Fremdenverkehr und Naturschutz

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Helmuth Barnick, Lans /Tirol

Die Alpen als das schönste Hochgebirge der Erde mit ihrer geologisch-morphologischen, klimatischen und floristischen Vielfalt, mit ihrer jahrtausendelangen Kultivierung durch den Menschen und dem dadurch bedingten wohltuenden Wechsel von Kulturland, Weide, Wald und Ödland werden immer mehr zu einem der bevorzugtesten Ferien- und Erholungsgebiete Europas, von dessen Ballungsräumen aus wichtige Hauptrouten des internationalen Verkehrs in sie hinein und durch sie hindurch vom Norden unseres Kontinentes in dessen Süden führen. Millionen von Er-holungssuchenden aus ganz Europa, ja der ganzen Welt, kommen Jahr für Jahr in die Berge, weitere Millionen durchfahren die Alpen auf ihrem Weg nach Süden an die Sonnenstrände des Mittelmeeres. Von einem « Tummelplatz Europas » vor ioo Jahren 1 sind die Alpen — wenigstens in den Brennpunkten des Fremdenverkehrs — zu einem « Rummelplatz Europas » geworden, der zuweilen einen Vergleich mit mediterranen Stränden nicht zu scheuen braucht. Und es werden immer mehr Menschen, die in und durch die Alpen strömen: Nach Schätzungen des Ifo-Instituts z.B. gingen 1965 erst 34% der Gesamtbevölkerung der Deutschen Bundesrepublik auf Urlaub; 1980 werden es aber etwa 67% sein. In absoluten Ziffern: 1965 21,8 Millionen, 1980 52,9 Millionen Urlaubsreisen 2! Ähnliche Entwicklungen wird es in einigen europäischen Ländern geben. Die Ur-lauberlawine, ausgelöst durch steigenden Wohlstand, kürzere Arbeitszeit, zunehmende Motorisierung und fortschreitende Verstädterung sowie 1 1871 erschien die erste Ausgabe des klassischen Werkes « Playground of Europe » von Leslie Stephen.

2 Zitiert bei D. Bernt, « Allgemeine und spezielle Trends in der Entwicklung der touristischen Nachfrage », Mitt. d. Ost. Inst. f. Raumplan., Wien 1969, S. 93-125.

Bevölkerungszunahme, rollt und rollt und rollt, und wenn keine politisch-wirtschaftlichen Katastrophen über die Welt hereinbrechen, dürfte der Tourismus, der seine Krisenfestigkeit in den Jahren seit dem letzten Krieg immer deutlicher unter Beweis gestellt hat, zu einem noch wichtigeren Wirtschaftsfaktor werden 3, als er es jetzt schon ist. Einen Grossteil des europäischen Urlaubsbooms der Zukunft werden die Alpen zu verkraften haben. Können sie das überhaupt, ohne « Schaden an ihrer Seele » zu nehmen? Werden die Alpen in 20, 50 Jahren noch die Alpen sein, wie wir sie kennen und lieben? Oder wird auch hier wachstums-gläubiger Fortschritt den Kurs allein bestimmen und der Naturschutz - wie leider so oft - das Nachsehen haben?

Wir müssen uns zuerst einmal darüber klar sein, dass der Aufbruch in eine « Freizeitgesellschaft » nicht aufzuhalten ist, dass diese Entwicklung ihre eigene Dynamik entfaltet. Die Zeiten einer « splendid isolation » der Bergsteiger sind nun einmal vorbei. Es ist müssig, über den Verlust vieler — vielleicht vermeintlicher — Vorteile des exklusiven Berglerlebens zu lamentieren; sehen wir auch ruhig das Positive an der « Demokratisierung » des Tourismus in den Alpen, das praktisch jedermann erlaubt, an Freuden und Erlebnissen teilzuhaben, die früher nur ein paar « Auserwählten » zugänglich waren. Wir müssen uns allerdings auch klar sein, dass man diese Entwicklung in den Griff bekommen muss, sonst könnte die Landschaft der Alpen und schliesslich der Tourismus selbst auf der Strecke bleiben. Dieses « In-den-Griff-Bekommen » wird Aufgabe des Naturschutzes sein—aber nicht eines Naturschutzes, wie er noch vor nicht allzu langer Zeit geübt wurde, rein konservierend und auf Pflanzen- und Tier-schutz ausgerichtet und schliesslich in der Witz-blattfigur des Professors mit dem Schmetterlingsnetz im allgemeinen Volksempfinden verankert, sondern eines « völlig neuen » Naturschutzes, wie 3 A. Andreae, « Ökonomik der Freizeit », rowohlts dtsch. enzyklopäd., Nr.330/331, Hamburg 1970,248 s.

die Werbeleute sagen würden: eines Naturschutzes, der, für den Menschen planend, die menschlichen Aktivitäten in die Natur integriert und der Natur durch landespflegerische und raumord-nende Massnahmen bestmöglichen Schutz gewährleistet. In diesem Sinne eines modernen, aktiven Naturschutzes, der Teil einer Raumordnung, Teil des Umweltschutzes und selbst Landespflege ist, soll versucht werden, die Beziehungen zwischen Landschaft und Tourismus zu analysieren und daraus Folgerungen für eine zukünftige Politik zu ziehen. Wenn dabei meist auf Verhältnisse in Österreich und speziell in Tirol Bezug genommen wird, so sei dies der Herkunft des Autors zugute gehalten. Gleichzeitig möge es aber auch zeigen, wie diese Probleme in den Ostalpen gesehen werden.

