Humor in den Schweizer Alpen

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VON W. A. RIETMANN, ZÜRICH

Nicht von einer gewissen Sorte Clubhüttenwitze sei hier die Rede, wie sie jeweilen im Verhältnis zur abnehmenden Kinderstube und zunehmenden Dunkelheit in der Hütte am Abend immer saftiger werden, sondern vom Urhumor der eingesessenen Bergbevölkerung.

Dass die Gestalt der Landschaft auf des Menschen Gemüt abfärbt, trotz den mannigfaltigen wirtschaftlichen und sonstigen Einflüssen, das wird wohl jeder Bergsteiger, der nicht ein unheilbarer Dickhäuter ist, aus seinen eigenen, ja ach so vorübergehenden Erfahrungen selbst bezeugen können.

Die Art des Humors, dessen lokale Eigenart namentlich im Gebirge, gäbe Veranlassung zur Gründung eines neuen Wissenszweiges, der « Humoristischen Geographie ». Eine Dissertation darüber könnte vielleicht zum Doctor humoris causa führen. Dabei ist natürlich die völkische Zusammensetzung der Bewohner von grosser Bedeutung. Um nicht ins Uferlose zu geraten, wollen wir hier einmal die Alpen der deutschen Schweiz mit ihren mannigfaltigen Einschlägen von rätoromanischen und keltischen Einflüssen nach ihrem Witztum durchstreifen.

Dem Kenner der Vierwaldstätterseeufer wird auffallen, wie die Bewohner der Schattenseite, Beckenried und Emmetten, einen besonders ernsten Schlag aufweisen. Man besteigt die Fähre und setzt an das andere Ufer, das sonnendurchflutete Gersau hinüber und trifft auf ein Völklein, das durch seinen Frohsinn, Musik, Gesang und Jodel weitherum bekannt ist. Das eigentliche Hochgebirge mit seinen vernichtenden Naturgewalten ist ernst, zu mystischem Grübeln geneigt ist der Bewohner der Sagenreichen Walliser Hochtäler, zum Teil auch des Berner Haslitals. Im Urnerland sehen wir seltsam gemischt mit ennetbirgischen, südlichen Einflüssen wortkargen stillen Ernst, namentlich in den Seitentälern, mit fröhlichen sang- und tanzlustigen Menschen an der Reuss.

Der rätoromanische Bündner des obern Rheintals des Engadins ist durchaus kein lustiger Mensch, wiewohl die Talvereine eifrig den Gesang pflegen. Dem Deutschbündner dagegen ist ein besonders trockener und daher wirksamerer Humor eigen. Der Volkswitz beschäftigt sich namentlich liebevoll mit einzelnen Dörfern, wobei wir öfters auf das bekannte Schildbürgermotiv stossen. Einzelne charakteristische Proben folgen, soweit es der Raum gestattet.

Bei einem Hochwasser des Rheins gingen zwei Brüder von Mastrils bei Landquart « sandholzen », d.h. sie fischten mit Haken das mitgeschwemmte Holz an Land. Der Bruder glitt dabei aus und verschwand in den Fluten. Der andere kam am Mittag nach Hause und bemerkte entschuldigend: « Dr Joosef chund hüt nit go z'Mittagässa. Er isch dür de Rhy aahi. » In St. Antönien im Prättigau war ein Bauer am Heuen. Ein Feriengast aus Zürich schaute zu. Dem temperamentvollen Zürcher gefiel das gemächliche Tempo des Prättigauers nicht recht, und er bemerkte: « Ihr nemmeds aber au chaibe gmüetli mit Schaffe. » Der Angeredete erwiderte treffend: « Dafür bruched mir au kai Feerie. » In Igis bei Landquart stand das Haus des Hansmichel in hellen Flammen. Vergeblich mühte sich die Feuerwehr, ihrer Herr zu werden. Der Besitzer schaute gemütlich zu, die Kachelpfeife im Munde und die Hände in den Hosentaschen. Endlich bemerkt er: « Eana verdammte khoga Wen-tälä mag ih 's doch gunna. » Die Bewohner des hochgelegenen Dorfes Furna im Prättigau werden vielfach als bündnerische Schildbürger geneckt. Ein Furner sah zum ersten Male einen Kürbis. Auf seine Frage, was das sei, wurde ihm angegeben, ein « Eselsei ». Wenn man an der Sonne darauf sitze und es ausbrüte, schlüpfe ein Esel heraus. Der Furner erstand hierauf den Kürbis und schleppte ihn nach Hause. Auf seinem stotzigen Gütlein setzte er sich und harrte der Dinge bzw. des Esels, der da kommen sollte. Plötzlich sauste ein irgendwie aufgeschreckter Hase heran und ihm zwischen den Beinen durch. Er glitt von seinem « Ei » herab, und dieses kollerte dem Hasen nach, den steilen Hang hinab. Der Bauer rief ihm voller Angst nach: « Hüh, Eseli, ih bi din Atti! Hüh Eseli, ih bi din Ätti. » Die gleiche Geschichte wird auch im Wallis erzählt.

