Gedanken in Gips

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Elisabeth Nagel-Hari, Kandersteg

Es ist nicht das Alter - nein, nur ein Beinbruch. Ein komplizierter.

Der Schnee stob unter den Brettern hervor, blitzende Eiskristalle funkelten in der Sonne, und es war eine herrliche Schussfahrt. In sausendem Schwung ging es in die Linkskurve, dort, wo der Engpass beginnt... Und Sekunden später ist es dann eben passiert.

Im milden, gedämpften Licht des Krankenzim-mers macht dich der Spitalarzt mit dem Gedanken an wenigstens zwei Operationen vertraut...

Wochen sind seither vergangen; der Winter ist dem Frühling gewichen. Ein tiefer Himmel blaut über den Firnen und Graten. Das Tal ist schon grün, Kuhglocken erklingen nah und fern. Vor dem Fenster zwitschern die Vögel. Du aber bist festgehalten, angebunden an deine kleine, enge Welt, die du sonst so gerne hinter dir liessest, um sie mit der grenzenlosen Weite der Bergwelt zu vertauschen.

Ablenkung - Zeitvertreib. Man muss doch über die Runden kommen! Aber die Runden, das sind immer noch Monate! Monate des Wartens. Des Wartens auf den Urteilsspruch: Du kannst wieder zu Berge ziehen, kannst wandern, klettern, die Luft der Freien, Ungebundenen atmen... oder... Du magst an dieses « Oder » nicht denken.

Die Zeit dehnt sich endlos, gleichgültig, zermürbend. Mit Hilfe der Krücken hast du dich ans Fenster geschleppt; dein Blick schweift über die leuchtende Welt da draussen. Die Lärchen oben, bei der hohen Fluh, zeigen schon ihr hellgrünes Kleid. Dort oben hast du gesessen, ein Stück Brot in der Hand, einen Streifen Käse...

Und während du in deinen Sessel zurückhum-pelst, begeben sich die Gedanken auf die Reise...

Auf die Reise in die Vergangenheit:

Wie schön war es doch, jedes Jahr, von frühster Kindheit an, wenn der Winter sich zurückgezogen hatte! Zuerst in der Talsohle, wenn die Krokusse kamen und die Soldanellen, wenn am Hang die prächtigen blauen Enziane, die Osterglocken und Narzissen auf der Wiese ihre Kelche öffneten.

Bald wurden die Wege schon weiter; es ging auf die Alp. Teilweise lag der Schnee noch beharrlich und liess die kleinen Blumen gar nicht zu Atem kommen...

Der Frühlingshauch hat aber schon dünnere Stellen im Schnee gefunden und die Geister der Erde geweckt. Sie strecken ihre Köpfchen durch die weisse Decke. Was will General Winter hier eigentlich noch? Vor so viel Anmut und Grazie eines Schneeglöckchens muss er die Waffen doch strecken, seine harte Kruste ablegen und den Weg freigeben, und sei es auch nur für diese zwei Zentimeter. Fröhlich läuten die Glöckchen und rufen ihren Gespanen den Weckruf zu.

Und du sitzst mitten drin auf einem altersgrauen Stein. Keinem einzigen Blümchen möchtest du seinen so mutigen Lebensgeist zerstören.

So weit das Auge reicht, überall auf diesem Schneefeld, haben sich die zarten, grünen Stengel durch das Weiss gemüht, die Kelche in den Wind gehängt und zeugen so vom Wunder eines neuen Lenzes auf dieser schmalen Schwelle zwischen Frost und stürmisch drängendem Leben.

Stundenlang geniesst du das herrliche Schauspiel in Luft und Sonne, in Licht und Schatten. Auf dem Rückweg ins Tal nimmst du ein ganzes Herz voll Sonne mit heim in den grauen Alltag. Und wenn du dann die Augen schliesst und einen Moment in dich hineinhorchst, klingt leise, ganz leise das zarte Läuten der Schneeglöckchen in dir nach, so wie jetzt, wo du mit Gips und Krücken alles nur in der Erinnerung nachleben kannst. Aber du kannst es, du besitzt es: diese Erinnerung -und niemand kann sie dir nehmen.

Beim nächsten Besuch im Hochtal, nur etwa drei Wochen nach dem Erlebnis mit den ersten Frühlingsboten, hat sich das Bild völlig gewandelt. Ein dichter Teppich von Blattgewucher bedeckt die Matten am Hang. Und nur wer die Blumen kennt, weiss, dass dies hier die Nachhut der Pracht des ersten Erwachens des Jahres ist.