Die Natur und ihre nicht vermehrbaren Bo-den-, Wasser- und Luftreserven werden in stets zunehmendem Masse durch die rapid wachsenden Ansprüche aus Siedlung und Wirtschaft ( Industrie, Verkehr, Versorgung, Fremdenverkehr ) und zunehmende Freizeitaktivitäten beansprucht. In manchen Fällen sind die Grenzen der Beanspruchbarkeit bereits erreicht. Fremdenverkehr und Freizeitaktivitäten, die im Rahmen unserer Betrachtungen interessieren, kommen in drei wesentlichen Punkten, die sich mehr oder minder überschneiden, mit Belangen des Naturschutzes in Konflikt:

1. durch Bau- und Siedlungstätigkeit im Rahmen des Fremdenverkehrs, 2. durch Verkehrserschliessung, 3. durch die touristischen Aktivitäten an sich.

In dieser Reihenfolge sollen die drei Punkte untersucht werden.

I. BAU- UND SIEDLUNGSTÄTIGKEIT Hier scheint auf den ersten Blick die geringste Berührung mit dem Fremdenverkehr gegeben zu sein, denn die Bevölkerung in den Bergdörfern braucht schliesslich seit jeher Häuser zum Woh- nen und als Arbeitsstätten. Damit aber sind wir schon am Kern der Sache: Ohne den Fremdenverkehr, der in vielen Alpentälern eine echte Symbiose mit der Landwirtschaft eingegangen ist4, würde die Bevölkerung der inneren Täler stark abnehmen. So aber zeigt sich, dass z.B. in Tirol gerade in Gebieten mit gutem Fremdenverkehr die Bevölkerungszahlen zunehmen, die Bergflucht durch den Tourismus also aufgehalten werden konnte. Ein Vergleich zwischen dem verbauten Areal vor 20 Jahren und jetzt beweist in solchen Fremdenverkehrsorten eindeutig den Einfluss des Tourismus auf das Baugeschehen. Noch krasser ist das in Gebieten ( wie etwa in den neuen französischen Wintersportzentren ), wo Fremdenverkehrsanlagen einfach aus dem Boden gestampft wurden, ohne dass an Vorhandenes organisch angeknüpft werden konnte. Abgesehen von der Urbanisation mitten im Hochgebirge, den damit verbundenen ästhetischen und somit naturschutzrelevanten Fragen und der zuweilen zu beobachtenden Unsitte, Wildbach- und Lawinengefährdung bei solchen Neugründungen zu verharmlosen, soll hier nur an einen Aspekt erinnert werden: Wo ländliche Räume für den Fremdenverkehr erschlossen werden, hinkt die Infrastruktur den tatsächlichen Bedürfnissen oft meilenweit nach. Das ist kein Wunder, wenn man bedenkt, dass die anwesende Bevölkerung in solchen Orten ( Einheimische und Touristen ) zur Zeit der Hochsaison ein Vielfaches der einheimischen Wohnbevölkerung ausmachen kann. Obergurgl in den Ötztaler Alpen z.B. hat bei ( Stand 1961 ) etwa 170 Einwohnern rund 1400 Fremdenbetten, in Vent am Fusse der Wildspitze kommen auf etwa 105 Einwohner 700 Betten. In Verbier z.B. dürfte dieses Missverhältnis zwischen Fremdenbetten und Einheimischen noch grösser sein. Es überrascht daher nicht, wenn — um bei Tiroler Beispielen zu bleiben — die Wassergüte unterhalb von Obergurgl oder von Seefeld, einem anderen Ch.Minger, « Die Beziehungen zwischen Fremdenverkehr und Landwirtschaft mit besonderer Berücksichtigung der Berggebiete », Winterthur 1958, 150S.

bekannten Tiroler Fremdenverkehrszentrum ( 2100 Einwohner, 5900 Betten ), so ziemlich die schlechteste in ganz Tirol ist 5, da hier die vielen Fremden den Vorfluter zusätzlich belasten, und zwar ( in Wintersportorten ) gerade zur Zeit der geringsten Wasserführung. Hier kann nur die generelle Forderung nach vollbiologischen Kläranlagen Abhilfe verschaffen ( wie derzeit übrigens eine in Seefeld im Bau ist ).

