Hauptstrukturlinien der Schweizer Alpen und ihre geopolitische Bedeutung

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Von Paul Niggli.

I. Aar- und Gotthardmassiv als tektonisch wichtigstes Mittelstück der Schweiz. Mit Fig. 1 als tektonischer Übersichtskarte.

Von der ligurischen Küste bis nach Wien trennt der Alpenbogen Nordwest-von Südosteuropa. Im Westen bildet er heute die Grenze zweier Grossmächte, im Osten ist die Gebirgslandschaft, vom Südfuss abgesehen, zu Österreich zusammengefasst worden; nur in der Mitte hat sich in 600jähriger Entwicklung eine kleine Republik als beständig erwiesen, die gleichzeitig Alpen- und Vorlandstaat ist.

Für die Schweiz ist das Gebirge nicht nur Grenzland, es ist Kernland, es ist aber auch nicht die Heimat kurzweg, es ist nur Teil einer zusammengehörigen Landschaft, deren Dominante. In diesem Mittelstück des alpinen Gebirgsstranges berühren sich verschiedene Kulturkreise und Sprachen, sollten nach der Meinung moderner Geopolitiker geistige und wirtschaftliche Zollmauern verlaufen, lebt jedoch eine Nation, die zu verbinden sucht, was andere trennen.

Längst sind wir gewohnt, Mensch und Natur wieder in den engen Beziehungen zu sehen, die die europäische Geschichte seit der Völkerwanderung beherrschen. Und so fragen wir auch nach den geologischen und den geo-graphisch-morphologischen Voraussetzungen der eidgenössischen Staatenbildung. Es ist das grosse Verdienst der Historiker, insbesondere K. Meyers, die Bedeutung des Gotthardpasses für die Entstehung der Eidgenossenschaft hervorgehoben zu haben; aber nicht nur des Gotthards, denn die Schweiz, so wie sie entstund, ist mehr als irgendein Passtaat; strukturell viel tiefer-greifend ist die Bedingtheit für ihr Wachstum und — vergessen wir das nicht — für die Begrenztheit ihres Wachstums.

Im grossen zerfällt der Alpen bogen in zwei wesentlich verschiedene Teile, die Ostalpen, östlich etwa einer Linie Mailand-St. Gallen, und die Westalpen, westlich davon. Bereits eine hypsometrische, geographisch-physikalische Karte zeigt uns diese Zweiteilung. Die höchsten Erhebungen sind in zwei Teilbögen angeordnet, der eine von Savona über Mercantour-Pelvoux-Gran Paradiso-Mont Blanc-Walliser und Berner Alpen verlaufend, der andere vom Veltlin über Engadiner Berge und Ortler zu den Ötztaler Alpen und Venediger ins Hochalm-Muraunalpengebiet strahlend. Dazwischen vom Finsteraarhorn bis zur Bernina ein tiefdurchtaltes Hochgebirge ohne gewaltige Viertausender, jedoch das Quellgebiet der alpinen Hauptflüsse.

Unzweifelhaft bedeutete es einen wesentlichen Fortschritt, als die geo-logisch-tektonischen Anschauungen, die E. Argand in klassischer Weise für /. Grundgebirge der Tafelländer. Gneis, Granite, Carbon usw. Alte Horste, a = Zentralplateau, b = Vogesen, c = Schwarzwald. Stauende Massen, die Form des Alpenbogens bedingend.

//. Deckgebirge der Tafelländer, meist aus mesozoischen Schichten bestehend. Im Westen: Rhonebecken, im Nordwesten Elsgauer Tafeljura, im Norden Schweizer Tafeljura, übergehend in Schwäbische Alb.

///. Zusammenhängende Tertiärbecken, Mesozoikum, überlagert von Tertiär, in der Hauptsache sogenannte Molasse. Saônebecken, Rhonebecken, Schweizerisches Mittelland, Südbayern.

IV. Mit jungen Alluvionen bedeckte Poebene.

V. Ketten- oder Faltenjura, südlich Genf von den Kalkalpen sich abzweigend.

VI. Grundgebirge ( Gneise, Granite, Schiefer, Einlagerungen ) der Zentralmassive, 1 = Mercantour, 2 = Pelvoux, 3 = Belle Donne, 4 = Mont Blanc, 5 = Aiguilles Rouges, 6 = Gotthard, 7 = Aarmassiv.

VII. Verfaltete Sedimente vom Perm bis Alttertiär des Gebietes der Zentralmassive und des nördlichen Vorlandes. Sogenanntes Autochthon, ferner parautochthone Decken, helvetische Decken.

VIII. Gesamtgebiet der penninischen Decken, gegen den Alpeninnenrand zum Teil in Wurzelzone übergehend. Hier bei den ostalpinen Decken und den Südalpen nicht unterschieden zwischen älteren und jüngeren Gesteinen. T = ungefähres Gebiet der Hauptentwicklung der tiefsten, den Zentralmassiven am nächsten gelegenen, penninischen Decken bis zu ihrer Wurzel.

IX. Gesamtgebiet, in dem oberflächlich Gesteine der ostalpinen Decken oder ihre vermutlichen Wurzelzonen anstehen. Im Nordwesten Chablais und Préalpes Romandes. Im Gebiet des Vierwaldstättersees einzelne « Klippenrelikte ». Als zusammenhängende Masse nur östlich des Rheintales vorprallend. Im Gebiet der Tessiner Seen Zuordnung der Wurzelzone noch unsicher.

X. Rückland der eigentlichen Alpen, eventuell Zwischengebirge des alpin-dinaridischen Gebirgssystems. Zwischen ihnen und den Zentralmassiven oder Horsten als nördlichen Bollwerken kam die Deckenbildung zustande. Die Südalpen sind relativ wenig verfaltet, von nach Norden fallenden Verwerfungen und Flexuren durchzogen. Weiter östlich bei Triest gehen sie in die südwärts überfalteten Dinariden über.

die Westalpen formulierte, auf die Ostalpen übertragen wurden. P. Termier als erstem, später V. Uhlig, L. Kober, H. P. Cornelius, H. Jenny und neuerdings besonders R. Staub kommen in dieser Hinsicht grosse Verdienste zu. Aber es ist nicht von ungefähr, dass auch heute noch bei manchen ostalpinen Geologen Widerstand besteht gegen eine zu starke Betonung westalpiner Analogien. Trotz der einheitlichen Anlage des Alpengebirges als Ganzes bestehen in der Tat tiefgreifende Unterschiede zwischen Ost und West, und es sind, da unser Land im Treffpunkt beider Elemente liegt, gerade diese Differenzen für seine Gestaltung nicht unwesentlich.

