Im Eschental

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Mit 2 Bildern ( 103, 104Von J. Büchel-Gächfer

( Schluss ) ( Sektion Uto, Zürich ) Über den Murettopass, 2340 m, nach Agaro Von schönem Wetter wieder begünstigt, reizte es uns, den von Touristen wenig begangenen Murettopass zu besuchen. Er führt vom Antigoriotal über die alte Walser Siedelung Saley ( Salecchio, dialektisch Salecc ) nach dem weltverlorenen Agaro ( dialektisch Aghèer, deutsch Ager, dem Namen nach an Agaren im Wallis erinnernd ), welches ebenfalls eine solche Siedelung war. Diese Letztere wollten wir noch vor ihrem endgültigen Untergange sehen. Sie ist jetzt nämlich von einem Stausee verschlungen worden.

Mit dem ersten Postauto fuhren wir morgens das Pommatt hinab und stiegen zwischen Rivasco und der Häusergruppe « al Passo » aus, wo die Strasse unter zwei riesigen Felsblöcken hindurchführt. Von hier schlängelt sich der Weg durch Kastanienwäldchen und später durch Laub- und Nadel-holzbestände in anderthalb Stunden nach Unter-Saley ( Salecchio Inferiore ), 1315 m. Am Ende des Waldes kommen wir an einer niedlichen Kapelle unter einem Felsen vorbei. Saley besteht aus Unter- und Ober-Saley und bildete früher eine Gemeinde für sich, kaum 100 Einwohner zählend. Jetzt gehört es zur Gemeinde Premia im Antigoriotal. Seine Lage ist alpin und zugleich sehr hübsch. Weder eine Strasse noch ein Strässchen führt da hinauf, weshalb alles hinauf getragen werden muss, etwa 600 m über dem Talboden. Schöne Wiesen und Nadelholzwaldungen umrahmen das Doppel-dörfchen, das weder ein Wirtshaus noch einen Laden aufweist. Die Lage ist etwas lawinengefährlich, bietet eine prächtige Aussicht auf das Antigoriotal bis zur Ebene von Domodossola. Im Norden wird es vom stolzen Monte Giove und dem Pizzo Martello überragt. Die Miniaturschule und die Kirche stehen in Unter-Saley. Die Wohnhäuser sind im bescheidenen Walser Stil erbaut Diese ehemals selbständige Gemeinde hatte eine Verfassung von 1588 nach welcher jedes Jahr ein neuer « Ammann » gewählt wurde. Sie enthielt auch, strenge Bestrafung für das Fluchen und den Raufhandel. Im Gegensatz zum Pommatt sind in dieser ehemaligen Walser Siedelung keine deutschen Flur-und Bergnamen mehr gebräuchlich. Die Kirche, welche im Jahre 1470 auf der « Brenzegg » errichtet wurde, fiel 1663 einer Lawine zum Opfer. Die neue Kirche, begonnen 1664, wurde erst im Jahre 1727 fertig, wohl ein Beweis für die Dürftigkeit der Bevölkerung. In Ober-Saley steht das kleine Kirchlein San Giuseppe. Die Einwohner sind Fremden gegenüber sehr scheu, zumal diese selten sind. Die Verbindung mit Agaro diente wahrscheinlich seit altersher nur den Älplern zu gegenseitigem Verkehr. Die Leute von Aghèer machten früher alljährlich eine Wallfahrt nach Puneigä ( Antillone ), wo sie jeweils mit ihren Volksgenossen aus dem Pommatt zusammentrafen.