Ganz in diese Richtung geht auch die brennende Frage der Zweitwohnungen, Wochenendhäu-ser und Appartements, die bezeichnenderweise bei einem Mitte November 1970 von der Technischen Hochschule in Wien veranstalteten Seminar über Planung von Fremdenverkehrszentren ganz von selbst in den Vordergrund rückte. Wenn nicht von Anfang an eine straffe Planung dafür sorgt, dass solche Häuser nur in besonders dafür ausgewiesenen Gebieten entstehen können, in denen eine rationelle Ver- und Entsorgung gewährleistet ist, kommt es nur zu leicht zu einer Zersiedelung ( und zwar gerade landschaftlich schönster Gegendenmit all ihren verheerenden Folgen, die der Allgemeinheit dann « ganz unvorhergesehen » aufgebürdet werden: Zufahrten und Parkraum, Wasserversorgung, Abwasser- und Müllbeseitigung. Hier müsste, um ein Ausufern der Bebauung in die Landschaft und dadurch eine Zerstörung derselben zu verhindern, unbedingt ein Abweichen von der bisher allzuoft geübten Praxis erfolgen. Bei aller Zubilligung sozialer Aspekte ( Zweitwohung für Grossstädter, besonders mit Kindern, im Grünen und in frischer Luft ) oder auch solcher der Kapitalanlage kann es doch nicht zu verantworten sein, dass durch eine Entwicklung, die lediglich dem Marktregula-tiv und dem freien Spiel der Kräfte gehorcht und zudem in vielen Fällen der egalitären Tendenz des Fremdenverkehrs ein elitäres Halt entgegensetzt, der Allgemeinheit Lasten für die nachzulie- 5 Bundesamt, f. Wasserbiologie u. Abwasserforsch., Wien-Kaisermühlen, u. Amt d. Tiroler Landesreg., Karte « Biologisches Gütebild der Fliessgewässer von Tirol », Stand 1967/68.

fernde Infrastruktur aufgebürdet und vor allem unersetzliche Landschaftswerte geopfert werden, für deren Ausverkauf uns möglicherweise schon die folgende Generation verantwortlich machen wird. Sicher, wir werden diese Entwicklung nicht aufhalten können, wir werden mit der « anrollen-den Stadt»6 leben müssen, aber dann doch so, dass wir dieser Welle Kanäle geben, in der sie keinen Schaden verursachen kann, und indem man von vorneherein auf die Besitzer von Zweitwohnungen, Wochenendhäusern und Appartements die Kosten für die Infrastruktur überwälzt. Das dürfte den hitzigen Markt auch etwas dämpfen, der derzeit noch durch Annoncen wie diese gekennzeichnet ist:

« Bürger, schützt Eure Anlagen, kauft jetzt Grundbesitz, Grundbesitz kennt keine Kursschwankungen und keinen ,Schwarzen Freitag '. Grundbesitz schützt vor Entwertung, er ist das sicherste Fundament für ein Vermögen. Und das wird so bleiben, denn es gibt immer mehr Menschen, aber niemals mehr Land. » Etwas weiter unten heisst es dann in der Anzeige:

« Hier garantiert Grundbesitz unaufhaltsame Wert-steigerung... und zugleich Erholung in gesundem Klima. » Die unguten Folgen, die eine ungeregelte Entwicklung solcher Appartementsiedlungen auf den Bodenpreis ( und damit die Spekulation ) hat, was wiederum eine zusätzliche Erschwernis für die öffentlichen Aufgaben bedeutet, sind nur zu gut bekannt und an manchen Beispielen offenbar7.

2. VERKEHRSERSCHLIESSUNG Dieser Teilbereich in den Beziehungen zwischen Fremdenverkehr und Naturschutz ist viel offensichtlicher und daher breiten Kreisen auch bewusster als Fragen der Bautätigkeit, denn auf 6 T. Walz, « Siedlungspolitik im ländlichen Raum », Raumplanungsseminare 1965 und 1966, Schriftenreihe d. Inst. f. Städtebau, Raumplan, u. Raumord., Techn. Hochsch. Wien, Bd.8, Wien 1969,S.99-105.

.'« Verbier als Beispiel », Neue Zürcher Zeitung » Fern-ausg., 7. November 1970.

Strassen und Parkplätzen im Gebirge, in Seilbahngondeln, auf Pisten und schliesslich im knatternden Hubschrauber, der mit seinem Lärm den zu Fuss ansteigenden Touristen ärgert, ist diese Seite der oft nicht glücklichen Ehe zwischen Fremdenverkehr und Naturschutz allgegenwärtig und einem jeden bekannt. Strassen mit lärmenden Parkplätzen mitten im Hochgebirge oder Strassen ohne Parkvorkehrungen, die den Autofahrer zwingen, seinen Wagen auf der Alm-wiese abzustellen, Güter-, Forst- und Almauf-schliessungswege 8, deren nicht begrünte Gelände-anrisse wie Wunden hell aus dem Gehänge leuchten, das sie mit hässlichen Diagonalen durchziehen - all das sind Beispiele einer Kollision zwischen Verkehrserschliessung und Natur-und Landschaftsschutz. Es wird immer mehr Fahrwege geben, immer mehr Pässe werden von Strassen erschlossen werden, Zufahrten zu neuen Touristenzentren werden sich immer höher ins Ödland hineinfressen; die unerbittliche Eigendynamik der ständig zunehmenden Motorisierung fordert dies — oder zumindest scheint sie es zu fordern, solange keine vernünftigen Alternativen in Sicht sind. Zumindest aber wird es notwendig sein, nicht nur den Strassenbaufachmann zu Worte kommen zu lassen, sondern von Anfang an auch dem Naturschutz, der Landespflege ein gewichtiges Mitspracherecht einzuräumen. Dann wird man die Strassentrasses so legen, dass sie sich - selbst wenn sie dadurch teurer werden - organisch ins Gelände schmiegen, dass Güterwege sofort fachmännisch begrünt und Parkplätze so angelegt werden, dass sie nicht als landschaftliche Dominante erscheinen. Zum Glück gibt es im modernen Strassenbau schon gute Beispiele für einfühlsames, landschaftsbezogenes Bauen. Ihnen zu folgen sollte zur Pflicht werden. Natürlich kostet das Geld, aber Landschaftspflege hat nun einmal ihren Preis, der sicher vom Konsumenten auch gezahlt wird: Eine gepflegte Landschaft 8 Eine Zählung im Juli 1969 ergab auf 8 ausgesuchten Güterwegen in Tirol an 2 Zähltagen 4112 Kfz, davon 1797 Pkw von Urlaubern ( 1683 aus dem Ausland ).

wird ihm lieber sein als eine lieblos behandelte oder gar verwüstete.