Beliebte Hänselobjekte sind die Bewohner der Gemeinde Trimmis in der Nähe von Chur. Weil sie seinerzeit die heilige Emerita gesteinigt hätten, seien sie seither mit Kröpfen gesegnet worden. Als ein Mann aus einer andern Gemeinde durch das Dorf ging, schauten die Bewohner ihm verwundert nach, und eine Frau soll mit dem Ausdrucke des Bedauerns unter wiederholtem Atem-ziehen bemerkt haben: « Lue, wie der arm Tüfel en maagere Hals het. Mir wen doh froh sy, dass mir noh normali Hals händ. » - Ein Trimmiser Bursche geht zu seiner Angebeteten zu Hengert. Es entwickelt sich folgendes Gespräch: Er: « Gueten Abed! » Sie: « Gueten Abed! » Er: « Dr Maa ( Mond ) schint. » Sie: « Schintär ?» Er: « D'Schnägge heind ünsch de Chöl gfresse. » Sie: « Heinsch? » Er: « Guet Nacht! » Sie: « Guet Nacht! » Im St. Galler Oberland wollte ein Bauer dem Pfarrer sein neues Stierlein zeigen. Unter der Stalltüre bemerkte er: « Giiend ochtig, Herr Pfarrer, dass'r dr Grind nüd aaschlüünd. » Dann: « Gäl-tend, dar Schtier häd a schüüns Chöpfli. » Das klassische Land der Schweizer Alpen für Humor und Witz ist das Appenzellerland, ein sonniges, buckliges Bergland von zumeist voralpinem Gepräge. Die jodel-, tanz- und musikliebende fröhliche Sinnesart des Appenzeller Völkleins charakterisiert sich am besten in dem Jodellied:

« Jetzt wömmer a bezzeli loschtig sy, a wyli nomma huusä!

a Totzet Eier i Pfanne schlo un lose wia sie pfused. » Der Appenzeller zeichnet sich durch seinen Mutterwitz aus und ist wegen seiner ausserordentlichen Schlagfertigkeit gefürchtet. Das Hänseln, Necken, dort « Giftle » genannt, wird als Landessitte gewissermassen sportlich betrieben. Da sitzen etwa zwei im Wirtshaus zusammen und beschliessen, einen Liter « auszugifteln ». Das heisst, sie ziehen einander auf und hänseln einander, jeder mit dem Bestreben, die Lacher auf seine Seite und den andern in Trab zu bringen. Die Zuhörer sind Schiedsrichter. Derjenige, der zuerst die Fassung verliert, sich gekränkt zeigt oder in Wut gerät, hat verspielt, wozu etwa die höhnische Tonart und Mimik wesentlich beitragen kann. Es ist ein Hin- und Hergeplänkel. Auf Hieb und Stich folgt die Parade mit möglichst dröhnendem Gelächter der kritischen Zuhörer. Wehe dem, der nicht sofort ohne Besinnen auf einen Angriff eine noch treffendere Antwort weiss und sich besinnen muss oder gar Gekränktheit und Empfindlichkeit zeigt. Es gibt richtige « Kanonen » im « Giftlen », die sich einer Berühmtheit bzw. eines Gefürchtetseins erfreuen. In einem besondern Rufe steht diesbezüglich der Kurort Gais. So soll im Tessin ein Gaiser von einer Giftschlange gebissen worden sein. Die Schlange sei verendet, weil der Gaiser mehr « Gift » in sich gehabt habe. Der Schreibende hatte schon einmal Gelegenheit, Zeuge von solchen Rededuellen zu sein, die vom « Giftknöpfel », einer Berühmtheit in diesem Fache, gegen drei andere siegreich ausgefochten wurde. So bemerkte er etwas wegen der Dummheit zu den andern. Einer erwiderte, da könnten sie einander ja gerade die Hand geben. K.: « Nüd gad gään, d'Sääpfe ischt efeng tüür. Wäscht! Wennt es lang wärischt as tomm, so hettischt ewige Schnee ufem Grend. » - Der Appenzeller Witz hat zumeist satyrisch-polemischen Inhalt. Alfred - Tobler, genannt « Sänger-Tobler », in Heiden, hat eine grosse Menge gesammelt und sorgfältig wissenschaftlich bearbeitet, was ihm das Ehrendoktorat der Universität Zürich, also buchstäblich den « Doktor humoris causa » eintrug. Seine populäre Schrift « Der Appenzellerwitz » ( Verlag Fehrsche Buchhandlung, Herisau ) erfreut sich heute noch grosser Verbreitung.

