Frühlingsskifahrt in Oisans

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VON RENÉ PELLATON, GENF

Es ist wohl nicht zu früh, von Frühjahrstouren zu sprechen. Schon werden die Tage länger, und sobald die Sonne scheint, leuchtet der Himmel in frühlingshaftem Blau.

Frühjahrsskifahrten sind etwas vom Schönsten im Alpinismus. Der Aufstieg zum Gipfel ist gewöhnlich gleichmässiger und weniger mühsam als im Sommer, und die Abfahrt wird oft zu einem zauberhaften Erlebnis, während der Abstieg im Sommer selten ein Vergnügen ist.

Mein Freund Henri G. und ich hatten abgemacht, einige Skitouren in Oisans auszuführen, in einer Gegend, die wir beide sehr gern haben. Den Anreiz dazu hatte uns das prachtvolle Buch von Ph. und Cl.Traynard « Alpes et neige»1 gegeben. Zuerst hatten wir im Sinn, an Ostern mit unsern Familien hinzugehen. Aber das Wetter war zu diesem Zeitpunkt so abscheulich, dass wir uns für die Provence entschlossen, natürlich nicht zum Skifahren, sondern um in der Gegend von Aix zu klettern. Wir hatten Oisans allerdings nicht aufgegeben, und an Pfingsten sind wir dann hingefahren.

Da wir beide über etwas freie Zeit verfügten, beschlossen wir, am Freitagmorgen nach La Bérarde zu fahren, wo wir am späten Nachmittag ankamen.

La Bérarde ist ein wenig das « Mekka » von Oisans. Es ist eher ein Weiler als ein Dorf und hat die Verunstaltungen der Modeorte nicht mitgemacht - obwohl es heute mehr als noch vor einigen Jahren auch Chalets in ausgesprochen modernem Stil aufweist. Das eigentliche Dorf besteht immer noch aus den paar Häusern, die Whymper vorfinden musste, als er herkam, um die Ecrins zu besteigen. Niedrig und grau sind sie am Zusammenfluss von Etançons und Vénéon gruppiert. Im Winter ist das Dorf nicht bewohnt. Im Hochsommer ist es nicht lange heiss, weil es so zwischen hohen Bergen eingekeilt ist. Es ist Ausgangspunkt zu berühmten Besteigungen wie denjenigen der Meije und der Ecrins; doch startet man in La Bérarde auch zu weniger anspruchsvollen, doch kaum weniger bekannten Gipfeln wie den Bans und den Rouies.

Wir hatten die Absicht, am ersten Tag in die Châtellerethütte aufzusteigen, um uns anderntags zur Brèche de la Meije zu begeben. Aber wir finden das Centre alpin so nett, dass wir beschliessen, alle unsere Touren von La Bérarde aus zu machen, und als wir sehen, dass zahlreiche Skifahrer den Weg zum Châtelleret einschlagen, werden wir in unserem Entschluss noch bestärkt. Wir ändern auch die Reihenfolge der Touren, die wir machen wollen, und treffen die Entscheidung, am Samstag zur Brèche de la Somme aufzusteigen.

Da wir nun einen ganzen Nachmittag zur Verfügung haben, benützen wir ihn, um das Gelände auszukundschaften. Und dabei fechten wir unsern ersten Streit aus, denn obwohl mein Kamerad einer meiner besten Freunde ist, streite ich gerade mit ihm am häufigsten. Er will am linken Ufer des Etançons und dann auf der gleichen Seite eines kleineren, im Bonne-Pierre-Tal entspringenden Nebenflusses hinaufgehen. Dieser Weg würde uns zwingen, in der Dunkelheit steile, verschneite und von Erlen versperrte Hänge zu traversieren - und das gefällt mir gar nicht. Ich finde es logischer, am rechten Ufer der beiden erwähnten Flussläufe den recht gangbaren Fusswegen zu folgen. Murrend fügt sich mein Kamerad endlich meiner Ansicht.

Am Samstag um 4 Uhr morgens blase ich Tagwache. Meine Frau verkriecht sich tiefer in ihren Schlafsack, während Henri und ich mit einiger Mühe aufstehen. In aller Eile wird das Frühstück zubereitet und eingenommen, und schon um halb 5 machen wir uns auf den Weg, wie Maulesel mit unsern schweren Säcken und Ski beladen. Die ersten Schritte sind um so mühsamer, als der Weg steil ist. Dann finden wir unsern Rhythmus und gewöhnen uns an unsere Lasten. Eine Brücke erlaubt uns, den Etançons zu überqueren, und wir dringen in das Bonne-Pierre-Tal ein, wo wir es mit einer furchtbaren Moräne aufnehmen müssen. Aber zu unserer Überraschung finden wir sie nicht so unangenehm, wie wir vermutet haben. Schneller als vorausgesehen, erreichen wir die herrliche Welt des Bonne-Pierre-Gletschers. Vor uns fällt die Wand des Dôme de Neige des Ecrins mehrere hundert Meter steil ab, was dem Firnbecken eine erhabene Grösse verleiht.