Landschaftspflege und vorausschauendes Planen aber sind auch wichtige Voraussetzungen der Seilbahn- und Lifterschliessung9, von der die Fremdenverkehrswirtschaft noch weithin der Meinung ist, lediglich Angebot und Nachfrage und die Konkurrenzsituation seien hier massgebend; die Gäste kämen auch ohne Landschaftspflege. Die Rechnung geht leider tatsächlich noch meist auf, aber es ist doch sehr traurig, wenn ein Führer durch die europäischen Wintersport-gebiete von einigen neuen Skizentren sagt: « Ausgesprochene Naturfreunde sollten die französischen Wintersportorte am besten nie besuchen 10. » Sollte hier nicht ein Kompromiss zwischen Belangen des Skisports und des Naturschutzes möglich sein? Wir glauben, dass dies der Fall sein kann, nur wird es nicht ganz leicht sein, die widerstrebenden Interessen unter einen Hut zu bringen. Wenn man hört, dass eine Skiabfahrt von etwa 800 Metern Höhenunterschied im Durchschnitt etwa 15 Hektaren Fläche benötigt ", wenn in Österreich jährlich gegen 130 Hektaren Wald für Skipisten gerodet werden müssen und man bis 1985 50 Millionen Skifahrer im Alpenraum erwartet 12 ( zum Vergleich: im Winter 1968/69 wurden inganz Österreich 3,2 Millionen Ankünfte von Gästen verzeichnet ), dann kann man ermessen, dass enorme Schwierigkeiten in dieser Richtung zu überwinden sein werden. Das Phänomen der Ballung, das gerade dem Wintersport eigen ist ( mehr Gäste = mehr Service, wie z.B. Skizirkus, = mehr Abwechslung, die beim Wintersport ganz gross geschrieben wird, auch 9 H. Weiss, « Fremdenverkehr, Bergbahnen, Natur- und Heimatschutz aus der Sicht der kantonalen Landschaftspflege », « Tierra Grischuna », Februar 1969.

10 EgonRonay's« ADAC Ski Europa », London 1966, S. 86.

11 F. Wolfgang, « Grundsätze für den Bau von Schiab-fahrten », « Schul- und Sportstättenbau », Wien, 4/1969, S.6-12.

12 « Bis 1985: 50 Millionen alpine Skisportler », « Salzburger Nachrichten », 15.Oktober 1970; Bericht von einer Forsttagung in Zeil am See.

beim Après-Ski, = neue Gäste werden angezogen ), bietet hier vielleicht eine Handhabe: Man wird Seilbahn- und Pistenagglomerationen auf relativ kleine Räume ( gemessen am Gesamtareal der Alpen ) beschränken können und dafür andere Gebiete, in denen ein intimerer Fremdenverkehr gepflegt werden kann, freihalten vom Trubel der Grosserschliessung. Lift- und Seilbahnbauten sowie Pisten ( moderne Abfahrtsstrecken sind 50-80 Meter breit und mehr ) wird man so anlegen, dass sie die Landschaft sowenig wie möglich stören. Allerdings wird man gerade bei den hoch hinauf bis in die Gletscherregion führenden Anlagen der Sommerskigebiete ( insbesondere bei den Gletscherliften ) eine — wenigstens für die engere Umgebung - empfindliche Störung des Landschaftsbildes in Kauf nehmen müssen: Auf den völlig freien Flächen der Gletscher und in der Hochgebirgsumwelt, die ganz allgemein als Verkörperung von Ruhe und Erhabenheit gilt ( man verzeihe dieses « Abgleiten » in Emotionen, aber das Hochgebirge gehört nun einmal zu den ganz grossartigen Landschaftsoffenbarungen unserer Erde ), wirken jahrmarktsartiger Betrieb und ameisenhaftes Gewimmel auf jeden Fall deplaciert.

