehäutet und ausgeweidet ist, kommt der Besitzer, um das Geld, das Feil und den Kopf zu holen, und wir setzen unsern Marsch fort. Einer der Tibeter trägt das Fleisch auf den Schultern.

Unsere Gefährten haben als Lagerplatz eine grosse Weide auf 4700 m gewählt, auf der ein paar Dutzend Yaks - Besitz zweier Nomaden-familien - das ziemlich spärliche Gras abweiden. Diese Familien haben ihre von kleinen Mäuerchen umgebenen Zelte je an einem Ende des Plateaus errichtet. Bei einem kleinen Akklimatisierungs-Spaziergang in etwas grösserer Höhe kann ich das Ausmass der Distanzen, die Dürre der Gegend ermessen und die Nuancen der Braun-, Grün- und Grautöne bewundern.

Dritter Tag: Während der ganzen Nacht haben die Hirtenhunde der Nomaden mit ihrem Bellen unsern Schlaf gestört. Wir brechen an diesem Tag vor den Yaks und den Sherpas auf, weil die Strecke länger sein wird. Auf dem Programm steht ein Pass auf 5200 m. Zwei unserer Gefährten reiten hinauf, während wir anderen unsere Puste testen, die gut reicht. Doch auf dem Pass ist uns, obgleich wir in unseren Feldflaschen keinerlei Alkohol haben, etwas schwindlig. Wir steigen, zusammen mit der Karawane, die zu uns gestossen ist, auf der andern Seite im Rhythmus der Tiere ab. Pfeifen, Singen, Lachen der yakmen, Schellengebimmel, ein Augenblick unwahrscheinlicher Heiterkeit, dazu Nebelfetzen und eine Spur Graupel. Doch gleich darauf wird das Wetter wieder schön und die Sonne brennt heftig.

Ganz unten kommen wir am Knie des zum Everest führenden Hochtals an; unsere Gruppe errichtet das Lager nahe einem Bach.

Wie gewöhnlich wird zuerst das Küchenzelt aufgeschlagen, lachend wegen der täglich wiederkehrenden Schwierigkeiten wohnen wir der Montage bei ( die Sherpas akzeptieren nur selten unsere Hilfe ). Kancha, der Koch, bringt uns bald Tee, Suppe und Biskuits. Herr Tao ist völlig erschöpft und legt sich schlafen, sobald sein Zelt steht. Erst am nächsten Morgen kommt er wieder zum Vorschein. Er ist niemals durch dieses Gebiet gekommen, normalerweise fährt er in einem Lastwagen zum Basislager. Wir nutzen dagegen die Wärme, um am Bergbach Toilette zu machen und Wäsche zu waschen.

Vierter Tag: Bei Sonnenschein brechen wir nach Rongbuk auf, dem, wie es heisst, höchstgelegenen bewohnten Kloster der Welt. Wir erreichen schnell den Fahrweg auf der andern Seite des Flusses und gleich darauf einen unter freiem Himmel, an dem gerade ein Leichenzug angekommen ist. Über dem Platz ragen imposante Felsen auf; dort wohnen, wie man uns sagt, die wohlgesinnten Götter und sicherlich auch die Geier, die den sorgfältig zerteilten Leichnam fressen werden. Der angeschnallt auf einem Pferd herangeführte Tote ist auf den Boden gelegt worden; wir tauschen Grüsse mit seinen Begleitern, die gar nicht traurig wirken. Dorje übersetzt einige Sätze, dann überlassen wir die Gruppe ihrer Zeremonie und setzen unsern Weg fort. Ein Stück weiter kreuzen wir mit Bergsteigern beladene Jeeps und einen Der Everest vom Basislager Zug Yaks. Sie kehren vom Basislager heim, wo die gesamten Infrastrukturanlagen einer gigantischen internationalen Expedition ( Chinesen, Nepalesen, Japaner ), der die Besteigung des Everest gelungen ist, gerade abgebrochen werden. Einige von uns beschleunigen ihre Schritte, sie wissen, dass der berühmte Gipfel in der Nähe des Klosters auftauchen sollte. Doch bei unserer Ankunft in Rongbuk ist der Himmel wieder bedeckt.

