Greina.

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Flurin Mausen / Bryan Thurston / Hans Weiss / Willy Egli

ein unverdorbenes, grosszügiges Bergland I. DIE GREINALANDSCHAFT AUS MORPHOLOGISCHER SICHT « Welt der Trennung und der Vielfalt », so kann der Wissenschafter die Hochebene Greina inmitten des Alpenbogens in geologisch-morphologi-scher Hinsicht nennen; aber diese Landschaft darf und soll auch und vor allem als noch weitest_ gehend unberührte Gegend von faszinierender Einheitlichkeit angesprochen und gepriesen und vom ausdauernden Wanderer und Bergsteiger als solche erfahren werden. Um sie dem mit dem Bündner Oberland nicht näher Vertrauten geographisch zu situieren: « La Greina » liegt zwischen der Lumnezia und der Val Medel, die sich vom Passo del Lucomagno nach Disentis zieht, zwischen der Val Sumvitg und jenen Tessiner Tälern ( Val Camadra und Val Luzzone ), die sich bei Campo Blenio vereinigen und dem Tessin zusteuern. Der Wanderer erreicht die Greinahoch-ebene von der Lumnezia her ( Vrin als Startort ) über den Pass Diesrut, von Somvix durch die Val Sumvitg oder von Campo Blenio her über den Passo della Greina.

Das Greina-Gebiet ist eine wenig bekannte und bis heute unverdorbene Gebirgslandschaft. Dieser Aspekt kommt in Toni Halters Volksroman « Rosshirt am Greinapass » zum Ausdruck, wenn er schreibt: « Das Bergland zwischen Piz Terri und Piz Vial hat sein Antlitz bewahrt. » Sooft man durch dieses Gelände wandert, wird einem überall ein urnatürliches Bild vor Augen geführt.

Die auf 2200 bis 2360 Meter über Meer gelegene Ebene ist etwa 7 Kilometer lang und erstreckt sich vom Piz Medel nach Osten bis zum Piz Tschietschen und Piz Stgir, wobei das Wasser nach Norden abfliesst. Am Piz Medel herrscht noch in überragender Mächtigkeit das Gotthard- massiv. Aber schon am Pass Diesrut taucht es endgültig unter die Sedimentdecke. Die Berggipfel an beiden Flanken der Ebene stehen bis zu drei Kilometer weit auseinander. Aber die Grate dieser Flanken bilden nicht, wie sonst üblich, die endgültige Wasserscheide. Das Wasser der Greina wird erst in der Ebene ausgehandelt, sozusagen vor den Augen des Wanderers.

Zwischen dem Rhein- und dem Po-Gebiet ist die Greina die nördlichste Wasserscheide der Schweiz. Nur im Tirol am Brenner greift das Pogebiet noch weiter nach Norden. Man nimmt an, dass noch am Ende des Tertiär das Gebiet vom Lukmanierpass bis zum Pass Diesrut durch die Lumnezia entwässert wurde und dass ihre Wassermenge dem Wasser des Vorderrheins bei Ilanz kaum nachstand. Durch diese grossen Wassermengen lassen sich die Breite der Lumnezia mit ihren vielen Hochterrassen und ebenso die grosse Ausbuchtung der Foppa bei Ilanz besser erklären. Die ausgiebigen Niederschläge vom Mittelmeer her, die die Südflanke der Greina erfassen, bewirkten, dass die obertessinischen Bäche durch rückschreitende Erosion einen grossen Teil des Greinawassers nach Süden ableiten konnten. Im Westen, beim Passo della Greina ( Pass Crap ), ist die Grenzbereinigung zwar eingetreten, aber zwei andere Abflüsse, gegen Alpe di Motterascio und Val Sumvitg, haben den Kampf noch nicht entschieden. Für den Zuschauer herrscht zwar Waffenstillstand; doch gerade die eigentliche Waffe ruht nicht: das Wasser. Der Ri di Motterascio müsste nur etwa 75 Meter tiefer graben, und die Bäche der ganzen Greina, vom Pass Crap bis zum Pass Diesrut, würden der Po-Ebene zustreben. An und für sich wäre dies eine legitime Sache, denn die meisten Regenwolken der Greina kommen vom Mittelmeer über die Po-Ebene daher. Der wasserreiche Rein da Sumvitg in der Camonaschlucht ist aber daran, durch rückschreitende Erosion die letzte harte kristalline Schicht des Gotthardmassivs zu durchsägen. Oben, auf dem Plaun la Greina, findet er leichter zu bearbeitendes Material, nämlich vor allem die Triasschichten der gotthardmassivischen Sedimentbedeckung. Einstweilen kann man am Crap la Crusch immer noch die träge Wasserscheide beobachten und mit einem Fusstritt eine entstandene Wasserlache beliebig in die Nordsee oder in das Adriatische Meer leiten.

