Gefangene des Finsteraarhorns

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G. Vallette, Genf

Ich habe lange gezögert, diesen Bericht zu verfassen. Es handelt sich nämlich im grossen und ganzen um das Geständnis einer Jugendsünde, die wir am Anfang unserer bergsteigerischen Tätigkeit begangen haben. Doch glaube ich, dass wir mit unsern Anfänger-Abenteuern sicher nicht die einzigen sind, so dass ich ruhig davon erzählen darf, und im übrigen hat sich das Erlebnis auf unseren späteren Kletter-Unternehmungen im Hochgebirge immerhin positiv ausgewirkt und unsere Erfahrungen in jeder Hinsicht bereichert. Jedenfalls haben wir damals eine gesalzene Lektion abgekriegt — ganz zu schweigen von dem ausserordentlichen Glück, mit dem wir uns heil und ganz aus der Affäre zogen.

Es war im Jahre 1906, gegen Ende der Sommerferien und einige Wochen vor den Matura-Exa-men am Zürcher Gymnasium. Wir waren unser drei Bergverrückte und hatten uns schon früh der Kletterei verschrieben. Eben hatten wir eine Reihe anspruchsvoller Besteigungen in den Glarner und Bündner Alpen absolviert, Besteigungen, die als schwierig galten, und dies um so mehr, als wir infolge Geldmangels immer ohne Führer waren, was zu jener Zeit gar nicht gern gesehen wurde. Doch hatten wir noch keinen Viertausender gemacht, mit dem wir unsere Tatenliste vor dem Schulbeginn hätten krönen können.

Seit einiger Zeit faszinierte mich aber das Finsteraarhorn I, und es war für mich ein leichtes, meine Freunde für diesen Berg zu begeistern. Wir waren gut ausgerüstet, abgesehen von Haken, Karabinern und anderem t

Es ist schon Nacht geworden, als wir am 31 Juli 1906 mit dem Zug in Meiringen eintreffen, um unverzüglich Richtung Grimselpass aufzubrechen - zu Fuss, natürlich. Wir haben im Sinn, in einer einzigen Etappe die Finsteraarhornhütte ( 3050 m ) anzugehen, nämlich über das Oberaar- 1 Zu jener Zeit war das Finsteraarhorn mit 4275 Metern kotiert; nach den heutigen Messungen sind es 4273,9 Meter, und es ist damit immer noch der höchste « Berner Oberländer ».

Joch ( 3231 m ) und den Rothornsattel ( 3342 m ). Der 30 Kilometer lange Marsch mit all seinen Auf- und Abstiegen beängstigt uns keineswegs, obgleich wir schon auf der Passhöhe gegen den Schlaf ankämpfen müssen. Am frühen Morgen verlassen wir den Grimselweg, um uns dem Tal des Oberaargletschers zuzuwenden.

Eine kurze Rast gilt der Vorbereitung eines üppigen Frühstücks, das uns wirklich not- und wohltut. Aber, oh weh! Der Körper fordert sein Recht, und während wir uns ausruhen, übermannt uns augenblicklich der Schlaf, aus dem wir erst einige Stunden später wieder erwachen. Dieser Zeitverlust nimmt uns jede Hoffnung, die Finsteraarhornhütte noch am gleichen Tag zu erreichen. Wir werden uns darum wohl oder übel mit der Oberaarjochhütte ( 3258 m ) begnügen und den Marsch am nächsten Tag fortsetzen müssen. Bis auf 1800 Meter folgen wir einem schlechtmar-kierten Pfad, der sich da und dort in eher trostlosem Gelände und im Gestrüpp verliert. Heute liegt dieses Gebiet ganz unter dem Grimsel-Stausee.

Wir erreichen die letzte, etwa auf 2250 Meter, am Fusse des Oberaargletschers gelegene Alp. Eine Kuhherde scheint an unserem Erscheinen in dieser verlassenen Gegend schon von weitem Anstoss zu nehmen. Seit Meiringen haben wir denn auch keine Menschenseele angetroffen. So suchen wir auf einem mächtigen Felsen Zuflucht, um unsern Durst zu löschen, sehen uns aber bald von diesen Wiederkäuern umzingelt, und zwar nicht etwa von Kühen, sondern von Stieren, und die begaffen uns unaufhörlich. Es wäre nun Zeit zum Aufbruch; doch was für einen Weg soll man aus dieser Falle nehmen? Aus der Nähe betrachtet, erweisen sich diese Bullen zwar als ganz friedferti-ge Wesen, und mit einigen Klatschern und Fuhr-mannsrufen gelingt es uns, einen Weg zu bahnen, ohne dass wir angegriffen werden. Auf dem Gletscher sehen wir zum erstenmal mehrere Gletschertische, von denen wir die typischsten auf die Platte bannen.