Dem Alpengebirge gemeinsam ist der im grossen einseitige Bau, die Bildung gewaltiger Deckfalten und Überschiebungen von Süd nach Nord bzw. vom Innen- gegen den Aussenrand. Im Osten haben nach der Meinung westalpiner Geologen von der Linie Veltlin-Tonalepass-Meran-Gail-Drautal bis an den nördlichen Alpenrand die Deckenüberschiebungen das Grundgebirge mit den natürlich auflagernden Sedimenten vollständig überflutet. Nirgends finden wir an der heutigen Oberfläche an Ort und Stelle ( das heisst autochthon ) gebildete Gesteine. Fast widerstandslos konnten sich über ein grosses Einbruchsgebiet, ein ( in sich selbst unduliertes ) Wellental des Untergrundes, Decke auf Decke türmen. Wohl zweifellos gilt dies unmittelbar östlich des Rheins bis zur Linie München-Brenner-Etsch. Ob weiter im Osten die Terminologie der Westalpen in voller Analogie angewandt werden darf oder ob sich mit dem Ausflachen und Verbreitern des Gebirges neue tektonische Varianten einstellen, die zunächst am besten begrifflich gesondert behandelt werden, ist noch jeder Diskussion offen. Auf alle Fälle ist der Unterschied gegenüber dem westlichen, relativ schmalen Gebirgssegment ein auffälliger.

Mag der Anfang der Hauptgebirgsbildung im Westen ein ähnlicher wie im Abschnitt St. Gallen-Mailand-München-Brenner gewesen sein, mit über-schiebungsartigem Vordringen weitausholender Decken, so änderte sich bald das Bild des Faltungsvorganges.

In weit höherem Masse als im Osten wurde der äussere autochthone Untergrund des entstehenden Deckenlandes von der Bewegung selbst erfasst, an Ort und Stelle hoch emporgestaut oder in nur wenig überliegende Deckfalten geworfen. Es entstand der Aussenbogen der Zentralmassive, von Westen nach Osten: Massif du Mercantour, Massif du Pelvoux, Massif de Belledonne, Massif du Mont Blanc et des Aiguilles Rouges und die helvetischen Aar- und Gotthardmassive. In ihnen finden wir bis auf 4 km über den Meeresspiegel emporgehobene, ursprünglich hier beheimatete Gesteine, die im Osten im ähnlichen Bogensegment von vielleicht 5—10 km mächtigen, weit im Süden wurzelnden Decken überflutet sind. Diese Aufbruchzone bildet eine Art Wall, der den jüngeren Deckenschüben von Süden Widerstand entgegensetzte, der Anlass gab zu starker Zusammenpressung und Rückfaltung der unmittelbar südlich der Massive folgenden, sogenannten unteren und mittleren penninischen Decken, in die sich später die noch weiter aus dem Süden stammenden oberen penninischen Decken einbohrten. Andererseits glitten unter Auspressungen die Sedimentbedeckungen der steilgestellten Zentral- massivzonen, nach Norden sich überfaltend, ab und erzeugten vor den mächtigsten Zentralmassiven, dem Aar- und Gotthardmassiv, die eigenartigen helvetischen Deckfalten, die Albert Heim, M. Lugeon, A. Buxtorf, P. Arbenz, Arnold Heim, J. Oberholzer und viele andere eingehend studiert haben. Im Osten verlaufen auf weniger gegliedertem Untergrund die Überschiebungen an sich viel einfacher, auf weit grössere Entfernungen ausladend, teilweise weiter von Süden kommend ( ostalpine Decken ), weiter nach Norden vordringend. Es mag sein, dass, wie R. Schwimmer glaubt, der Unterschied durch den Verlauf älterer, herzynischer Gebirge bestimmt ist. Im Westen wären diese mehr konform dem heutigen Alpengebirge verlaufen, im Osten quer dazu. So konnten sie im Westen neu belebt werden, im Osten aber wurden sie schräg überfahren und waren mehr ablenkend tätig.

Die Zentralmassivbildung erreicht ihren Höhepunkt im östlichen Teil der Westalpen zwischen den Linien Col du Petit St. Bernard-Genève und Reichenau-Zürich. Nordwestlich dieses Abschnittes vermochte sich jenseits der auf die Zentralmassive folgenden Mulde wenig gestörter junger Sedimente ( der Molasse ) und vor den relativ starr gebliebenen Sockeln des Vorlandes der Sedimentmantel vom Grundgebirge abzuscheren und zum Juragebirge zusammenzufalten. Dadurch wurde das schweizerische Mittelland, das Vorland der eigentlichen Alpen, von Genf bis über Baden hinaus durch waldiges, stark durchtaltes Gebirge, den Faltenjura, gegen die nordwestlichen Tafelländer abgegrenzt. Es verläuft nicht wie im Osten gegen Schwaben, Ammergau, Chiemgau, Oberbayern der Alpenrand in eine weit nach Norden offene ungeschützte Landschaft. Da aber, wo die zwei Hauptströme des Aar- und Gotthardmassives, Rhein und Rhone, in das Mittelland austreten, riegeln die grossen Seen Lac Léman und Bodensee die Verbindung des schweizerischen Alpenvorlandes gegen Südwesten bzw. Nordosten teilweise ab.

