Gedanken um den Mont Blanc

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Von Carl Schmachtonberg ( Neuss-Düsseldorf )

Af it 1 Bild ( 20 ) Nirgends in den Alpen fand ich in solcher Schönheit das Grün der tiefeingeschnittenen Täler, das Weiss der endlosen Gletscherfelder, das Blau des südlichen Himmels wie in den savoyischen Alpen, dem Reiche des Mont Blanc. Dies ist ein Dreiklang, wie er in solch überirdischer Vollkommenheit wohl selten erklingt 1 Jeden Bergsteiger und Wanderer, jeden Freund erhabener Grosse in der Natur, der einmal dort weilte, wird es mit unwiderstehlicher Gewalt immer wieder dorthin ziehen.

Dem Neuling scheinen die unzähligen Spitzen Hochsavoyens, deren Mehrzahl ihre Namen mit dem Zusatz « Aiguilles » — Nadeln — treffend kennzeichnet, regellos in den Himmel zu streben. Dennoch ist dies wohl die Berggruppe in den gesamten Westalpen, deren Aufbau und Gliederung sich am regelmässigsten darstellt. Nach Norden mählich, nach Süden jäh abfallend, weist sie dort die grössten Gletscherfelder, hier die steilsten und wildesten Grate auf. Dem Hauptmassiv des Mont Blanc, der mit seinen beiden Trabanten Mont Maudit und Mont Blanc du Tacul eine feste Einheit bildet, ist westlich die Gruppe der Aiguille de Trélatête vorgelagert. Nach der Einsattelung am Col du Géant schliesst sich östlich das Massiv der Grandes Jorasses an. Die Überschreitung seines unvergleichlichen Grates von der Turiner Hütte über Rochefort bis zur Pointe Whymper ist mit Recht eine der genussreichsten Gratwanderungen in den Alpen genannt worden. Das folgende, sich zum bisherigen Verlauf der Gruppe senkrecht stellende Massiv der Aiguille Verte scheint hier die Gruppe zu begrenzen, jedoch schliessen sich jenseits nochmals zwei Bergstöcke, die Aiguille du Tour Noir und das Massiv du Trient, an. Auf der Spitze des Mont Dolent stossen die Grenzen Frankreichs, Italiens und der Schweiz zusammen. Überall steht im Blickpunkt der Mont Blanc, ganz gleich, ob wir ihn von Westen oder von Osten von einem seiner nachbarlichen Gipfel betrachten. Er ist der unumschränkte Herrscher in dieser Bergwelt, ein wahrer « Monarch », wie ihn die Franzosen allenthalben, besonders aber die Bewohner des Tales von Chamonix seit jeher nennen.

Von keinem Punkt jedoch ausserhalb der Mont-Blanc-Gruppe hat man einen solch eindrucksvollen und zugleich übersichtlichen Einblick in diese wie vom Gipfel des Grand Combin. Wir standen dort droben in der Frühe eines klaren Sommertages und schauten hinüber zu diesem grössten Wunder der Berge.Von dieser Stunde Hess uns die Sehnsucht nicht los, seine Täler zu durchstreifen, seine Grate zu erklettern und auf seinen Höhen zu wandern.