Die einsame, abgeschiedene Lage der Greinalandschaft ist also das Werk der jüngeren morphologischen Überprägung, der Auflösung durch kräftig erodierende südalpine Gewässer.

Während der Eiszeiten vereinigten sich die Gletscher des Alpenkörpers über die Pässe hinweg zu einem zusammenhängenden Eisstromnetz, das nurmehr die Flur der höchsten Gipfel als Felsinseln freiliess. So lag der ganze Greinaboden einst unter einer mächtigen Decke von Schnee und Eis, die sich in die umgebenden Talschaften ergoss. Der Crap la Crusch öffnet den Blick für diesen Vorgang der Transfluenz, floss doch das Grei-naeis nach Süden ab und erniedrigte die alte Passfurche zum weiten, flachen Sattel, zum Transflu-enzpass. Eine breite Wölbung von wenigen Dezimetern Höhe scheidet heute das Einzugsgebiet des Rheins vom Po-System des Südens. Derartige Eisbewegungen können mit Hilfe von Leitgestei-nen nachgezeichnet werden; in unserem Beispiel bezeugt ein erratischer Block, ein Findling von Augengneis auf dem Crap la Crusch, die Herkunft des Eises aus dem Gotthardgebiet nördlich der Greinasenke. Zahlreiche Spuren der Erosion beweisen das grandiose Werk der Gletscher am Greinapass. Die zackigen Formen der Verwitterung und der Flusserosion wurden zu rundlichen, oftmals gelängten Hügeln umgestaltet, die man als Rundhöcker bezeichnet. Besonders eindrucksvoll sind die Beispiele am Westende des Plaun la Greina, auf der Alpe di Motterascio, vor allem aber die prachtvolle Rundhöckerflur der Gaglianera am Südhang des Piz Vial und des Piz da Stiarls. Sie wird hoch oben gekrönt von den zackigen Gipfelformen des Gotthardmassivs und gestattet es so, bereits im Kartenbild die Höhenlage der glazialen Schliffgrenze abzuschätzen. Als Seltenheit findet man Gletschermühlen auf der Kuppe des Muot la Greina im Nordosten des Hochtales. Diese Strudellöcher sind der Erosion durch grosse Gerolle zuzuschreiben, welche durch Schmelzwasser am Grunde des Gletschers in Rotation versetzt wurden. Gletscher gleichen wohl einerseits bestehende Unebenheiten aus, andererseits aber können sie angedeutete Gelände-merkmale hervorheben. Eine Verflachung im Profil der Gletscherunterlage kann durch verstärkte Erosion zur Mulde vertieft werden. So entstehen die bekannten Karsenken, die gegen unten durch einen markanten Riegel abgeschlossen werden und heute vielfach das Wasser kleiner Bergseen beherbergen. Für diese Art der Gletschertätigkeit sprechen die kleinen Seen in der Val Lavaz, der Lai Encarden, die Seen bei Cresta da Crusch und bei Laiets an der Südflanke dieses Tales. Ein wunderbares Beispiel bietet schliesslich die Mulde des Glatscher dil Terri zwischen Piz Canal, Piz Ner und Pizzo di Guida. Fallen derartige Seewannen der Verlandung anheim, so entstehen ebene Flachmoore, wie sie etwa die Niederungen der Alpe di Motterascio und südlich des Crap la Crusch beherrschen. Naturgemäss treten in unserer Hochgebirgslandschaft die Formen der Gletscherablagerungen gegenüber denjenigen der Gletschererosion eher zurück. Erwähnenswert ist immerhin die auffällige, von einem Mäander des Rein da Sumvitg angeschnittene Moräne am Plaun la Greina. Sie zeichnet verantwortlich für die Ablenkung des Canalbachs nach Westen und für den Knick nach Norden an der Mündung in den Rein da Sumvitg. In seinem unteren Laufab-schnitt hat der Canalbach eine tiefe Rinne in den Westausläufer dieser Moräne gegraben.

