Hürdenlauf im Pamir

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Ruth Steinmann-Hess, Zürich

Bilder 96 bis 100

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« Ab heute gibt es kein WC-Papier mehr », sagt grinsend der Dolmetscher Harald im Lager For-tambek am Pik Kommunismus: « Wir haben nur noch Schmirgelpapier! » Schon fünf Tage früher wurde kurz und ohne Vorwarnung bekanntgegeben, dass die alltäglich mehrmals durchgeführten Helikopterflüge in die verschiedenen Lager eingestellt würden. « Der Pilot hat seine Flugstunden geleistet, jetzt muss er sich ausruhen. » Damit war nicht nur die Verschiebung der Bergsteiger an andere Ausgangspunkte unmöglich, sondern auch die Lebensmit-telzufuhr drastisch zugedreht. Die anfänglich reichhaltige Nahrung mit frischen Trauben, Melonen, Tomaten und Eiern verebbte in Grütze und zu stark gekochten, pappigen Teigwaren, vermischt mit Abfallresten gekochten Schaf-fleisches... « Kennst du den Unterschied zwischen der kapitalistischen und der kommunistischen HölleIn der kapitalistischen werden die Einwohner auf Nagelbretter gelegt, mit heissem Öl übergössen und dann angezündet. » - « Schrecklich! » - « In der kommunistischen geschieht dasselbe - nur fehlt es das eine Mal an Nägeln, das andere Mal an Öl, und dann gibt es wieder keine Streichhölzer! » Genau wie hier im Lager!

Nach fünf Tagen auf kulinarisch niedrigster Stufe brummt gegen 11 Uhr der langerwartete Heli an, und Melonen, Trauben und das Fleisch eines Fettschwanzschafes werden auf die Wiese ausgeladen. Harald meint: « Morgen wird ihnen einfallen, dass, wenn man oben etwas reinschiebt, unten auch etwas rauskommt - dann werden sie WC-Papier schicken! » ( Diese Hoffnung erfüllte sich leider nichtMehrmals täglich wird das Lagerleben durch Funkverbindung nach den Bergen unterbrochen. « Hallo, hallo, hier ist die Base, Gruppe Inter bitte melden, Gruppe Inter bitte melden. » Die ver- schiedenen Bergsteigergruppen haben sich von ihren jeweiligen Standorten aus zu melden, Situation, spezielle Ereignisse und Wohlbefinden mitzuteilen, was von der russischen Rettungsorganisation genauestens registriert wurde. Das ist gut so! Seit die jährlich wiederkehrende « Alpiniade » etwa 240 Bergsteiger aus vielen Ländern der Erde ins Pamir-Gebirge einfliegt, ist hier der Begriff « Bergsteigen » durcheinandergeraten.

Hier erhebt sich der höchste Berg der UdSSR, der früher Pik Garmo, später Pik Stalin getauft wurde und jetzt Pik Kommunismus ( 7483 m ) heisst. Auch der leichteste und daher meisterstie-gene Siebentausender Russlands, der Pik Lenin ( 7134 m ), befindet sich nur 40 Helikoptermi-nuten entfernt. Als Dritter im Bunde der eisgekrönten Häupter ragt der Pik Korshenewskaja ( 7105 m ), benannt nach der Frau des bekannten Entdeckers und Pamirforschers, in den tiefblauen Himmel oder die Wolken auf. Für etwa Fr. 3500.pro Person nimmt die Sowjetunion Bergsteiger vier Wochen lang auf, Flug und volle Verpflegung inbegriffen. Auch der Bergproviant, wenn auch den Vorstellungen europäischer Bergsteiger nicht ganz entsprechend und meistens zu schwer verdaulich, ist inbegriffen.