Geologisch-strukturell ist der Aufstau des grossen zentralschweizerischen, helvetischen Aar- und Gotthardmassivkomplexes mit seinen Folgeerscheinungen die Voraussetzung für die Bildung und Beständigkeit eines vom Jura über das Alpenvorland in das Hochgebirge reichenden Staates. Zu den bereits erwähnten Folgen kommen noch hinzu: im Westen, im Wallis stauten sich am steil nach Süden fallenden Aarmassivrand die stark angepressten und verschieferten Gesteine der penninischen Decken. In diese tektonische Längslinie erster Ordnung konnte sich ein tiefes Tal, das Tal wie es frühzeitig genannt wurde, einschneiden. Es trennt das autochthone Hochgebirge der Berner Alpen vom Hochgebirge des penninischen Deckenlandes. Der erste mächtige Alpenkamm von Norden her wird nicht zum südlichen Grenzkamm, als wirksamer westlicher Flankenschutz der am Aarmassivnordrand sich bildenden Eidgenossenschaft schiebt sich das inneralpine Längstal Wallis ein, mit seinem leicht zu verteidigenden Westausgang. Im oberen Teil folgt im grossen und ganzen das Rhonetal der steilstehenden, tiefreichenden Schuppenzone zwischen Aar- und Gotthardmassiv selbst, genau wie das Urseren- und Vorderrheintal bis Ilanz in der nordöstlichen Fortsetzung. Dann ist das Rheintal wieder Grenze zwischen autochthonem Faltengebiet und Deckenland. Diese einzigartige markante Längsfurche von Martigny bis Chur war geopolitisch von der allergrössten Bedeutung. Sie schützte die Eidgenossenschaft gegen Süden. Graubünden wurde zum südöstlichen Flankenschutz wie das Wallis zum südwestlichen. Man muss bei der Beurteilung der Geschichte des schweizerischen Staatenwesens nie vergessen, was für eine bedeutende Rolle die ( zunächst zugewandten ) Orte der Drei Bünde und das Wallis spielten. Mindestens so wichtig wie die geradlinigste Nord-Südverbindung Reusstal-Gotthard-Ticino ist die sie kreuzende inneralpine, nach Süden geschützte Längsverbindung Rhonetal-Furka-Urserental-Oberalp-Vorderrheintal, strukturell-geologisch durch die Zentralmassivbildung vorgezeichnet.

Im Westen des helvetischen Zentralmassivkomplexes steigen nach starker Depression neue abschliessende Zentralmassive ( Aiguilles Rouges-Mont Blanc ) empor, und die schmale dazwischen gelegene Depression selbst wurde durch vorprellende Decken, die Prealpes Romandes, überflutet ( H. Schardt, E. Gagnebin, A.J.eannet ) und morphologisch zugedeckt. Im Osten vermochte das von Disentis an gegen Chur wellenförmig absinkende Aar- und Gotthardmassiv immer noch etwas die penninischen und ostalpinen Decken zurückzuhalten und zu stauen. Es entstund die gewaltige Deckenansammlung des Engadins, die nach Südosten einen natürlichen Abschluss bot, wobei wiederum ein tektonisch vorgezeichnetes Hochtal, das Ober- und Unterengadin, den Grenzkamm südöstlich vorschob. Erst ostwärts Chur vermögen die ostalpinen Decken weiter nach Norden vorzudringen, wird die stauende Wirkung der Zentralmassive schwächer. Hier aber bildet auf der kurzen Strecke von Chur bis zum Bodensee der schon mächtiger gewordene Rhein eine natürliche Grenze.

Ein Blick auf die Schweizerkarte zeigt somit zunächst eine gewisse Symmetrie beidseitig der Nordwest-Südost verlaufenden Linie Bellinzona-Luzern. Fast senkrecht darauf steht die Längsachse des Aar- und Gotthardmassives und die ihr parallele Längsfurche Martigny-Chur. Die Querwölbung Luzern-Bellinzona wird westlich von einer stärkeren Kulmination Toce-Brienzersee, östlich von einer schwächeren in der Gegend von Vättis begleitet. Die Aufstauung ist also im Längsverlauf eine etwas unregelmässige mit dem Maximalbetrag zwischen Domodossola-Interlaken und Biasca-Flüelen. Jedoch erst da, wo das beidseitige Absinken ein rasches wird, vermögen Rhone und Rhein die nördliche Alpenscheide zu durchbrechen, folgen die ähnlichen Abschnitte Rhonetal von Martigny bis Lac Léman und Chur bis Bodensee.

Im einzelnen allerdings wird, wie bereits betont, dieser auffällige Anklang an Symmetrie dadurch gestört, dass sich im Westen wellen- und kulissenförmig der Kranz der Zentralmassive fortsetzt, während im Osten das Aar-Gotthardmassiv als mächtigster Aufstaukomplex auch die letzte sichtbare autochthone Aufwölbung darstellt. Diese Einseitigkeit des Alpenbaues von Ost nach West ist nicht minder bemerkenswert als die Einseitigkeit von Süd nach Nord. Und es wird so in Wirklichkeit der schweizerische Zentralmassivkomplex nicht nur zum dominierenden Kernstück für die Entwicklung der Eidgenossenschaft, sondern auch zum Rückgrat des markantesten Seg- mentes des Alpenbogens überhaupt. Der Typus des westalpinen Baues ist in seinem westlichen Hinterland in den Walliser Alpen am deutlichsten ausgeprägt, und südlich des Ostendes enthüllt sich nach R. Staub und H. P. Cornelius in den Engadiner Alpen der Typus der ostalpinen Tektonik in seiner grössten Mannigfaltigkeit. Aar- und Gotthardmassiv verbinden Anfang und Ende zweier ineinander übergehender tektonischer Varianten, jedoch nicht mit ihren schwächlichen Ausläufern, sondern mit sofortigem Einsatz ihrer maximalen Komplikation. So ist es auch kein Zufall, dass Untersuchungen der Gebirge, die sich im Schatten dieses Massives befinden, der Gebirge des Wallis und Graubündens, als wichtigste Ausgangspunkte für das Verständnis des Deckenbaues des gesamten West- und Ostalpenbogens angesehen werden. Und, auf einer ganz anderen Ebene betrachtet, wiederum ist es kein Zufall, dass sich im Gebiet dieses helvetischen Zentralmassivkomplexes und seiner Decken die vier Sprachen- und Kulturkreise der Gesamtalpen berühren. Am Westende, von Siders an abwärts, herrscht heute die provenzalisch-französische Sprache, im nördlichen zentralen Gebiet das Deutsch-Aleman-nische, im südlichen Gotthardmassiv das Lombardisch-Italienische, am Südostende bis Reichenau das Rätoromanische.