Heute haben die Gletscher einen Grossteil ihres alten Reiches preisgegeben. Ihr gegenwärtiger Stand entspricht dem jüngsten Klimaoptimum, das sich seit etwa hundert Jahren in einem allgemeinen Rückzug der Eismassen äussert. In älteren Karten, etwa den Erstausgaben der Siegfriedkarte, fliesst der Glatscher da Lavaz noch als einfacher, ungegliederter Strom in die Val Lavaz. Jetzt endet dieser Gletscher mit einer schmalen, Gletscherschliff ( Rundhöckerflur ) an der Südflanke des Gaglianera Photo Toni Ney, Saarwellingen 2Rauhwackezug ( autochthone Trias ) im Kontakt mit den Liasschiefern am Passo della Greina Photo Toni Ney 3« Geologische Fantasie »; Piz Stgir und Piz £amuor Stich- und Kaltnadelarbeit von Bryan Cyril Thurston und Ubaldo Monico moränenüberzogenen Zunge Hunderte von Metern vom Haupttal entfernt, und das Eisfeld wird in den oberen Partien durch neue Felsauf-schlüsse zerteilt. So wird die Hochgebirgswelt der Greina wieder von den Kräften der Flusserosion beherrscht. Mächtige Schuttfächer überziehen die unteren Steilhänge, und die Stufen am Ausgang des Hochtales werden in engen Schluchten überwunden. Eine besondere Art der Erosion prägt die Flanke der Lungadera gegen die Alpe di Motterascio. Ausgedehnte Teile dieses Hanges fliessen in zungenförmigen Girlanden talwärts. Die im Sommer aufgetaute oberste Bodenschicht gleitet über der gefrorenen Unterlage abwärts. Das sind die Erscheinungen des Bodenfliessens, der Solifluktion ( siehe « Die Alpen » 1970, S. 104: H. Elsasser: Die ungebundene Solifluktion ).

II. DETAIL-GEOLOGIE DES GREINAGEBIETES Was man als Wanderer am Passo della Greina erahnt, eine Welt der Vielfalt und der Trennung, das bestätigt die geologische Untersuchung der Greinalandschaft. Nördlich des Rein da Sumvitg, an der Gaglianera und am Grat vom Piz Medel bis zum Piz Miezdi, herrscht das Gotthardmassiv mit seinen hell anwitternden Orthogneisen. Im Talgrund aber ziehen die Gesteine der autochthonen Trias durch, sehr steilstehend und mit einer Mächtigkeit von ungefähr 200 Metern. Diese Trias lässt sich vereinfacht in drei wesentliche Schichten gliedern. An der Basis liegen geringmächtige, im Bruch hellgraue Quarzite, die durch ihre dunkle Anwitterung auffallen. Darüber folgen kompakte, in Bruch und Anwitterung gelbe Dolomite, vor allem aber Rauhwacke - ein eigenartiges Karbonatgestein mit Kalzit und Dolomit, das durch seine löchrige Anwitterung in die Augen springt. Die Serie der Triasschichten wird schliesslich durch die Quartenschiefer abgeschlossen, grüne oder graue Serizitphyllite mit Zwischenlagen von Quarzit und Dolomit. Bestimmend für das Bild der Landschaft ist die mittlere Trias mit ihren Dolomiten und Rauhwacken.

Umgeben von schmalen Bändern von Quarzit und Quartenschiefern ziehen sie sich von der Scaletta im Westen des Hängetales durch den Piano della Greina und den Plaun la Greina mit seiner Rauhwackenschlucht. Am Muot la Greina streicht die Trias mit deutlichem Südfallen bis fast an den Gipfel hinauf, quert den Rein da Sumvitg in der Gegend der obersten Schlucht und steigt von der Camona durch den Bach gegen den Pass Diesrut auf. Die Triasschichten bilden auch den Sattel der Fuorcla Cotschna und legen sich schliesslich auf dem Gipfel des Piz Tgietschen relativ flach über das Kristallin des Gotthardmassivs. Am Passweg, einen Kilometer östlich des Passo della Greina ( Fig. I ), beherbergt die Quar-tenserie eine kleine Vererzung von Pyrit, Zinkblende, Bleiglanz und Löllingit mit den Begleitmineralien Quarz, Kalzit, Baryt und Fluorit.