Nach einer beträchtlichen Strecke dem Moränengrat entlang zweigen wir scharf links ab, um die zum kleinen Alvau-Gletscher führenden Hänge zu erklimmen Von da zieht sich das sehr steile Couloir hinauf, das zur Breche de la Somme führt. Lawinen von stattlicher Grösse sind nahe bei der Stelle niedergegangen, wo wir unsere Säcke ablegen, so dass wir zögern weiterzugehen.

1 Philippe et Claude Traynard: Alpes et neige, 101 sommets à Ski ( Arthaud, 1965 ).

« Gehen wir », sagt Henri, fragend und bestimmt zugleich. « Los! » Vorsichtshalber seilen wir uns an. Mein Freund geht voraus, leider zu schnell für meine alte Lunge. Aber die Rinne beträgt nur etwas mehr als 250 Meter, wir sind bald an der Scharte und bewundern in der Sonne eine sich endlos vor uns ausdehnende Landschaft, in deren Hintergrund wir den Mont Blanc erkennen.

Wie ich mich zum Couloir zurückwende - ich traue meinen Augen nicht -, kommt uns ein Hund entgegen. Wahrhaftig ein Hund, der auf uns zutrottet! Er scheint am Verdursten zu sein und leckt den harten Schnee, beisst sogar Stücke heraus. Wir haben Mitleid mit ihm und versuchen, allerdings ohne grossen Erfolg, ihm aus der Flasche zu trinken zu geben. Der Gedanke quält mich, dass dieses Tier eine so steile Hartschneerinne hinuntergelangen müsse. Ich sehe schon, wie der Hund nach den ersten Schritten ausgleitet und bis zum Gletscher hinunterkollert. So schlage ich vor, ihn anzuseilen, aber Henri ist gar nicht überzeugt, dass das die richtige Lösung sei. « Ach, er soll sehen, wo er bleibt! » sagt er schliesslich.

Wir beschliessen aufzubrechen und den Hund sich selbst zu überlassen.

Wie unnötig war meine Sorge um ihn! Kaum haben wir mit aller notwendigen Vorsicht die Abfahrt in Angriff genommen, läuft der Hund, seiner Sache ganz sicher, vor uns her. In einigen Minuten ist er unten. « Was für Flaschen ihr doch seid! » scheint er zu sagen, als wir, nicht besonders stolz auf unsere Demonstration, wieder mit ihm zusammentreffen.

Nach 10 Uhr beginnt der Schnee weicher zu werden, was eine phantastische Abfahrt verspricht. Das wäre sie auch und unsere Freude vollkommen - ohne den Hund! Sobald einer von uns losfährt, springt er ihn an, versucht in die Ski zu beissen und will spielen. Wenn wir ihm durch einen Bogen ausweichen wollen, kommt es zu Zusammenstössen und Stürzen, sowohl für die Skifahrer wie für den Hund. Henri probiert ihn « abzuhängen », indem er Schuss fährt, aber das verteufelte Biest rast neben ihm her, lässt ihm keinen Zentimeter Vorsprung und stürzt sich ihm zwischen die Beine. Es hat übrigens eine ganz besondere Vorliebe für meinen Freund gefasst, so dass ich selbst diese denkwürdige Abfahrt besser geniessen kann.

In kurzer Zeit haben wir das, was wir während mehrer Stunden erkämpft hatten, in umgekehrter Richtung zurückgelegt. Aber diese paar Augenblicke sind unvergesslich.

Als wir das Etançons-Tal erreichen, kommt uns ein genialer Gedanke: Da wir am nächsten Tag zur Brèche de la Meije hinauf wollen, müssen wir wieder hier vorbei. Warum also nicht Ski und Stöcke in der Nähe verstecken? Da steht ein Tännchen,das unser Material verbergen kann,und so setzen wir, von unserer Last befreit, den Marsch nach La Bérarde fort, wo wir gerade anlangen, als es Mittag schlägt.

Frühjahrstouren haben den Vorteil, dass man den ganzen Nachmittag dazu benützen kann, auszuruhen und die nächste Besteigung vorzubereiten. Sowie wir Hunger und Durst gestillt haben, schlafen wir ein wenig und entschliessen uns dann zu einem kurzen Bad im Bergbach. Aber wir hätten nicht gedacht, dass das Wasser so eiskalt sei, und ziemlich schnell steigen wir wieder heraus.