Nachdem wir den Oberaargletscher in seiner ganzen Länge abgeschritten haben, kommen wir am Abend bei der - damals neuen - Oberaarjochhütte an, die in einer Nische des Oberaarhorn ( 3638 m)-Südgrates kauert. Obschon wir keinen Führer haben, empfängt uns der Hüttenwart äusserst freundlich, was uns sehr ermutigt. Doch es dauert nicht lange, da verdirbt die Ankunft einer nicht mehr ganz jungen Engländerin in Begleitung zweier Führer und eines Trägers die ganze Herrlichkeit. Sie erweist sich nämlich als herrschsüchtig und will alles dirigieren. Zu allem Überfluss hat auch sie das Finsteraarhorn auf dem Programm, und unser Seilführer ist ganz und gar nicht begeistert. « Also, in Gesellschaft dieser Dame kommt diese Besteigung gar nicht in Frage », sagt er,«und im übrigen würden wir dabei den Anschein erwecken, wir wollten von ihren Führern profitieren. » Am andern Morgen, so gegen 4 Uhr, verlassen wir die Hütte und geben uns die grösste Mühe, nur ja nicht der Gruppe mit der Engländerin zu folgen, welche sich in Richtung Rothornsattel bewegt, eben auf der Route, die man normalerweise benützt, wenn man zur Finsteraarhornhütte aufsteigen will. Wir schlagen darum südwestlichen Kurs ein, gegen den letzten seitlichen Ausläufer des Hauptgrates, der seinen Höhepunkt im vorletzten grossen Aufschwung dieses Grates - mit etwa 3600 Meter - erreicht. Allein und mit etwas Phantasie betrachtet, ähnelt dieser Seitengrat der Aiguille du Plan, von der Seite des Montonvers aus gesehen.

Nun beginnt unsere Bergfahrt ernst zu werden. Ein mächtiger Bergschrund von unergründlicher Tiefe versperrt uns den Anstieg zum Grat. Während wir längs des Schrundes Ausschau halten, entdecken wir schliesslich eine Schneebrücke, die uns immerhin so fest erscheint, dass wir uns hinü-berwagen. Und das Manöver gelingt fast wider Erwarten gut, zumal wir auch genug Seil besitzen, um uns gegenseitig zu sichern. Das Wetter ist grossartig, die Temperatur angenehm, und vor uns zur Linken erheben sich das Schreckhorn-und das Lauteraarhorn-Massiv, etwas mehr rechts die Gebirgskette, welche mit dem Ober- aarhorn endet. Es ist zu schön hier: wir machen halt und photographieren, während wir gleichzeitig etwas verschnaufen.

Die Sonne steht schon ziemlich hoch, als wir die Kletterei fortsetzen. Die Griffe sind gut, der Fels wird immer steiler, und die Leere unter unsern Füssen wächst, während fallende Steine unheimlich um uns pfeifen oder wir solche lösen, um sichere Griffe zu schaffen. Ein letztes Hindernis in Form einer praktisch grifflosen, eindrücklich«luf-tigen » 60-Meter-Platte wird von unserem Seilersten, der hier seine ganze Meisterschaft an den Tag legen kann, mit Feuereifer überwunden. Endlich erreichen wir den Gipfelgrat, der sich auf der andern Seite als ziemlich abschüssig erweist und ein herrliches Panorama öffnet, das uns bisher verborgen war. Wir wissen nicht, ob wir hier eine Erstbesteigung vollführen, und haben uns auch später nie danach erkundigt.