Mit dem Anstieg des Geländes aus der Greinasenke gegen den Pizzo Coroi - besonders augenfällig am Pass Crap- ist ein scharfer lithologischer Wechsel verbunden. Aus den hellen, vorwiegend karbonatischen Gesteinen der Trias treten wir in die dunklen Bündnerschiefer des Lias ein, der die Landschaft südlich der Greina prägt. Dem oberflächlichen Beobachter mögen diese Sedimente eintönig erscheinen, doch enthüllen die geologischen Detailstudien eine verwirrende Fülle, die teilweise auf der primären Ablagerung, teilweise auf der komplizierten Tektonik beruht. In den neuesten geologischen Untersuchungen wird eine Dreiteilung der Liasschichten vorgenommen. Die Ablagerung beginnt mit den sehr mannigfaltigen Gesteinen der Stgir-Serie, deren Basis helle, meist aber bläulichgraue bis schwarze Quarzite bilden. Darüber lagern schwarze Tonschiefer, dunkle Kalkschiefer, rostig anwitternde Quarzite und Sandkalke. Dazu gesellen sich organische Gesteine, wie Lumachellenkalke ( muschelführendes Gestein ) oder fein- bis grobspätige, graue oder schwarze Crinoidcnkalke ( Seelilienstielglieder-Kalk ). Die hangende Inferno-Serie ist litholo-gisch einheitlicher und wird im unteren Teil gekennzeichnet durch eine Wechsellagerung von 4Piz Stgir und Piz Zamuor über Plaun la Greina Stich- und Kaltnadelarbeit von Bryan Cyril Thurston 5Plaun la Greina, vom Pass Diesrut aus gesehen. Im Hintergrund der Pizzo Coroi Stich- und Kaltnadelarbeit von Bryan Cyril Thurston 6Aussicht vom Piz Terri gegen den Piz Alpettas Photo Toni Ney 7Durchbruch der Rein da Sumvitg durch die autochthone Trias ( i km östlich des Passo della Greina ) Photo Toni Ney Profilschnitt: Val Lavaz-Piz Vial-Pizzo Coroi GOTT HARD-MASSIV porphyrischer-G ran it Medelser Protogin Cristallinagranit Quarzporphyr Orthogneis z.T. Injektionsgneis Al bit « Quarz! Amphibotit | Paragneis S

o mmerreiche neise TEKTONISCH GEOLOGISCHE KARTE DES GRE IXAGEBI ETES Zusammengestellt von C. Thurston nach den Originalkartierungen von D. Frey, W. Jung, A. Uhr ( unveröffentlicht ), V. Egli, A. Baumer, R. U. Winterhalter und A. Fehr ( Aus dem Buch « Greina - wildes Bergland » von Bryan Cyril Thurston, Desertina Verlag Disentis, 1973Vere r z ung ( Quarten-Seri » ) O RundhöckerWichtiger tefrtoni«cher T Kontakt = TRIAS/ LIAS V Sackung-Piz da Vrm Gletscher / Firn / Seen SOSTO ZONE / PENNINIKUM vaiQJca GOTTHARDMASSIVISCHE SEDIMENTBEDECKUNGockiMimi/i iu ( Ultra helvetischPENNINIKUM W&a$S Autochthone Trias »triastsche.parautochthonekI cnc-m 7nup i p£:M% Trennzöge in der Peidener SchuppenionePi SOSTO-ZONE Lugnezerschiefer SCOPI-ZQNE: Cofoi-Swit/ Inferno-Serien/ TERRI-ZONE: Inkl.

Guida- /und AIpettas.Schuppenzonen Bündnerschiefer der Aduladecke Kristallin der Aduladecke 5(gir-Ser PEIDENER SCHUPPENZONE Forca-Zone und Pianca-Zone Grenztrias zum Penninikum und Trias im Aligemeinen schwarzen Kalkbänken mit schwarzen Kalkschiefern, gegen oben durch ein Überwiegen von hellgrauen, massigen Kalkbänken mit vielen organischen Komponenten. Das jüngste Glied der gotthardmassivischen Sedimentbedeckung bildet die Coroi-Serie, die sich als eine monotone Abfolge von kalkfreien, aber stark quarzhaltigen Tonschiefern erweist. Besonders in den unteren beiden Serien lassen sich überraschend häufig Fossilien nachweisen, die teilweise sogar die Bestimmung der Gattung oder Art erlauben: Ammoniten, Belemniten, Crinoiden ( Seelilien-stielglieder ), Seeigelstacheln, Muscheln, Schnecken, Foraminiferen und andere. Die Unterscheidung dieser verschiedenen Schichtkomplexe ist für den Laien schwierig. Immerhin lassen sich die dunklen Tonschiefer der Coroi-Serie leicht erkennen, formen sie doch den kontrastreichen Gegenhang der Gaglianera, den Nordhang des Pizzo Coroi und ziehen dann nach Nordosten in den Unterbau des Piz Zamuor und des Piz Stgir hinein ( Fig. 2 ). Verblüffend ist die Tatsache, dass dieses jüngste Glied der gotthardmassivischen Bündnerschiefer an der Greina den Kontakt mit den Gesteinen der Trias bildet. Es liegt demnach keine normale Sedimentabfolge, sondern bereits eine Bewegung in der Form von Decken vor. In Piz Stgir und Piz Zamuor, vom Plaun da Greina aus gesehen. Tektonische Einheiten: i Scopi-Zone; 3 Puzzatscher-Schuppe; 3 Zamuor-Schuppe; 4 Pianca-Schuppe Inach V. Jung, Ed. geol. Helv. Vol. 56/2,1963 ) diesem Parautochthon lassen sich zwei Zonen unterscheiden. Im Norden bildet die breite Scopi-Zone die Gipfel des Pizzo Marumo und des Pizzo Coroi, den Sattel des Crap la Crusch und die unteren Hänge des Piz Zamuor-Piz Stgir-Kammes. Die südliche, sogenannte Peidener-Schuppen-zone ist in sich komplex gebaut, quert die Mulde der Alpe di Motterascio und formt schliesslich die Gipfelpartien des Piz Zamuor und des Piz Stgir ( Fig. 2 ). Gerade dieses letzte Beispiel demonstriert die Trennung der einzelnen Teilschuppen durch helle karbonatische Gesteine der Trias, die gleich wie in der Greinasenke ausgebildet sind.