Sollte ich drei oder vier Berge nennen, deren Beziehungen zueinander die Hauptzüge der Tektonik der Schweizer Alpen veranschaulichen und deren Verbindungslinien zugleich die Urelemente umschliessen, die zum Wesen der Eidgenossenschaft gehören, dann wären es Urirotstock, Finsteraarhorn, Mont Cervin und Piz Bernina. An der nordwärts gerichteten Spitze des Dreieckes der helvetische Urirotstock und etwas rückwärts das zentralmassivische Finsteraarhorn, im südwestlichen Schatten des Massives das penninische, westalpin gebaute Matterhorn, im Südosten die bereits ostalpine Bernina. Das Dreieck selbst durchschneidet das deutsch-französisch-sprachige Wallis, enthält den oberen Teil der italienischen Schweiz, während der östliche Schenkel durch rätoromanisches und deutsches Sprachgebiet Graubündens führt. Die Höhenlinie des fast gleichschenkligen Dreiecks aber fällt mehr oder weniger mit der Passtrasse zusammen, die den Ländern an der Nordspitze Antrieb war, zusammenzustehen und den Grundstein zu legen zu einem Staat unter dem Schutz des helvetischen Zentralmassivkomplexes, seiner jurassischen Vorfaltenbildung und seiner vom Alpensüdrand trennenden Längsfurche der Rhone- und Rheintäler.

Will aber jemand in zwei Durchquerungen die Schweiz geologisch-geographisch und historisch-politisch verstehen lernen, dann füge er zur Querverbindung Basel-Chiasso die inneralpine Längsverbindung Martigny-Chur mit den Alpendurchbrüchen Martigny-Lausanne und Chur-Romans-horn. Was er hier an geologisch-tektonischer, geographisch-sprachlicher Mannigfaltigkeit, aber auch an gegenseitigen engsten Beziehungen zwischen ihnen erkennen wird, gibt ihm den Glauben an die natürliche Einheit der föderalistischen schweizerischen Nation, an die Notwendigkeit eines die Völker nicht trennenden, sondern freiwillig zusammenfassenden Staates im Mittelstück von Ost- und Westalpen, von nördlichem und südlichem Alpenvorland.

II. Der Querstreifen zwischen Basel-Domodossola und Zurzach- Zürich-Bellinzona.

Mit Fig. 2 als schematischem Profil.

In diesem Querstreifen liegt die im Mittel maximalste Emporstauung des heutigen inneralpinen Grundgebirges im Gegensatz zu den weitest reichenden aktiven Deckenüberflutungen im Westen und besonders im Osten. Von Brunnen bis Bellinzona kann man streng genommen alle durch Reuss- und Tessintal aufgeschlossenen Strukturelemente als autochthon oder nahezu autochthon ( d.h. wenig nach Norden überschoben ) bezeichnen. Erst wo sich, seitwärts, diese Querantiklinale auszuflachen beginnt, die helvetischen Zentralmassive absinken, vermochten weit von Süden kommende Gesteinskomplexe die Depressionen auszufüllen, den Untergrund völlig zu überdecken. Nur im genannten Querstreifen des gesamten Alpenbogens sind die unmittelbar südlich der Zentralmassive oder ihrer Äquivalente gelegenen vergneisten Erdrindenteile völlig freigelegt als untere penninische ( Simplon- und Tessiner- ) Decken. Das zeigt schon die Singularität dieses Alpenquerschnittes. Die frühzeitig im Rücken der Horste des Schwarzwaldes und der Vogesen sich vorzeichnende und vorgebildete Aufwölbung des jetzigen helvetischen Zentralmassivkomplexes mit Absinken nach Ost und West, Nord und Süd ) war die Ursache, dass dieses Alpensegment zum Quellgebiet der drei mächtigsten Flüsse des Mittellandes, Aare, Reuss und Linth, der zwei zentralalpinen Hauptströme Rhone und Rhein und der fast Nord-Süd verlaufenden, dem Po tributären Flüsse Toce und Ticino wurde. In der Fortsetzung des Oberlaufes der drei nordwärts gerichteten Flüsse Aare ( bis gegen Brienzersee ), Reuss ( vom Gotthard bis gegen Vierwaldstättersee ), Linth ( vom Tödi bis Walensee ) finden sich auch grosse Nagelfluhmassen der Molasse, andeutend, dass in ähnlichen Richtungen bereits zur Molassezeit von dem aus dem Meer emportauchenden Alpengebirge Deltas oder auf Festland gelagerte Schuttfächer in die Vortiefe sich ausbreiteten. Die Gerölle aber zeigen, dass damals noch aus dem Süden stammende Decken und zum Teil auch eozäne, leicht verwitterbare Schichten die heutigen nördlichen Alpen bedeckten, die aktive eigentliche Emporstauung des helvetischen Zentralmassives später erfolgte.

Zwischen Basel und der Linie Solothurn-Aarau-Baden setzt sich das Juragebirge aus dem nordwestlich gelegenen Tafeljura und dem südöstlich vorgelagerten Kettenjura zusammen. Der Tafeljura ist die durch Brüche und Verbiegungen zerstückelte, von mehr oder weniger Süd-Nord verlaufenden Tälern durchschnittene, nach Südsüdost abfallende, dem Grundgebirge des Schwarzwaldes aufgelagerte Sedimentplatte. Einem Vorposten der helvetischen Zentralmassivaufstauung vergleichbar sind als Kettenjura die südöstlichen Teile dieser Platte intensiv verfaltet und im Nordstoss über die Bruchtafel aufgeschoben und angebrandet. Die Ketten sind hier eng gestaut, klingen nach Osten aus, während sie seitwärts der alpinen Querantiklinale im welsch-schweizerischen und französischen Jura auseinanderstrahlen und fast unmerklich in das Tafelland des Eisgaues übergehen.

