Grosse Leute - nicht gefragt?

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H. U. Hostettler, Arlesheim

Die Hüttenerlebnisse eines Berg wanderers Eigentlich bin ich kein echter Bergsteiger und auch nicht Mitglied eines für alpinistische Belange hochangesehenen Clubs. Meine bisherigen Bergwanderungen führten mich mit Vorliebe auf Gipfel, auf denen die Speisekarte von einer Serviertochter präsentiert wird. Diesen Sommer kam mir die Eingebung - wahrscheinlich unter dem Druck des bevorstehenden 50. Geburtstages -, rechtzeitig etwas touristisch Hochstehenderes zu unternehmen. Im Grunde genommen hatte ich schon lange den Wunsch gehegt, meinen Fuss - und sei es mit letzter Kraft - auf den Gipfel eines Viertausenders zu setzen. Zur Verwirklichung dieses Plans schloss ich mich der geführten Tourenwoche einer Bergsteigerschule an, wohlwis-send, dass dieses Unterfangen mit einigen Strapazen und auch mit Übernachtungen in Berghütten verbunden sein würde. Insbesondere die Abneigung gegen das Letztere hatte mich bis anhin von mehrtägigen Touren abgehalten. Hatte ich doch von Kollegen schon zur Genüge erfahren, dass auf den Hütten kaum ein Auge zu schliessen sei. Selbst wenn einem das Glück beschert ist, nicht auf dem Korridor, einer Bank oder unter dem Tisch schlafen zu müssen, werde man von spät Ankommenden oder früh Aufbrechenden andauernd am Einschlafen gehindert. Es war mir auch bekannt, dass man sich beim Aufenthalt in einer Hütte einschneidenden Vorschriften unterordnen muss, über deren Einhaltung der Hüttenwart mit strengem Auge wacht, sofern er nicht gerade mit dem Verkauf von Getränken beschäftigt ist. Auf all das hatte ich mich innerlich genügend vorbereitet, zudem war ich entschlossen, alle Anschläge an den Wänden zu lesen und zu befolgen.

Meine erste grosse Bergwoche ist nun hinter mir, und es gibt in der Schweiz einige Viertausender, die mit meinen Schuhabdrücken gekennzeichnet sind. Die Erlebnisse dieser Woche waren einmalig und grossartig, doch ist deren Beschreibung nicht der Zweck dieses Artikels. Hingegen habe ich anlässlich der Übernachtungen, denen ich ja mit besonderer Skepsis entgegenblickte, einige unerwartete Erfahrungen gemacht, die ich andern Berggängern, die möglicherweise davon profitieren können, nicht vorenthalten möchte. Obwohl diese Erlebnisse zum Teil mit besonderen Gegebenheiten meiner Person zusammenhängen, darf der nachfolgende Bericht als Beitrag zu einem bisher wenig beachteten Aspekt des Alpinismus betrachtet werden.

