Himalaya 1933—1935

Hinweis: Questo articolo è disponibile in un'unica lingua. In passato, gli annuari non venivano tradotti.

Von Marcel Kurz.

Uberseljt von Paul Montandon.

Diese Notizen bilden die chronologische Fortsetzung meiner Studie: Die Erschliessung des Himalaya, erschienen in « Die Alpen » vom Juli bis November 1933. Regionenweise fortschreitend, hat jene Arbeit die hauptsächlichen Unternehmungen behandelt, welche im Himalaya bis Ende 1932 ausgeführt wurden. Die letzten im Datum waren diejenigen Merkls am Nanga Parbat und Ruttledges im Garhwal. Wir werden später auf einige weniger wichtige Forschungsreisen zurückkommen, die zwischen 1932 und 1935 stattgefunden haben. Die Geschichte des Himalaya wieder aufnehmend, wo wir sie verliessen, beginnen wir mit der vierten Mount Everest-Expedition.

Everest, 19331 ).

Um eine langsame Akklimatisation zu erzielen, verliess die Expedition Darjiling schon am 3. März. Sie erreichte das Basislager am 17. April, das ist zwölf Tage früher als Anno 1924. Leider war das Wetter schlechter als je. Auch begann der Monsun früher als gewöhnlich und ohne die in der Regel vorher eintretende Reihe schöner Tage. Daher die mageren Resultate.

Der Aufstieg zum Nordcol war komplizierter als andere Male, so dass Rüttle dge eine Zeitlang daran dachte, den Umweg über den Haupt-Rongbuk-gletscher zu unternehmen und den Nordcol von der hintern ( West- ) Seite her zu versuchen. Um das steilste Stück des Osthanges zu überwinden, wurde eine lange Strickleiter angebracht.

* ) Dies ist der Titel des Hugh Ruttledgen Buches über den vierten Everestversuch ( London 1934 ). Da diese Expedition genau das Itinerar von 1924 verfolgte und nicht weiter als bis zum gleichen Punkt gelangte, konnte man sich fragen, was uns der Verfasser in einem so umfangreichen Bande wohl Neues zu berichten hatte.

Die Verschiedenheit der Darstellung liegt in folgendem:

Während die drei ersten Everestbücher im ganzen objektiv und beschreibend gehalten sind, ist dieser vierte Band viel persönlicher und subjektiver geschrieben. In nunmehr bekanntem äusseren Rahmen folgen wir den neuen Teilnehmern in ihrem persönlichen Tun und Lassen: die beste Darstellungsweise, welche der Autor wählen konnte. Das Resultat ist ein überraschend glückliches. Der Eindruck ist manchmal ein durchaus dramatischer. Wir möchten Mr. Ruttledge gratulieren und nicht weniger dazu, dass es ihm als Leiter der Truppe gelang, ihren entschlossenen Mut und ihre Geduld jederzeit hochzuhalten.

Siehe auch: « Alpine Journal », XLV, S. 216—231; XLVI, S. 102 f. und S. 442—451; « Geographical Journal », Januar 1934, S. 1—18; « Himalayan Journal », 1934, S. 31—47; 1935, S. 172—176; « Mountaineering Journal », vol. 2, S. 20—26; « Bergsteiger », 1934, S. 225—228; « Revue d' Alpinisme du A. Beige », 1935, S. 37—43.

Im August 1932, nach einer Zwischenzeit von acht langen Jahren, wurde endlich die Bewilligung zu einem vierten Everestversuch vom Dalai Lama erteilt. Da weder General Bruce noch Oberst Norton zur Verfügung standen, wurde Hugh Ruttledge als Expeditionsleiter ernannt. Die Truppe zählte mehr als ein Dutzend Teilnehmer, unter anderen zwei Stürmer der alten Garde: Crawford und Shebbeare, dieser als Transportoffizier. Andere, wie Smythe, Shipton, Greene, Birnie, Boustead und Wood-Johnson hatten schon im Himalaya Lorbeeren gepflückt.

Am 15. Mai endlich wurde das Lager IV nahe dem Col eingerichtet und mit der T. S. F. Station des dritten Lagers mittels Telephon verbunden. Alle Lager wurden übrigens an den gleichen Stellen errichtet wie frühere Male, ausgenommen Lager VI, welches höher vorgestossen wurde: näher dem Ziel, in 8350 m Höhe und auf den Bändern, welche unterhalb des Hauptgrates hinziehen. Von dort aus erfolgten die zwei Versuche, beide ohne Mitnahme von Sauerstoffapparaten.

Am 30. Mai gelang es Wyn Harris und Wäger, ihr Zelt schon um 540 Uhr früh zu verlassen. Im Schatten ist die Kälte sehr fühlbar. Nach einer Stunde können sie sich an der Sonne erwärmen. Bald nachher, knapp 20 Meter unter dem Hauptgrat und ungefähr 250 Meter östlich dessen ersten Aufschwunges ( first step ), finden sie einen Eispickel, der entweder Mallory oder Irvine gehören musste. Dieser Pickel war in bestem Zustand und trug die Marke Willisch-Täsch. Bei ihrer Rückkehr wechselte ihn Wyn Harris gegen den seinen aus.

Das Wetter ist verhältnismässig schön und ruhig. Statt diesen Umstand zu benutzen, um auf den leichten Bändern, welche den Berghang in gleicher Höhe durchziehen, möglichst rasch vorzurücken, verlieren sie mehr als drei Stunden mit Erkundigung des Hauptgrates und des Zuganges zum ersten und zum zweiten Aufschwung ( steps ). Sie gelangen schliesslich zur gleichen Schlussfolgerung wie Norton 1924, nämlich der Hauptgrat sei ungangbar.