Ein Jahr später standen wir zum ersten Male auf dem Gipfel des Mont Blanc. Um Mitternacht waren wir aufgebrochen von der Tête Rousse, hatten beim flackernden Schein der Laternen die Felsen der Aiguille du Goûter erstiegen und erlebten auf dem Dôme das ewig neue Schauspiel des werdenden Tages. Wir gingen an der kleinen Vallothütte vorüber und erreichten über den letzten Steilaufschwung der Bosses du Dromadaire den Gipfel zu so früher Stunde, dass er uns eine lange Zeit allein gehörte. Es war ein Sonntag, und die zahlreichen Karawanen der Führerpartien aus Chamonix, die der Messe wegen erst spät von Grandes Mulets aufgebrochen waren, waren noch weit unter uns. Ameisen gleich sahen wir sie noch viele 100 Meter unter uns auf der weissen Fläche des « Grand Plateau » aufsteigen. Wir verweilten lange auf unserer hohen Warte, immer wieder das Meer von Gipfeln um uns und unter uns betrachtend. Weit voraus im Norden, unter einer Dunstschicht sommerlicher Hitze, liegt der Genfer See und die Stadt Calvins, hinter der am Horizont noch schwach die Umrisse des Schweizer Jura sich abzeichnen. Kein Kreuz ziert den Gipfel, kein Steinmann oder dergleichen; !'GEDANKEN UM DEN MONT BLANC nur daran, dass der schlichte Schneegrat, den wir heraufgekommen sind, sich mählich wieder senkt, merken wir, dass wir auf dem höchsten Punkt Europas angelangt sind! Eine rohe Holzstange, von der der Sturm einmal die Trikolore hinweggefegt haben mag, steckt im Schnee. Empfindliche Kälte herrscht hier oben, und der nimmer nachlassende Wind treibt eine Schneefahne vom Grat weg, die von unten gesehen stets wie eine kleine weisse Wolke aussieht. Erst als die erste Partie von Chamonix heraufkommt, verlassen wir unsern Gipfel. Als wir am frühen Abend die mit einem bunten Völkchen aus aller Herren Länder belebten Strassen Chamonix'mit müden Gliedern durchstreifen, sind immer noch die Fernrohre belagert. « Des personnes sont visibles au Mont Blanc » besagt ein Schild, das dem Besitzer 50 Rp. eintragen und dem Fremden einen Blick auf das Dach Europas gestatten soll. Wir aber wissen ja, wie es droben ausschaut und können uns getrost schlafen legen. Die beiden Bergsteigerorte Chamonix und Courmayeur, im Norden und im Süden unmittelbar zu Füssen des Weissen Berges gelegen, sind von ebenso gegensätzlicher Art wie seine Flanken hüben und drüben. Hier der mondäne französische Fremdenort mit riesigen Hotelkästen, das « Paris des Alpes », dort das schlichte italienische Alpendorf mit seinen ineinandergeschachtelten Häusern. Der üppige südliche Blumenschmuck in den Gärten, auf den Baikonen und an den Fenstern auch der ärmlichen Häuser legt ein beredtes Zeugnis ab von Farbenfreudigkeit und Naturverbundenheit der Bewohner. Dem von Italien kommenden Reisenden bietet sich schon vom Zug aus bald hinter Arvier der erste Anblick der Kette des Mont Blanc; wie ein massiertes Säulengefüge, wie Pfeiler, die das blaue Himmelsgewölbe tragen, steht sie vor uns. Es ist ein ähnlich überwältigender Eindruck, wie ihn der erste Anblick des Matterhorns dem Ankömmling in Zermatt vermittelt. Wir erstiegen diesmal den Berg von Süden, von der Gonellahütte aus, die wie ein Adlerhorst auf einem Felssporn oberhalb des wild zerklüfteten Domegletschers liegt. Der Zugang zu ihr führt durch das Val Veni, das Blodig ohne Einschränkung als das schönste Tal der Alpen überhaupt preist. Am Abend vor der Hütte sitzend bietet sich uns ein phantastisches Bild, überreich an Gegensätzen in Farben und Formen des Geschauten. Drüben die jähen Abstürze des Trélatêtemassivs mit den wild herabstürzenden Hängegletschern, die bereits die blauen Schatten der Nacht umspielen. Eine nahezu senkrechte Mauer von 1500 m aus Fels und Eis, ein Wunder der Alpen 1 Tief unter uns der fast ebene, langgestreckte Miagegletscher mit seinem schuttbedeckten Rücken, während vor uns die letzten Strahlen der untergehenden Sonne die höchste Spitze der Alpen vergolden. Wie steile Strebepfeiler ragen Tour-nette- und Brouillardgrat empor. Ein tiefes Blau strahlt vom Himmel, als wir am nächsten Tag in der fünften Morgenstunde unsern Weg fortsetzen. Über eine herabziehende Felsrippe und die steilen obersten Eisfelder des Gletschers erreichen wir bei den « Grauen Nadeln » den Verbindungsgrat von der Aiguille de Bionassay, der genau von Westen nach Osten verlaufend füglich das Rückgrat des ganzen Mont-Blanc-Stockes bildet. Unvermittelt öffnet sich der Blick ins grüne Tal von Chamonix, dessen satte Weideflächen dem nur an Fels und Eis gewohnten Auge wohltun. Wir folgen der scharfen Schneide des Grates, unsere « Eckensteiner » fest einsetzend, und gelangen auf die höchsten Firnfelder, die zum Dôme du Goûter hinaufführen. Während wir seine ebenmässig geformte Firnhaube überschreiten, kommt plötzlich ein äusserst heftiger Wind auf. Er bläst von allen Seiten, nimmt uns den Atem und lässt uns nicht auf dem Gipfel verweilen. Innerhalb weniger Minuten ist alles grau um uns her, dichte Nebelwolken werden vom Sturm herangetrieben und nehmen uns die Sicht bis auf wenige Meter. Kaum noch kann der Vorangehende den Kameraden am Ende des Seils erkennen. Ist es einer der berüchtigten Wetterstürze am Mont Blanc? Mit Hilfe der Bussole und des Höhenmessers suchen wir uns den Weg zum nahen Observatorium Vallot, das auf einer kleinen Felseninsel in einem Meer von Eis liegt. Nur mit grösster Kraftanstrengung können wir die Türe öffnen, die von der Gewalt des Sturmes zugedrückt wird. Die kleine Zufluchtstätte in 4360 m Höhe erweist sich bald als ein zwar primitives, aber dennoch gemütliches Bergsteigerheim. Wir ahnten nicht, als wir es betraten, dass wir dreieinhalb Tage lang die Gefangenen des Berges sein sollten, hier oben in seiner höchsten Flanke. Der Wettersturz, der uns überrascht hatte, machte jeglichen Abstieg ebenso unmöglich wie einen weiteren Aufstieg. Nichts anderes sieht das Auge als das dichte, undurchdringliche Grau der Nebel, die der Sturm heranpeitscht. Er singt sein eintöniges Lied in den Drahtseilen, mit denen das Hüttchen an den Felsen verankert ist. Bald klingt es unsern Ohren schon so vertraut, als gehörte diese Melodie zu unserm Berg, als raunte er uns in ihr sein Geheimnis zu. Plötzlich, am Nachmittag des vierten Tages, reissen die Wolken auseinander, und es zeigt sich uns eine Welt, die nahezu 4000 Meter unter uns liegt: grüne Matten, blaue Wasser, silberne Bachläufe. Am Abend blinken die Lichter von Chamonix zu uns herauf. Und am fünften Tage standen wir auf dem Gipfel des Weissen Berges, den mehr als eine Woche keines Menschen Fuss betreten hatte. Keine der voraufgegangenen Besteigungen hatte uns mit solchem Glücksgefühl erfüllt: wir hatten den Berg erlebt im Brausen des Sturmes und im Schein der strahlenden SonneNicht nur der Mont Blanc selbst vermittelt uns solches Erleben; nicht weniger die einzigartigen Grate, die wir so zahlreich in Hochsavoyen finden; das Wandern über sie gleicht einem schwerelosen Schreiten zwischen Himmel und Erde. Beim Anstieg zum Tacul sahen wir weit unter uns die Wolken, die das Aostatal anfüllten wie Meereswogen eine Bucht. Ihre Brandung zerschellt an den Felsen der Küste, und wie ferne Inseln erheben sich jenseits die Spitzen der Grajischen Alpen: der Gran Paradiso und die schlanke Grivola. Noch gestern sahen wir das silberne Band der Dora Baltea dort unten zwischen grünen Matten in der Sonne schimmernd dahinziehen, heute scheinen wir und die Bewohner jenes Tales zwei verschiedenen Welten anzugehören.