Schematisches Typenprofil vom Schwarzwald Richtung Gotthardpass-Tessintal zur Poebene.

t. Links von 1 ist das Kristallin des Grandgebirges freigelegt. Von Säckingen11. Aarmassiv.

bis Albbruck 1 ungefähr Lage des Rheintales.12. Sogenannte Urserenmulde. Eingeklemmte Sedimente zwischen Aar- 2. Ein grabenartiger Bruch im Tafeljura als Beispiel für bruchartige Zerund Gotthardmassiv, z.B. Marmor von Andermatt. Stückelung besonders im Basler Tafeljura.13. Gotthardmassiv.

3. Aufschiebung des Ketten- über Tafeljura, z.B. südlich Bözberg, nördlich14. SUdrand des Gotthardmassives mit Dolomit- und Bündnerschiefer-Staffelegg und Krumenfluh, am Strichen, im Hauensteingebiet usw.mulden, z.B. Bedretto, Val Canaria, Val Piora.

4. Untersinken des Jura unter Molasse.15. Untere penninische Gneisdecken, getrennt durch schmale Muldenzüge, 5., 6. Gefaltete subalpine Molasse, z.B. Blatterberg, Rooterberg bis Greppen.z.B.. Gneise der Leventina.

7. Aufgeschobene subalpine Molasse, meist Nagelfluh, z.B. Rigi, Rossberg,16. Umbiegung der flach liegenden Gneise der Leventina in die Wurzel-Speer.region, höhere penninische Decken, z.B. südlich Claro.

8. Sogenannte Klippen. Ostalpine ( südliche ) Sedimente auf Flysch, z.B.17. Aufblätterung und Injektion verursachendes Eindringen saurer Magmen Mythen, Stanserhorn, Buochserhorn.in die steilgestellte Wurzelregion.

9. Flyschmassen der helvetischen Decken.18. Steilgestellte Gneise, Amphibolite usw. mit Marmorzwischenlagen, z.B. 10. a ) Parautochthone überfaltene Massen, z.B. Windgälle.Gegend von Bellinzona.

10. Anstieg der autochthonen Hochgebirgskalke auf Trias gegen die Zentra119. Dinaridenplatte und Südtessiner Kalkalpen.

massivaufbrüche, z.B. bei Erstfeld.20. Im Süden ( wie im Norden ) tertiäre und jüngere Sedimente, Das Juragebirge ist trotz seiner Wälder nicht wie das Alpengebirge an sich zum Grenzgebirge vorbestimmt. Nur einem mächtigen Staatswillen mit alpiner Rückendeckung konnte es gelingen, die Grenze in und über den Jura vorzuschieben, diese geographische Zone zur Grenzdeckung auszunützen, begünstigt einerseits durch den Ost-Westverlauf des Rheines vom Bodensee bis Basel, anderseits durch die nur durch Klusen unterbrochene Nordost-Südwest ( den Ketten parallele)-Durchtalung des Juras im Nordwesten. Im Norden aber haben von Alters her die Nord-Süddurchtalung des Tafeljuras und die Schmalheit des vorgelagerten Kettenjuras Verkehrswege erster Ordnung ermöglicht. Es sei erinnert an die Römerstrassen des oberen Hauensteins von Önsingen nach Basel, des unteren Hauensteins, des Bözberges und des Aaredurchbruches von ( Brugg ) Vindonissa nach Zurzach. Aber diese Verbindungen, zu denen sich als relativ günstige die von Lausanne-Yverdon nach Pontarlier-Besançon ( Lousonna und Aventicum Urba-Ariolica-Vensontio ) gesellte, waren es auch, zusammen mit dem günstigen, dem Jurarande folgenden Strassensystem Genf-Zurzach ( Genava-Tenedo ), die unser Mittelland zur Mischungszone von aus Westen, Südwesten und Norden, Nordosten kommender Strömungen bestimmten. Man denke an die lange Zeit quer durch den Thurgau gehende Grenze der vielleicht etruskischen Räter gegen die keltischen Stämme, an die wechselnd weit nach Westen vorstossenden Alemanneneinfälle und die Gegenstösse der Burgunder mit labilem Grenzgebiet. In der Feudalzeit gelang es nur einmal, fast das ganze heutige schweizerische Mittelland vorübergehend unter eine einheitliche Führung, die der Zähringer, zu bringen. Erst als die günstig gelegene Stadt Bern mit den aus den Alpen vorstossenden Vierwaldstätten sich verbunden hatte, war die natürliche, Bestand verheissende Zusammenfassung möglich.

Das stark durchtalte schweizerische Mittelland ist bis gegen die Alpen von fast horizontal liegenden, tertiären Sedimenten erfüllt, dem eingeschwemmten Erosionsmaterial der bereits in dieser geologischen Zeit aus dem Meere auftauchenden Alpen. Dass es eine fruchtbare Landschaft ist, verdankt es besonders zwei Umständen. Was wir hier kurzweg als Sandstein bezeichnen, ist etwas durchaus anderes als die Sandsteine mehr kontinentaler Gebiete ( z.B. Buntsandstein ), die wegen ihres weit überwiegenden Bestandes an Quarz keine sehr günstigen Böden ergeben. Der Molassesandstein ist ein Kalksandstein, gewissermassen eine innige Vermischung von gewöhnlichem Sandstein, Kalk und Ton. Es sind das Bildungen, wie sie nur im Vorland einer Gebirgsbildung vorkommen und wie sie auch die etwas älteren Ablagerungen des Alpengebirges, den Flysch, auszeichnen. Man nennt solche in ihrer Mischung für die Bodenbildung wertvollen Gesteine orogene Sedimente. Dazu kommt, dass während der Eiszeit die aus den Alpen vorstossenden Gletscher, Rhone-, Aare-, Reuss-, Linth-, Rheingletscher, den Boden mit den mannigfaltigsten Gesteinsmaterialien bedeckten, durch die Gewalt der Schmelzwasser die Täler erweiterten und mit Schotter und Moräne wieder auffüllten. So ist in seiner Morphologie und seinem den Boden bedingenden Gesteinsmaterial das schweizerische Mittelland völlig den Alpen tributär.