Die Sommerskigebiete verdienen ein paar Worte für sich. Sie schiessen aus dem Boden wie die Pilze; sie sind einfach Mode geworden, und wenn man die Liste der geplanten Anlagen in den West-, vor allem aber in den Ostalpen durchgeht, hat man ganz den Eindruck, als ob vor allem bergsteigerisch begehrenswerte Ziele für den Massentourismus erschlossen werden sollen, und zwar grossenteils einfach deswegen, weil sie alpin berühmte Namen tragen. Man tut so, als ob das Publikum darauf brenne, unbedingt gerade auf diese Gipfel und Gletscher zu gelangen, die den Bergsteigern etwas bedeuten. In Wirklichkeit aber sieht die Sache doch so aus, dass das p. p. Publikum die Namen dieser Ziele gar nicht kennt, sie also auch gar nicht « erobern » will, bis es von der Werbung mit der Nase darauf gestossen wird. Sprechen wir es ruhig aus: Den Seilbahntouristen ist es meist völlig egal, auf welchem Berg oder Gletscher sie stehen, von dem sie vorher nie etwas gehört und zu dessen Umgebung sie nicht die entfernteste Beziehung haben. In diesem Sinne sollte es also wirklich nicht notwendig sein, dem Seilbahnpublikum Ziele zu erschliessen, die gerade für Bergsteiger erstrebenswert sind, wenn in der Umgebung - was meist der Fall ist - auch andere, alpin weniger berühmte, die Seilbahntouristen aber genau so befriedigende Berge und Gletscher vorhanden sind. Der Werbung wird es ein leichtes sein, auch alpin nicht so hochkarätige Ziele dem Konsumenten schmackhaft zu machen. Auf jeden Fall wäre damit allen Beteiligten geholfen, und in gut demokratischer Manier würden auch die Interessen einer Minderheit berücksichtigt. Projekte für Anlagen in der geschilderten Art sind es, die es bisher im Naturschutzjahr 1970 nicht ermöglichten, den schon lange geforderten « Nationalpark Hohe Tauern » in den Bundesländern Kärnten, Salzburg und Tirol zu verwirklichen, weil die Fremdenverkehrswirtschaft glaubt, in der Höhe der Gletscher und auf berühmten Bergen läge das Heil.

Es hat sich aber erwiesen, dass Sommerskigebiete allein nur in ganz wenigen Fällen möglich sind, sondern stets nur als zusätzliche Attraktion für normale Touristenerschliessungen einen Sinn haben, dass sie ferner ihre Talorte auch nicht stärker beeinflussen als normale Skierschliessung ohne Sommerskilauf und dass sie vor allem an einige wesentliche Voraussetzungen geknüpft sind: grosses Einzugsgebiet aus städtischen Ballungszentren und grosse Bettenkapazität im Nahbereich, Möglichkeiten des Skilaufs vom Hochwinter bis in den Sommer hinein ( also nicht etwa erst vom Frühjahr an, da für die Masse der Skifahrer der Winter mit Ostern beendet istund schliesslich möglichst nach Nord geneigte Gletscher. Wie Untersuchungen der Tiroler Landesplanung ergeben haben'3, dürfte der Prestige-Wettlauf nach 13 H. Barnick, « Sommerschigebiete in den Alpen und ihre Einzugsbereiche»,Ber.z. Raumforsch, u. Raumplan., Wien 1970, S. 30-42.

immer höheren Seilbahnen schliesslich dazu führen, dass bei nicht überdurchschnittlich ver-mehrbarem Sommerskifahrerpotential mit der Zeit eine Uberkapazität an Sommerskigebieten entstehen wird, die zu harter gegenseitiger Kon-kurrierung führt, was nur durch überregionale Planung solcher Anlagen zu vermeiden sein wird. Zum Schluss noch ein paar Worte zu solchen technischen Erschliessungen wie Skiflügen mit Flächenflugzeugen und Helikoptern oder Fahrten mit Raupenfahrzeugen und Motorschlitten: besonders in Frankreich wird die Skifliegerei in grossem Stile durchgeführt; im Arlberggebiet werden 60 Flugziele angeboten 14. Die kleinen Motorschlitten werden in Anzeigen « für Ausflüge abseits von Pisten und Wegen » angepriesen; sie böten eine « neue Attraktion zur Ausschöpfung der Winterfreuden im Fremdenverkehr » und wären « für bequeme Bummler » ganz das richtige. Motor-Zeitschriften propagieren zwar diese neueste Errungenschaft der winterlichen Erschliessung und mokieren sich, dass man « den Landschafts- und Naturschutz mit Phanta-sie-Phonzahlen » alarmiert 15, während es sich im « Spiegel » etwas anders liest, der einen Winter-sportmanager aus Neu-Mexico über die Schneemobile folgendermassen zitiert: « Die Leute kamen zu uns, um dem Stadtlärm zu entgehen, und diese teuflischen Dinger bringen ihn den Leuten nach 16. » Wir haben hier den Fall einer technischen Neuentwicklung vor uns, die möglicherweise unsere Wintersportorte und darüber hinaus die entferntesten Tal- und Bergwinkel im wahrsten Sinne des Wortes einmal überrollen kann. Wenn wir uns - wie so oft - von der Industrie die Marschrichtung angeben lassen, wird es zu spät sein, und wir werden erleben, dass es einmal ein 14 L. Langenmaier, « Wir fliegen zum Skilaufen », St. Anton a.A ., o.J. ( 1970 ), 20 S.; « Der schnellste Lift der Welt », « Reisen », auto, motor und sport-Sonderheft 7o171, Stuttgart 1970, S. 120.

15 « Trau keinem unter dreissig », « Reisen », auto, motor und sport-Sonderheft 70/71, Stuttgart 1970, S.68.

16 « Wild wie ein Bronco », « Der Spiegel », Hamburg, 2.Februar 1970, S. 118.