Als wir uns im obersten Hause von Unter-Saley ( ca. 1500 m ) bei einer Frau über die Wegrichtung erkundigten, rannten Kinder und Hühner davon, und einige Weiber standen sehr neugierig herum. Fremde Leute sind bei ihnen offenbar seltene Gäste. Da mein Begleiter ein Pommatter war und ich mich als Schweizer auswies, lud uns die freundliche Frau ein, in ihr Haus zu treten. Sie schien sehr erfreut zu sein über einen solch ungewohnten Besuch und bedauerte lebhaft, dass ihr Mann, der angeblich noch etwas Deutsch sprach, gerade an diesem Tage abwesend sein musste. Er hätte sich sicher auch sehr gefreut, wieder einmal mit einem Schweizer zusammenzutreffen, meinte sie. Sie selber sprach nur den Dialekt vom Ossolatal. Da wir genügend Zeit hatten, war uns eine Plauderstunde mit ihr willkommen. Die Stube, in die wir traten, machte einen freundlichen Eindruck. Bereitwilligst brachte sie uns Wein und Käse, obschon wir ihr versicherten, dass wir genügend Proviant bei uns trügen. Als ich die Kinder mit Schweizer Schokolade und Bonbons beschenkte, waren dies Dinge, welche sie ihrer Lebtag weder gesehen noch gehabt hatten. Beim Abschied ermunterte uns die gute Frau, doch bald wieder zu kommen und länger in Saley zu verbleiben.

Aus Freude über das unerwartete Schweizer Geschenk trippelten die Kinder uns voran als Wegweiser bis zum winzigen Laghetto di Fontana, 2000 m, wo der Weg anfing rauher zu werden und wir daher die Kinder zurückschickten, nicht ohne sie nochmals zu beschenken. Nach ihrem Jubel zu schliessen, muss dies ein freudiger Tag für sie gewesen sein, den ihnen der « Signor Svizzero » bereitet hat.

Oberhalb des Seeleins trennt sich nach rechts der Passo dei Cavalli nach der Alp Pojala mit dem gleichnamigen See, 2153 m, und nach links der Passo di Topera hinter dem Pizzo gleichen Namens nach Agaro. Wir aber wählten den mittleren, d.h. den Passo di Muretto. Gegen die Höhe zu wird der Weg immer gröber, ist jedoch leicht zu begehen und ohne jede Gefahr. Bald befinden wir uns in einer Steinwüste aus lauter grauen Felstrümmern, die vom Pizzo Topera stammen. Die Aussicht ist nicht gerade interessant, eher beschränkt. In etwa zwei Stunden hatten wir den Sattel erreicht. Jenseits der Lücke geht es auf gleich rauhem Pfade gemächlich bergab, und bald waren wir auf dem Boden des kaum zwei Kilometer langen Tälchens, in welchem eine grosse Alp liegt. Ein Älpler, der gerade am Heuen war, staunte über unser Erscheinen von dieser Seite her; er unterbrach seine Arbeit, um über unser Woher und Wohin einiges zu erfahren.

Da er ein Einwohner von Aghèer selbst war, begleitete er uns bis zu seinem Heimatdörfchen und lud uns ein, in sein Haus zu kommen. Wir leisteten seiner unerwarteten Einladung gerne Folge und setzten uns an den Tisch in seiner höchst einfachen Stube. Auch dieser gastfreundliche Mann bewirtete uns mit Wein und Käse, doch schätzten wir seine Gutmütigkeit mehr als das uns Gebotene, welches von zweifelhafter Qualität war. Ein gewaltiger Ofen nahm fast die Hälfte seiner Stube ein.