Nähern wir uns von Olten oder Zug her den zentralen Alpen, so treten wir auf einer Linie Luzern-südlich Zug-Rapperswil in die sogenannte subalpine Molasse ein, d.h. in die tektonisch gestörte Region. Sie besteht östlich der Emme, also vor der Hauptentwicklung der helvetischen Zentralmassive und Decken, nach E. Baumberger aus zwei Zonen: der gefalteten Molasse und der aufgeschobenen Molasse. Die aufgeschobene Molasse besteht zum grossen Teil aus frühtertiären Nagelfluh-, d.h. Konglomeratbänken. Die nach Nordwesten ansteigende Aufschiebung ist beispielsweise an der Rigi durch die Bankung sehr deutlich zu erkennen. Diese Geröllbänke wurden früher etwas weiter südwärts auf die bereits aus dem Meere emporgehobenen, im Faltungsstadium begriffenen Alpenländer abgelagert und bei der jüngeren helvetischen Hauptfaltung abgeschürft und auf das Molassevorland auf-gepresst, besonders unter dem Druck der sich ebenfalls anschiebenden, vom Aarmassiv abgleitenden Deckfalten. Dieser notwendige tektonische Übergang hat von Luzern an ostwärts den Kranz der Berge: Rigi, Rossberg, Hohronen, Speer usw. geschaffen, eine natürliche Verbindung der Kalkalpen mit dem Mittelland, der Innerschweiz mit Zug und Zürichbiet. Auf grosse Strecken lagert südwärts auf dieser Nagelfluh, auf Überschiebungsflächen, sogenannter Flysch, im wesentlichen ein kalkig-mergeliges bis mergelig-sandiges orogenes Sediment, das als jüngstes noch den Grossteil der heutigen Alpen überdeckt hat. Diese leicht auskolkbaren, relativ fruchtbare Böden bildenden, jedoch zu Rutschungen neigenden Schichten waren die Veranlassung für die politisch-wirtschaftlich wichtigen Talausweitungen und Ansiedelungen bei Schwyz und bei Altdorf gegen das Schächental. In der Tektonik der Alpen spielten sie als Gleithorizont, Ein- und Umwicklungsmasse der festeren Kalksteinbänke eine ausgezeichnete Rolle. Da sie die jüngsten inneralpinen Ablagerungen sind, morphologisch sich meist durch sanfte Hänge von den klotzigen Felsen der normal darunterliegenden Jura- und Kreidefelsen abheben, lassen sie oft von weitem schon Überschiebungen älterer auf jüngere Gesteine oder durch Faltung erzeugte umgekehrte Schichtfolge erkennen. Typische Beispiele sind gerade auf einer Fahrt Arth-Goldau nach Altdorf zu beobachten. Auf die Flyschmulde südöstlich Rigi-Scheidegg folgen massige Felsklötze der Rigihochfluh, über den Talhängen von Schwyz liegen die trotzigen Klippen der Mythen und südwärts die Felsstöcke des Frohnalp- und Axenstein-gebietes, die erst gegen Flüelen wieder nach oben ausstreichen, so dass der Flyschuntergrund sichtbar wird. Rigihochfluh, Frohnalpstock, Axenstein sowie jenseits des Vierwaldstättersees Urirotstock bestehen aus sogenannten helvetischen Gesteinen, die sich vor der Alpenbildung über dem helvetischen Zentralmassiv abgelagert haben. Die nach Norden abgleitenden und an der Molasse wieder gestauten Deckfalten sind somit nicht sehr wurzelfern, der Überschiebungsbetrag ist relativ gering. Die Gesteine der Mythen jedoch entstammen Formationen, die jetzt weit im Süden, südlich Bellinzona anstehen. Sie sind heute als Klippen ohne Zusammenhang mit ihrem Ursprungsgebiet und an die jetzige Stelle passiv auf dem Rücken der helvetischen Decken verfrachtet worden, nachdem sie vorher über das helvetische Sedi-mentationsgebiet als Decke vorgestossen waren.

Das Absinken der autochthonen Sedimente und der darauf liegenden nordwärts überkippten Falten auf dem kristallinen ( Granit, Gneis, Glimmerschiefer und Einlagerungen ) Grundgebirge des Aarmassivs bzw. das rasche Aufsteigen der aarmassivischen Aufbruchzone ist prachtvoll zwischen Altdorf und Erstfeld zu sehen. Man erkennt bei der Verengung des Reusstales hinter Altdorf die steilen Wände des bläulichweissen Hochgebirgskalkes mit den nordwärts überhängenden kleinen Falten. An der linken Talseite bereits beim Ausgang des vom Surenenpass herkommenden Baches, auf der rechten östlichen Talseite, da wo die Bahnlinie sich dem Talhang nähert, steigen die Kalkbänke rasch empor, darunter wird ( z.T. über gelbem Dolomitband ) ein bräunlich anwitterndes Gestein, der Erstfeldergneis, sichtbar. Bei der Station Erstfeld sind östlich bereits bis auf 1500 m alle Talhänge in diesem Gneis; deutlich ist darüber der Anstieg der Kalkschichten sichtbar. Westlich bestehen alle Vorberge des Erstfeldertales ( mit dem Faulenbach ) aus Gneis, und nur im Hintergrund ist an den schneebedeckten Spannörtern und dem Schlossberg noch die Sedimentbedeckung zu beobachten. Der Aufstieg des Aarmassives ist also gerade hier ein sehr steiler. Die schöne Pyramide des zentralmassivischen Bristenstockes taucht beinahe unvermittelt hinter den klotzigen Kalkbergen auf.