Der untere Teil der Alpe di Motterascio mit dem Refugio liegt bereits in den Sosto- oder Lug-nezerschiefern, welche auch die Gipfel des Piz Ner, Pizzo di Guida und des Piz Canal aufbauen. Diese oft bräunlich anwitternden, im Bruch bläu-lichgrauen Kalkschiefer werden - wie die dunklen Tonschiefer des Piz Terri - als mesozoische Sedimente penninischer Decken gedeutet. Während die Sosto-Zone bisher nicht weiter gegliedert werden konnte, sind in der Terri-Zone noch tektonische Abgrenzungen festzustellen. Die Güida-Schuppenzone und die Alpettas-Schuppenzone begleiten die eigentlichen, monotonen schwarzen, tonigen Terrischiefer am Nordrand und im Süden ( Fig. I ). Die Schuppenzonen weisen noch mannigfaltige Gesteinsvarietäten auf, wie Brekzien ( Trümmersediment mit eckigen Komponenten ), Lumachellenkalke, Crinoidenkalke sowie die auffallend hellen Gneisquarzitbänder, die vor allem vom Glatscher dil Terri am Fusse des Piz Terri gut zu erkennen sind.

III. KLIMATISCHE VERHÄLTNISSE Die Hochebene Greina besitzt trotz ihren drei Abflüssen keinen bequemen Zugang. Keine Strassen führen zu ihr. Das macht sie unbekannt, einsam, unnahbar. Stundenlang kann man wandern, ohne einen Menschen anzutreffen. Nur am Rand siedeln sich die Hirten im Sommer an, und ausser den steinernen Schutzhütten der Hirten sind keine Gebäude anzutreffen. Pfade beginnen und enden scheinbar ohne Ziel, wenigstens für den fremden Wanderer. Die einzigen Wegweiser sind die Bäche.

Die Greina erhält einen jährlichen Niederschlag von etwa 3000 Millimeter. Das heisst: bei etwa 50 niederschlagsfreien Tagen fallen auf die andern Tage im Durchschnitt io Millimeter. Die Greina liegt nicht nur an der Wetterscheide Nord-Süd; auch durch die östlich und westlich gelegenen Haupttäler des Rheins und der Rhone wehen oft verschiedene Luftmassen und beeinflussen das Mikroklima. Im Kreuzpunkt der vier Windrichtungen hängt die Greina-Hochebene wie ein grosser, länglicher Korb zu diesem Korb-ballspiel, bei welchem die Winde von allen Seiten ihre steigenden, feuchten Luftmassen zu Nebelschwaden und Wolkenballen verdichten und treffsicher in den Korb befördern. Nur wenn alle Spieler ringsum zugleich ruhen, ist die Greina ungetrübt. Aber auch bei jeder kleinen Gelegenheit leuchtet irgendwoher das Sonnenlicht durch die Nebellücken und verzaubert die Greina in immer wechselnden Bildern. Der Beobachter steht still mitten in einem sich lautlos bewegenden Karussell, und die weite Stille bildet den akustischen Hintergrund für das Rauschen und Zirren der Bäche und Winde, zum Flattern der Vögel und zum Läuten der ferne weidenden Schafe. Möge eine solche Landschaft erhalten bleiben!

