Glückliche Ferientage im stillen Münstertal

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Von Adolf Däster

( Aarau ) Zu den landschaftlich entzückendsten Talschaften Graubündens gehört unstreitig das jenseits der sogenannten « Grossen Heerstrassen » liegende stille Münstertal, das allerdings seit dem Jahre 1922 im bequemen eidgenössischen Postauto von Zernez aus leichter erreichbar ist als ehedem mit der alten Pferdepostkutsche, die bis zur Ortschaft Münster reichlich sieben Stunden beanspruchte. Das zirka fünf Stunden lange, an alten Bauwerken und Kunstwerken reich gesegnete Tal ist von hohen, meistens bewaldeten Bergen, eingeschlossen, die am Piz Sesvenna, Murtaröl und Umbrail über 3000 Meter aufsteigen. Es erhielt seinen Namen von einem aus dem 9. Jahrhundert stammenden Kloster, ursprünglich ein Männerkonvent, heute ein Frauenkloster, St. Johann Baptista; romanisch heisst die anmutige Gegend mit ihren frischgrünen Matten und dunkeln Wäldern Val Müstair.

Es war an einem prächtigen Julimorgen, als ich mit einem kunstliebenden Kameraden von Zernez aus über den Ofenpass, der die Münstertaler mit dem Engadin verbindet, auf der ruhig ansteigenden Alpenstrasse unserm ersten Ziele, Fuorn, 1800 m ü. M., zustrebte. Wir bewunderten bald die finstern Tobel und Schluchten mit ihren Tannen- und Arvenwäldern, dann wieder die hohen Bergspitzen und die tief unten rauschenden Wasser des wilden Spöl-baches. Kein Wunder, dass in früheren Zeiten auch Bären hier eine Heimat hatten! Nach zwei weitern Wegstunden erreichten wir die Ofenpasshöhe, die 2155 m ü. M. schon ganz im Gebiet des Nationalparkes liegt. Hier wird die gesamte Pflanzenwelt ihrer freien natürlichen Entwicklung überlassen; das Holz verfault am Boden, und die Wettertannen und Föhren wuchern schon beinahe wildnisartig! Aus der Ferne grüsste uns der höchste Gipfel der Tiroler Alpen, der majestätische Ortler.

In vielen Windungen und Abkürzungen — neben der Strasse blühen Alpenrosen und Edelweiss — geht 's nun talabwärts ins erste und oberste Dorf des Münstertales, Cierfs, das lieblich am Fusse des Buffalora hingebettet liegt und sich zu einem sommerlichen Aufenthalt sehr gut eignet. Die inmitten des Gottesackers liegende alte evangelische Kirche, die in ihren baulichen Anfängen ins Jahr 1471 zurückreicht, wurde bis anno 1817 von einem eigenen Pfarrer bedient. Seither unterhält die Gemeinde mit Fuldera und Lü den Pfarrer gemeinsam, der in Fuldera seinen Sitz hat. Bekanntlich pastorierte der allzufrüh verstorbene Dichterpfarrer William Wolfensberger diese Pfarrei etliche Jahre. Wunderschön nimmt sich links oben das höchste Dörflein, Lü, 1918 m, mit seinem uralten weissen Kirchlein aus. Wir gelangten bald nach der nächsten Ortschaft, Fuldera, die mit stattlichen und wappengeschmückten alten Häusern, die auf einer grünen Wiese eingebettet, rings vom Wald umsäumt, still und friedlich daliegt. Die hübsch renovierte evangelische Kirche stammt aus dem Jahre 1708.

Durch Wälder und blumige Wiesen pilgerten wir weiter abwärts und erblickten plötzlich nach dem Austritt aus dem Walde die untern Ortschaften Valcava ( uralte Patrizierhäuser ), Santa Maria und Münster.

Im wohlhabenden und ansehnlichen Hauptort der Talschaft, in Santa Maria, am Fusse des Umbrails gelegen, richteten wir unser Absteigequartier ein. Diese schöne, altertümliche Ortschaft ist das bedeutendste Dorf des Münstertales; es ist ein echtes Bündnerdorf, in welches auch die Strasse vom Umbrail-Stilfserjoch her einmündet. Während Cierfs, Lü und Fuldera noch ganz romanisch und evangelisch sind, zählt Santa Maria neben der einheimischen evangelischen Bevölkerung gegen 200 Katholiken. In frühern Zeiten wanderten viele Einwohner nach fremden Ländern aus und verbrachten dann ihre alten Tage als wohlhabende Leute in ihrem Heimatdorfe. Daher kommt es, dass wir unter den Profanbauten mehrere stattliche Herrenhäuser antreffen, so unter anderem das Haus der « Weber », das ehemalige Haus Capol am Dorfausgang gegen Münster, das Haus Perl und das Haus Nolfi. Das sehenswerteste Gebäude indessen ist die urkundlich erstmals um 1167—1170 erwähnte, heute evangelische Dorfkirche. Das jetzige stattliche Gotteshaus geht, mit Ausnahme des hohen romanischen Turmes, auf einen im Jahre 1492 vollendeten Neubau zurück und diente bis zum Jahre 1837 beiden Konfessionen als Simultankirche. Nach dem Tode der letzten katholischen Bürgerin von Santa Maria, der Witwe des Nikolaus von Capol im November 1832, wurde der katholische Messaltar aus der Kirche entfernt und das Gnadenbild feierlich nach dem nahen Kloster Münster überführt. Der Chor der grossen spätgotischen Pfarrkirche enthält ein prächtiges zweijochiges Sterngewölbe; auch über dem Schiff spannt sich ein Netzgewölbe von zwei Jochen. Anlässlich der letzten Renovation der Kirche, im Jahre 1933, wurden verschiedene uralte Wandmalereien abgedeckt und teilweise restauriert. An der äussern nordöstlichen Chorwand ist ein monumentales Christophorusbild aufgemalt. Sehenswert im Innern der Kirche sind ausser den mittelalterlichen Fresken der Abendmahlstisch mit einer schön polierten, mit reichen Intarsien und Malereien versehenen Tischplatte, die Kanzel und mehrere alte Grabdenkmäler.