Obschon dieses Alpendörfchen sehr lawinengefährdet ist, verbrachten ausdauernde Einwohner auch den Winter darin, andere aber zogen ins Tal hinab. Von allen Walser Siedelungen war Agaro wohl die armseligste und zugleich auch schmutzigste. Eine kleine Kapelle verschönerte noch einigermassen diesen verwahrlosten Winkel. Die Häuschen waren alle in bescheidenster Walser Art und beherbergten im Sommer etwa 100 Einwohner. Diese SiedeJung bildete ein Gegenstück zu Saley, in einem düstern Tälchen, auf zwei Seiten von hohen, senkrechten Wänden eingeschlossen, die dritte Seite besteht aus bewaldeten, aber sehr steilen Abhängen, und nur nach Süden ist das Tal offen mit Ausblick auf die schroffen Wände der Monte-Cistella-Gruppe. Politisch gehört Agaro zu Baceno, war aber früher auch einmal selbständig wie Saley, mit Baceno durch einen kniebrecherischen Weg verbunden. Es hatte, wie Saley, weder Wirtshaus noch Laden und überhaupt keine Einrichtung der neuern Zeit. Infolge ihrer Lebensweise und ihrer Rückständigkeit waren die Einwohner von jeher ein Gegenstand des Spottes im Tale unten, besonders auch wegen ihrer « sonderbaren Sprache », ihres « gergo Svizzero » ( Schweizer Jargon ). Kein Mädchen des ganzen Eschentales wollte da hinauf heiraten. Die Kolonie soll urkundlich schon im Jahre 1210 bestanden haben. Wie in andern ehemals deutschsprachigen Ortschaften jenseits des Wallis, rühmen sich die Leute Schweizern gegenüber, dass sie eigentlich auch noch Schweizer seien, und zwar aus dem Wallis. Für Flüchtlinge, Verbrecher oder Einsiedler mochte Agaro ein idealer Ort gewesen sein. Das Tälchen muss schon früher einen See enthalten haben. Der vordere Teil barg noch den Rest des ehemaligen Sees, und im hintern Teil konnten etwa 200 Kühe gesommert werden. Das Dörfchen wurde mehrmals von Lawinen und Steinschlägen zerstört.

Um eine Entsumpfung der Alp herbeizuführen, setzte sich vor Jahren ein Agarese, namens Giulio Tonzi, in den Kopf, einen Schnitt durch einen Felsenriegel zu machen. Seine Alpgenossen wollten ihm aber dabei nicht helfen und lachten und spotteten über seine Idee. Nach 12 Jahren — welch vorbildliche Ausdauer — brachte er seine Arbeit mit primitivem Werkzeug fertig. Eine spürbare Verbesserung soll er erreicht haben. Gross mag seine Freude über den beachtenswerten Erfolg gewesen sein, noch grösser, geradezu niederschlagend aber seine Enttäuschung, als kurz nachher das Projekt für einen Stausee auftauchte und wenige Jahre nachher auch verwirklicht wurde. Das ganze Tälchen bildet jetzt wieder einen See. Die langjährige, mühsame Arbeit jenes alpinen « Kulturingenieurs » war umsonst. Seine felsenfeste Hoffnung, aus dem Talboden noch etwas Rechtes machen zu können, war jählings geknickt. Er starb vor mehreren Jahren als armer, verlachter Mann im Antigoriotal, jedenfalls erbittert über die Unterwassersetzung seines Heimattälchens. An ihm hat sich das italienische Sprichwort: « Chi vive sperando, muore » ( Wer von der Hoffnung lebt, stirbt ), erfüllt. Die Agareser sind nun im Tale unten angesiedelt. Eine planmässige Umsiedelung unterblieb, und die Entschädigung für ihr Land ist mager genug ausgefallen.

Bei unserer Weiterwanderung stiessen wir auf die Bauarbeiten am Stausee beim Ausgang des Tälchens. Die Staumauer steht ziemlich nahe am Felsabsturz gegen das Deverotal. Sollte sie einmal bersten, so würde es da einen fast senkrechten Wasserfall von einigen Hundert Meter Höhe geben und der hübsche Ort Crovéo würde unzweifelhaft fortgeschwemmt. Mit freundlicher Erlaubnis eines Ingenieurs wechselten wir über das Baugerüst an die jenseitige, steile Berghalde hinüber, wo sich die Baracken, Kantinen und Werkstätten befanden. Das gesamte Baumaterial wurde vom Deverotal mittels Seilbahn an diese luftige Stelle heraufbefördert. Die Strasse, welche von Goglio heraufkommt, war bereits fertig, aber der Tunnel von etwa einem Kilometer Länge durch eine Bergnase hindurch noch nicht. In schwindelnder Höhe über dem Deverotale mussten wir zum Teil auf wackligen Stegen, die nur für die Tunnelarbeiter bestimmt waren, um diese Ecke herumklettern, bis wir die schöne Kunststrasse erreichten. Von da ab war es aber eine herrliche Wanderung nach dem etwa 6 km entfernten, tief unten liegenden Dörfchen Goglio. Die Strasse bietet eine prächtige Aussicht auf die Helsenhorn-und Monte-Leone-Gruppe.