Vor uns, bis zum Gipfel, ein herrlicher, da und dort durch Gendarmen und andere Aufschwünge gezackter Grat. Im Laufe der Zeit, die wir bis dahin verloren haben, hat die Sonne den Zenit überschritten, und weil wir nicht wissen, was für Schwierigkeiten unser Grat noch bereithält, entschliessen wir uns, die Finsteraarhornhütte, die wir von weitem sehen, aufzusuchen. Kaum sind wir auf der Westseite des Grates einige zehn Meter abgestiegen, da stossen wir auf drei Verwerfungen, die in kleinen Höhlen - bei den Mineralogen als Kristalldrusen bekannt — führen. Diese sind tatsächlich mehr als pickeltief mit mächtigen Kristallen tapeziert. Es gelingt uns selbst auf die Gefahr hin, unsere Pickel zu zerbrechen, nicht, die Kristalle zu lösen. Hier kleben nun Tausende von Franken — und wir verlassen mit leeren Taschen unsere mineralogische Schatzkammer. Ich habe aber das Glück, zufällig etwas weiter unten einen Klotz von mehreren zusammenhängenden Kristallen zu finden, den ich trotz seines erheblichen Gewichtes ( 1,299 kg ) mit aller Vorsicht in meinem Sack verwahre und noch heute besitze.

Das Gelände wird nun immer heikler; wir geraten sogar in Steinschlag und beeilen uns, den Walliser Fiescherfirn zu erreichen, der unter uns glänzt und wo unsere Schwierigkeiten aufhören werden. Am untersten Ende dieses Abstieges, als wir uns bereits in Sicherheit wähnen, stossen wir auf eine senkrechte, mehr als 70 Meter hohe Felsmauer. Weder links noch rechts davon findet sich ein besserer Durchgang, und unser ganz ent-rolltes Seil erreicht mit seinem Ende den rettenden Firn nicht. Es ist absolut unmöglich abzuseilen. So sind wir denn regelrecht gefangen, und unsere einzige Rettung ist der Grat, d.h. wir müssen über den Gipfel ( 4273 m ) und dann auf der Normalroute absteigen - wenn alles klappt. Trotz der Müdigkeit sehen wir uns wegen Steinschlaggefahr gezwungen, wieder bis auf 3700 Meter gegen den Grat hinaufzuklettern. Einige zehn Meter darunter finden wir einen genügend grossen, vor Steinschlag geschützten Absatz, wo wir uns für die Nacht einrichten. Unterdessen ist es dunkel geworden, und wir kochen unser Abendessen. Ganz in der Ferne werden die Lichter in der Finsteraarhornhütte angezündet. Man gibt uns sogar Blink-zeichen mit Laternen. Aus Furcht, man könnte unsere Lampe als Notsignal auffassen, löschen wir diese aus.

Glücklicherweise ist uns die Nacht wohlgesinnt. Tatsächlich haben wir weder Schlafsäcke noch Decken dabei; doch die Luft ist aussergewöhnlich mild, und angeseilt, um jeden Sturz auszuschliessen, schlafen wir sogar gut. Bei Tagesanbruch geht 's wieder weiter. Der Grat, obwohl an gewissen Stellen sehr exponiert, ist relativ leicht, abgesehen von einigen Gendarmen, an deren Fuss man schon schwankt. Gegen Abend erreichen wir endlich den Fuss des Gipfels oder, besser gesagt, den Fuss dessen, was wir für den Gipfel hielten; denn es war erst der Vorgipfel mit 4166 Metern Höhe. Damit haben wir eine grossartige Überschreitung des Südostgrates bei wunderbarem Wetter und mit einer Aussicht auf einen grossen Teil der Alpen von Osten bis Westen gemacht.

Nun befinden wir uns an einer durch zwei Bänder gebildeten Abzweigung: Das linke scheint ungünstiger, das rechte leichter, so dass unser Ge- währsmann das letztere auswählt. Nach einiger Zeit bemerke ich aber mit Beunruhigung, dass es sich direkt gegen den Ostgrat aufrichtet, dessen schlechter Fels und Schwierigkeiten berüchtigt sind. Darum weigere ich mich strikte weiterzugehen und mache meinen Kameraden auf die zu erwartenden Gefahren aufmerksam.

Murrend beschliesst unser Seilführer umzukehren und das linke Band zu benützen, das ihm in der Folge noch schwer zu schaffen machen sollte, besonders an einer gewissen Stelle, von welcher ich später erfuhr, dass es die ziemlich heikle Schlüsselstelle war. Jedenfalls war 's nicht leicht -und damit auch die Laune meines Freundes verdorben, was nachträglich unser Abenteuer noch beeinflussen sollte.