Heute aber führt dich dein Weg weiter, steiler bergan. Die Berge sind deine Kameraden. Du kennst ihre Schönheiten, aber auch ihre Tücken. Doch da du um ihre Gefahren weisst, brauchst du sie auch nicht zu fürchten. Diesmal gibt es eine kleine Kletterpartie, nur so einen « Chatze-gump ». Dort oben kennst du ein verschwiegenes Plätzchen.

Umgeben von Bergprimeln lässt du dich nieder. Luftig ist der Sitz da droben, hoch über dem Tal. Die Füsse baumeln über die Felskante wie von einem Schaukelstuhl. Die Blumen kleben förmlich an der steinigen Wand, verkrallt in Ritzen und Spalten. Eine Blüte versucht die andere zu übertrumpfen an Grosse und Schönheit. Sie schaukeln im Wind, als wollten sie für dich einen neckischen Reigen aufführen. Im leichten Windzug weht der Blütenstaub - einem hauchfeinen Schleier gleich - an dir vorüber.

Du atmest tief, möchtest es festhalten für immer, das Geschaute, das jedesmal im Frühling sich wieder darbietet. Jedesmal neu - und jedesmal anders. Ein Erleben, das seinesgleichen sucht, so du Augen und eine offene Seele hast für die Natur um dich.

Tief unten brodelt der Menschen hektisches Treiben. Kein Geräusch dringt zu dir herauf, du kannst es nur erahnen, wie die Motoren der Autos brummen, und hörst auch nicht das Schrillen der Bremsen des langen, internationalen Zuges, der eben in die Station des Tales einfährt.

Eine Bergdohle segelt an dir vorüber, dreht ab, kehrt zurück, die blinkenden Augen auf dich gerichtet. Und dann kreischt sie dich hungrig an. Aha, so eine ist das! Möchte einen Extrahappen ergattern. Also komm, alter Kumpel! Ein Stück Brot fliegt in hohem Bogen nach links. Die Dohle gleitet hinüber, streicht dicht über die Stelle hin, aber wagt noch nicht, so nahe bei dir zu landen.

Der Eisenbahnzug hat inzwischen die Station verlassen und schiebt sich träge wie eine Raupe dem Portal des Tunnels zu, dem Süden entgegen. Und mit halbem Auge nur nimmst du wahr, dass die Dohle nebenan herabgestossen ist und mit dem Bröckchen im Schnabel davonfliegt: Na, ich tu dir doch nichts; deine Angst ist völlig unbegründet!

Drüben, auf der andern Seite des Tales, ragen die Berge der Nachbarschaft auf. Einer blickt finster, aber du kennst ihn gut, stehst auf du und du mit ihm. Glücklich gleitet dein Auge hinüber zu der erhabenen Pyramide daneben im weissen Gewände, wo bläulich Schatten in den Gletscherbrüchen lagern. Sie sieht unnahbar aus, aber auch diesem Riesen hast du den Fuss schon auf den Firnscheitel gesetzt - damals. Noch ein letzter Schluck aus der Flasche.

Nur ungern trennst du dich von der trauten Umgebung, von den goldenen Flühblumen, die bei deinem nächsten Hiersein schon wieder anderen, sommerlichen Boten Platz gemacht haben werden.

Das nächste Jahr wieder, denkst du, und freust dich an dem Erlebten, das du mitnimmst.

Der Rückweg führt dich über die jetzt schon grünen Hänge, wo im Sommer der Senn genau so mit der Natur lebt wie du. Deine Spanne ist nur sehr viel kürzer. Auch dieser Hang ist voller Leben. Die Insekten schwirren fleissig von Blüte zu Blüte, und Käfer und Spinnen krabbeln und huschen zwischen den Halmen und Stengeln.

Das Bild ist nicht zu vergleichen mit dem vorhin geschauten; trotzdem, es hat deine ganze Liebe, denn deine Augen sehen auch das weniger Bunte, von der Natur scheinbar zu Unrecht fast unscheinbar Eingepflanzte im Gras und auf rauhem Grunde: die Pelzanemone.