Sie binden sich nun ans Seil, um das « grosse Schneecouloir » zu überschreiten, dies jedoch höher oben und an einer schwierigeren Stelle, als es 1924 geschah: zweifellos ein Irrtum. Bald nachher, etwa 50 Meter jenseits des Couloirs, gebietet ihnen eine mit Pulverschnee gefüllte Rinne Halt, indem sie es als zu gefährlich erachten, dieselbe zu betreten. Es ist 1230 Uhr mittags. Sie fühlen sich stark ermüdet und beschliessen den Rückzug. Es ist ungefähr die gleiche Stelle, etwa 8500 m, bis wohin Norton 1924 vorgedrungen war.

Im ganzen gehen sie auf dem gleichen Wege zurück, nur queren sie das « grosse Couloir » weiter unten, wo dies leichter vonstatten geht. Um 16 Uhr sind sie im Lager VI, wo Smythe und Shipton mittlerweile eingetroffen sind, um ihre Stelle einzunehmen, und am gleichen Abend übernachten sie im Lager V.

Leider war das Wetter am folgenden Tage schlecht, es schneite. Smythe und Shipton blieben in ihrem Zelt.

Am 1. Juni verlassen sie es wegen der Kälte erst um 7 Uhr. Shipton hat Magenbeschwerden und ist gezwungen, aufzugeben und ins Zelt zurückzukehren. Smythe geht allein weiter und gelangt schon um 10 Uhr ungefähr zur gleichen Endstelle wie seine beiden Vorgänger. Wegen dem gefallenen Neuschnee sind die Verhältnisse noch schlechter als am 30. Mai, und auch Smythe muss verzichten 1 ).

x ) In « Die Alpen » von 1933, gegenüber Seite 325, findet sich eine Telephoto des Everest, aufgenommen vom Basislager. Ich markierte dort die Höhen, wie sie auf der Zeichnung der Alpina » von 1924, S. 243, angegeben sind. In der Eile unterliess ich es, die Originalquelle zu konsultieren. Die Höhen 8573 und 8604 sind unrichtig und müssen wie folgt korrigiert werden:

a ) 6 mm links des Punktes 8573 findet sich ein Aufschwung des Hauptgrates, der unbezwingbar erscheint. In der Nähe dieser Stelle glaubt Odell, Mallory und Irvine Schon um 1330 Uhr ins Lager VI zurückgekehrt, findet Smythe dort Shipton, der ihn erwartet. Nach Austausch ihrer Eindrücke beschliesst der müde Smythe, dort zu bleiben. Shipton steigt daher allein zum Lager V abr welches er unter grosser Gefahr in schwerem Sturm erreicht.

Smythes Müdigkeit war wohl nur eine scheinbare. Als Schriftsteller von Beruf geht er stets darauf aus, lebhafte und seltene Eindrücke auf sich wirken zu lassen. Er zog wohl vor, allein in seinem Zelt zu bleiben, nicht bloss, um körperlich auszuruhen, sondern auch, um an Ort und Stelle seine Eindrücke zu ordnen und unter deren Einwirkung einige Notizen niederzuschreiben, ohne darin gestört zu werden. Dort oben zu bleiben, in 8300 m Höhe, bei veränderlichem Wetter, beweist einen starken Willen und solide Nerven. Diesen einsamen Abendstunden und der stets lebendigen Einbildungskraft des Einsamen verdanken wir wohl die zwei merkwürdigen Erlebnisse, welche seinen Bericht schmücken.

Smythe erzählt wörtlich folgendes: « Während meines ganzen einsamen Ganges hatte ich das Gefühl, von einer zweiten Person begleitet zu sein. Dieser Eindruck war so stark, dass er jedes Gefühl von Einsamkeit in mir verbannte. Es schien mir sogar, dass ich mit meinem „ Begleiter " durch ein Seil verbunden sei und dass er mich im Falle Ausgleitens zurückhalten würde. Ich erinnere mich, häufig rückwärts geschaut zu haben, und dass bei Erreichen der Endstelle, als ich anhielt, um etwas Cake zu essen, dieses sorgfältig geteilt wurde, um die Hälfte meinem „ Kameraden " zu überreichen. Es war für mich fast ein Schock, zu konstatieren, dass niemand da war, um die Gabe in Empfang zu nehmen. Seine Gegenwart gab mir das Gefühl anwesender Kraft, Hilfe und Freundschaft. Erst als das Lagerzelt VI in Sicht kam, zerbrach das Bündnis, das mich scheinbar mit einem Jenseits verband: ich fühlte mich plötzlich allein — trotzdem das Zelt und Shipton bloss wenige Schritte entfernt waren. » Dieses Erlebnis ist beinahe zu nett erzählt, um ganz stimmen zu können, aber das Gefühl, von jemandem begleitet zu sein, ist nicht neu und ist jedenfalls ein äusserst wohltuendes. Es entspringt vermutlich einer stark erregten Phantasie, und im vorliegenden Falle halfen die äusseren Umstände in hohem Grade mit: die Höhe, der Sauerstoffmangel, die vorangehenden schlechten Nächte, der stete Gedanke an die zwei Verschollenen und an die mutmassliche Unglücksstelle — dies alles sind Faktoren, welche jenes eigentümliche Gefühl sehr wohl haben hervorrufen mögen.

Was die andere Anekdote anbelangt, so ist sie zu lang, um hier wiedergegeben werden zu können. Smythe behauptet, nach seinem Versuch 13 Stunden zum letztenmal gesehen zu haben. Dieser Aufschwung ist der in den englischen Berichten second step genannte.

geschlafen zu haben. Am folgenden Tage stieg er, in heftigem Sturm, direkt bis zum Nordcol ab. Der Monsun tobte, und jedermann stieg zum Basislager ab. Bald nachher wurde die Expedition telegraphisch abberufen und musste die Idee eines neuen, nach der Monsunperiode zu unternehmenden Versuches aufgeben. Am 26. Juli zog sie wiederum in Darjiling ein.

Hoffentlich besteht nun nach diesem vierten Versuch keinerlei Zweifel mehr über den einzuschlagenden Weg. Es scheint, dass das fünfte Lager noch höher errichtet werden könnte, so dass das sechste dann ganz am Rande des « Grossen Couloirs » aufzuschlagen wäre.Von dort würde der letzte Angriff — mit Hilfe von Sauerstoffapparaten — in der Richtung des geringsten Widerstandes erfolgen.