IV. EINE GREINAWANDERUNG Für diejenigen, die wirklich die Ruhe und Stille der Alpen zu schätzen wissen, ist eine Wanderung über die Greina-Hochebene etwas Einmaliges. Man kann vom Lugnez aus über den Pass Diesrut ( 2428 m ) zum Plaun la Greina gelangen. Wem sich nach dem mühsamen Aufstieg zum Diesrut kurz nach der Passhöhe plötzlich die tiefer liegende Greina-Hochebene mit dem gewundenen und verzweigten Bach eröffnet, der wird den befreienden Ausblick nie vergessen können. Die andere Route führt durch die lange Val Sumvitg, 1 1 dem wasserreichen, rauschenden Wildbach entlang. Der Greina-Bach fliesst, teils mit voller Wucht, teils ganz leicht und Wasserspeier bildend, über riesige, flache Granitplatten! Bei den grossartigen Wasserfällen der Frontscha führt der steile Fussweg über den schmalen Grasgrat des Crest la Greina, hinauf zu der im Jahre 1922 erbauten Terri- oder Greinahütte auf der Carpet la Greina. In einem kleinen, heimeligen Raum wird gegessen, geruht, geschlafen und gekocht! Welch glückliche und freundschaftliche Stunden sind in dieser Stube verbracht worden! Dann führt der Weg zur Lücke ( Punkt 2263 ) mit dem überraschend breiten Ausblick über den Plaun la Greina. Beide beschriebenen Routen führen in erster Linie nach Crap la Crusch, dem Stein mit dem bescheidenen Eisenkreuz.

Von Crap la Crusch zum Passo della Greina schreitet man zunächst über die leicht ansteigende, spärlich bewachsene, mit einzelnen kleinen Granitblöcken übersäte Hochebene. Unser Weg führt über das breite Steinbett des Coroi-bachs, dann zwischen einzelnen hohen Rundhöckern hindurch, vorbei am Rande des tiefen, schluchtartigen Durchbruchs des Somvixer-rheins, der sich hier mitten durch die gelbe Felswüste der Triasschichten einen Weg sucht. An gleicher Stelle fangen Dolomit- und Rauhwacke-bänder an. Man wandert durch eine ganz sonderbare Gebirgswelt, über das helle, brüchige und verwitterte Gestein der autochthonen Trias, welches als gelb-weissliches Band den Weg zum Greinapass weist. Südlich dieser Ader schliessen die eisenschüssigen, schwärzlichen Tonschiefer des Lias an; nördlich befindet sich der gräuliche Granitgneis des Gotthard-Massivs. Hier tritt die dreifache Gliederung von Gestein vortrefflich in Erscheinung. Nach der Passhöhe ( 2362 m ), Passo della Greina oder Pass Crap genannt, bleibt der Weg fast auf konstanter Höhe und durchquert nun den Schieferhang des Pizzo Marumo ( 2790 m ): Rückblickend überschaut man die autochthone Trias, eine grosse, schimmernd weisse Masse im Sonnenlicht. Die Urwüchsigkeit dieser Landschaft hat uns schon längst überwältigt. Wenig tiefer liegt die Quellwiese des Brenno della Greina. Auf ihren spärlichen Weiden erspäht man manchmal eine grosse Schafherde, so, wie einst C. F. Ramuz in seinem Buch « Derborence » geschildert hat: «... ein Schatten von der gleichen Farbe wie das Gestein, wenn die Schafe zur weissen Rasse gehören. ».

Weiter, jetzt aber schon leicht abfallend, über Schneereste, die hier normalerweise bis spät in den Sommer hinein liegen bleiben, führt der Weg, immer mehr der Bruchkante zu, steil über die Scaletta in die Val Camadra hinab. Nach langer Wanderung endet hier die Greina-Hochebene, jäh abstürzend, und der Ausblick öffnet sich gegen Süden.

V. ERHALTET DIE GREINa!

Die Landschaft der Greina gehört zu den noch naturhaften und zusammenhängenden extensiv oder gar nicht genutzten Gegenden unseres Landes. Dieser Umstand sowie die besondere, unverwechselbare Eigenart des Hochlandes Greina begründen seine Schutzwürdigkeit. Hier begegnen sich die feierliche Grösse eines weiten Hochlandes und die Vielgestaltigkeit seiner benachbarten Täler. Sie bilden eine Einheit; aber es ist nicht die Einheit einer vom menschlichen Verstand geprägten Umwelt, sondern die Einheit in der Vielfalt einer naturhaft gewachsenen Ordnung. Während auf den sturmgepeitschten Höhen die anorganische Sphäre von nacktem Gestein und Eis vorherrscht und die Biosphäre nur im spärlichen Zwergstrauch-Tundragürtel, dem hauchdünnen Saum der arktischen Flora des Carex-Elyna-Step-pengürtels und dem scheuen Wild besteht, gedeihen an der Stufenmündung der wild zerklüfteten Val Lavaz Ahorne, und weniger weit als eine Tagreise zu Fuss von der Greinapasshöhe entfernt schmiegen sich die Rebberge der südlichen Val Blenio und des Rheintals an die trockenen und warmen Abhänge. Nur wenige Kilometer trennen die Äcker und Mähwiesen auf den Terrassen der surselvischen Talfurche von den in der Felseinöde sich verlierenden Schafweiden der Greina. Die weichen Konturen des eiszeitlich modellierten Hochlandes grenzen unvermittelt an die jäh abfallenden kristallin geformten Steilstufen und Schluchten. Lautlos oder nur murmelnd sammelt sich das Wasser in den unzähligen Rinnsalen der Hochebene, die sich in tosenden Kaskaden nach Norden und Süden entwässert. Das Wasser ist die Seele dieser Landschaft.