Noch heute erinnere ich mich des milden Sommerabends vor unserm alten Gasthause, wo von den nahen und weiten Kirchtürmen des Tales die Abendglocken läuteten und ernst und feierlich die Felsgipfel der nahen Berge in die Landschaft hineinragten. Wir genossen die wundersame Stille und die herbe frische Bergluft.

Ein kleiner Abstecher galt noch der letzten Ortschaft des Tales, Münster, mit ihrem ehrwürdigen Frauenkloster, das nach einer alten Legende von Kaiser Karl dem Grossen gestiftet worden sein soll. Das Benediktinerinnenkloster St. Johannes des Täufers wird in einer Urkunde von 1157 zum erstenmal genannt: « Claustrum S. Joannis in monasterio. » Die schöne Klosterkirche verkörpert den Typus der karolingischen Saalkirchen mit ungeteiltem, rechteckigem Schiff und drei im Grundriss hufeisenförmigen Apsiden. Im Innern werden uns karolingische Marmorskulpturen aus dem 8. Jahrhundert gezeigt. Ein Stuckrelief der Taufe Christi, aus der Zeit um 1087, ist beachtenswert, nicht zu vergessen die zum Teil noch guterhaltenen Wandmalereien, um 800 entstanden. Prächtige plastische Figuren zieren den Hochaltar und andere Räumlichkeiten der interessanten Klosteranlage. Der Kirchenschatz birgt ansehnliche alte Monstranzen, Kelche und Rauchfässer. Im Konventgebäude befinden sich einzelne wertvolle, mit geschnitzten Holzdecken und Truhen versehene Räume.

Wenige hundert Meter unterhalb Münster, das zum grössten Teil katholisch ist und von Kapuzinerpatres pastoriert wird, liegt die Tiroler Grenze.

Die Talschaft Münster mit ihren sechs Gemeinden und der romanisch-sprechenden Bevölkerung ist die Heimat vieler hervorragender Männer, so der Reformatoren Phil. Gallicius und Joh. Blasius, des Simon Lemnius, ein Vetter des Gallicius und Freund Phil. Melanchtons, eines Bischofs von Chur, sowie mehrerer Professoren und Rektoren der Bündner Kantonsschule und etlicher geachteter Pfarrer beider Konfessionen.

W. F. Burger :; Alpsee im Lötschental

Den September-«Alpen » ist die Reproduktion des Gemäldes von W.F.Bur-ger: « Alpsee im Lötschental » beigelegt. Wir haben den Künstler gefragt, was ihn bewogen habe, dieses kleine Bergseelein im Bilde festzuhalten. Und da antwortete er uns: « Mein Streifzug galt nicht dem wuchtigen Bietschhorn, auch nicht den bizarren Lonzahörnern oder dem Lötschentaler Breithorn, welche Bergformen mich schon in früheren Jahren zu Skizzen und Farbstudien verführt hatten. Ich wanderte von der Fafleralp aus mit meinem Malzeug zum Guggisee hinauf und blieb bei einem unbenannten Bergseelein liegen, stundenlang gebannt von seinem malerischen Glanz und seiner bezaubernden Stille. Was war da noch lange zu überlegen und zu träumen, wenn daneben Farben und Pinsel warten. » — Wenn man dieses Alpseebild betrachtet, so erkennt man, wie der Künstler im Geschauten vorerst eine Bildform herausschälte, « la mise en page » sich überdachte, die Raumeinteilung suchte und mit einigen scharfen Pinselstrichen das Wesentliche festhielt, um dann in diesem « Gitter » Stück um Stück mit dem Spiel der Farben und Töne auszufüllen. « Während der Arbeit begleitete mich ein inneres Glücksgefühl », sagt Burger, « ob dies nun Musik ist oder sonst ein seelisches Empfinden, das mitklingt, eine Art intensivster Spannung? Immer erfasst mich dieses, bis das Wesentlichste im Bild festgehalten ist. Wenn dann Licht und Zeit und Wetter günstig gelaunt sind, dann kann ein Bild schon im ersten Anlauf so weit fortgeschritten sein, dass nur noch Weniges nachgeholt werden muss. » — Dieses Bild vom Alpsee erzählt uns von solchem Schaffen: « Da erlöschen im stillen, goldenen Abendlicht allmählich die warmen Farben der Alpweide. Die Luft spielt noch mit einem fernen, hellen Wolkenreigen über dem Ferden-Rothorn. Und leise beendet der kleine Bergsee sein Leuchten. » So hat der Maler dieses Bild in der Landschaft geschaut, und so hat er es uns als ein besonderes Kleinod festgehalten, damit auch wir es sehen können und uns daran erfreuen.M. Oe.

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