Gangofri und Leo Pargiaf, 1933 ).

Im Frühling 1933 vernahm man plötzlich, dass eine schottische Expedition nach dem Himalaya abreise — ausgerechnet in das Gangotrimassiv, das von einer schweizerischen Unternehmung besucht zu sehen ich sehr gehofft hatte! Marco Pallis, dessen griechischer Name die Erinnerung an einen anderen grösseren Forschungsreisenden wachruft, war Anstifter und Leiter jener Expedition. Seine Begleiter genossen den Vorteil, sich genau zu kennen, indem sie zahlreiche Fahrten miteinander unternommen hatten, auch in den Alpen. Es waren F. E. Hicks, C. F. Kirkus, R. C. Nicholson und der Arzt Charles Warren.

Von Kalkutta aus reiste die Gesellschaft direkt nach Dehra Dun. Sie stattete dem Raja von Tehri Garhwal in Narendranagar ihren Besuch ab. Dieser gab bereitwillig alle nötigen Befehle, um die Expedition zu erleichtern. In Massuri ( Mussooree, 2100 m ) verweilte sie eine Woche und warb 70 Kulis an. Am 10. Mai endlich setzte sich die Truppe in Gang. Pallis übernahm persönlich das Kommando. Er zog vor, sich eines Zwischenbefehlshabers zu entraten, und scheint damit gut gefahren zu sein.

Über Magra, Deosar und Chapra gelangten sie ins Bagiratital und zur Pilgerstrasse, welcher sie bis Harsil folgten, ein Tagesmarsch unterhalb Gangotri. Harsil ist eines der wichtigsten Dörfer des Bagirati. Bis hier ist der Weg sehr gut und kann zu Pferd in acht Tagen zurückgelegt werden. Es ist eine prächtige Gegend mit wunderbarem Pflanzenwuchs.

Alles, was für den ersten Teil der Forschungsreise nicht notwendig erschien, blieb in Harsil zurück. Neue Kulis wurden angeworben, welche leider den ersten nicht ebenbürtig waren. Für den ganzen Anmarsch bis zum Basislager wäre es vorzuziehen, Jadhs ( Bhotia-Rasse ) in Massuri anzuwerben.

Von Harsil führt ein starker Tagesmarsch nach Gangotri. Es hat dort bloss einen Tempel und einige Chattis, Obdächer für die Pilger. Von da gelangt man in zwei Märschen nach Gaumukh ( « Kuhmaul » ), 3950 m, einem heiligen Ort. Hier entspringt der Bagiratifluss dem Gangotrigletscher und wachsen noch einige Birkengesträuche.

Alle weniger tüchtigen oder überflüssigen Kulis werden hier entlassen. Nur die Bhotias, die Tibetaner und der kleine Generalstab bleiben in Funktion. Bloss drei Marschstunden oberhalb Gaumukh, hinter der linksseitigen Moräne, wird das Basislager ( 4270 m ) am Zusammentreffen zweier wichtigen Nebengletscher aufgeschlagen. Von diesem Hauptlager aus strahlen nun die verschiedenen Mitglieder der Expedition, in zwei voneinander unabhängigen Karawanen, während fast des ganzen Monats Juni aus. Der Ort wird im Süden von einer ebenso grotesken wie unnahbaren Spitze überragt, welche dem Matterhorn ähnelt und daher so getauft wird. Alle Gipfel ringsum sind übrigens unbestiegen, und der Bergsteiger hat die Auswahl.

Die Hauptgruppe besteht aus drei Gipfeln, Satopanth mit Namen, deren höchster 7083 m erreicht. Schon von Gangotri aus ziehen diese Gipfel die Blicke auf sich: 7083 m ist der nördlichste, 6720 m der Mittelgipfel und 6805 m der südliche. Sie bildeten das erste Hauptziel der Expedition. Der Mittelgipfel wurde am 18. Juni vom Gangotrigletscher aus über die Westflanke durch Kirkus und Warren bestiegen. Diese Unternehmung erheischte fast eine Woche Zeit und bildete sodann die hauptsächlichste und schwierigste Eroberung der ganzen Expedition.

Am 20. Juni versuchten Pallis und Hicks, den Sattel zwischen Mittel-und Nordgipfel zu erreichen, in der Hoffnung, von ihm aus den höchsten Gipfel zu besteigen. Aber gerade in der Nacht vom 20. zum 21. fiel frühzeitig der Monsun ein und zwang sie zum Rückzug.

In der Zwischenzeit wurden zwei weitere, zwischen den Gangotri- und Kedarnathgletschern gelegene Gipfel bestiegen. Der höhere kotiert etwa 6130 m. Fast alle diese Besteigungen sind verhältnismässig kurz, aber schwierig und sind mehr Fels- als Schnee- oder Eisturen.

Es ist ersichtlich, dass diese Expedition vielmehr aus Bergsteigern als aus Forschungsreisenden bestand. Die unbestiegenen Gipfel der Umgebung zogen sie hauptsächlich an, und sie nahmen sich nicht die Mühe, auch nur den oberen Teil des Gangotrigletschers zu erforschen. Ihr kartographischer Beitrag beschränkte sich also auf eine ganz kleine Skizze, welche im Himalayan Journal, vol. VI auf einer halben Seite Platz hat.

Es ist aber sehr wahrscheinlich, dass der höchste Punkt dieses Massives zu erreichen ist, indem man über den Gangotrigletscher hinaufsteigt. Es wäre noch vieles zu untersuchen in dieser Gegend. Sie ist eine der zugänglichsten des Himalaya und gleichzeitig eine der topographisch wenigst dargestellten. Ein grosser Teil der Erforschung könnte im Monat Mai mit Ski ausgeführt werden. Hoffen wir, dass eine künftige Expedition eine vollständige Aufnahme des Gangotrigletschergebietes heimbringen werde.