« Schneemobil-Rallye » auf die Wildspitze geben wird. Wenn dagegen vom Naturschutz und anderen dafür kompetenten Behörden von vorneherein eindeutig Stellung genommen wird, wenn diese Motorschlitten auf genau umgrenzte Zonen beschränkt bleiben müssen, dann wird es vielleicht gelingen, die Richtung selbst zu bestimmen und gewisse Industriewünsche nicht zur Leit-schnur im Fremdenverkehrsgeschehen werden zu lassen. Ganz das gleiche, nämlich Beschränkung auf einige eindeutig definierte Zonen, sollte auch für die Erschliessung mit Flugzeugen sowie allen technischen Neuentwicklungen, von denen uns noch gar nichts träumt, gelten. Sollen sich all jene, die ohne Technik nicht glücklich sein können, unter sich tummeln; dafür aber müssen unbedingt ruhige Bereiche für solche Leute reserviert bleiben, die eine nicht technisierte Landschaft bevorzugen. Man muss die Fremdenverkehrswirtschaft nur davon überzeugen, dass andere Entwicklungen ihr auf die Dauer eher zum Schaden gereichen würden.

3. TOURISTISCHE AKTIVITÄTEN AN SICH Haben wir uns bisher nur mit den Einrichtungen für den Tourismus befasst, so müssen wir sie schliesslich noch mit den Menschen und ihren Aktivitäten füllen, die sehr wohl auch gesondert für sich betrachtet werden können. Hier ist die Konzentration, das Auftreten in Massen, ein Phänomen, das sich nicht nur aus der Ballung, die z.B. der Skilauf benötigt, erklären lässt, sondern auch im Verlangen nach menschlichem Kontakt begründet liegen dürfte; so kann der Après-Ski-Betrieb allein schon eine Urlaubsmotivation sein. Die Konzentration auf engem Raum erlebt man auch in den Bereichen des Wochenend-Ausflugs-verkehrs aus städtischen Ballungsgebieten, die bis zu 250 Kilometer um die Bevölkerungsagglome-rationen herum reichen, wobei der Individualverkehr vorherrscht'7 .Welchen starken Druck 17 K. Ruppert u. J. Maier, « Der Naherholungsverkehr einer Grossstadtbevölkerung, dargestellt am Beispiel Mün- dieser Ausflugsverkehr auf die Landschaft ausübt, lässt sich aus einigen Ziffern erahnen: An einem schönen Oktober-Sonntag wurden im Ahornboden im Naturschutzgebiet Karwendel ( Tirol ) 1200 Pkw gezählt, die meisten davon aus Bayern; an Winterwochenenden verzeichnen die beiden Bergbahnen in Kitzbühel zusammen täglich gegen 7000 Bergfahrten; am 1.November 1968 brachte es die I. Sektion der Kapruner Gletscherbahn ( Förderleistung 340 Pers./h ) auf 2400 Bergfahrten, am Gletscherlift ( r 000 Pers./h ) waren es 8600! Gerade bei hochalpinen Anlagen muss hier auf die Gefahr hingewiesen werden, in die bergsteigerisch ungeübtes und mit den alpinen Gefahren nicht vertrautes Publikum durch Unkenntnis und Unvorsichtigkeit nur zu leicht geraten kann; rigorose Sicherungsvorkehrungen sind hier zu verlangen. Im übrigen ist es erstaunlich ( und vom Standpunkt der Sicherheit aus auch wieder erfreulich ), wie stark die Touristenmassen um die Bergbahnstation oder die Skipisten konzentriert bleiben und wie relativ wenig sie sich im umgebenden Gelände verteilen. Das liegt einfach daran, dass zuwenig andere Wege oder Pisten als Alternativen angeboten werden. Wären sie vorhanden ( und zwar als sichere, gut markierte Wege und Pisten, würden die Touristen sie auch annehmen, was zu einer spürbaren Entlastung der Ballung im Zentrum der Anlagen führen würde.

Dass daneben tatsächlich auch ein grosser Personenkreis besteht, der in nicht technisch erschlossenem Gelände schlicht zu wandern gewillt ist, mögen folgende Details beweisen 1150 000 Gäste besuchen jährlich den Schweizerischen Natio-nalpark'8, ungefähr 115000 Nächtigungen werden im Jahr auf den Alpenvereinshütten um Vent und im Pitztal ( Ötztaler Alpen ), in den Stubaier und in den Zillertaler Alpen verzeichnet, was et- chens », Inform. d. Inst. f. Raumord., Bad Godesberg 1969, S.23-46; Bundesmin. f. Bauten u. Techn., « Fremdenver-kehrsuntersuchung », Ost. Inst. f. Raumplan., Wien 1969, 43 S.

* H. Wäss, a.a.O.

wa 29000-33000 Bergsteigern in diesem Teil der Nordtiroler Zentralalpen entsprechen dürfte; schliesslich hat eine Umfrage des Tiroler Forstvereins in drei Gemeinden bei Einheimischen und Gästen unter anderem ergeben, dass mit überwältigender Mehrheit die generelle Öffnung von Forstwegen für den Kfz-Verkehr abgelehnt wird!

Die Antwort auf diese Fakten kann eigentlich nur sein, den Touristen wirklich gute und sichere Wanderwege anzubieten, Höhenwege zwischen Bergstation von Seilbahnen, Abstiegswege ins Tal, Rundwege von Parkplätzen und Seilbahnstationen aus und getrennte Fusswege neben den Fahrwegen, die alle den Touristen, die bislang meist an den technischen Aufstiegshilfen « kleben » bleiben, neue Dimensionen des Naturerlebnisses eröffnen würden.