Ja, sie ist ganz anders. Die schwere Blüte bewegt sich kaum in der Bergluft. Auch hier verbringst du eine halbe Stunde mit Schauen und Empfinden, während diese eigenartige Blume Zwiesprache mit dir hält. In ihrer Schlichtheit ist sie eine Sonnenanbeterin. Wenn die ersten wärmenden Strahlen sie erreichen, hebt sie den Kopf und entfaltet ihre Blütenblätter. Weit breitet sie ihre Arme aus und fängt die Wärme auf. Und du kannst reichlichen Besuch aus der Insektenwelt feststellen. Ringsum siehst du noch so viele schöne und liebliche Blumen; fast kannst du dich nicht sattsehen. In nächster Nachbarschaft hat der grosse blaue Enzian den Kelch geöffnet und will die Sonne sehen. Unbeschreiblich ist der Teppich der Flora.

Dieser Teppich sollte nicht zertreten werden; drum setzt du deine Schritte behutsam von Stein zu Stein, bis der Weg erreicht ist.

Wieder sind Wochen ins Land gegangen; es ist Frühsommer geworden. In wenigen Tagen werden die Alpen bestossen, das heisst, der Alpauftrieb wird stattfinden. Na, diesen Tag wirst du dir nicht entgehen lassen. Doch heute ist es noch still da oben in diesen selten begangenen Tälern, welche die ganze Erhabenheit der Berge in sich schliessen. Da ist der Pfiff des Murmeltieres, der die lautlose Luft zerreisst, da ist das Rauschen und Brodeln des Bergbaches, der in unnötiger Eile dem Tale zuzustreben scheint, ohne zu wissen, was ihn dort erwartet. Heute wirst du auf einem kleinen Pfad in die Höhe steigen. Er ist schmal und wird fast nur von Hirten und gelegentlich von Einzelgängern benutzt, dafür aber auch von Tieren. Die Schafe sind zwar noch nicht am Berg und daher der Pfad noch mehr oder weniger unberührt. Ziemlich überwuchert träumt er noch seinen Frühlingstraum.

Du bist schon, das schlafende Tal hinter dir lassend, sachte bergan gewandert. Linker Hand, im tiefen Einschnitt der Felswand, zischt, rauscht und sprudelt unaufhörlich das Wildwasser. Dir scheint, es würde immer lauter, immer mehr werden, und weisst doch, dass das täuscht. Rechter Hand entdeckst du ein Rudel Gemsen. Sie äsen friedlich und werden deiner nicht gewahr. So hast du ausreichend Gelegenheit, die starken, gewandten Tiere zu beobachten. Auch dieses Bild wird dir immer gegenwärtig bleiben. Noch vor dem Ende des Tales wirst du den Bach überqueren müssen. Er ist zum Teil noch dick mit Lawinenschnee überdeckt; doch scheint diese Brücke von verhaltener List und Tücke: Hält sie, hält sie nicht?

Auch hier noch ein Stück Winterschlaf: Der Steg ist noch nicht montiert, und die Sennhütten träumen mit geschlossenen Augen vor sich hin. Dir macht es Spass auch ohne Brücke, und nasse Füsse wären das letzte, was dich von deiner Tour abhalten könnte. Irgendwie erahnst du die richtige Stelle zum Überqueren, prüfst, hoffst... der Schnee hält!

Und weiter geht es bergwärts. Am unteren Rand steht das Gras bereits hoch. Der Tau der Nacht hängt noch in den Halmen, und du wirst nass bis zum Knie. Es macht dir ja nichts aus. Du weisst, was auf dich wartet, und steigst unverdrossen den sich steil nach Osten aufrichtenden Hang empor. Das Gras wird mager, Steine und Felstrümmer werden grosser. Sträucher zwicken dich beim Vorüberstreifen.

Eine kleine Fläche tut sich auf, auf der noch schwerer Lawinenschnee lastet. Du gehst quer hindurch. Am Rande, wo gestern wohl noch grauweisse Schneereste lagen, blüht heute schon die Soldanelle in ihrer Zartheit. Auf der rechten Seite zieht sich ein Felsband hin, und du erspähst schon die ersten Primeln, die hier auf der Ostseite verspätet ihre Blüten öffnen.