Nach Harsil zurückgekehrt, gönnten sich unsere Bergsteiger einige Tage der Ruhe und der körperlichen Wiederherstellung. Hicks und Kirkus mussten dann ( via Massuri ) nach Europa zurückkehren. Die drei andern aber wollten gemäss einem zum voraus festgestellten Plan nordwärts weiterwandern, wo sie dem Monsun weniger ausgesetzt waren. In jener Jahreszeit sind in Harsil viele Bhotias und Tibetaner als Kulis verfügbar, und es ist leicht, unter ihnen eine Auswahl zu treffen.

Am 11. Juli, neu ausgerüstet, begab sich die Karawane auf den Weg zum Nelapass. ( Sollte er nicht vielmehr Nila heissen, wie in Nilakanta ?) Der Pfad ist rauh, aber die Gegend wunderbar. Unter den dunkeln Ästen der Deodarzedern breitet sich eine vielfarbene Flora aus, ebenso höher oben auf prächtigen Alptriften. So öde das Alaknandatal erscheint, so entzückend ist jenes des Bagirati. Pallis nennt Khyarkuti ein wahres Eden.

In vier Marschtagen gelangen sie von Harsil auf den Nela- ( Nila- ) Pass, etwa 5500 m. Der Pass ist vergletschert und ziemlich steil. Gleichwohl benutzen ihn die Eingebornen öfters. Jenseits steigt man hinab in das Baspa-tal. Ein immer besser werdender Pfad führt zum Dorf Chitkul, wo die Zedernwälder beginnen, hernach nach Sangla und später zur Einmündung des Baspa in den Sutlej. Jenseits dieses grossen Flusses, in Poari, ist man dem Monsun praktisch entronnen.

Von Chini bis Poo verfolgt die Gesellschaft hernach die tibetanische Handelsstrasse in immer dürrer werdenden Gegenden. Die Expedition bleibt in Poo bis Ende Juli, so gefallen ihr dessen Lage und Einwohner. Dann steigt sie hinauf nach Namgya, wo sie zum erstenmal den Berg ihrer Träume erblickt, den Leo Pargial ( oder Porgyul, 6770 m ). In Namgya begegnet sie zufällig der Expedition des Prof. Tucci, des jungen und schon berühmten italienischen Archäologen. Dessen Ziel sind die Mönchsklöster des Ladak.

Der Sutlej wird unterhalb Namgya überschritten. Dann steigt Pallis nach Tashigang empor und verfolgt das Spitital bis nach Nako, grüne Oase in 3660 m Höhe, inmitten einer schon ganz tibetanischen Öde. Dort beginnt die Ersteigung des Leo Pargial. Man verfolgt fast immer das Ufer des Stromes, der dem Hauptgletscher zwischen Süd- und Nordgipfel entspringt. Eine äusserst einförmige Gegend, überall Geröllhalden, zerfallende Felsgräte und langweilige Moränen.

Vom zweiten Lager aus waren mehrere Ausflüge nötig, um den besten Zugang zum höchsten Gipfel ( Nordgipfel ) ausfindig zu machen. Er bildet eine dem Elbrus ähnliche Schneekuppe, währenddem der Südgipfel durchaus felsig und viel abweisender ist.

Erinnern wir uns, dass bereits im Jahr 1818 die Brüder Gerrard am Hang dieses Berges eine Höhe von 5900 m erreichten. Pallis errichtet sein Lager III im Sattel zwischen der höchsten Kuppe und einem westlichen Vorbau. Von diesem Sattel zieht sich ein Bergrücken aus Schnee und Eis hinauf zum Leo Pargial. Die Nordflanke fällt direkt zum Changogletscher ab. Dieser ist umgeben von einem Dutzend unbestiegener Gipfel, die an die Aiguilles von Chamonix erinnern.

Am 9. August, nachdem sie die Kulis zurückgeschickt und eine Menge Stufen geschlagen hatten, errichteten Pallis und Warren zum letztenmal ein leichtes Lager auf kleiner Plattform in 6220 m Höhe. Am folgenden Tage gelangten sie, dank ihrer Steigeisen und sehr guten Schneeverhältnissen, schon ungefähr mittags auf die obere Schulter, von der ein schmaler Schneegrat zum Gipfel führt.

Aber im gleichen Moment erhebt sich ein Sturm mit heftigem Wind. Die Pickel beginnen zu singen, und der Sieg will ihnen entgehen. Doch gegen 3 Uhr nachmittags tritt eine Beruhigung ein und erlaubt den zwei Wackeren, den Endgrat zu betreten und schliesslich den Gipfel des Leo Pargial als Erste zu gewinnen. Die Rundsicht von einem so isolierten Gipfel muss eine unermessliche sein — leider verdeckt der Nebel alles und Schneefall zwingt sie zu schleuniger Rückkehr.

Am gleichen Abend waren sie zurück im Lager auf dem Westsattel, das sie, eingeschneit, am folgenden Morgen verliessen. Sie stiegen auf dem gleichen Wege ab, glücklich, die letzte Gelegenheit benützt zu haben. Die Rückreise erfolgte über Simla.

Nanda Devi und die Gangesquellen/ 1934.

In einem Artikel « L' Himalaya en 1934 » ( « Die Alpen », November 1934 ) schrieb ich nichts über die Expedition Shipton und Tilman im Garhwal. Und aus gutem Grund! Denn erst gegen Ende 1934 wurden die ersten Nachrichten über diese hervorragende Forschung bekannt. Endlich aber, im Frühling 1935, bekamen wir die Eigenberichte der zwei Forscher zu lesen, und zwar fast gleichzeitig im « Geographical Journal », « Himalayan Journal » und « Alpine Journal » a ).

Was beim Studium dieser verschiedenen Berichte auffälltstammen sie nun vom einen oder dem anderen der zwei Engländer — ist die natürliche Bescheidenheit, die Einfachheit, die geistige Übereinstimmung zwischen den Herren und ihren « Tigern », ihr grosses Glück, ihr Glaube und ihre Zuversicht, welche die schwierige Unternehmung einzig rechtfertigten. Man kann wohl sagen, dass ein besonderer Segen auf ihr ruhte. Niemals ist in so kurzer Zeit so gute Arbeit geleistet worden.

