Gemelli und Badile

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Mit 1 Bild ( 24Von Isidor Brandalise

( Zürich ) Ein Tagebuch Sonntag, 25. August 1947 Schweisstriefend, mit schwerbeladenen Rucksäcken, von Promontogno durch das Bondascatal aufsteigend, erreichen wir ( Konrad Walder, Dominy Sprenger, Edi Baumann, Oskar Kaess und der Schreibende ) am Abend die Sciorahütte.

Bei selten schönem Sonnenuntergang setzen wir uns auf eine Bank vor der Hütte, umgeben von den Kletterbergen des südlichen Bergells. Glutrot leuchten Vorcelette, Cacciabella, Sciora di Fuori, Pioda, Ago, Di Dentro, umringt vom Gemelli, Piz Cengalo, Piz Badile und Piz Torbinascä. Richten wir den Blick talaus, so grüsst uns weit drüben an der Berglehne das einzigartig gelegene Dorf lein Soglio. Das Alpenglühen an den Granittrabanten der Scioragruppe hoch über uns gestaltet sich zu einer unbeschreiblichen Pracht. Die Pfeife rauchend und in glücklicher und friedlicher Stimmung geniessen wir allein hier oben die Schönheit des vergehenden Tages.

Ferienzeit, welch glückliche Zeit!

Allmählich wechseln die Gipfel ins Blassviolette über, kühlere Luft umweht uns, und die Nacht bricht an. Wir begeben uns in die Hütte, wo unser Küchenchef Dominy ein währschaftes Nachtessen zubereitet. Nachdem Hunger und Durst gestillt sind, legen wir uns frühzeitig nieder.

Montag, 26. August 1947 Tagwache um 6 Uhr. Ein Blick zum Fenster hinaus: der Himmel ist klarblau. Nach einem kräftigen Frühstück verlassen wir um 7 Uhr die Hütte. Unser Ziel ist das « Bügeleisen » am Gemelli. Wir folgen einer steil ansteigenden Wegspur, überschreiten einen Moränenrücken und traversieren den Bondogletscher, dort, wo er sich leicht verflacht. Eine kleine Eiszunge überdacht den Bergschrund und vermittelt uns den Einstieg. Ein Sprung darüber, und wir fassen den Granit und klettern, ein kurzes, steiles Wandstück überwindend, zu einem breiten, leicht abschüssigen Plattenband empor, das terrassenartig das gewaltige Bollwerk nahezu umzingelt. Dieser charakteristische Felsgurt, eigentlich der Sockel des Bügeleisens, fusst mitten im Gletscherlabyrinth und reicht links bis zum Bondo- und rechts bis zum Cengalogletscher. Wie ein gewaltiges Schiff auf hoher See tritt der Berg aus seiner eisigen Umklammerung hervor, trotzig kühn, fast unnahbar. Wir folgen dem Plattenband. Nach dem Überschreiten der stumpfen Gratkante, die sich steil hinaufschwingt, zeigt sich eine Karrenbildung, wie man sie wohl selten findet. Ausser einigen engen Rillen weist dieser Granit nur schroffe, glatt in die Tiefe gehende Flanken auf. Wir wechseln unsere Schuhe, und Chueri übernimmt die Führung, kennt doch ausser ihm keiner von uns das Gebiet. Seine Seilgefährten sind Dominy und Edi. Oski und ich spannen zusammen. Wir schaffen uns nun, stark nach links haltend, zur Gratkante empor, überschreiten diese und gehen nordöstlich in Richtung Bondopass, über schmale Felsvorsprünge turnend, weiter. Nach einigen Seillängen gelangen wir auf ein etwa fussbreites Band, wo wir rasten. Senkrecht und schroff hebt sich der granitene, wuchtige Plattenpanzer hoch empor. Wir befinden uns an der Schlüsselstelle und betrachten das kaum zu überwindende Hindernis. Einer, der die Route nicht kennt, weiss jedenfalls weder ein noch aus. Obwohl Chueri diese schwierige Stelle bereits dreimal überwunden hat, muss er sich das weitere Vorgehen erneut überschauen, verlangt doch die Bezwingung eines solchen Durchstiegs feinen Spürsinn, viel Mut und Entschlusskraft. Tritte und Griffe sind fast nur noch supponiert. Ausgesprochene Adhäsionskletterei erfordert den ganzen Einsatz eines routinierten Kletterers. Wir treten aus der Seilschlinge und knüpfen die beiden Seile zusammen. Chueri macht sich bereit und wir übrigen sichern. Über feinste Ritzen und Kerben tastet er sich empor. Gespannt verfolgen wir seine Tritte und Griffe und fühlen und ringen mit ihm. Die anschliessende Traverse von etlichen Metern nach links, gegen den Wandabbruch in Richtung Bondogletscher, verlangt harte Arbeit, ruht doch dabei das ganze Körpergewicht auf den Fingerspitzen und Zehen. Beladen mit Rucksack, genagelten Schuhen und übrigen Utensilien schafft sich Chueri exponiert an einem dünnen, kaum fingerbreiten Risschen, das sich in der Fallirne verliert, zu einer Verdachung empor. Ein kleiner Überhang satt aufeinanderliegender Granitplatten bietet einen etwas zweifelhaften Halt. Die kurze horizontale Traverse nach rechts passiert er im « Untergriff » und gelangt zu einer glattgescheuerten Verschneidung, wo er sich am zweiten Mauerhaken befestigt. Gesichert ruht er hier nach zwei Seillängen Kletterei ein bisschen aus. Nahezu senkrecht steht unser Kamerad hoch in der Fallirne über uns. Wir mit unseren in den Nacken zurückgeworfenen Köpfen vermögen nur noch seinen Hosenboden zu erblicken.