Abgelegenheit und « Ungunst » der Topographie bewahrten bis heute die Greina vor einer touristischen Erschliessung. Die Gefahr einer anderen Nutzung, nämlich des Ausbaus der Wasserkräfte, ist noch vorhanden. Der zum Beispiel auf der Schulkarte Graubündens bereits eingezeichnete grosse Speichersee Greina dürfte zwar einem heute nicht mehr aktuellen Projekt entsprechen, aber auch die Anlage eines Pumpspeicher-werkes zur Erzeugung von Spitzenenergie würde einen tiefgreifenden Eingriff bringen. Die Greina verlöre damit den Charakter ihrer Unberührtheit. Genauso wie ein Berggipfel ohne Luftseilbahn von viel stärkerer Symbolkraft ist als ein Berggipfel mit Luftseilbahn, so wäre auch diese zusammenhängende Gebirgslandschaft in ihrer Erleb-nisstärke allein durch das Vorhandensein von Kraftwerkanlagen stark beeinträchtigt. Aber auch rein äusserlich müssten sich Fassung und Ableitung ihres Wassers zerstörend auf ihre Eigenart auswirken. Die sich trichterförmig nach Norden verengende Hochebene würde durch ein Pumpspeicherbecken überstaut. Die Spiegelschwankungen müssten in diesem wenig geneigten Gelände hässliche Uferränder erzeugen, und das silbrige Adernetz der Bachmäander würde von einem künstlichen und deshalb toten Wasserspiegel zugedeckt. Eine Zufahrtstrasse, Transportseilbahnen und andere Bauinstallationen würden sichtbare Wunden schlagen. Die vom Wechsel der Jahreszeiten bestimmte Wasserführung des Rein da Sumvitg würde durch ein künstliches Regime ersetzt und manches vertraute Landschaftsbild durch den Bau von Hochspan- nungsleitungen beeinträchtigt. Das Bundesgesetz über den Natur- und Heimatschutz fordert den Schutz des Lebensraumes der einheimischen Tier- und Pflanzenwelt und dort, wo das allgemeine Interesse überwiegt, die ungeschmälerte Erhaltung des Landschaftsbildes. Besonderes Gewicht erhält diese Gesetzesbestimmung, weil die von den gesamtschweizerischen Organisationen des Natur- und Heimatschutzes und dem Schweizer Alpen-Club eingesetzte Kommission die Aufnahme der Greina, der Val Lavaz und der benachbarten Gipfelregion mit dem Piz Medel in das Verzeichnis der zu erhaltenden Landschaften und Naturdenkmäler von nationaler Bedeutung vorgesehen hat.

Wir sind uns bewusst, dass diese Forderung nicht auf Kosten der Standortgemeinden durchgesetzt werden kann. Wir haben die Fragwürdigkeit und die Gefahren eines einseitig auf materielle Ziele ausgerichteten Wachstums erkannt. Wir können den Verzicht auf wirtschaftliche Besserstellung zu Gunsten höherer Ziele nicht von der Bevölkerung in denjenigen Gebieten erwarten, die bis heute am wenigsten von diesem Wachstum profitiert hat. Die wirtschaftliche Besserstellung der heute benachteiligten Bevölkerungsteile unseres Landes ist eine berechtigte Forderung. Aber es muss andere Lösungen geben als diejenigen, die bis heute in der Regel zur Schädigung der Umwelt führten und, wie wir mehr ahnen als wissen, auch mit einem Verlust an Innenwelt verbunden sind. So wird die Raumplanung berücksichtigen müssen, dass der Mensch nicht vom Brot allein lebt. Das Opfer des Finanzausgleichs muss aber von der im dichtbesiedelten Flachland ansässigen Bevölkerung erbracht werden, die an der Offenhaltung nicht zu nutzender Erholungsräume interessiert ist.

