Herbstfahrten im Tirol

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Von Bruno Boiler

Mit 1 Bild ( 44Turbenthal ) Direkte Schüsselkar-Südwand ( Wetterstein ) Durch leuchtende Herbstwälder und saftig grüne Wiesen schlendern wir der Erinnerungshütte entgegen. Jedes kleine Stück dieses Weges glaube ich schon einmal erlebt und gekostet zu haben. Wieviel habe ich doch schon gehört und gelesen von diesem Traum jedes alpinen Kletterers!

Mit Karl zusammen starre ich in die Glut des kleinen Hüttenherdes. Funken glimmen auf, erleuchten für kurze Zeit die ganze Umgebung und verlöschen plötzlich wieder... Wie ähnlich ist doch das Schicksal dieser kleinen Fünklein dem Leben von uns Menschen...

An den Wänden hängen Bilder berühmter Kletterer; ich sehe Peter Hardegg an der Schüsselkar-Südwand, aufgenommen einige Minuten vor seinem letzten Sturz; daneben Leo Maduschka, der uns durch seine gewandte Feder so viele seiner Touren miterleben liess. Auch ihn ereilte das Schicksal in der Civettawand. Unwillkürlich denke ich zurück an seinen Wahlspruch:

Einsam schreitenhören die Welt, ohne zu gleiten,Wenn einer fällt, alleine wandernnicht jammern und klagen, ohne die andern,immer das Hohe, das Leben erkennen,das Äusserste wagen, verachten die Memmen,Wenn es soweit, die Niedern, Schwachen.wenn es ist Zeit, Höhnend verlachenblick nicht zurück — die Zagen, die Toren,erfüll dein Geschick__ mit offenen Ohren Vor der Hütte hängt eine schlichte verwitterte Holztafel zur Erinnerung an die Mitglieder des Akademischen Alpenvereins München, die im ersten Weltkrieg im Felde blieben,... Erinnerungshütte — ja, ich beginne zu ver-stehen.Noch lange sitzen wir zwei vor dem kalten Herd. Still und bescheiden denkt mein Seilkamerad zurück an die Zeit, in der er Abschied von seinen Bergen nehmen musste... Einige Tage später war er an der Ostfront... Langsam beginnt es kühl zu werden, im herrlichsten Abendglanze leuchtet die stolze Schüsselkar-Südwand zur Türe herein.

Herrlicher Morgen! Blauer Himmel und weisse Kalkwände 1 Wir sitzen schon beim Einstieg, ziehen die Kletterfinken an, ordnen die Seile und « bewaffnen » uns mit allen jenen Dingen, die für viele Bergsteiger älterer Richtung « das rote Tuch » bedeuten. Gespannte Stille umgibt uns. Jeder ist mit sich selbst beschäftigt. Karl sieht aus wie ein in Ketten gelegter Häftling:

eine schwere Karabinerkette hängt um seine Brust, und überall klimpern kleine Bündel von Haken.