Die Expedition wurde ins Werk gesetzt durch Eric Shipton und H. W. Tilman, zwei jüngere Mitglieder des Alpine Club, deren Freundschaft in mehreren Monaten gemeinschaftlicher Abenteuer in Afrika besiegelt worden war. Sie wurden begleitet durch die drei « Tiger » aus Darjiling: Ang Tarke, Pasang Bhotia und Kusang Nangir, welche sich 1933 am Mount Everest hervorgetan hatten. Shipton war die Seele der Unternehmung. Er hatte an der Besteigung des Kämet teilgenommen, sowie 1931 mit Smythe an der Erforschung des Arwagletschergebietes. Er hatte nun den Wunsch, diese auf die ganze Region zwischen den drei heiligen Quellen des Ganges auszudehnen.

Nicht in Berechnung gezogen hatte er aber die feurige Überredungskunst des Dr. Longstaff, der ihn dahin brachte, seine Pläne abzuändern und sein Hauptinteresse der grossen Unbekannten im Garhwal zuzuwenden: dem geheimen, unentweihten Heiligtum des Nanda Devi.

Nach Rekrutierung eines Dutzends Dotialträger verlassen sie Ranikhet am 11. Mai 1934 und erreichen Joshimath direkt über den bekannten Kuaripass. Von dort führt sie das Dhaolital zur Rishischlucht, welche bisher von keinem Menschen vollständig begangen worden war.

Erinnern wir uns, dass der Nanda Devi mit seinen 7820 Metern der höchste Gipfel im britischen Weltreich ist. Er bildet das Zentrum eines Amphitheaters von 6—7000 m hohen Gipfeln, die ihn kreisartig umgeben, einigermassen ähnlich dem Kraterrand eines Vulkans, obwohl dieses Gebirge keineswegs vulkanischer Herkunft ist. Wie wir im weitern sehen werden, ist der Grund dieses « Kraters » verhältnismässig eben, und der Nanda Devi erhebt sich in dessen Mitte wie eine isolierte Festung. Die einzige Bresche in der Umfassungsmauer ist jene Schlucht, durch welche die heiligen Wasser des Rishi abfliessen.

Graham im Jahr 1883 und Longstaff 1907 hatten den unteren Teil der Schlucht, talwärts der genannten Mauer, erforscht. Auf verschiedenen Wegen waren sie bis ungefähr zum gleichen Punkte gelangt, dem Zusammenfluss des Rhamani und des Rishi.

Dort, in 3600 m Höhe, errichteten Shipton und Tilman am 28. Mai ihr Hauptlager. Sie verabschiedeten ihre Dotialträger und behielten bloss die drei « Tiger » bei sich. Sie hatten allerdings 8 Bhotiaträger als Überzählige angeworben, um die Nahrungsmittel der anderen Kulis hinaufzutragen. Aber diese Bhotias streikten angesichts der ersten Schwierigkeiten. Da zeigte sich die Energie der Dotials: freiwillig übernahmen sie den Transport von 40 Kilo Lasten. Dank ihnen wurden bis hier alle Schwierigkeiten überwunden.

Sechs oder sieben Kilometer unerforschter Schlucht trennten sie noch vom Inneren des geheimnisvollen Sanktuariums. Es begann nun die eigentliche Entdeckungsarbeit in unbekanntem Gebiet. Das Nordufer des Rishi — dieser bildet einen wirklichen Canon — fällt in hohen Felswänden direkt zum Fluss nieder. Man muss daher seinen Weg am Südhang erzwingen und durchschnittlich 3—400 Meter oberhalb des Flusses bleiben, um endlich über den Umfassungswall und ins Innere des Heiligtums zu gelangen. Dieser sehr umständliche und mühsame Weg, mühsam besonders wegen des Gepäcks und des schwierigen Terrains, erheischte neun anstrengende Tage; ein unbeladener Mann könnte ihn vermutlich in zweien zurücklegen.

Am 6. Juni konnte endlich im nördlichen Teil der Innenseite, in 3960 m Höhe, das vorgeschobene Lager errichtet werden. Die mitgenommenen Vorräte mochten für drei Wochen genügen. Einige kleine Ablagen waren auf dem Herweg errichtet worden für die Rückreise.

Man stelle sich die Begeisterung dieser Männer vor beim Austritt aus jener finsteren Schlucht, in welcher sie sich während vierzehn Tagen abgemüht hatten, um nun plötzlich in jenes rätselhafte Sanktuarium hinauszutreten, welches niemand, auch kein Eingeborener, bisher geschaut hatte. Nach dem Grauen der Rishi Naia musste ihnen dieses Heiligtum als ein Eden erscheinen,.

HIMALAYA 1933—1935.H was sich auch in der Erzählung Shiptons widerspiegelt. « Das Innere des Bassins war sehr verschieden von dem, was wir erwartet hatten », schreibt er. « Wir stellten uns vor, es sei von tiefen Seitentälern durchfurcht und gänzlich ausgefüllt durch moränenbedeckte Gletscher. Statt dessen war alles wunderbar offen. Reiche Wiesen mit Bergblumen dehnten sich aus, und die dunkeln Wasser blauer oder grüner Seen spiegelten die eisigen Hänge der umliegenden Gipfel wider. Wir sahen vielerlei Vögel und auch grosse Herden Tars1 ) und Bharals 2 ), die uns als erste Besucher unschuldigen Auges betrachteten3 ). » Die zwei Engländer wussten, dass die Zeit nicht hinreichen würde, vor Eintreten des Monsuns alle Teile des Edens zu erforschen, und wählten zum Beginn dessen nördliche Hälfte. Dass der Nordhang des doppelgipfligen Nanda Devi keinerlei Möglichkeit einer Besteigung bot, davon überzeugten sie sich sofort. Aber es war von Interesse, das Gletschersystem zu erforschen und kartographisch aufzunehmen: es besteht aus zwei Hauptgletschern mit zahlreichen Nebengletschern. Sie bestiegen den Rand des Amphitheaters an verschiedenen Stellen, aber kein leichter Pass erlaubt dort den Übergang, auch nicht ins Milantal.