Zimba entdeckt ein paar Mäuerchen, die einen idealen Ort für unser Lager abgeben. Die Begleiter und die Yaks treffen nach und nach ein, dann die Pferde und der Rest der Kara- wane. Das Wetter in dieser Gegend ändert sich während des ganzen Tages ständig, wir gewöhnen uns langsam daran. Bei strahlender Sonne schliessen wir den Nachmittag, jeder nach seinem Geschmack, mit einem Spaziergang, einer Siesta oder dem Besuch des Klosters ab.

Obgleich die Sonne noch scheint, beenden wir unser Nachtessen möglichst schnell, denn eins der Pferde ist von einem Yak auf die Hörner genommen worden und unter seinem Bauch hängen achtzig Zentimeter Eingeweide 43 Blick auf den Everest aus der Umgebung des Basislagers heraus. Mit der Apotheke der Gruppe wollen Anne und Nadine, die eine Krankenschwester, die andere Schneiderin, irgendwie versuchen, dem armen Tier zu helfen. Zwei Stunden angestrengter Bemühungen, an denen sich alle beteiligen: yakmen und Nomaden halten das Pferd, wir reichen Instrumente und Medikamente, übernehmen aber auch die Rolle der Beleuchter und Berichterstatter. Am Ende des Tales der Everest in einem traumhaften Sonnenuntergang, und im Vordergrund beobach- ten die Tibeter, deren schöne Gesichter sowohl Kummer als auch Neugier ausdrücken, jede unserer Gesten.

Fünfter Tag: Unsere letzte Etappe auf dem Weg zum Basislager. Wir verlassen an diesem Morgen die Nonne und ihren Freund, die zu einem anderen Pass weiterziehen wollen. Das kleine verletzte Pferd bleibt mit seinem tief-traurigen Besitzer zurück. Für uns wird es ein heikler Tag, weil in der Gruppe der Europäer sehr schlechte Laune herrscht. Wenn es ein Allgemeinplatz ist, von solchen Expeditions-problemen zu sprechen, so treten sie doch trotz der kleinen Teilnehmerzahl auch bei unserer Gruppe auf, in der die Charaktere sehr verschieden sind.

Wir kämpfen gegen einen heftigen Wind und eine gewisse nervöse Müdigkeit, die unsere Beine lähmt. Nach drei Stunden Marsch sind wir am Ziel, auf einer grossen, von Abfällen übersäten Moränenfläche mit zwei Zelt-städten, derjenigen der Drei-Nationen-Expedi-tion und einer der englischen Armee.

Nachdem wir uns eingerichtet haben, statten wir den Engländern einen Besuch ab. Eine Parabolantenne, eine Messe aus Epoxydharz, die von Kleinkram, Übermittlungsgeräten, Büchern und Whiskyflaschen überquillt: Wir kommen in die Welt des Extrem-Alpinismus. Der Empfang ist herzlich, obgleich die Briten an diesem Nachmittag den dritten Fehlschlag bei ihrem Versuch, den Gipfel über das Horn-beincouloir zu erreichen, zu beklagen haben. Und in drei Tagen werden sie ihr Lager abbrechen! Doch Alkohol und angelsächsisches Phlegma mildern ihre Enttäuschung.

Nach einer Stunde Unterhaltung kehren wir

Ich wage meinen Augen kaum zu trauen: Everest, Mère de la Terre, Qomolangma - bin ich wirklich zu deinen Füssen, ist das wahr?

Der nächste Tag ist ein Ruhetag. Herr Tao nimmt unsere angebliche Müdigkeit zum Vorwand, um sich nach Xegar aufzumachen, wo er ein Fahrzeug suchen will, das uns nach Tigri bringen und damit den Rückweg zu Fuss ersparen soll. Es gelingt ihm, auf einem der letzten Lastwagen der grossen Expedition mitzufahren, wir dagegen verbringen einen schönen Tag auf 5200 m. Gestern haben wir uns, angesichts des Plans unseres Führers, von Dorjes Pferd, den yakmen und den vierbeinigen Trägern getrennt.