Das Aufstehen mitten in der Nacht ist immer schwer. Und dennoch schliessen wir am Pfingstsonntag um halb 5 Uhr die Hüttentüre hinter uns. Nicht ohne Besorgnis beginne ich diese Etappe zur Brèche de la Meje, denn ich erinnere mich an einen Aufstieg zur Promontoirehütte, der nicht sehr glänzend verlief, obwohl wir die Nacht vorher im Châtelleret verbracht hatten. Mit andern Worten: wir starten heute mit einer Verspätung von zwei Stunden.

Im Vorbeigehen holen wir unsere Ski aus der Baumgarderobe und laden sie auf unsere Säcke. Der Aufstieg zum Châtelleret ist nicht besonders steil und gar nicht ermüdend. An einem gewissen Punkt biegt das Tal leicht nach rechts ein, und da erhebt sich majestätisch, überwältigend die Meije, die den49 Horizont in ihrer ganzen Breite abschliesst. Schon zum drittenmal stehe ich ihr so plötzlich gegenüber, und wieder versetzt sie mich in fassungsloses Staunen.

Zwei Skifahrer, die es scheinbar sehr eilig haben, überholen uns. Etwas weiter vorn machen sie halt, schnallen die Ski an und gehen nun hinter uns her. Immer noch zu Fuss steigen wir in unserem langsamen, gleichmässigen Tempo. Es schien, als wollten uns die beiden Unbekannten überflügeln, aber nachdem wir hinter uns eine Zeitlang das Aufschlagen ihrer Ski auf dem harten Schnee gehört haben, verlieren wir sie vollständig aus den Augen.

Die Moräne über dem Châtelleret, die mir vor vier Jahren so zu schaffen gemacht hat, ist wie mit Ameisen übersät, die zum Fusse der Meije hinauf krabbeln. Wir überholen immer mehr von ihnen. Unter unsern Füssen ist die Moräne gar nicht mehr so schrecklich. Henri ist mir einen, zwei, dann sogar zehn Meter voraus. Seine weniger keuchende Lunge erlaubt ihm ein schnelleres Tempo, und so erreicht er die Scharte eine Stunde vor mir. Es ist kalt im Schatten der Felsen, aber in der Sonne warm genug, um anzuhalten und die Aussicht zu betrachten. Dann kehren wir zu den Ski zurück, die wir 100 Meter weiter unten gelassen haben. Wir gehen vor oder hinter den Skifahrern, kreuzen diejenigen, die aufsteigen: es ist ein unaufhörliches Kommen und Gehen zwischen Gletscher und Scharte, ein Defilee verschiedenartigster, mehr oder weniger an das Hochgebirge gewöhnter Leute.

Während wir etwas essen, schauen wir uns die neue, aussen mit Metall verkleidete Promontoirehütte an, und wir erinnern uns an die denkwürdige Nacht in der alten Hütte, bevor wir damals die Traversierung der Meije in Angriff genommen hatten. Wir treffen Genfer Freunde und plaudern mit ihnen, während wir darauf warten, dass der Schnee weicher wird. Kurz darauf brechen wir in Lachen aus: unser Hund hat heute einen vierbeinigen Kameraden gefunden, und die beiden tollen lustig umher, bis die erste Abfahrt beginnt. Da wir die Mätzchen des Wauwaus kennen, sind wir fest entschlossen, den ersten « Vogel » abfliegen zu lassen, bevor wir unsere Ski anziehen. Und es klappt. Kaum hat er sich in Bewegung gesetzt, heftet sich ihm unser gestriger Gefährte an die Fersen und lässt ihn nicht mehr los. Nun können wir ruhig an die Talfahrt denken.

Und wieder ist es ein einziger Genuss! Wir fahren nach Lust und Laune, schwingen leicht ab und halten nur hie und da an, um nicht so schnell diesen grandiosen Rahmen, diese stets imposante Meije verlassen zu müssen, die sich von jedem Blickwinkel aus wieder anders darbietet.

Oberhalb des Châtelleret müssen wir mit den Stöcken nachhelfen; dann folgen wir dem Ufer des Wildbaches. Auf den letzten Restchen Schnee will Henri eine Photo machen, und nochmals gibt es heftigen Streit, weil ich es wage, ihm einen Rat zu geben, und er es satt hat, sich immer « meinen Launen fügen zu müssen ». Wir sprechen sogar davon, die für den nächsten Tag geplante Tour nicht miteinander zu machen. Richtige Kindereien, was!

