Gefahren einer alten Liebe

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Von Fritx Salvisberg

( Basel ) Schon zwei Jahre bin ich ihr ferngeblieben. Nun hat sie mich wieder gepackt. Es zieht mich mit allen Fasern meines Herzens zu ihr. Diesen Frühling noch will ich ihr liebes, strahlendes Antlitz bewundern, ihren wärmenden Hauch fühlen, mich in ihren weiten, weissen Mantel einhüllen und alles, alles vergessen.

Ich erinnere mich zwar noch gut, wie unfreundlich sie mich das letzte Mal empfangen und beherbergt hat. Schnöd, frostig, abweisend ist sie gewesen. Die ganze Zeit hielt sie mir ihr Antlitz verborgen. Sie umwob mich mit einem düstergrauen und eiskalten Schleier. Enger und enger zog sie das Tuch, als wolle sie mich für immer darin festhalten. Mit Mühe, Not und List konnte ich mich befreien. Aber vergessen kann ich sie doch nicht. Sie kann eben auch anders sein. Himmlisch schön in ihrer leuchtenden Pracht kann sie sich offenbaren, dass man niederknien möchte. Sie kann sanft und still sein, voll Wärme und Frieden.

Darum auf, die Bretter gewachst! Auf zu meiner alten Liebe Grialetsch!

Sollte sie diesmal wieder ihre schlechte Laune haben, mich ins Verderben führen wollen, will ich gewappnet sein. Ich verstehe doch mit Karte und Kompass umzugehen. Und habe ich nicht eine Skizze der Hüttenroute? Wo ist sie nur, diese Skizze? Na, ich werde sie schon noch finden. Schlimm- stenfalls lässt sie sich auf dem Wege anfertigen, oder ich kann im Hirten-zimmer der Schürlialp übernachten und warten.

Die Skizze blieb zu Hause.

Nach 6 Uhr abends erreiche ich Dürrboden, wo mir talausfahrend Ruedi, der Hüttenwart, begegnet. Noch im Fortfahren ruft er mir nach: « Pass denn uf, Fritz, im Egg obe isch 's dick. » Selbstsicher tönt es zurück: « Heb kei Angscht, Ruedi, i kenn 's, der Kompass han i au u di Spur isch jo do. » — Mein Sack wird auf die Dauer anhänglich. Nur langsam gewinne ich an Höhe, doch hoffe ich in ein bis eineinhalb Stunden die schützende Hütte zu erreichen. Heftig stösst mich hier oben der Sturm in die Seite — und verweht langsam Ruedis Spur. Am grossen Stein vorbei erreiche ich noch die Stange beim Seeboden. Dann ist es Nacht. Es schneit leicht, der Nebel drückt. Es ist still um mich, ganz still. Der Wind verweht weiter Ruedis Spur. Es heisst sich vorsehen. Fürs erste ziehe ich Pullover und Windbluse an und — die Handschuhe aus. An der Lederlasche halte ich die Taschenlampe zwischen den Zähnen fest. Ich kann hantieren. Doch ist dieses Kom-passeinstellen auf meinem Rucksack und im Sturm nicht so einfach. Es nimmt kostbare Zeit in Anspruch. Die Skizze würde jetzt gute Dienste leisten. Die Lasche ist feucht geworden, die Lampe fällt. Im Fallen noch will ich sie haschen — und schon hat der Sturm die Karte in Nacht und Nebel hinausgefegt.

Da stehe ich nun wie der Esel am Berg. Bittere Selbstvorwürfe quälen mich. Meine Selbstsicherheit ist nicht mehr so gross. Ich denke an die, die ich vor nicht allzulanger Zeit verlassen habe. Sie würden sich sicher ängstigen, wenn sie um meine Situation wüssten. Doch den Mut habe ich noch nicht verloren. Hier verr... Nein!

Drei Möglichkeiten stehen mir noch offen. Ich wäge sie ab: Ich kann in meiner eigenen Spur zurück zur Schürlialp. Werde ich aber in der Abfahrt meine Aufstiegsspur nicht sogleich verlieren, jetzt in der Nacht, im dichten Nebel? Meine Lampe durchdringt das graue Düster auf höchstens zwei bis drei Meter. Soll ich abwarten, bis der Nebel sich vielleicht hebt, mich einfach wach halten? Absitzen, einschlafen würde den sichern Tod bedeuten, hier, eine Viertelstunde von der Hütte entfernt. Es gibt nur eine Lösung: die Hütte zu erreichen versuchen. Die Stange steht als Ausgangspunkt fest. Die ungefähre Richtung und Distanz kenne ich. Falls ich in einer gewissen Zeitspanne die nächste Stange nicht erreiche, im Sturm, in Nebel und Dunkelheit als Alleingänger abirre, muss ich in meiner eigenen Spur an diesen Ort zurückkehren und von neuem versuchen. Ich beginne.