In dieser Stellung ist eine Seilsicherung, d.h. eine Sicherung überhaupt, höchst problematisch, weil es an gutem Standort fehlt. Was nun! Wohl haben wir ein drittes Seil, aber es befindet sich in der Hütte. Glücklicherweise hat Oski eine Reepschnur bei sich, was uns ermöglicht, rasch den Verbindungsfaden zwischen Chueri und uns zu verlängern. Verbissen erkämpft sich Chueri Meter um Meter der steil sich zur Gratkante emporziehenden, im weit ausgeprägten Winkel aufeinanderstossenden Flanken. Hart unter der Gratkante schwenkt er ab. Kaum mag er die Kante erlangen; mit einem gewaltigen letzten Klimmzug schwingt er sich aber hinauf. Bravo! Meisterhaft hat er sich diese äusserst schwierige Kletterstelle erkämpft. Über 70 Meter kletterte er die Seile aus. Nun richtet er sich auf der hoch über uns ins Ätherblau emporragenden Kante auf. Sein ganzer Körper dampft.

Für uns gestaltet sich der Aufstieg leichter. Bis wir aber alle zu unserem Führer aufrücken, dauert es begreiflicherweise ziemlich lange. Jedenfalls atmen wir, am Standort angelangt, erleichtert auf. Wir folgen nun dem Grate, der uns keine weiteren Schwierigkeiten bereitet. Der Blick ist frei nach beiden Seiten. Chueri meint: « Etwas höher als gewöhnlich sind wir da hinaufgeklettert. » In prächtigem Linienwurf schwingt sich der Grat zum Gipfel des Gemelli empor. Vom Cengalogipfel dringen jauchzende Grüsse an unser Ohr, die von Dominy freudig erwidert werden. Es stellte sich nachträglich heraus, dass drei Touristen unseren Aufstieg verfolgt hatten. In einer kleinen Einsattelung setzen wir uns zur Rast nieder und lassen uns von unserm Kameraden Walder die Namen der umliegenden Gipfel nennen. Herrlich schön ist dieses ausgesprochene Klettergebiet, und keiner von uns bereut, sich durchgebissen zu haben!

Hier brechen wir die Tour ab und seilen uns volle 105 Meter auf den Bondogletscher zurück. Ist das eine herrliche, luftige Fahrt! Heil den schroffen Flanken entronnen und versehen mit Steigeisen setzen wir nun unsere Füsse auf den Bondo, durchqueren den Gletscher im oberen Teil und erklimmen den Moränenhügel zur Rechten. Zehn Stunden nach Aufbruch treffen wir wieder in der Sciorahütte ein. Um unseren brennenden Durst zu löschen, giessen wir gierig ganze Kannen Tee in unsere Kehlen.

Fünf Händepaare finden sich zu gegenseitigem Dank für die so gut gelungene Fahrt. Die Feuerprobe ist bestanden, Chueri hat uns am Bügeleisen einer harten Prüfung unterzogen, und das ist gut so.