4. SCHLUSSFOLGERUNGEN Wenn wir rückblickend die Probleme, die aus der Konfrontation zwischen Fremdenverkehr und Naturschutz erwachsen, sichten, lässt sich der weite Themenkreis in einigen Punkten zusammenfassen:

1. Der Fremdenverkehr lebt von dem Grundkapital der Landschaft, die es zu pflegen gilt, angefangen von der Landespflege, die der Bauer durch seine Kultivierungsarbeiten betreibt, bis zur technischen Grosserschliessung, die unter möglichster Schonung der Natur stattfinden muss. Das aber kostet Geld, und zwar sehr viel Geld.

2. Es ist der Fremdenverkehrswirtschaft wohlbekannt, dass sie vom Kapital der Landschaft zehrt. Ebenso ist man sich bewusst, dass der Tourismus selbst diese Grundlagen zu zerstören vermag, dass eine Übererschliessung ein Bumerang werden kann und eine ausgepo-werte Landschaft sicher keinen grossen Ertrag mehr bringen wird. Doch aus einer Art Schizophrenie heraus glaubt man, aus Konkur- Zwei Seilschaften auf dem Schneegrat.

Im Hintergrund: Grosshorn, Breithorn und Tschingelhorn 2Rottalgrat. Am untersten fixen Seil renzgründen nicht auf eine Supererschlies-sung und immer neue « Gags » verzichten zu können. Man denkt nur in reinen Wachs-tumskategorien und tut die Landschaftspflege als unnötigen Unkostenposten ab, obwohl Versäumnisse von heute sich später einmal durch vielfach höhere Aufwendungen rächen werden, wenn sie überhaupt noch reparabel sind.

3. Grund und Boden werden weithin noch als Handelsobjekte wie jedes andere betrachtet, was aber im Lichte der ständig zunehmenden Beanspruchung des nicht vermehrbaren Raumes sicher nicht mehr aufrechtzuerhalten ist. Hier muss ein intensiver Informations- und Lernprozess auf allen Ebenen dazu führen, dass die soziale Funktion von Grund und Boden in den Vordergrund gerückt und die Sozialbindung von Grundeigentum betont und auch praktiziert wird. Die Libertät, wie sie vor hundert Jahren möglich war, kann nicht mehr Leitbild für die vor uns liegenden hundert Jahre bleiben, da sie uns der Freiheit berauben würde, eine lebenswerte Umwelt für alle zu erhalten.

4. Um den Herausforderungen der Zukunft begegnen zu können, kann die weitere Entwicklung nicht mehr dem freien Spiel der Kräfte überlassen bleiben, sondern muss geplant erfolgen. Jeder verantwortungsbewusste Familienvater plant für die Zukunft - warum also nicht die Gemeinschaft? Es muss der Öffentlichkeit klar werden, dass Naturschutz, Landespflege und Umweltschutz Teilbereiche einer umfassenden Raumordnung sind, in die auch Touristik und Verkehr integriert sind. Da Raumordnung grossenteils wirtschaftlich orientiert ist, wird man mit wirtschaftlichen Überlegungen und Argumenten, die nicht nur auf den kurzfristigen Erfolg ausgerichtet sind, die Wichtigkeit der Landespflege und der Erhaltung der Landschaft — nicht nur für den Fremdenverkehrbesser erhärten können als mit oft emotioneil getönten Begrün- düngen des rein konservierenden Naturschutzes alter Prägung.

5. Um Naturschutz und Landespflege ( und damit koordiniert den Fremdenverkehr ) planen zu können, bedarf es wissenschaftlicher Grundlagen, die - abgesehen von rein naturwissenschaftlichen Ergebnissen - oft noch fehlen. Das reicht von der Bewertung einer Landschaft für ErholungszweckeI9 ( die für alpine Bereiche noch aussteht ) über eine Untersuchung, was der Besucher von einer Landschaft erwartet oder was er unter « Erholung » versteht ( was von hochalpinen Touren bis zum Beatschuppen reichen wird !), bis zur Festlegung von Kriterien über die Belastbarkeit des Raumes, z.B. in touristischer Hinsicht. Solche Forschungen werden ebenfalls Geld kosten, das aber im Hinblick auf eine fundierte Landespflege gut angelegt sein wird.

6. Endziel einer Raumordnung im alpinen Erholungsraum wird es sein müssen, eine differenzierte Zonierung des Berglandes anzustreben, wobei neben Natur- und Landschaftsschutzgebiete ( um mit dem Naturschutz zu beginnen ) Ruhe- und Wanderzonen zu treten hätten, die für technische Erschliessungen tabu zu sein haben ( wie in Naturschutzgebieten, nur eben jetzt anders motiviert ). Man wird in solchen Zonen, die auch bergsteigerisch begehrte Ziele enthalten sollen, gute Wanderwege schaffen müssen, peripher gelegene Hütten leichter zugänglich machen und das touristische Angebot von Orten, die in solche Zonen fallen, speziell auf Ruhegebiete ausrichten ( Hobby-Urlaube z.B. ) 20. Eventuell werden für solche Orte, die in diesem Sinne von einer technischen Grosserschliessung ausgeschlossen sind, gezielte Förderungsmassnahmen denkbar sein. Technische Gross- 19 H. Kiemstedt, « Die Landschaftsbewertung als wichtiger Bestandteil der Erholungsplanung », « der landkreis », Heft 8-9, 1969.