Endlich kommen wir auf dem Vorgipfel an, wo ein an einer Art Eisenstange von zwei Metern Länge - anstelle von Haken - befestigtes Seil herabhängt. Bei diesem Zeitverlust wird es gegen 8 Uhr abends, bis wir den Hauptgipfel erreichen, der noch von der Sonne beleuchtet ist. Ich mache mich sofort auf die Suche nach der Normalroute, die ich auf einem luftigen Grat Richtung Nordwest ausmache. Aber oha! Unser schlechtgelaun-ter Mannschaftsführer macht Opposition, indem er mir vorwirft, ich hätte ihn bei den letzten Passagen schön in den « Binätsch » geführt, und wählt ein sehr steiles, mit Glatteis bedecktes Couloir, das sich direkt vom Gipfel zur Hütte hinabzieht. Es ist Nacht geworden, und wir folgen ihm trotz unserer Bedenken widerstandslos - oder vielmehr, ohne die Kraft aufzubringen, uns ihm zu widersetzen. Nur die Angst, als Feigling zu gelten, hindert mich daran, etwas abzulehnen, was ich als fertigen Blödsinn halte. Doch nach Stunden unsäglicher Schwierigkeiten, in einem Couloir, in das von dem von den Felsen reflektierten Mondlicht kaum ein Schimmer fällt, vollzieht sich das«Wunder ». Unser Anführer verliert trotz seiner Steigeisen den Halt und fällt ins Seil; aber es gelingt mir, obschon ich mich auch in einer heiklen Lage befinde, den « Ruck » seiner go kg ( Rucksack inbegriffen ) aufzufangen. Nun sieht er wenigstens seinen « Schnitzer » ein. Es wäre zwar bestimmt ein Erstdurchstieg geworden - aber wir wären im Jenseits gelandet.

Um dieser elenden Sackgasse zu entfliehen, bleibt uns gar nichts anderes übrig, als zum zweitenmal auf den 4273 Meter hohen Gipfel zu klettern, wo wir gegen 2 Uhr morgens bei wunderbar rötlichem Mondschein, der die ganze Umgebung in fahles Licht taucht, ankommen. Auf uns macht das Ganze einen fast gespenstischen Eindruck und passt gut zu unserer geistigen Verfassung. Wir torkeln buchstäblich auf der Normalroute den Nordwestgrat hinunter, ohne uns überhaupt vor lauter Anstrengung und Ungeduld, dieser Ungewissheit endlich zu entkommen, um die Ausgesetztheit zu kümmern. Tatsächlich haben wir uns auch bei den vielseitigen Schwierigkeiten, die wir im Verlauf der letzten fünfundzwanzig Stunden in den Felsen auf allen Seiten des Finsteraarhorns überwinden mussten, eine Trittsicherheit erworben, die uns selbst überrascht. Ich habe im Jahre 1915 ohne Training diesen ausgesetzten Grat als Seilerster wieder begangen; er schien mir anstrengend und mit heiklen Stellen versehen...

Auf dem Hugisattel ( 4087 m ) treffen wir frische Aufstiegspuren, die uns nun schneller zur kleinen - damals kleinen - Hütte führen, wo wir am frühen Morgen ankommen.

Sie ist leer. Es ist also auch niemand da, der uns mit Lebensmitteln versorgen könnte, und unser bescheidener Rest besteht aus einer Handvoll Griess. Doch vor lauter Freude, endlich von diesem Alptraum befreit zu sein, empfinden wir nicht einmal die Müdigkeit, die sich im Lauf der fast zwanzigstündigen Kletterei innerhalb eines Tages in uns aufgestaut hat; aber dann übermannt uns doch ganz unvermittelt der Schlaf, und —weg sind wir bis 5 Uhr abends.

PS. All jenen, die gerne in der Sonne klettern und in erhabener Höhe eine herrliche, aussergewöhnliche Aussicht geniessen, wüsste ich nichts Besseres zu empfehlen als den Südostgrat des Finsteraarhorns, und zwar den ganzen, vom Rothornsattel ( auch Gemslücke genannt: Brèche des Chamois ) aus. Diese Tour wurde schon einmal von meinem leider verstorbenen Freund Dr.Os-karHug in den « Alpen » beschrieben. Der Aufsatz dürfte vor etwa zwanzig Jahren erschienen sein.

Übersetzung R. Vögeli

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