Schon kleben wir hoch über dem Kar. Verschwunden ist die Nervosität des Einstiegs. Was in den Stunden bis zum Gipfel einzig zählt, das sind der eiserne Wille, straffe Muskeln und ein offenes Auge. Nur langsam kommen wir höher. In gewandtem Klettern spreizt Karl sich über meinem Kopf höher. Tolle Überhänge wölben sich über uns, die direkt überklettert werden müssen. « Zug am linken Seil, links halten, Zug auf das rechte. » Alle diese Dinge lesen sich zu Hause so hübsch und angenehm, und leicht kommt man zu der Ansicht der Hakengegner, solche Touren seien gar keine Leistung mehr. Doch vermute ich, dass ich vollauf befriedigt wäre, wenn ich für wenige Minuten die Mimik eines solchen Gegners hier oben bewundern könnte. Ungeheuer drückt der Fels den Oberkörper rücklings ins Leere hinaus. Frei am Doppelseil hängend, sammle ich einen Teil der Haken wieder ein. Der Brustkorb schmerzt. Die Herbstsonne sticht in den Nacken. Die Karabinerkette wird länger; ein Bündel verkrümmter Haken sammelt sich an meiner Schlinge. Eben bin ich am grossen Überhang damit beschäftigt, einen widerspenstigen Stift herauszuhauen. Mein ganzes Gewicht ist den beiden Seilen anvertraut. Mit der linken Hand ziehe ich mich an die Wand heran, um nicht rücklings hinauszufallen. Endlich, auch dieser Kerl hängt bei seinen verkrümmten Kollegen! Dann packe ich mit beiden Fäusten den oberen Karabiner und ziehe mich hinauf, versuche mit der rechten Hand den nächstoberen Karabiner zu fassen. Zitternd vor Anstrengung komme ich bis auf wenige Zentimeter heran, als plötzlich der untere Haken ausreisst und ich im gleichen Augenblick aus der Wand hinausgleite. Ein heftiger Schlag auf die Brust, und ich schwebe wie eine Spinne frei am Faden. Durch Pendeln bekomme ich wieder « Festland », und mit letzter Kraft erreiche ich den oberen Haken, wo ich endlich meine Selbstsicherung einhängen kann. Dann entwickelt sich folgender Dialog, der eher einem Monolog glich: Karl ruft von oben her: « Grüesti, Grüesti! Na, wo kommst denn her, mei Liaber? » Ich: Schnaufen und Pusten. Karl: « Was hast denn, schaust ja ganz komisch drein? » Ich: Ähnliche Geräusche. Karl: « Bruno, sei mer nöd böööös, aber i glaub, i ghör a Dampfmaschinerl... » Noch einige Stunden lang stiegen und klebten wir in der Wand; noch mancher Schweisstropfen fiel in den Kar, und mancher Blutflecken zeichnete den Weg, den unserere zerschundenen Hände abgetastet haben.

Silberner Mondschein umflutet alle Wände, tausend Sterne glitzern am Himmel, und die Erinnerungshütte winkt friedlich herauf. Auch bei uns ist nach all den harten Stunden die Ruhe wieder eingekehrt. Ausgestreckt liegen wir auf dem Gipfel und schauen hinauf in die unergründliche Weite des nächtlichen Sternenmeeres...

Abschied vom Wilden Kaiser Beim Ellmauer Tor sitzen Ernstl und ich möglichst faul und bequem an die grossen Kalkblöcke angelehnt. Träumend schaue ich hinauf zu den lot- rechten Wänden, von denen es Abschied zu nehmen gilt. Die flammenden Gipfel des Predigtstuhles sind von einem zarten Nebelschleier umflort. Gerade rückt die Westverschneidung etwas ins Licht. Noch gestern stemmten wir uns durch die steilen Risse hinauf. Dort in der Mitte ist die Nische, wo man kaum stehen kann und wo einige Witzbolde das Eisenbahntäf eichen « Bitte nicht hinauslehnen » angebracht haben. Wild und zerrissen fällt die « Steinerne Rinn » zum Stripsjoch hinunter. Kalt und abweisend steht die Fleischbank-Südostwand vor uns. Genau sind alle markanten Stellen zu erkennen: Seilquergang, Grasband, Ausstiegsriss. Vier Tage sind es her, dass Erich und ich einander auf dem Gipfel die Hand reichten. Dann weiter links hebt sich die Christaturmkante vom blauen Himmel ab. Wie schön war es, im brodelnden Nebel jene Himmelsleiter hinaufzuklettern. Uns gegenüber schiesst aus dem weissen Geröll die Karlspitz-Ostwand empor. Kein Superlativ kann jenem niederschmetternden Eindruck gerecht werden, den diese Wand auf das Gemüt ausübt. Glatt und vollkommen unbesteigbar steht sie uns gegenüber, und wir können aus der geborgensten Sicherheit alle die tollen Stellen nochmals beschauen. Stundenlang haben wir heute dort oben gehangen und uns nach diesem bequemen Sitz hier unten gesehnt. Glücklich und dankbar liegen wir nun hier in der warmen Sonne und schauen hinüber zu den stolzen Bergen, die uns so viel geben — aber auch alles nehmen können...

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