Dienstag, 27. August 1947, Ruhetag Edi Baumanns Steigeisen sausten tags zuvor an der Schlüsselstelle des Bügeleisens nach zweimaligem Aufschlagen klirrend zu Tal. Er hatte sie wohl etwas flüchtig unter seinem Rucksackdeckel befestigt. Wir vermuteten, sie seien irgendwo im Gletscherlabyrinth gelandet, und Edi und ich gingen auf deren Suche. Wir stiegen über den steilen Cengalo-Gletscherabbruch hinauf und steuerten dem Bergschrund zwischen Bügeleisen und Cengalo zu. Stein- und Eisschlag erschwerten unser Vorhaben, mehr als einmal suchten wir Schutz im unterweltartigen Bergschrund. Immer, wenn es ruhiger wurde, stiegen wir weiter empor. Schon glaubte Edi, auf einem Felsabsatz seine Eisen zu sichten, und in Strümpfen kletterte er über eine schroffe, plattige Wandstufe. Seine Bemühungen waren jedoch umsonst. Sehr steile Granitplatten erschwerten ihm den Rückzug. Ich turnte über Eisschlünde und brachte ihm seine Schuhe, die er mit zitternden Beinen dankend entgegennahm. Im Moment, wo Edi bemerkte: « Du, das war eine verdammt schlipfrige Sache », krachte und polterte es erneut. Eine neue Kanonade von Steinschlag donnerte von der Cengalowand herunter. Pfeifend und zischend sausten Steine und Eisgeschosse über das zerborstene Eisdach. Deckung! Prellschüsse zerschmetterten an den schroffen Flanken des Bügeleisens wie Querschläger. Trotzdem wir uns tief unter dem schützenden Eisdach im Bergschrund verkrochen, war die Gefahr für uns nicht gebannt. Der Fallwind wehte einen scharfen Pulvergeruch in unsere Nasen. Eine schwarze, russartige, schmierige Brühe rann durch das wild zerrissene Geklüft. Wir schlichen weg, traten wieder ins Tageslicht. Es war ruhiger geworden.

Als wir aus dem Bergschrund krochen, sass uns der Schreck noch in den Gliedern. Heraus aus diesem Hexenkessel! Mit Steigeisen versehen eilten wir so rasch als möglich über den steilen Eishang. Aus der Gefahrenzone nahmen wir noch ein kleines Bruchstück eines Flugzeuges, das seinerzeit an einem grauen Tag an der Cengalo-Nordostwand zerschellte, mit zur Sciorahütte. Drüben auf dem Moränenhügel warteten besorgt unsere Kameraden, denn unsere Heimkehr fand reichlich verspätet statt.

Badile über die Nordkante Am Mittwoch, den 28. August 1947, verlassen wir in stockfinsterer Nacht die Sciorahütte. Im Laternengefiacker tanzen fünf dunkle Schatten neben uns her. Wir schreiten hinter der Hütte horizontal zum Moränenhügel hin. Auf dem Grat spüren wir einen feinen Hauch des naheliegenden Gletscherfusses, wir atmen die kühlende Morgenluft ein. Vor uns weitet sich ein gewaltiges Geröll- und Trümmerfeld mit tief eingefressenen Bachläufen. Wir schreiten nur kurz den Moränenhügelgrat ab. Ein Tosen und Brausen dringt an unsere Ohren. Wild schäumende Gewässer schiessen da in tollen Sprüngen über die steil abfallenden Flühe hinaus und dem Val Bondasca zu. Wir traversieren und sind froh, aus dem ungemütlichen Tobel zu sein. Es tagt. Wir löschen die Lichter. Über steile Wildheuplanggen rücken wir einem Felskamm näher, ein kleines Steinmännchen dient als Markierung. Zweieinhalb Stunden von der Sciorahütte entfernt setzen wir unsere Füsse auf den Gratausläufer, der in der Fallirne der Badile-Nordkante verläuft. Wir halten die erste Rast im hochgewachsenen Gras. Auf dem Rücken liegend geniesse ich die köstlichen Minuten. Hellblau lacht der Bergeller Himmel über uns, vereinzelte, ganz schwach schimmernde Sterne sind über dem Cacciabellagipfel noch sichtbar, einige kleine Föhnwolken haben sich gebildet. Die Sonne tut ihr Bestes, und der Tag verspricht schön zu werden. Wir steigen weiter über Grate und betreten ein Plateau, das vom einstigen Gletscher glattgescheuert ist. Eine hohe Wandstufe, welche durch einen Kaminriss erklettert wird, bildet den Auftakt. Über treppenförmig gestufte Felsen gewinnen wir rasch an Höhe. Auf den Bändern liegen verblichene Abseilschlingen, kaputte Finken und Reepschnüre. Wir rücken zur Gratlücke empor und gelangen zum Einstieg. Nach einer Stärkung schlüpfen wir in die Kletterschuhe und seilen uns an. Chueri übernimmt wieder die Führung. Wir folgen kurz der Kante, verlassen sie aber bald und biegen links in die Nordostflanke ein. Auf schmalen, jedoch gut begehbaren Bändern wird der erste Turm umgangen. Die steile Plattenwand kann fliessend in gleichmässigem Gehen erklommen werden. Wir erreichen die Lücke ob dem ersten Turm. Vor uns steigt eine gewaltige Platte auf, begrenzt durch den höchsten Turm. Wuchtig, in grandiosem Linienwurf, schwingt sich diese granitene Kante in den Himmel. Eine Fülle von Kletterarbeit steht uns bevor.