Der Lebensvorgang in dieser kleinen Welt ist einmalig. Dennoch, die Sache an sich ist sehr einfach zu erklären: Der harte Lawinenschnee taut sehr langsam auf. Dort aber, wo er abgerutscht ist, erwacht die Vegetation unheimlich rasch, und es blüht alles lustig und bunt durcheinander, während unter dicken Schneemassen die Blumen und Gräser noch lange auf das Frühlingserwachen warten müssen. Doch so kommt es auch zustande, dass du neben den Sommerblumen die des Frühlings finden kannst. Noch ein paar Schritte - und du stehst in einer unübersehbaren, wundervollen Menge von Alpenrosen. Bergrosen, wie wir hier im Oberland sagen, sind Sträucher und bewachsen ein wildes Gebiet. Auf den rauhen, hölzernen, allen Wettern trotzenden Stengeln erblüht « unsere » Rose in allen Schattierungen, vom blassen Rosa bis zum tiefen Blutrot, je nach Standort und Dauer der Sonneneinstrahlung. Und erst der Duft in dieser Region! Es « schnuppert » nach Alpe, und mit etwas Übung bist du sogar in der Lage, die verschiedenen Blumen nach ihren spezifischen Duftnoten zu unterscheiden. Du weisst, worauf du achten musst.

Beim Weitersteigen zwischen den Sträuchern blinzelt nun die Sonne ganz knapp über die Gipfel im Osten, ein Schauspiel, das dich im Bann hält. Während die ganze Flanke des Berges im Schatten liegt, flutet das Sonnenlicht einem Baldachin gleich über dich hinweg; doch du selbst stehst im Schatten.

Ein neues Wunder! Auf diese Weise, aus dem Schatten ins Licht blickend, erkennst du plötzlich die unzähligen Insekten, kleine und grosse. Doch nur in den Strahlen der Sonne siehst du sie schimmern - sobald sie in den Schatten eintauchen, werden sie unsichtbar. Wie ausgelöscht.

Mittlerweile steigt die Sonne höher und streichelt die Sträucher und höheren Gräser. Da glitzern die Tautropfen, die diamantenen Spinnwe- ben, wie sie nur der Frühaufsteher in dieser Reinheit, dieser zauberhaften, zu sehen bekommt.

Auf einem grösseren Stein liegt ein Kissen aus Moos: Steinbrech. Du siehst näher hin und findest gleich mehrere Moose, verschiedene, in unterschiedlichen Grünnuancen, vom tiefdunklen bis zum silbernen Isländisch-Moos. Es fügt sich ein in die bizarre Umwelt, und du selbst fühlst dich einbezogen in das Kräftespiel, das Spiel von Licht und Schatten der Natur, von Farbe und Bewegung, Spannung und Ruhe.

Was für eine Predigt könnte wohl tiefer zu Herzen gehen als dieses Erlebnis der Natur, ohne Sensationen, von denen die heutige Welt so übervoll ist?

Die Monate sind verrauscht. Der Sommer geht fast unmerklich in den Herbst über.

Und für mich ist der Urteilsspruch gefallen: behutsames Gehen -ja. Grössere Wanderungen, Bergsteigen und Skifahren - nein! Nie mehr! Nie !!

Es würgt in der Kehle, will in die Augen steigen...

Wirklich? Ist es denn tatsächlich wahr?

Diese Leere!

Nein

Und die Blumen des Bergfrühlings — die Gemsen - die Frische des Lufthauches - der Atem der FreiheitNie? Nie mehr?

In der Ecke stehen die Krücken. Stahlrohr. Verchromt. Meine Hände sind hart und zangenartig geworden. Ich gehe sicher mit diesen Dingern. Sehr sicher.

Nass zieht eine Spur über meine Wange. Aus.Fertig. Ach was, nichts da! Durch das Fenster sehe ich die Berge, die Weiden, Felsen und Grate. Es ist noch alles da. Alles!

Nur...

Aber es lebt - es lebt noch in meiner Erinnerung. Und ich kann es hervorrufen, wann immer ich will... immer!

Die Brust hebt sich unter einem tiefen Atemzug.

So lebt denn wohl!

Und Ihr, die Ihr an den Wochenenden hinauszieht in die gewaltige Bergwelt, nehmt meinen stillen Gruss mit hinauf in die Höhe, zu all den sonnendurchwirkten steinigen Plätzchen dort oben, die mir so viel geschenkt und bedeutet haben... so viel, dass es reicht zum Erinnern für ein ganzes Leben!

Ohne Neid hebe ich den Blick zu den schimmernden Gipfeln, zum dunkelnden Himmel, vor dem sich die Felsgrate hart und zackig und doch schon verschwimmend abheben. Es war eine schöne Zeit, mit und bei euch.

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