Der Erstfeldergneis gehört der nördlichsten aufgeschlossenen Zone des Aarmassives an. Wir müssen uns vorstellen, dass dieses Grundgebirge unter dem schweizerischen Mittelland hindurch mit den Gneisen des Schwarzwaldes in Verbindung steht. Von Amsteg an erkennt man, besonders beim Blick in die Reussschlucht, dass die bereits steilgestellten Gesteinswechsellagerungen schiefriger werden. Es schiebt sich vom Ausgang des Maderanertales bis zur Öffnung des Fellitales zwischen Erstfeldergneis und zentralen Aaregranit eine noch das Carbon umfassende Muldenzone ein, die wohl bereits im obercarbonischen Gebirge angelegt worden war. Dann folgt von Gurtnellen bis zum Urnerloch die typische Granitlandschaft des zentralen Aaremassivkernes. Die grossen Haldensteinbrüche verraten, dass da, wo das Gestein nicht zu stark verquetscht ist, ein guter Haustein, an einzelnen Stellen auch Pflasterstein gewonnen werden kann. Dieser Zone der Aaregranite gehören unter anderm Oberalpstock, Dammastock, Galenstock, Gerstenhörner, Bietschhorn an, während Bristenstock und Finsteraarhorn den nördlichen Zonen angehören bzw. den Granitkern nicht bis in die Gipfelpartie emporsteigen lassen.

Von Erstfeld bis Airolo wird in einer Breite von ca. 35 km das Grundgebirge des helvetischen Zentralmassivkomplexes durchfahren. Es ist hier in Aar- und Gotthardmassiv gegliedert; die eingeklemmte, bei Andermatt ausstreichende Muldenzone greift tief unter die Tunnelaufschlüsse.Verkehrs-politisch wichtig ist, dass die von Norden bzw. Süden leicht zugänglichen Ortschaften Göschenen und Airolo in der Luftlinie nur ca. 15 km auseinanderliegen und dass dazwischen, ohne Gegengefälle, ein zum Halt einladendes Hochtal, das Urserental, sich einschiebt. Der Gotthardpass ist die kürzeste Nord-Südverbindung zur Zurzacher Rheinfurt, mit dem schmalsten, siedelungsarmen Zwischengebiet, bei günstigem, einfachen Gefällsanstieg und -abstieg ( Passhöhe nur 2110 m ).

Wenn trotzdem die Hauptpasstrassen der Römer Grosser St. Bernhard ( 2470 m ), Splügen ( 2120 m ) und Julier ( 2285 m ) waren, so lag das bekanntlich an der schwer zu bezwingenden Schöllenenschlucht, aber auch an dem Interesse, aus der Lombardei unmittelbar in die siedelungsreiche Westschweiz und das unterhalb des waldbedeckten Flimserbergsturzes liegende breite Rheintal zu gelangen. Die Öffnung des Gotthardweges durch den Schöllenenbrückenbau war für die heutige Zentralschweiz eine Staatsnotwendigkeit. Erst nachdem dies geschehen war, traten die bis anhin umgangenen Gebiete in das Blickfeld politischer Erwägungen. Der Vorzug der neuen Route verlieh dem vorher nur als Hinterland nördlicher Landschaften geltenden Gebiet eigene Bedeutung. An Stelle eines passiven, von Norden, Nordwesten und Nordosten beeinflussten Verhaltens trat die aktive Stosskraft vom Drehpunkt des alpinen Bogens aus ins Vorland strahlend. Es ist durchaus K. Meyer beizupflichten, dass erst mit der Ausnützung des geologisch-morphologisch von vornherein gegebenen Überganges vom Reuss- ins Livinental der Grundstein für den Aufbau der schweizerischen Eidgenossenschaft gelegt wurde. Sicherlich wäre indessen ohne Brünig, Furka und Grimsel der Anschluss Berns nicht so rasch erfolgt und damit die etwas zu östlich gelegene Stossrichtung nicht auch nach Westen abgedreht worden.

Im letzten Jahrhundert gab folgerichtig die vorteilhafte Reuss-Tessin-Verbindung Veranlassung zur Ausführung des ersten schweizerischen Alpen-durchstiches; Saumpfad und Passtrasse wurden durch den Schienenweg ersetzt. Der Reiz, den eine Bahnfahrt Luzern-Chiasso gewährt, liegt nicht zuletzt in der wohl abgestuften Mannigfaltigkeit geologisch-tektonischer und morphologischer Elemente. Der Tunnel verbirgt nichts Wesentliches, da er ganz im Zentralmassivkomplex liegt, der schon von Erstfeld an die Landschaft beherrscht. Die für die Längsbildung wichtige Zweiteilung in Aar-und Gotthardmassiv ist ja für das Verständnis des Querprofiles von untergeordneter Bedeutung. Airolo aber liegt gerade an der Scheide von Gotthardmassiv und penninischen Decken, so dass man bereits vom Südportal des Gotthardtunnels aus, jenseits des Ticino und ins Val Canaria streichend, die weissen, gipsführenden, steilgestellten Schichten der Trias erblickt, die das Gotthardmassiv nach Süden abschliessen. Das dem Urserental parallele Val Bedretto ist wie die obere Val Leventina bis zur Dazio Grande ein petro-graphisch-tektonisch bedingtes Talstück. Südlich und südwestlich bestehen die Hänge vom San Giacomo bis zum Piz Tremorgio aus kalkigen Bündnerschiefern, den jurassischen, stark verschieferten Sedimenten der ursprünglichen Südmulde hinter den Zenträlmassivschwellen ( penninischer Sedimen-tationsraum ). Nördlich des Bedretto stehen die gotthardmassivischen Schiefer und nordöstlich von Airolo abwärts die schiefrigen überfalteten Gneise des nördlichsten penninischen Gebietes an. Diese Gneise sind über dem Sockel des zunächst steil in die Tiefe sinkenden Gotthardmassives in Form liegender Deckfalten vorgedrungen, die massivischen Gesteine am Steilrande durch Einbohrung oder Aufbäumen überkippend. Aber sie stammen ähnlich den helvetischen Decken nicht weit aus dem Süden, und sie stehen wohl fast durchwegs mit ihren Wurzeln im kontinuierlichen Zusammenhang. Dass diese sogenannten Tessinerdecken ( die unteren penninischen Decken ) nur hinter der Zentralpartie des helvetischen Massivkomplexes aufgeschlossen sind, hängt mit der hier Nord-Süd verlaufenden grössten Querkulmination des Alpenbogens zusammen. Die höheren, weiter aus dem Süden stammenden Decken konnten sich zum Teil von vornherein nur in den östlichen und westlichen Depressionen gut entwickeln, glitten zum Teil auch, Querfalten bildend, von der Scheitelregion ab. So verschafft uns der Tessin tatsächlich den tiefsten Einblick in den Bau der südwärts der Zentralmassive gelegenen Erdrinde. Er ist das kalkarme Gneisgebiet « par excellence », mit seinen infolge der Lage der Erosionsbasis der Poebene tief eingeschnittenen Tälern, nicht sehr verlockend für den Bewohner der fruchtbaren Poebene, nicht leicht im Anstieg, leichter im Abstieg zu verteidigen. Dem Bewohner des Reusstales ist, besonders von Fiesso an abwärts, diese Landschaft mit den massigen granitischen Gneisen, den an Granitgebiete erinnernden Steilwänden, der schöUenenähnlichen, allerdings weniger schwer bezwingbaren Talsperre der Dazio Grande vertrauter als dem Lombarden. Erst im Gebiet der Seen von Locarno und Lugano öffnen sich die Pforten des Gotthardpasses, der wie kein zweiter in der Hauptsache durch petrographisch sehr ähnliches Gebiet von den südlichen zu den nördlichen alpinen Randseen führt.