Statt der grossen Plattenkante zu folgen, die sich steil vor uns auftürmt, betreten wir in der Nordwestflanke ein sich schmal nach oben verlierendes Felsband. Gleich am Anfang entdecken wir zwei Mauerhaken. Das stellenweise leicht unterbrochene Band läuft steil ansteigend parallel zum markanten Plattenaufschwung. Nach ungefähr 150 Metern reckt sich eine ausgeprägte Felsrippe gegen den Fuss des Grossen Turms. Über diese steile Rippe hoffen wir die Nordkante wieder zu gewinnen. Vorsichtig drängen wir uns auf dem Band hinauf, Chueri hat die Rippe bereits erreicht, wo das Band endet. Er gibt uns zu verstehen, dass die steil gegen den Turm ragende Felsrippe wegen der vorhandenen glatten Plattenflucht nicht bestiegen werden könne. Er versucht den Aufstieg mehr rechts und verschwindet aus unserm Blickfeld. Seine beiden Seilgefährten sind an Mauerhaken und Karabinern gesichert. Oski und ich stehen weiter zurück. Unter uns gähnt eine schauerliche Tiefe. Einige Wölklein huschen hoch über die Kante. Lange warten wir untätig. Es fällt kein einziges Wort. Verdächtig langsam läuft das Seil durch den Karabiner zwischen Dominy und Chueri. Es werden Hammerschläge vernehmbar. Ein Karabiner wird eingeklinkt. Das Seil läuft allmählich rascher. « Jetzt gaht 's en Rutsch », ertönt es freudig von Dominy und endlich der Ruf: « Nachoh! » Das ist die willkommene Erlösung aus unserer nicht beneidenswerten Lage. Mit viel Mühe und Anstrengung gelingt schliesslich der « Alpaufzug ». Die Art, wie Chueri dieses Nordwestflanken -Wandstück gemeistert, verdient unsere volle Bewunderung. Ganz im stillen hoffen wir, es möchten keine solchen Stellen mehr folgen, und unser Kamerad versichert uns, dass derartige Dinge sich nicht wiederholen werden.