Wie manches Bergsteigerherz bei diesem Angebot höher schlägt, kann sich einer leicht vorstellen, der in anderen Ländern mit Bergen in gleichen Höhenlagen schon um eine Besteigungsbewilligung nachgesucht hat. Ich erspare mir die nähere Beschreibung dieses Vorganges, der als « Hürdenlauf » bei den jeweiligen Regierungen bezeichnet werden darf und äusserst zeit- und nervenraubend ist. Hier ist das alles ganz einfach: Man melde sich bei einem entsprechenden Trek-king-Unternehmen oder, am billigsten, bei der österreichisch-sowjetischen Gesellschaft, und ohne Fragen nach vorausgegangenen Besteigungen wird der Gesuchsteller in die Reisegruppe integriert. Wie es dann am Berg weitergeht, wie er sein Können und seine Kraft einsetzt, bleibt oft ihm selbst überlassen. Die Russen wollen ganz bewusst auf die bergsteigerischen Unternehmungen der Gäste keinen Einfluss nehmen. Zugegeben, so erhalten viele talentierte Berggeher eine wirkliche Chance, zum « Dach der Welt » zu gelangen. In ihrem Kielwasser schwimmen aber auch so und so viele Leute, denen der erste Stock des Weltgebir-ges schon reichlich hoch genug wäre! Durch die dünne Luft in grösseren Höhenlagen bedingt, schauen die jeweiligen Berggipfel so greifbar nahe aus, als ob es sich um 4000er in den Alpen handelte. Der Unterschied zwischen 4000 und 7000 Meter allerdings ist schon manchem erst reichlich spät aufgefallen. Dann nämlich, wenn sich die Muskeln seiner Beine nicht mehr kontrolliert bewegen, das Hirn nicht mehr logische, seiner Person zugängliche Entscheidungen trifft und die Lungen in der dünnen Luft bis zur Erschöpfung keuchen; wenn der übermüdete, total erschöpfte Mensch hilflos liegenbleibt, unfähig, sich selber in die rettende Zone unter 5000 Meter zurückzuziehen. Jetzt ist er auf die Hilfe seiner Berggefährten oder im Pamir eventuell auf das Eingreifen der Rettungsmänner dringend angewiesen. Nur mit ihrer Mithilfe ist es oft möglich, solche Todeskan-didaten ihrem fast sicheren Schicksal in den Bergen zu entreissen. Was für Anforderungen an die Rettungsgruppe gestellt werden, ist fast nicht vorstellbar. Wieviel Kraft, Energie und Aufopferung es braucht, in 6000-7000 und mehr Metern fast reglose menschliche Körper abzutransportieren, grenzt an die oberste Leistungsfähigkeit und sollte, meiner Meinung nach, nicht fahrlässig, sondern nur in wirklichen Notsituationen verlangt werden!

Als Fahrlässigkeit würde ich z.B. betrachten:

- mit Löchern in den Handschuhen vom BC wegzugehen um einen Siebentausender zu ersteigen! ( oder ohne warme Reservehand-schuheauf dem Gipfel in grosser Kälte den Film zu wechseln und dabei seine Finger schutzlos in der Kälte lassen!

- sich ungenügend trainiert an hohe Berge wagenPistenskischuhe ( also ohne Bergprofil und ohne Innenschuhewenn jemand im Aufstieg so schwach ist, dass er sich den Abstieg allein nicht mehr zumuten kannvorbedacht ohne Schlafsack oder Biwaksack eine Nacht in 7000 Meter einzuplanen. Diese Punkte sind nicht etwa erfunden, sondern haben sich im Pamir 1980 mehrfach zugetragen. Erfrorene Zehen und Finger, bewusstlose Bergsteiger, mühsam in tiefere Lagen zurückgebracht, und einige Unglückliche, die mit dem Leben bezahlen mussten, ist die bittere Pille einer grossen « Alpiniade ».

Freilich erreichten viele Personen ihr gestecktes Ziel und kehrten beglückt und wohlbehalten zurück, im Bewusstsein, einen hohen Berg gemeistert zu haben.

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