Gross Wellhorn-Südgrat

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Erste Begehung im Aufstieg. Mit Y Bild und 1 Skizze.

Von Reinhold Zurbrügg.

Mit zwei lieben Bergkameraden — Führer Niklaus Kohler aus Meiringen und Franz Schönholzer — sitze ich am 27. Juni 1937 vor der Dossenhütte. Letzte Sonnenstrahlen leuchten durch zarte Nebelschleier, die leicht um die Grate spielen. Drüben über dem Rosenlauigletscher steht das Gross Well- horn; zu ihm hin wandern unsere Blicke, das grosse Erlebnis des Tages zieht an uns vorüber, haben wir doch heute seinem imposanten Südgrat unsern Besuch gemacht. Davon will ich berichten.

Am Vorabend sind wir, ordentlich schwitzend, in der herrlich gelegenen Hütte angelangt. Seltenes Bergsteigerglück — ausser dem Hüttenwart ist niemand anwesend!

Um 230 Uhr kriechen wir aus den Federn. Das Wetter ist unsicher; aber um 4 Uhr machen wir uns doch auf den Weg. Wir steigen direkt über den Grat zum Dossensattel an, so gibt es schon zum Beginn im fahlen Morgengrauen eine anregende Kletterei. Zwei Stunden später werden auf dem Rosenlauigletscher die Rucksäcke « entrümpelt », die Nagelschuhe mit den Kletterfinken vertauscht. Eine halbe Stunde nachher stehen wir im Südsattel am,, vv Grataufschwung; ungeheuer wuchtig, fast senkrecht, steigt er ins Blau des Himmels hinauf. Die paar hin- und herfliegenden Scherzworte lassen die Spannung in uns nicht verschwinden — das Ungewisse und Neue der nächsten Stunden lockt zu mächtig! Unsere Fahrt kann beginnen. Nach drei Seillängen in sehr verwittertem Fels zwingt uns ein Überhang zu einem kitzligen Quergang; zum Glück sind hier die Griffe gut, denn die beiden Säcke auf meinem Rücken ziehen recht vernehmlich ins Leere hinaus. Direkt über die Gratkante steigen wir flink und fröhlich weiter und erreichen den ersten Zahn zwei Stunden nach dem Einstieg. In grossartiger Wucht türmt sich der Grat vor uns auf. Ohne Rast drängen wir vorwärts in abwechslungsreicher Kletterei: Hinauf und hinab, von Absatz zu Absatz, von Turm zu Turml Beim Abstieg vom zweiten Zahn begehe ich ein Kamin, das direkt in die Ostwand mündet. Wunderbar luftig da oben! Zwischen den Beinen hindurch blicke ich auf den tief unten liegenden Gletscher. Franz als zweiter hält mehr links über den Grat. Die grosse Felsplatte, der ich misstraute, hält seinem Körpergewicht nicht stand; polternd schlägt sie ein paarmal auf, um dann ins Leere zu fallen. Der im Seil hangende Franz sucht schleunigst wieder Griff und Tritt zu fassen.

Nun stehen wir am dritten Turm. Hier scheint der Weg zu enden: steile, abweisende Glätte der Kante und der Flanken — ein Riese steht vor uns, das Kernstück des Grates. Aber wir geben uns nicht so leicht geschlagen. Die Zeit erlaubt uns, eine längere Rast einzuschalten; wir futtern und studieren den Weiterweg. « Äs muess gähn », meint Kohler. Das ist das Zeichen zum Aufbruch. Mit meisterhafter Sicherheit steigt er Meter um Meter. Neuerdings versperrt ein Felsdach den Aufstieg. Nun treiben wir dem ungebärdigen Kerl von Zahn einen singenden Haken in den Leib und queren in die Flanke hinaus, bis es möglich ist, den Überhang zu überwinden. Mehr als eine Stunde harter Arbeit hat uns das schwierigste Stück gekostet.

Der vierte und fünfte Turm bieten uns wiederum herzerfreuendes Klettern über die schmale, stellenweise sehr scharfe Kante.

Ein frischer Jauchzer steigt in die Luft — der Grat ist unser! Der Gipfel liegt noch eine halbe Stunde weiter vor uns, wir erreichen ihn um 1230 Uhr. Überglücklich reichen wir uns die Hände, der « Wehrmannskalender » mit seinem köstlichen Inhalt macht die Ehrenrunde.

Es beginnt zu schneien, und die wohlverdiente Gipfelrast findet ein rasches Ende. Der Abstieg über den noch in knietiefem, nassem Schnee liegenden Ostgrat in unsern Kletterschuhen ist eine Sache für sich. Wenn auch die Füsse windelweich gebadet werden, trübt das unsere gute Laune nicht im geringsten, denn ein lange gehegter Wunsch ist heute in Erfüllung gegangen.

Meine Pfeife ist ausgebrannt, die Schatten werden länger und mahnen uns zum Aufbruch.

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