Der Volksschlag namentlich in Appenzell-Innerrhoden erinnert mehr an romanische Herkunft. Die Mundart soll jedoch nach dem Urteil von Fachleuten von allen heutigen Dialekten noch am nächsten dem Uralemannischen stehen.

Es ist nicht zu verwundern, wenn z.B. in Ausserrhoden jede Gemeinde einen Spitznamen besitzt, eine Gepflogenheit, die auch im reichsdeutschen Schwaben sehr häufig ist. So heissen die Bewohner von Wald « Esel », die von Rehetobel « Galt lig », die von Walzenhausen « Schnitzfresser » oder « Schnitzbuebe », die von Wolfhalden « de Teckel droff » usw.

Zum Schluss seien noch einige Proben appenzellischer Witzigkeit und Schlagfertigkeit angeführt:

Ein Pfarrer tröstet einen Schwerkranken: « Du wirst von den Engeln in Abrahams Schoss getragen werden. » « Das war äba recht, Pfarrer. J bi efange so müed, das mi'Bä fascht nomme träge mögid. » Ein Bäuerlein aus einem abgelegenen Tälchen besuchte wieder einmal die Kirche und hörte die Leidensgeschichte Christi. Erstaunt bemerkte er dann: « I dem choge Loch werd me doch gär nütz inne. » Wahlen und Abstimmungen über die Gesetze finden bekanntlich noch in offener Landsgemeinde, dem altgermanischen Ting, durch Handmehr statt. Als ein kleines Männchen sich an der Landsgemeinde um die Stelle eines Landesweibels bewarb, rief ihm einer zu: « Du bisch ja viel z'schwach und z'chly; möchtischt nüd emol en Schelm g'häbe. » « Du Narr, es ged nüd luuter derä grossa wie du bischt! » rief der Angegriffene und hatte gewonnen.

Die Kirchenvorsteher von Hundwil hatten die Gewohnheit, während der Predigt zu schlafen. Als einige Buben zu schwatzen anfingen, rief der Pfarrer laut: « Die Buebe dei i de Poorcherche-n-obe soiled schtille see! Wenn i do onne luut predige und ehr dei obe luut schwätzid, chünned jo die Herre Vorsteher dei onne nomme rüehig schloffe-n-ond schnarche! » Das soll geholfen haben.

« He Buebli, das isch jetzt doch au es schös Gitzeli! Lue, wie gümplet 's ommenand! Gedd's au Milch? » « Gad so viel wie Ihr, Herr Lehrer! » Ein Fremder ging bei einem Hause vorbei, in dem einige Töchter jodelten. Er wollte den vor der Türe sitzenden Bauern föppeln und fragte ihn: « Brüllen denn bei Euch in Appenzell die Kühe immer so? » « Nää. Nu gad wenn a frönds Chalb verbi lauft » war die Antwort.

Nationalrat Eisenhut in Gais sagte einst dem Boten Willi, er bezahle ihm Fr. 5, wenn er mit dem Lutscher im Munde seinen Botengang nach Bühler mache. Prompt erwiderte dieser: « Und i eu zwee, Herr Nationalrat. » Traditionell sind auch die gegenseitigen Neckereien zwischen St. Gallern und Appenzellern. Be-tonte da ein St. Galler die Überlegenheit seines Kantons mit dem Hinweis, dass er ringsum das Appenzellerland umschliesse. Worauf der Appenzeller bemerkte: « Gad wie en Föf liber ime Chuedreck. » Das alles soll aber durchaus nicht heissen, dass das Hirtenvolk vom Säntisgebirge besonders angriffig und streitsüchtig sei. Der fremde Tourist wird Freundlichkeit gepaart mit sonnigem Humor geniessen. Nur wenn ihn der Hafer sticht, Appenzeller hänseln und necken zu wollen, läuft er Gefahr, eine Antwort zu erhalten, bei der er fast mit mathematischer Sicherheit den Kürzeren zieht. Dafür wird sich sein Ohr wie kaum in einem Gebiete der Schweizer Alpen, als etwa noch in den Berner Voralpen, erfreuen an prächtigen Jodlern und « Zauern » auf allen Alpen, bald fröhlich jauchzend, bald wehmütig von den Wänden widerklingend.

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