Ein, zwei, ungezählte Male verschlingt mich dieses graue, eklige, nasskalte Nichts. Alles erscheint überdimensional. Eine vermeintliche Felspartie enthüllt sich als grosser Stein, eine verwehte Stelle als Schneehang. Wie ist das möglich, frage ich mich. Ich phantasiere doch nicht in Fieberträumen. Meine Sinne sind wohl angespannt, aber ruhig. Meine Lampe entgleitet den eisigen Händen. Ich rutsche über eine kleine Erhöhung, falle. Ja, eine Verstauchung oder gar ein Beinbruch, das wäre geradezu das « Schlussbouquet », so geht es durch mein Hirn. Mir selbst einige Tiernamen, vom

Flechten

Vogelsitzplatz im Riedergrat über dem Aletsohgletscher. 2300 m ü. M. Flanke rechts in NO-Exposi-tion. Gneis Spitze der Gratnadel weiss von Vogeldung, bewachsen mit einigen Strauchpolstern von Ramalina capitata, die mit wenigen andern Flechtenarten am meisten Düngung erträgt. Der helle, scheinbar wie aus Mooskissen zusammengesetzte Gürtel dieser nitrophilen Strauchflechte bildet eine Grenzzone längs der dunkleren, weniger stickstoffliebender Flechtenvegetation. Der dunkle Bartflechtengürtel leitet über zu dem Mosaik der wenig Düngung ertragenden Flechtenbedeckung. Links unten erkennt man zwischen dem Mosaik der Krustenflechten, die hauptsächlich gelb, graugrün, graubraun u. schwärzlich gescheckt sind, einige Nabelflechten ( Umbilicaria decussata ) die als rundliche Blättchen mit runzeliger Oberseite dem Fels aufsitzen.

119 - Photo Ed. Frey, 193S Art. Institut Orell Füssli A.G. Zürich Die Alpon - 1947 - Les Alpes frommen Lamm, dem behornten, milchspendenden Vierbeiner bis zum grauen Distelfresser zulegend, arbeite ich mich hoch. Ich bin heil. Aber vorwärts, nur nicht stehen bleiben, frieren oder gar mutlos werden. Zurück zur Stange. Einen Augenblick muss ich verschnaufen. Ich überlege noch einmal alle Möglichkeiten zu meiner Rettung. Soll ich die Signalpfeife gebrauchen? In der nahen Hütte würden sie mich wohl kaum hören, und ich bin noch zu mutig und stolz, um den Ausweg nicht aus eigener Kraft und Initiative zu finden.

Sachte, ganz sachte legt sich der Schnee auf meine Kleider. Um mich ist dieses graue, nasse, drohende Nichts, das man nicht fassen kann, das überall zurückweicht und mich dennoch verfolgt und schier erdrückt. Eine grosse Stille ist um mich. Wäre ich erschöpft, entkräftet, mutlos, würde sie mich an die Grabesstille gemahnen, an langsames Sterben. Aber ich bin noch nicht so weit! Erneut mache ich mich auf den Weg. Und! Ist nicht Bewegung im Nebelschleier dort drüben, wo die Radünerköpfe sein müssen, dringt nicht das Licht des Mondes durch? 0 doch! Für kurze Zeit, gerade lange genug, um die Wasserscheide zu erreichen, hellt es auf. Ich atme wieder.

Im Silberschein der reinen und sanften Mondnacht grüssen Sarsura, Vadret, die Hütte — meine alte Liebe: Grialetsch.

Das Hüttenthermometer zeigt 21 Grad Kälte, der Zeiger der Hüttenuhr hat die Zahl 11 bereits überschritten. Unmöglich, sag'ich mir.

Anderntags beschaue ich mir den Platz meiner nächtlichen Irrfahrten. Zweimal bin ich auf zwei bis drei Meter an der gesuchten Stange vorbeigegangen.

Ich habe mir fest vorgenommen, das nächste Mal die Routenskizze mitzunehmen.

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