Einer unserer vierbeinigen Träger Kleine Ordnungsarbeiten, langes Beobachten des Everest mit dem Fernglas - dort steigen die Engländer ab -, Spaziergang und Siesta. Morgen wollen wir Höhe gewinnen. Wir hatten uns den fernen, ungefähr 6000 m hohen Pass des Lo Lha vorgenommen. Aber wir sind nicht berechtigt, in grösserer Höhe zu übernachten, haben ausserdem keine Yaks zur Verfügung, die unser Material tragen könnten. Und Zimba will nicht, dass wir es teilen, erlaubt uns auch nicht, dass wir eins der britischen Zelte vom Camp I benutzen.

Wir brechen also bei Tagesanbruch auf, um in einem Tag so weit und so hoch wie möglich zu kommen. Zimba, mein Mann und ich brauchen vier Stunden, um Camp I zu erreichen, vier Stunden auf nicht endenden Moränen, wobei man wenig Höhe gewinnt. Der Rest der Gruppe mit Dorje und dem anderen Sherpa folgt verstreut weiter hinten. Der nepalesische Koch von Camp I bringt uns etwas zu trinken; das freut uns nicht nur sehr, sondern tut uns auch wirklich wohl! Dann machen wir uns wieder auf den Weg und entdecken bald darauf einen regelrechten Aussichtsbalkon, von dem der Blick auf den gigantischen Berg fällt und tiefer unten auf den türkisfarbenen und blauen Zackenwald des Büsserschnees auf dem Gletscher. Sehr fern, aber kaum höher, liegt Camp II, hinter einem Gipfel, unsichtbar, dann der Lo Lha. Wir müssen, zusammen mit Zimba, zugeben, dass es für einen Tag zu weit ist. Während wir auf die anderen warten, beginnen wir zu zweien, um mit unserer Enttäuschung besser fertig zu werden, mit dem Höhenmesser in der Hand die Geröllhalde über uns hinaufzusteigen. Später, als alle wieder beisammen sind, essen wir und benutzen diese ausserordentliche Gelegenheit, um zu photographieren und die Landschaft zu bewundern; doch bald müssen wir an die Umkehr denken. Der Rest der Gruppe, an der äussersten Grenze der Leistungsfähigkeit angelangt, wird unter dem langen Rückweg leiden und kaum das ausgezeichnete Nachtessen von Kancha, der im Lager zurückgeblieben ist, wirklich geniessen können.

Mitten in der Nacht reissen uns Motorengeräusch und zwei Scheinwerfer dicht bei unserem Zelt aus dem Schlaf: Herr Tao und ein Lastwagen sind gekommen, um uns zu holen. Die Stunde des Abschieds schlägt. Im frühen Morgenlicht entdecken wir zwei chinesische Soldaten mit ihrem Lastwagen; sie haben es eilig, wieder abzufahren. Bald sind wir mit unserm Gepäck auf dem Laster untergebracht und verlassen mit Bedauern das Basislager. Der Everest ist strahlend grossartig, bis jenseits von Rongbuk, wo er verschwindet, hängen unsere Augen an ihm.

Wir sind inzwischen nur noch ein unentwirrbares Knäuel von Gepäck und Menschen, denn die Piste ist entsetzlich und der Wagen ein wirkliches Trampolin. Nach fünf Stunden kommen wir wie zerschlagen in Xengar an. Damit unsere Chauffeure bereit sind, uns bis nach Tingri zu bringen, müssen wir den Betrag noch einmal erhöhen, dabei riskieren wir noch einmal, dass sie uns in den Graben kippen. Dann sind wir zum drittenmal wieder am selben Ort, und in drei Tagen wird unser tibetisches Abenteuer zu Ende sein.

Wir sind glücklich, ergriffen und erfüllt von all dem, was wir gesehen und erlebt haben, aber auch zutiefst verstört angesichts der Situation dieses Landes und seiner Bewohner. Ist Tibet auf dem Wege, ein Museum für reiche Reisende zu werden? Viele Fragen und Besorgnisse werden uns noch über die Landesgrenzen hinaus beschäftigen. Ein zauberhafter Sonnenuntergang begleitet meine Gedanken; neben mir zwei kleine Mädchen aus Tigri, das eine tastet meine Taschen ab und fordert ein Geschenk, das andere reicht mir sein braunes, rauhes Händchen.

Aus dem französischsprachigen Teil. Übersetzt von Roswitha Beyer, Bern.

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