Diese Pfingstmontag-Tour müsste im Galopp abgewickelt werden, wenn wir gegen 11 Uhr wieder im Tal unten sein wollten, um nachher gleich nach Genf zurückzukehren. Deshalb fahren wir um 4 Uhr früh im Auto zu dem Weiler Etages hinunter. Natürlich ist es noch stockdunkel, als wir hinter einem kleinen Hotel aus unserem Fahrzeug steigen. Eine schlechte Laterne beleuchtet nur schwach die Strasse, und in ihrem armseligen Schein befestigen wir die Ski auf den Säcken. Dann schreiten wir durch ein enges Gässchen zwischen den Häusern hindurch zum Vénéon hinunter, überqueren ihn und marschieren dem Etages-Tal zu.

Auf der Karte sehen wir, dass man am linken Ufer des im Etages-Tal entspringenden Wildbaches entlang gehen muss. Aber Skifahrer, die wir im Centre alpin getroffen haben, rieten uns an, am rechten Ufer hinaufzusteigen. So wählen wir einen Fussweg, der sich den Berg hinaufschlängelt und die abschüssige Wand rasch erklimmt. Der Weg ist steinig, Bäume senken sich so tief herunter, dass sich unsere Ski darin verfangen, und wir brauchen eine gute Stunde, um dieser Hölle zu entrinnen und ein freundlicheres Gelände zu finden, das gegen die Pointe du Vallon des Etages aufsteigt. Die Sonne erscheint ziemlich spät in diesem nach Norden exponierten Tal. Darum ist der Schnee hart und zwingt uns, unsere Spur gut zu wählen. Weil jeder von uns seine eigene Meinung darüber hat, befinden wir uns bald auf getrennten Wegen. Henri bleibt unten im Tal, während ich eine Moräne ersteige, da ich vermute, ihr eher flacher Rücken werde mich nach einem etwas mühsamen Aufstieg an die Hänge des Col de Clot Chatel, unseres Ziels, führen. Aber die Moräne erstreckt sich immer mehr nach rechts, während ich lieber nach links ginge; schliesslich verlasse ich sie, steige einen steilen, von losen Kieseln und Blöcken übersäten Hang hinunter und etwas weiter vorn einen andern hinauf. Unterdessen hat sich Henri mit seinen langen Beinen davongemacht. Ich sehe kaum die Spur seiner Schritte auf dem gefrorenen Schnee und folge ihr haargenau. Aber der Hang wird so steil, dass es Steigeisen braucht. Die Spur führt an einer Reihe von Eistürmen vorbei und ein mit Lawinenüberresten bedecktes Stück hinauf. Ich sehe, wie Henri, der seine Ski abgelegt hat, einen Ausweg aus den Felsen sucht, die uns den Zugang zum Joch versperren. Doch wendet er sich zu sehr nach rechts, während der Weg zum Pass weiter links sein muss. Laut rufend verständigen wir uns, dass wir, um wieder ins Tal zu gelangen, nicht hier abfahren können, sondern weiter links. Deshalb steigt mein Freund wieder ab und holt seine Ski. Indem wir nun einen verschneiten Grat umgehen, finden wir die zum Joch hinaufführende Rinne. Dieses Joch ist übrigens eine ganz enge Scharte, zu der wir erst nach einer richtigen Kletterei gelangen. Wir landen auf einem sonnenbeschienenen Vorsprung, der uns den Eindruck vermittelt, wir schwebten frei im Himmelszelt, und von dem aus wir ein ausgedehntes Panorama geniessen. Ganz nahe erblicken wir die Rouies, und wir versprechen einander feierlich, dieses sehr schöne Skitourenziel eines Tages aufzusuchen.

Die Sonne erreicht nun den Fuss der erklommenen Felsen; wir hoffen, sie habe den Schnee genügend erwärmt, damit wir in den vollen Genuss der Abfahrt kommen, denn schon ist es Zeit für uns, an die Heimkehr zu denken. Unter tausend Vorsichtsmassnahmen kehren wir zu den Ski zurück, und ebenso vorsichtig ziehen wir sie an, denn unter unsern Füssen fällt der Abhang jäh ab.

Dann beginnt die Abfahrt. Der Schnee ist noch nicht ideal, aber weiter unten ist er gerade weich genug, um uns die grösste Freude zu bereiten. Wir halten bei einer Gruppe von Skifahrern an, die zu spät aus dem Tal heraufgekommen sind und kaum weiter als bis zu der Stelle unserer Begegnung gehen werden. Wir unserseits fahren auf dem Weg, den wir am Morgen genommen haben, wieder hinunter, bis zur äussersten Schneegrenze natürlich auf den Brettern.

Weiter unten führt uns der gewundene und steile Pfad nur zu rasch zurück in eine weniger poetische und weniger bezaubernde Welt.Übersetzung E. Busenhart )

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