Am 24. Juni brach unvermuteterweise und zu früh der Monsun ein. Die Wasserströme waren schon stark angeschwollen, drohend, den Rückzug abzuschneiden. Er wurde daher schleunigst beschlossen und auch ausgeführt. Am 2. Juli langte die wackere Gesellschaft in strömendem Regen wieder in Joshimath an, wo sie sich einiger wohlverdienter ruhiger Tage erfreute.

Die zwei folgenden Monate waren eine eigentliche Monsunperiode für Garhwal. Sie wurden benützt, um die Quellen des Ganges zu erforschen, wovon später die Rede sein wird.

Ende August sind unsere Engländer wieder in Joshimath und machen sich, begleitet von 15 Trägern, neuerdings auf die Reise nach dem Nanda Devi. Sie erreichen ihr altes Lager in der Rishischlucht und von dort aus in nur drei Tagen ( statt neun wie das erstemal !) das Innere des Sanktuariums.

Ein neues Basislager wird am Fuss des Südgletschers eingerichtet, und die Träger werden entlassen. Das bisher mittelmässige Wetter wird schöner und erlaubt, den südlichen Teil des Kraters ohne Hindernisse zu erforschen. Dieser ist übrigens einfacher gestaltet als der Nordteil und enthält bloss zwei Hauptgletscher ohne wesentliche Seitentributäre.

Ausser den kartographischen Aufgaben dieser Expedition wünschte sie auch, einen anderen Ausgang aus dem Bassin zu finden als die wilde Rishi- schlqcht. Zwei Lösungen schienen sich darzubieten, beide allerdings problematischer Natur: der Pass, dessen Höhe Longstaff und die Brucherei 1905 am Südgrat des östlichen Nanda Devi-Gipfels erreicht, oder aber jener, welchen Ruttledge und Emile Rey 1932 versucht hatten. Dieser öffnet sich im südlichen Teil des Amphitheaters und bildet wahrscheinlich dessen tiefste Einsenkung.

Am 12. September gelang Shipton in Begleit der Träger Ang Tarke und Kusang die Besteigung des 6803 m hohen östlichen Trisul ( neue Quote ). Es ist der A 29 der Triangulation, und Shipton tauft diesen Gipfel Maiktoli Peak. Tilman war unpässlich und musste auf diese Besteigung verzichten. Die Besteigung bot keine Schwierigkeiten. Ein grossartiger und instruktiver Rundblick war der Lohn.

Was die Möglichkeit einer Ersteigung des Nanda Devi anbetrifft, so finden sich nur im « Alpine Journal » ( XLVII, 74 ) einige Angaben. Der Südhang ist sicherlich weniger schwierig als der Nordhang. Dieser schiebt ein sehr auffälliges dreikantiges Bollwerk vor, das unterhalb des Hauptgipfels beginnt. In der Höhe stösst dieses Bollwerk gegen den Gipfel, welcher plötzlich tausend Meter emporragt und voraussichtlich ernste Schwierigkeiten bieten würde. Aber dieser Weg scheint doch der einzige zu sein, um vom Amphitheater hinauf zu gelangen. Er ist wahrscheinlich leichter, aber auch gefährlicher als derjenige über die Gipfelgrate, von dem wir in unserer früheren Studie sprachen. Shipton und Tilman gingen bis etwa 6250 m vor, ohne grösseren Schwierigkeiten zu begegnen. Die Sedimentfelsen sind leicht und ihre Schichtung ist vorteilhaft.

Sie verzichteten darauf, den Longstaffschen Col zu versuchen, und brachen am 17. September auf, unter Mitnahme von Nahrungsmitteln für zwölf Tage, um jenen Pass zu versuchen, den Ruttledge und Rey als unüberschreitbar erklärt hatten. Shipton sagt nicht viel von diesem brillanten Erfolg, aber das « Himalayan Journal » bringt darüber einige interessante Angaben aus der Feder Tilmans. Am Abend des 17. Septembers biwakierten sie am Nordfuss des Passes ( Maiktolipass, etwa 5640 m ) und machten dort eine letzte Messtischaufnahme. Jenseits des Passes stiegen sie über den Gletscher ab bis zum Eisbruch und biwakierten dort. Dank der sehr kalten Nacht gelang ihnen ohne Zwischenfall die Querung des Gletscherbruches. Früh nachmittags waren sie auf dem unteren, aperen Gletscherteil oberhalb des letzten Abbruches. Auf dem rechten Ufer bezogen sie ein weiteres Freilager, das sie erst um 10 Uhr des folgenden Tages verliessen. Der Abstieg gestaltete sich steil und umständlich. Um 14 Uhr endlich erreichten sie den Maiktoligletscher und fanden bald nachher auf dem rechten Ufer einen Hirtenpfad, der sie nach Sundardhunga und von dort ins Pindartal führte.

Am 27. September waren sie in Ranikhet zurück. Nicht bloss war es ihnen gelungen, in das bisher unbetretene Heiligtum einzudringen, sondern sie hatten es erforscht und es auf einem anderen Wege verlassen. Dieser Weg ist allerdings zu schwierig, um für eine grosse Trägerabteilung als Zugang dienen zu können. Die Riesenschlucht des Rishi bleibt also der beste Weg, um ins Herz des Nanda Devi zu gelangen.

Shipton beabsichtigte, im Jahre 1935 neuerdings hinzugehen, zweifellos, um den grossen Berg ernstlich anzugreifen. Aber in Anbetracht seiner ungewöhnlichen Eigenschaften wurde ihm eine noch wichtigere Mission übertragen, von der später die Rede sein wird.