Vom Refuge Durier, der winzigen Hütte im Col de Miage, deren wenige Quadratmeter kaum vier Menschen Raum bieten, gingen wir über den SW-Grat auf die Aiguille de Bionassay. Ihre schlanke Spitze ist kaum ein Gipfel ^^^T "

zu nennen, sie ist weiter nichts als der Punkt, an dem der Grat eine scharfe Wendung macht, um sich dann mählich wieder zu senken, und doch ist sie der westliche Eckpfeiler der Mont-Blanc-Gruppe, 4052 m hoch. Nirgendwo fällt der Unterschied zwischen Hochalpen und Vorbergen so ins Auge wie hier. Ohne Übergang hegen die weitaus niedrigeren Gipfel der französischen Voralpen vor uns, die sich nur bis zu 2500 m erheben und durchwegs nicht vergletschert sind. Schon ein flüchtiger Blick in den Schulatlas, würde uns zeigen, dass dies die Stelle ist, wo die Gesamtalpenkette jenen Bogen nach Osten macht, der ihre vom Mittelmeer aus nördliche Richtung um 90°. verändert. Das imposante Gegenstück zu diesem westlichen Vorposten des Monarchen sind die Grandes Jorasses im Osten, die von allen Seiten unnahbar kühn und steil aufragen und deren finstere Nordwand so lange den Besteigungsversuchen der besten internationalen Bergsteiger trotzte, bis ihr endlich die beiden Deutschen Peters und Maier einen Durchstieg abrangen. Ihr wächten-gekröntes Haupt gehört unzweifelhaft zu den herrlichsten Gipfelgestalten der Alpen.

Berge ersteigen — Berge erleben — ein Weg und dennoch nicht das gleiche Ziel. Zweierlei ist 's, gleichsam wie zwei Pole, und der Bogen von dem einen zum andern kann oft ein ganzes Bergsteigerleben umspannen. Am Beginn steht dieses, die Krönung bedeutet das andere, mögen wjr nun als bescheidene Wanderer in das Reich der Berge einziehen oder als erprobte Kletterer in steiler Nordwand stehen. « Sie gingen mit keinem andern Ziel in die Berge, als die Berge zu fühlen », schrieb ein Schriftsteller, der sicher die Seele eines echten Bergsteigers belauscht hatte. Alles geben die Berge dem, der mit offenen Sinnen und offenem Herzen zu ihnen kommt; sie erschliessen sich uns, wie wir uns ihnen erschliessen, und reich an innerem Erleben kehren wir heim. Dem überheblichen Hagestolz aber, der in ihnen nichts weiter sieht als Turngeräte, an denen er seme Kräfte erprobt, bleibt ihre Schönheit verschlossen, und er kehrt nicht anders zurück als wie er gekommen ist, mag er noch so viele Gipfel und Wände « gemacht » haben, denn Bergsteiger kann man nicht werden, Bergsteiger muss man sein.

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