Die erste Hütte, in der ich nächtigte, nennen wir sie Hütte A, war jüngeren Erstellungsda- tums und entsprechend gut eingerichtet. Nach der Ankunft galt es in einem geräumigen Vorraum die Bergschuhe gegen ein Paar der in grosser Auswahl vorhandenen Hausschuhe auszutauschen. Da die in dieser Hütte verwendeten Standardpantoffeln am hintern Ende offen waren, konnte ich die Fersen - ich führe die Schuhnummer 47 - etwa 5 cm in die Luft ragen lassen, was den Eindruck der Befreiung von den schweren Bergschuhen zusätzlich verstärkte. Hütte A bleibt mir generell als sehr fussbewusst in guter Erinnerung. So wurde zum Beispiel auch die richtige Orientierung der Wolldecken beim Gebrauch durch international verständliche Fusszeichen an deren einem Ende optimal gewährleistet. Nachdem meine Kameraden am nächsten Morgen behaupteten, ich wäre ein ausdauernder und va-riantenreicher Schnarcher, kann mein Schlaf nicht der schlechteste gewesen sein. Dass nebenbei bemerkt kein Wasser für Wasch-zwecke vorhanden war, habe ich nicht als Mangel empfunden, denn das aus dem nahen Bergschrund dringende Rauschen der Bäche sowie die gute Bergluft vermittelten einen Eindruck von Frische, der den direkten Kontakt mit Wasser als überflüssig erscheinen liess. Dennoch war jedermann erfreut, am nächsten Tag vor Hütte B ein aus einem Rohr in einen Trog fliessendes Rinnsal zu entdecken, das von einigen Gästen zum Zähneputzen und für andere hygienische Zwecke genussvoll benützt wurde. Es handelte sich um Schmelzwasser, das beim 10 Meter weiter oben vorbeiführenden Weg gefasst wurde, wobei die Tretwirkung der Passanten zur Förderung des Schmelzprozesses geschickt ausgenützt wurde. Schwierigkeiten ergaben sich allerdings auf Hütte B mit den Hausschuhen. In diesem Haus wurde ein allseits geschlossenes Modell offeriert, das im Design an Produkte des Eidgenössischen Militärdepartementes er-innerte.Vor allem zeigte es in keiner Richtung auch nur die geringste Neigung zur Anpassung und war für Kompromisse irgendwelcher Art völlig ungeeignet. Nachdem ich die etwa hundert vorhandenen Paare vorerst von Auge begutachtet und einige relativ gross scheinende erfolglos probiert hatte, fand ich mich damit ab, dass man hier Füsse der Nummer 43 als obere Grenze des Normalen und alles Darüberliegende als anatomische Kuriosität betrachtete. Leider war Hütte B für mich auch in bezug auf die Länge der Schlafstellen - ich messe 1,90 Meter - eine Nummer zu klein. Dies machte es notwendig, den Körper in Längsrichtung sehr genau zu positionieren. Da mir die Gewohnheit eigen ist, während der Nacht nach unten zu rutschen, musste ich, unter Ausnützung der vorhandenen 3 Zentimeter Spielraum, etwa alle Viertelstunden den Körper bis zum Anschlag des Scheitels an die Rückwand wieder nach oben schieben. So kamen dennoch alle Körperteile zur gewollten Entspannung.

Fast unüberwindliche Probleme gab es jedoch auf Hütte C, obwohl dort zwei vor dem Haus plätschernde Brunnen einen Hauch von Luxus vermittelten. Bei der Inspektion der Hausschuhe genügte aber ein einziger Blick, um mich von der Hoffnungslosigkeit der Situation zu überzeugen. Leider fehlten zudem im Schlafraum die 3 Zentimeter. Ausgestreckt zu liegen schien nur möglich, wenn ich den Kopf leicht einzog. Obwohl durch diese Haltung - zur Freude meiner Kameraden - meine Neigung zum Schnarchen wahrscheinlich unterbunden worden wäre, suchte ich nach einer andern Lösung. Mittels Wolldecken und überflüssiger Kleidungsstücke, die ich mir zusam-menborgte, gelang es schliesslich, das Fussende des Lagers künstlich aufzustocken, so dass die Beine durch eine Rampe in den freien Raum gelenkt wurden. Was war das für ein schönes Gefühl, so frei und ausgestreckt zu liegen. Nachdem sich der Staub der Wolldecken gelegt hatte und die Atemwege wieder freier wurden, genoss ich den bisher herrlichsten Schlaf in den Bergen.

Diese Tourenwoche war eine einzigartige und reiche Erfahrung. Nicht nur weil es mir gelungen ist, die nötige körperliche Ausdauer und Selbstüberwindung aufzubringen, sondern auch weil ich für das Logieren in Berghütten wichtige Erkenntnisse sammeln konnte. Nachdem ich eingesehen habe, dass auch Grossgewachsene zum Bergsteiger geeignet sind, sofern sie über genügend Erfindungsgabe verfügen, steht der Versöhnung mit dem Hüttenleben eigentlich nichts mehr im Wege. Dieses Ziehen von Hütte zu Hütte ist zudem ziemlich spannend. Unerfüllte Bedürfnisse, die am einen Ort infolge der Besonderheiten der vorhandenen, beziehungsweise nicht vorhandenen Einrichtungen beinahe zur Frustration gesteigert werden, können sich unerwartet am nächsten Tag im Überfluss stillen lassen. Dabei weiss man nie zum voraus, welche Entbehrung oder Erfüllung einen als nächstes erwartet. Deshalb hier noch ein Geheimtip für besondere Geniesser: Auf Hütte B wird man mit Musik geweckt.

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