Wir hatten uns durch die Mauerhaken abdrängen lassen und kostbare Zeit verloren. Die günstigere Route liegt höher. Wir befinden uns nun auf der richtigen Aufstiegsroute. Es folgt eine sehr steile Verschneidung, und nach Überwindung eines kleinen Überhanges schaffen wir uns durch ein Rinnensystem, einen kaum fingerbreiten Riss benützend, aufwärts. Eine Seillänge ( 30 Meter ) sehr anstrengender Kletterarbeit. Bei der Ausmündung gibt ein kleiner abgesprengter Felszacken eine gute Sicherungsmöglichkeit. Dieses recht anregende Wegstück kann zum Schönsten des ganzen Aufstieges gezählt werden. Der Turm, welcher von unten gesehen so gross schien, ist nun verschwindend klein geworden und erscheint uns, jetzt wo wir auf der kleinen Scharte darüber stehen, als unbedeutender Zacken. Wir halten kurze Rast und sind froh, das Gröbste hinter uns zu haben. Zu unseren Füssen öffnet sich kraterartig ein Kamin mit verklemmten Felsbrocken, die den Erstbesteigern der Badile-Nordkante ( Walter Risch und Alfred Zürcher ) über das Schwierigste hinweghalfen. Darunter liegt das teilweise unterbrochene Band, welches den Zugang zur Nordostwand bildet. Glutrot geht am Horizont die Sonne unter, ihre letzten Strahlen lodern golden am Cengalo- gipfel. Wir müssen uns beeilen. Die Gratkante lehnt sich merklich zurück, wird dann aber wieder schärfer und verlangt immer mehr Vorsicht. Von oben herab streift uns auf einmal kühle Luft, und ganz unerwartet stecken wir plötzlich im dichtesten Nebeltreiben. Gespensterhaft tauchen hin und wieder ein paar Felsen, Zacken und Türme hoch über uns auf, um im nächsten Moment vom Nebel wieder verschlungen zu werden. Der nicht mehr allzu weit entfernte Gipfel hüllt sich in ein undurchdringliches Grau. Es scheint uns nicht ratsam, den Aufstieg fortzusetzen. Auch zeigt die Uhr bereits 20.15. Die Nacht bricht herein, und die Errichtung eines Biwaks wird zur beschlossenen Sache. Rechts der Kante haben wir ein kleines Plätzchen entdeckt. Kaum vermag uns der « Horst » zu fassen. Mit den Worten: « Vorbeugen ist besser als heilen », treibt Chueri noch einen Mauerhaken in eine Granitritze, und dann umschlingt das Seil die ganze Kameradschaft. Aufs engste aneinandergeschmiegt, finden wir nun genügend Zeit, uns auszuruhen.

Lange schauen wir dem Spiel der Wolken zu. Riesige Wolkentürme streben gegen den Himmel. Andere, rabenschwarze Wolken rollen wie von einer Furie gehetzt daher. Wetterleuchten funkt dazwischen. Obschon uns nicht ganz geheuer zumut ist, finden wir doch Gefallen am gewaltigen Schauspiel der Natur. Langgezogene Nebelschwaden verschleiern das tief unter uns liegende Bondascatal. Aus der Vogelschau verfolgen wir den Kampf der Elemente. Ein Wallen und Wogen, ein stetes Kommen, Werden und Vergehen. Wir werden nicht müde, dem Spiel zuzusehen, und plaudernd und rauchend verkürzen wir uns die Zeit. Es hellt auf. Der Mond steigt über dem Torbinascagipfel auf, und die Grate tauchen in feines Silberlicht. Unsere Stimmung hebt sich. Manch fröhliches Lied erklingt. Gross zieht der Mond an uns vorüber, still, fast andächtig schauen wir in sein Antlitz. « Du, der lacht uns ja aus », meint Oski. Ja wahrhaftig, es sieht fast so aus. Während tief unter uns im Tal ein Lichtlein ums andere erlischt, machen sich bei uns Hunger und Durst bemerkbar. Wir haben auf die Kletterfahrt nur das Notwendigste mitgenommen, wirkt sich doch jedes Pfund auf die Länge als Ballast aus. Wir träumen von Spaghetti, Koteletten und schäumendem Veltliner, begnügen uns aber in Wirklichkeit mit Knäckebrot, Salznüssli, Biskuit, Speck und Schokolade. Alles wird brüderlich geteilt.

Da rollt von Westen her aufs neue eine schwarze, gewaltige Wolkenwand daher. Mond und Sterne verschwinden in stockfinsterer Nacht. Chueri legt seinen rechten Arm über meine Schulter: « I heb mi da es bitzli a dir », kein Wunder, denn eine Handbreite hinter ihm bricht die Wand 900 Meter senkrecht ab! Schwer ist der Kampf gegen den Schlaf. Jeder hängt seinen eigenen Gedanken nach, vor Kälte zittern unsere Körper leise. Nichts unterbricht die unendliche Stille. Plötzlich klatscht eine schwere Hand auf meinem Buckel. « So, hascht usgschnarchlet, du alte Gsell! » Es war Chueris Handschrift! Ich fahre erschrocken auf. Sollte ich inmitten meiner Kameraden eingeschlafen sein? Nun, man kämpft gegen den Schlaf, bis er einen überwältigt. Gut dann, dass das Seil sichert und Kameraden neben einem sind. Staunend gewahren wir den schon längst ersehnten Tagesanbruch, und in uns kehrt neues Leben. Der Sonnenaufgang wird zu einer selten geschauten Pracht. Die ersten Strahlen fallen über das schneegekrönte Gipfelmeer. Es beginnt ein Glitzern und Leuchten um uns her. Eine scharfe Bise pfeift aber über die Kante. Nichts mag uns mehr halten. Einer nach dem anderen erhebt sich, behutsam darauf achtend, dass kein Kamerad den Stand verliert. Um uns zu erwärmen, schwingen wir die Arme. Der Mauerhaken wird entfernt und die Seile geordnet. Wir sind froh, uns fortbewegen zu können.