Das den Deckfalten entsprechende Flachliegen der Leventinagneise, die infolge ihrer vollständigen Umkristallisation und relativen Homogenität als granitähnliche Bausteine vielerorts abgebaut werden, ist übrigens von der Gotthardbahn aus gut sichtbar. In der Gegend von Claro gegen Castione ändert sich indessen das Bild. Aus dieser Gegend sind aus der Tiefe die Gneisdecken emporgefaltet worden. Die Gesteine biegen somit aus ihrer horizontalen Lage in die Steilstellung, ja in nach Süden überkippte, steile Lagerung um. Südlich anschliessend müssen sich ( immer in Steilstellung ) weitere Wurzeln der nach oben ausgequetschten höheren Decken befinden. Das ist die typische Wurzelzone von Bellinzona mit den massenhaften Marmor- und Kalksilikat-einlagerungen, grösstenteils jungen Sedimenten entsprechend. Das deutlichste Vorkommen solch marmorisierter Sedimentzwischenlagen findet sich bei Castione am Ausgang des Val Mesolcina, in der ganzen Schweiz bekannt als « granito nero e biancho di Castione ». Dieser Wurzelzone von Bellinzona, von Castione bis Val Morobbia ( mit der Trias vom Passo di Jorio ), ist grösste Gesteinsmannigfaltigkeit eigen. Neben leicht auslaugbaren Marmoren, glimmerreichen Schiefern finden sich zähe Amphibolite und Peridotite und durch injizierte Gänge verfestigte Gneise. Die von Schlössern gekrönte Hügellandschaft der tessinischen Hauptstadt legt von dem verschiedenen Erosionswiderstand der Gesteine beredtes Zeugnis ab. Gerade dadurch aber und durch die Umbiegung des Tessinflusses in die Streichrichtung, die Ebene von Magadino formend, wurde Bellinzona zum Schlüsselpunkt für das obere Tessin. Auf kleinstem Raum ist hier eine grosse Fülle verschiedenartigster Gesteine zusammengedrängt, Gesteine, die östlich und westlich in breit ausladenden Decken gewaltige Flächen bedecken.

Der Querschnitt vom Südende des Schwarzwaldes zu den Seengebirgen der italienischen Schweiz enthüllt so repräsentativ ( am vollständigsten auf- geschlossen ) die am Alpenaufbau beteiligten Formationen. Gegenüber dem östlichen Gebiet weist er infolge der Steilstellung der Schichten und infolge des raschen Absinkens in die Poebene die konzentrierteste Anhäufung der südalpinen Gesteine auf. Die sogenannten Dinariden, die mit den Bergamasker Bergen, den Dolomiten, den Julischen Alpen, der adriatischen und venetianischen Aussenzone, dem Karst ein mächtiges gebirgiges südliches Rückland der eigentlichen Alpen bilden, sind in Ausläufern wahrscheinlich vertreten, jedoch auf ein schmales Stück zwischen Monte Ceneri und Como beschränkt. Der Abschluss nach Süden, nach der Poebene, ist also abrupter als im Osten, wo von Meran an die Etsch bis gegen Verona in hügelig-gebirgigem alpinen Rückland fliesst, das morphologisch und tektonisch nordwärts in echt alpines Gebirge übergeht.

So ist der Tessin mit den Nordalpen an sich viel enger verbunden, stärker losgelöst von der Poebene als die östlichen Gebiete Italiens. Seine Bewohner wollten und wollen in Ausnützung dieser geologisch gegebenen Tatsachen Schweizer sein.

Geologisch-strukturell und historisch-politisch kann man die Linie Süd-schwarzwald-Gotthard-Tessiner Seen als die Querachse der Schweiz bezeichnen. Ihre geschichtliche Bedeutung ist relativ jung. Erst als die Schöllenen bezwungen war, zu einer Zeit, in der keine Völkerwanderungen grossen Stiles mehr stattfanden, wurde sie bedeutender Verkehrsweg. Das Volk, das die Zugänge zur Schöllenen in der Hand hatte, wurde zum Kernvolk der Eidgenossenschaft. Entsprechend der Nordlage und dem breiten Austritt in nördliches Vorland war die Hauptstossrichtung gegeben. Nach Süden war durch das tiefeingeschnittene Tessintal die Ausbreitungsrichtung vorgezeichnet. Diese Basis war, wie sich an der Wende des 15. zum 16. Jahrhundert zeigte, zu schmal, um andere Gebiete in den gemeinsamen Interessen-plan einzuschliessen, im Tessin selbst aber war die Verwandtschaft mit dem Ideenkreis der nördlichen Gotthardbewohner eine so grosse, dass diese Südrampe zu einem der wichtigsten und treuesten Stützpunkte der Lande der Eidgenossen wurde.Schluss folgt. )

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