Wir möchten nun noch in Kürze die Erforschung der Region der Ganges-quellen zusammenfassen, die in der Zwischenzeit stattfand. Der betreffende Landesteil liegt zirka 100 Kilometer nordwestlich des Nanda Devi, nahe an Tibet. Dort ist der Monsun etwas weniger heftig als im Trisulmassiv, wo die Niederschläge wahrscheinlich die intensivsten des Garhwal sind.

Wir wissen, dass drei verschiedene Expeditionen die genannte Region besucht und einigermassen erforscht haben: Meade 1912, Smythe 1931 und Marco Pallis 1933. Die Wasserscheide zwischen Alaknanda, Bagirati und Mandakini ist noch sehr wenig bekannt und ungenügend kartographiert.

Das Projekt sah die Reise von Badrinath nach Gangotri vor und hernach von Gangotri nach Kedarnath. Shipton und Tilman verlassen Badrinath am 12. Juli, verstärkt durch acht Lokalkulis, deren Lasten aus Nahrungsmitteln für mehr als drei Wochen bestehen. Den Spuren Meades folgend, ersteigen sie den Bhagat-Kharak-Gletscher, den die Eingebornen mit dem Bagirati zu verwechseln scheinen. Nach vier Tagesmärschen werden die einheimischen Kulis abgelöhnt und verabschiedet.

Am 16. Juli stationieren unsere zwei Engländer an einer interessanten Stelle, von der aus sie den ganzen oberen Gletscherzirkus des Bhagat Kharak überschauen. Hauptsächlich sind es Felsberge, welche diesen Zirkus bilden, und sie scheinen schwieriger Natur zu sein. Der 1912 von Meade erstiegene Pass öffnet sich mehr im Süden, am Nordwestfuss des höchsten Gipfels* ) der Badrinathkette. Es wäre dies der direkteste Weg, um zum Gangotrigletscher zu gelangen, aber er ist schwierig und so gefährlich, dass die zwei Engländer vorzogen, anderwärts zu suchen.

Trotz schlechten Wetter- und Schneeverhältnissen überschreiten sie einige Pässe, welche sie im Norden ins Arwagebiet führen, das Shipton seit der Smytheschen Expedition von 1931 bereits bekannt war. Sie stellen daher eine Verbindung dar zwischen den Quellen der Alaknanda und der Arwa. Je mehr man sich der tibetanischen Grenze nähert, desto zugänglicher erscheinen die Berge dieser Region.

Am 25. Juli überschreiten sie einen 5900 m hohen Pass, und am 28. gelangen sie nach Gaumukh, 3950 m, wo die Hauptquelle des Ganges ( Bagirati ) entspringt. Hätten sie Nahrungsmittel für vier Extratage gehabt, so wäre ohne Zweifel eine Erforschung des höheren Gangotrigletschers möglich gewesen, bis wohin ihr Vorgänger Pallis nicht gelangt war. Sie mussten leider hierauf verzichten und über denselben Pass, den Arwa und Gastoli zurückkehren. Am 2. August waren sie wieder in Badrinath.

Es war das erstemal, dass ein direkter Übergang von der Alaknanda-quelle nach derjenigen des Bagirati ausgeführt wurde, obwohl gemäss der Legende dies früher ein begangener Pilgerweg gewesen sein soll! Es scheint unmöglich, dass es schlecht ausgerüsteten Eingebornen jemals hätte glücken können, diese Kette zu überschreiten 1 ).

Um die zweite « Unbekannte » zu erforschen, nämlich den direkten Übergang von Badrinath nach Kedarnath, schien der Satopanthgletscher den natürlichsten Weg hierzu zu bilden. Die Reisenden verliessen Badri am 5. August in Begleitung von vier weiteren Trägern und unter Mitnahme von zwölf Tagesrationen. Diesmal erstiegen sie das rechte Ufer der Alaknanda und hernach den Satopanthgletscher bis zum Fuss des gleichnamigen Passes auf der Wasserscheide 2 ).

Am 8. August, nach Rücksendung der einheimischen Träger, gedachten sie den Pass zu überschreiten, aber ein riesiger Schrund, der die Gletschermulde von einem Ende zum anderen durchschnitt, gebot ihnen Halt und zwang sie zum Biwak. Am folgenden Tag gelang ihnen die Umgehung, und sie erreichten die Passhöhe, während das Wetter schlecht wurde.

J ) Für diese Expedition wie auch für jene des Pallis möge man die untere Skizze der Seite 10 konsultieren. Diese Skizze wurde nach derjenigen im Aprilheft 1935 des Geographica! Journal ( gegenüber Seite 316 ) gezeichnet. Ich erlaubte mir aber, sie einigermassen zu korrigieren und einiges beizufügen. Das Geographical Journal berücksichtigt nämlich die Pallis-expedition nicht, enthält weder seinen Gletscher Nr. 2 noch den höchsten Gipfel des Satopanth 7083 m. Ich versuchte, die « Aufnahmen » dieser beiden Expeditionen zu kombinieren, dies war aber eine delikate und riskierte Aufgabe...

In der Nomenklatur fällt beim ersten Blick eine unannehmbare Anomalie auf: die drei Gipfel des Satopanth befinden sich auf der Wasserscheide zwischen Gangotri und Badrinath, die Gangotri- und Bhagat-Kharak-GIetscher direkt überragend, während der Pass und der Satopanthgletscher viel weiter südlich liegen ( 15—-20 km ), getrennt von den drei Gipfeln durch den höchsten Gipfel des Gebietes. Diese Gipfel und der Satopanthgletscher wurden vermutlich von zwei verschiedenen Topographen getauft, die auf jenseitigen Hängen arbeiteten. Sie verliessen sich wohl auf einheimische Angaben, die stets unsicher sind. Zwei dieser Gipfel sind von Mana aus sichtbar, eine Stunde oberhalb Badrinath, im Einschnitt des Bhagat-Kharak-Gletschers. Betreffs Photos siehe Himalayan Journal IV ( gegenüber Seite 40 ) und besonders « Geographical Journal », LXXXV, gegenüber Seite 315; leider ist es schwierig, sie zu erkennen.