Für die Landschaft der Greina und der mit ihr landschaftlich ein Ganzes bildenden Nachbargebiete könnte ein solcher Finanzausgleich beispielsweise durch einen Dienstbarkeitsvertrag zwischen den betreffenden Gemeinden und der Eidgenossenschaft verwirklicht werden. Dieser Dienstbarkeitsvertrag würde den Schutz des Gebietes regeln und die Entschädigung der Gemeinden für den Verzicht auf die Einnahmen aus einem allfälligen Ausbau der Wasserkräfte festlegen.

Für die Hoheitsgemeinden Vrin, Somvix und Aquila dürfte dieser Weg interessanter sein als das Warten in Ungewissheit auf Wasserzinsen. Die Einsicht aller beteiligten Träger von Rechten und Pflichten vorausgesetzt, wäre eine solche Lösung wohl verhältnismässig einfach und rasch zu ver- wirklichen, da sich hier im Gegensatz zu anderen Gebieten das Problem des weitgestreuten Privateigentums der landwirtschaftlichen Grenzer-tragsböden und des Brachlandes nicht stellt. Die bisher einzige Nutzung war die Alpwirtschaft. Sie konnte den naturhaften, unberührten Charakter der Greina nie beeinträchtigen; sie gehört im Gegenteil zum vertrauten Bild dieser Landschaft, weshalb es zwar sehr erwünscht, aber nicht zwingend notwendig wäre, diese uralte Bewirtschaftungsart beizubehalten und zu fördern.

Ein so verwirklichter Schutz vom gesamten Greina-Gebiet wäre ein Beispiel und ein Ansporn für die Erhaltung anderer nicht in technischen Formen genutzter Räume in den Alpen und Voralpen, ohne deren Existenz das Gleichgewicht unserer Umwelt und Innenwelt bedroht ist.

Es stellt sich somit die Frage, wie wir diese Gebirgslandschaft werten sollen. Am Beispiel Greina kann der Mensch von neuem ein echtes Verständnis und die Liebe zu den Bergen gewinnen. Auf der Suche nach Ruhe in der Festigkeit der Alpen steht dem Wanderer die Möglichkeit offen, seinen Glauben an der Schönheit zu stärken.

Die Greina-Landschaft ist ein Refugium im hochalpinen Raum und muss als solches geschützt werden vor jeglichem Eingriff, der den unverdorbenen Charakter der Landschaft stören könnte. Ein urmenschliches Bedürfnis, nämlich das nach Ruhe und Frieden, heute vielleicht noch von wenigen Menschen empfunden, wird in der Zukunft vermutlich verstärkt auftreten.

So ist es unerlässlich, dass wir uns mit allen Kräften für die Erhaltung der Greina einsetzen, damit diese wilde Gebirgsgegend von grossartiger Ausstrahlungskraft uns und unsere Nachkommen immer von neuem beleben kann. Allein die vielseitigen Wetterformen mit ihren verschiedenartigen atmosphärischen Stimmungen verleihen der Greina ein ständig neues Gesicht. Mancher Wanderer fragt sich an einer ihm bekannten Stelle dieser Landschaft, ob er denn jemals schon da gewesen sei, er kenne sich kaum noch aus. J. Hubert Walker schreibt etwa: « Hier ist etwas, das von denen, die es gesehen haben, immer wieder mit Dank und Liebe in Erinnerung gehalten wird, etwas Unwandelbares über die Zeiten hinweg, und doch von unendlicher Verschiedenheit, Natürlichkeit und für immer neu, die wahre Grosse der alpinen Landschaft. » Wir glauben an die Kontinuität des Wertes dieser Gebirgswelt über die Zeiten hinweg, auch dann, wenn er in Zukunft eine Wandlung erfährt, denn wir brauchen als Ausgleich zum Alltag unausweichlich solche wilde Einöden. Es will uns scheinen, dass die Greina für die kommende Zeit neue Ausstrahlung gewinnen kann.

Aufivf Der endgültige Schutz der Greina im Sinne des Landschaftsschutzes und der Regionalplanung ist dringend notwendig, denn die Gefahr der Wassernutzung wird neuerdings leider wieder aktuell. Die Freunde der Greinalandschaft sind davon überzeugt, dass dieser unverdorbene Raum in seiner stillen Grosse und vollkommenen Natur-haftigkeit um jeden Preis erhalten werden muss.

Eine Alternative zum Kraftwerkbau soll so bald wie irgend möglich erarbeitet und aufgezeigt werden; damit ein dauernder Schutz der Greina gesichert werden kann, wobei die Interessen der betreffenden Gemeinden unbedingt zu berücksichtigen sind. Dies erfordert dringend die Zusammenarbeit vieler - der Behörden wie der Einzelnen. Helft mit, dieses Ziel zu erreichenbct'4

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