Aufbruch! Chueri packt#den Fels und verschwindet bald ob unseren Köpfen, sich meistens an der Kante haltend. Kurz darauf tönt es: « Nachkommen, aber Vorsicht! » Der Granit ist mit einer hauchdünnen Eisschicht überzogen, die sich über Nacht zu bilden vermochte. Mit klammen Fingern setzen wir den restlichen Aufstieg fort und erwärmen uns bald an einem senkrechten, 20 Meter hohen Riss. Kaum haben wir unseren Führer erreicht, so steht er schon wieder eine Seillänge über uns. Bereits vermag die Sonne den Fels zu erwärmen, und der Genuss dieser herrlichen Kletterei steigert sich. Unweit der Firstfelsen weichen wir in die Nordostwand aus. Zwei wenig ausgeprägte Rippen kommen von oben herab und verlieren sich in einem glatten Plattenschuss unter uns. Diese Rippen übersteigend, gewinnen wir ein Band, das in wundervoller Traverse nahezu mitten in die Nordostwand hineinführt. Der Gipfelkamm nimmt uns auf, wir turnen über die letzte Klippe, und über gewaltige Granitblöcke erreichen wir das von der Sonne hell beschienene Gipfelsignal.

Viel leichter, als wir es in der Frühe geahnt, sind wir zum Gipfel emporgestiegen. Wir geben uns beim Steinmann freudestrahlend die Hand. Freudentränen steigen mir beinahe empor. In glückseligere Augen habe ich selten geschaut. Achtzehn Stunden nach Aufbruch von der Sciorahütte stehen wir nun endlich auf dem Piz Badile, 3311 m, unserem so lange ersehnten Ziel. Neun Stunden benötigten wir für den Aufstieg, und ebensolange harrten wir im Hochbiwak aus. Jetzt aber breitet sich diese unbeschreiblich schöne Fernsicht vor uns! Das tausendfache Glitzern und Leuchten der von der Sonne beschienenen Gipfel und Firne! Silbern schimmert im dunkeln Grün der Corner See. Ost- und Westalpen präsentieren sich in selten klarer Pracht. Während anderthalb Stunden bewundern wir diese phantastische Rundsicht, die zu den schönsten zählt, die ich je in den Alpen gesehen.

Der Abstieg erfolgt über die kurze, aber landschaftlich sehr schöne Südwand-Route und ist für uns nach den vorangegangenen Anstrengungen eine wahre Erholung. Er führt beim eisernen Kreuz, das sich auf einem Felssporn befindet, vorbei. Zwei Stunden nach Verlassen des Gipfels stehen wir vor der Badilehütte. Der Hüttenwart hat bereits den winterlichen Schutz aufs Kamin gestülpt. Kein Mensch weit und breit. Wir ziehen Schuhe und Strümpfe aus, hängen unsere Hemden an die Sonne und setzen uns auf eine spärliche Grasmatte vor der Hütte. Edis Feldkocher tritt in Funktion. Wir halten ergiebige Rast.

Erst gegen Mittag machen wir uns wieder auf die Beine, ziehen gemächlich des Weges in Richtung Bondopass. Über einen steilen Schutt- und Moränenrücken betreten wir die Firnzunge, die uns, nach Überklettern einiger Felsstufen unweit des Passes, in zweieinhalb Stunden zum Scheitelpunkt bringt. Wir wandern über den Bondogletscher hinab und denken schon an die guten Sachen, welche in den Proviantkörben, die wir vor unserem Weggang drunten in der Sciorahütte an die Decke gehängt haben, auf uns warten. Da ertönt ein lautes Donnern. Am Ago drüben stürzen Felsblöcke zu Tal. Es geht gegen Abend. Nach 26stün-diger Abwesenheit halten wir wohlbehalten Einkehr in der Sciorahütte. Die sinkende Sonne streift den Gipfel des Badile mit ihrem grossen Leuchten. Und Licht ist auch in uns.

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