Was den Kumaling anbetrifft, so gibt das Blatt 53 N diesen Namen drei verschiedenen Orten: 1. dem Zusammenfluss der Satopanth- und Bhagat-Kharak- Gletscher; 2. einem Doppelgipfel, der diese Vereinigung im Westen dominiert, und 3. einem Gipfel 1500 Meter nördlich des Badrinath Peak 7072 m. Bei 2. und 3. ist der Name auf meinem Exemplar des Blattes fast unleserlich. Was die Höhenquote dieses letzteren Gipfels auf der Skizze des « Geographical Journals » und der hierseitigen Skizze anbelangt ( 23,4207138 m ), so figuriert sie nicht auf jenem Blatt, dagegen wahrscheinlich auf dem Original. Bassadura oder Bassudara, Kumaling oder Kunaling und Satopanth sind die drei Wallfahrtsorte, die mir 1932 in Badrinath angegeben wurden.

Eine weitere krasse Anomalie berührt den Kedarnathglelscher, der sich auf der Seite von Gangotri befindet, währenddem der heilige Ort von Kedarnath jenseits liegt 1 Es wäre an der Zeit, diese Nomenklatur in Ordnung zu bringen, und wir hoffen, dass die Indian Survey anlässlich der neuen Aufnahme des Blattes 53 N dies nicht unterlassen werde.

Sie steckten in dichtestem Nebel, durften den Abstieg nicht wagen und biwakierten auf dem Pass während 18 Stunden. Am 10. August verzog sich endlich der Nebel, und sie erblickten auf dem jenseitigen Hang einen Gletscher, der in drei Stürzen gegen eine tiefe Schlucht abfällt, 2000 m weiter unten.

Ohne weiteres unternahmen sie den Abstieg. Er dauerte neun Tage in stetem Regen. Am zweiten Tage gelang es ihnen, den Gletscher am rechten Ufer des unteren Absturzes durch ein böses Couloir zu verlassen. Dann folgte ein 300 m tiefer Absturz und hernach ein Urwald, in welchem sie den Weg mit der Axt bahnen mussten. Schliesslich folgte eine Zone dichter Bambus, der hier bis 3200 m hinaufreicht. Dieser Bambus lieferte ihnen Feuer, Schutz und Nahrung, denn ihre Nahrungsmittel waren fast zu Ende, und sie sahen noch kein Ende ihres Abenteuers... Hie und da stiessen sie auf Bärenspuren und die drei Sherpas sangen dann aus voller Kehle, um die Tiere zu verjagen. Je tiefer man gelangte, desto schwieriger wurde das Gelände. Nach und nach betrug das tägliche Vorrücken bloss noch eine Meile ( l,e km ).

Endlich, am 18. August, zeigte sich ein Pfad. Er führte sie zum Weiler Gaundar im Madmaheswartal, ziemlich südöstlich von Kedarnath. Von dort geht ein guter Weg hinab nach Okhimath ( Uikimath ?), von wo ein Pass nach Chamoli führt und die Pilgerstrasse drei Marschtage talwärts von Joshimath erreicht.

Zieht man die Bilanz dieser Expedition, so ist man erstaunt über die trotz sehr beschränkter Mittel erzielten Ergebnisse. Wir haben hier eine Gesellschaft von zwei Engländern und drei Nepalträgern, welche jene Berge fünf Monate lang fast ohne Rast und Ruhe durchstreifen. Es gelingt ihnen, das vornehmste Geheimnis des Garhwal aufzudecken, ins unbekannte Heiligtum einzudringen, einen schönen Gipfel von über 6800 m Höhe zu erklimmen, ein halbes Dutzend Pässe, wovon drei sehr wichtige, zu überschreiten, die zwei durchstreiften Gebiete zu kartographieren. Und nachdem sie die Rechnung ihrer Auslagen zusammenstellen, kommen sie alles inbegriffen auf die geringe Summe von L 287, also unter 5000 Schweizerfranken für eine Reise von sieben Monaten im ganzen. Man kann nicht umhin, die Resultate und Ausgaben dieser bescheidenen Unternehmung zu vergleichen mit derjenigen von 1933 zum Everest, welche beinahe hundertmal mehr kostete und ohne Resultat blieb.

Die Shipton-Tilmansche Expedition wird wahrscheinlich in Zukunft nicht ohne wichtige Folgen sein. Im « Alpine Journal », XLVII, 58, gesteht übrigens Shipton, es habe ihm unter anderem daran gelegen, zu beweisen, dass eine kleine Gesellschaft imstande sei, viel bessere und wertvollere Ergebnisse zu erzielen als eine grosse. Er hat dies jedenfalls für den Garhwal bewiesen, aber diese Region ist leicht zugänglich und kann kaum mit dem Nepal oder Karakoram verglichen werden.

Man darf sagen, dass diese Expedition während ihrer Forschungsarbeit keinen einzigen Tag verlor. Schlechtes Wetter behinderte sie eigentlich nur auf der Kedarnathseite. Das Manatal ist schon viel trockener. Im Nanda-Devi-Massiv dauert der Monsun in Wirklichkeit von Ende Juni bis Mitte September. Tilman glaubt, ein Haupthindernis zur Besteigung des Nanda Devi liege gerade darin, dass der Zeitraum zwischen der Schneeschmelze und dem Einsetzen des Monsun ein ausserordentlich kurzer sei. Aus Furcht, zu spät zu kommen, ist man gezwungen, grosse Massen Frühlingsschnee mit in Kauf zu nehmen. Dieser Umstand gilt übrigens leider für den ganzen Himalaya, die nordwestliche Extremität vielleicht ausgenommen.

Die beiden Engländer sprechen sich ausserordentlich lobend über die drei nepalesischen Tiger aus, die sie während dieser fünf Monate begleitet haben. Ausserdem scheinen sie sowohl mit den Trägern von Mana als auch mit den Dotials ebenso zufrieden gewesen zu sein. Tels maîtres, tels valets!

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