20 D. Bernt, a.a.O., S. 117; Fremdenverkehrsuntersuch. d. Bundesmin. f. Bauten u. Techn., a.a.O.

3Blick von der Jungfrau, 4158 Meter: Rottalhorn, Lauitor, Kranzberg, Dreieckhorn und Grosser Aletschgletscher. Unten rechts der Rottalsattel 4Blick vom Silbersattel auf den Äussern und Innern Rottalgrat. Vorne: Hochfirn—Silberlauitobel. Oben links: Ausstieg Rottalgrat-Hochfirn. Hinten: Ebnefluh Photos R. Schönbächler, Zürich erschliessungen sollen nur in solchen Zonen möglich sein ( bei Mitspracherecht des Naturschutzes, die auf Grund ihrer gelände- und verkehrsmässigen Eignung sowie bereits vorhandener Erschliessungen dafür prädestiniert erscheinen, wobei aber auch in Gebieten des Grossfremdenverkehrs Ruhezonen erhalten bleiben, die ( in Art der Naturparks ) auch im Ausflugsbereich von städtischen Agglomerationen vorzusehen sind. In genau umrissenen Bereichen der Grossfremdenverkehrs- bzw. Erschliessungszonen kann auch Erschliessung mit Flugzeugen oder Raupenfahrzeugen möglich sein, darf aber nicht über diese Bereiche hinausgreifen.

Die Zonierung muss in gemeinsamer Diskussion von Landesplanungen und Naturschutz mit naturwissenschaftlichen Experten, den alpinen Vereinen und Fremdenverkehrsinteressenten durchgeführt werden. Die Ruhezonen sollten dabei auch unter dem Gesichtspunkt der Erhaltung einer Landreserve von weitgehend naturbelassenen Landschaften für die ferne Zukunft gesehen werden. Notwendige gesetzliche Instrumente werden noch zu schaffen sein. Es besteht kein Zweifel, dass es ein sehr langer Weg bis dahin sein wird. Die Öffentlichkeit wird nur schwer für eine scheinbar strenge Reglementierung zu gewinnen sein, die die freie Initiative zu beschneiden scheint, in Wirklichkeit aber die Grundlage für den Fremdenverkehr der Zukunft, in dem noch genug Spielraum für freie Initiative sein wird, bewahren hilft. Ein anderer Weg wäre der Ankauf weiter Gebiete durch die öffentliche Hand, um sie ungeschmälert zu erhalten. Nach Lage der Dinge dürfte dieser Weg aber noch schwerer gangbar sein. Bis einmal eine solche Zonierung ( die - um dem Gesamtraum der Alpen als Einheit Rechnung zu tragen - auch jenseits von Staatsgrenzen ihre Fortsetzung finden sollte !) möglich sein wird, müssten alle bestehenden Gesetze nachdrücklich gehandhabt werden, um die bestehende Substanz zu erhalten. Die technischen Möglichkeiten einer Nutzung der Bergwelt nehmen in einem so atemberaubenden Tempo zu, dass die Denaturierung auch verkehrsferner Alpenteile, die einer weitgehenden Minderung des Erho-lungswertes gleichzusetzen ist, nur noch eine Frage der Zeit und durchaus kein irreales Hirngespinst ist. Wir haben jetzt noch weite, mehr oder minder naturbelassene Räume in den Alpen. Wenn wir sie uns und unseren Nachkommen erhalten wollen, müssen wir jetzt, fünf Minuten vor zwölf, handeln. Wenn wir nicht jetzt bereit sind, gewisse Beschränkungen für die Allgemeinheit in Kauf zu nehmen, wird die Zukunft uns allen viel grössere Einschränkungen auferlegen, wenn es dann keinen Freiraum für eine weitgehend urbanisierte und dadurch neurotisierte Menschheit mehr gibt. Erhalten wir uns daher die Alpen in ihrer Vielfalt und vermeiden wir, dereinst vor einer uniform technisierten Frem-denverkehrslandschaft von Valberg bei Nizza bis zum Semmering zu stehen.

Zum Schluss noch Beispiele von Zonierungen, die zur Diskussion stehen und Vorbild für die zuletzt dargelegten Gedanken waren: der Richtplan für den Schutz der Gebirgswelt, den der SAC als Ergänzung zum « Inventar der zu erhaltenden Landschaften und Naturdenkmäler von nationaler Bedeutung » vorgelegt hat, und der Zonenplan in Bayern, der in das « Programm Freizeit und Erholung » der Bayerischen Staatsregierung vom 28. April 1970 eingebaut werden so1121. Ein Beispiel für Planung von Wanderwegen im Anschluss an Vorhaben des Grossfremdenverkehrs können Vorschläge der Tiroler Landesplanung für das Pitztal sein22.

21 « Richtlinien und Richtplan für den Schutz der Gebirgswelt », 109. Abgeordnetenversammlung des SAC in Montana-Crans am 27. und 28.September 1969; H. Karl, « Landschaftsordnung und Bergbahnplanung — dringende Anliegen im bayerischen Alpenraum », Jahrb. d. Ost. Alpenvereins, 1969, S. 152-165.

22 Amt d. Tiroler Landesreg., Abt. Landesplanung u. Statistik, « Pitztal, regionale Aspekte », Innsbruck 196g; H. Barnick, « Der südliche Geigenkamm-Höhenweg », Deutscher Alpenverein, Mitteilungen, München, Sept./ Okt. 1970, S. 197-198.

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