Die Wanderung durch das uns bereits vertraute Deverotal erweckte in uns neue Freude, und in Baceno erwarteten wir in einer gemütlichen Osteria die « Corriera » zur Rückkehr an den Tosafall. Gerne hätten wir den folgenden Tag dazu benützt, das interessante Antigoriotal nochmals zu Fuss zu durchwandern. Es ist besuchenswert für Botaniker, Geologen, Kunstfreunde und selbst für Industrielle aus dem Elektrizitätswesen. Die Kirchen von Baceno und Premia sind Meisterwerke, und die modernen Kraftzentralen fügen sich gut in das Landschaftsbild. Die zahlreichen Wasserfälle erfreuen beständig den Wanderer, und die Geologen finden hier den härtesten Gneis, den man Kennt, nämlich den echten Antigoriogneis. Die Bodenkultur gleicht derjenigen zwischen Faido und Bellinzona. Auch geschichtlich sind das Anti-gorio- und das Formazzatal für uns Schweizer interessant.

Vom Tosafall nach Binn Nachdem ich die drei Pässe: San Giacomo, Gries und Hohsand von frühern Fahrten her bereits kannte, lag es mir daran, noch einen neuen Pass kennen zu lernen, und zwar interessierte mich die ehemalige Verbindung der Pommatter mit ihren Stammesgenossen drüben im Tessin, d.h. in Gurin ( Bosco ). Früher bestand zwischen ihnen etwelcher Verkehr; auch der Schmuggel blühte gelegentlich. Die zwei Übergänge, d.h. die vordere und die hintere Guriner Furke, sind mühsame und heute ganz pfadlose Übergänge. Die Verbindung dieser beiden Walser Siedelungen, Pommatt und Gurin, ist so gut wie aufgehoben. Es gibt keine sprachliche oder verwandtschaftliche Gemeinsamkeit mehr.

Mein Wunsch, die eine oder andere Furka kennen zu lernen, ging leider nicht in Erfüllung, denn der italienische Wachtposten in Zumsteg zeigte wenig Geneigtheit, mir den Weg in jener Richtung freizugeben. Um mich aber nicht ganz abzuweisen, wollte er mir die Überschreitung der Guriner Furka schliesslich gestatten, aber erst beim nächstfälligen Wachtwechsel, der in der folgenden Woche stattgefunden hätte. Da dies mir aber mit Rücksicht auf die Unsicherheit des Wetters nicht passte, zog ich vor, den Albrunpass zu wählen, um bei dieser Gelegenheit das schöne Binntal wieder zu sehen.

Mein Begleiter, Efisio Mattli von Fruttwald, und ich gehen den bequemsten Weg von Fruttwald aus durch den steilen, schönen Lärchenwald von Brendo ( Brand ) zur « Eialme », 2030 m ., wo der Weg von Wald ( Valdo ) in den unsrigen einmündet. Wenig unterhalb dieses Punktes, wo bereits das mächtige Ofenhorn uns entgegenwinkt, bildet der Lebendünbach, bevor er in mehreren Sätzen durchs Lebendüner Tobel hinunterrauscht, noch einen prächtigen Wasserfall. Von der « Balm » aus geht es auf ziemlich breitem, aber steinigen Weg etwas ansteigend nach dem Stausee von Lebendün. Unterwegs kommen wir noch an einigen verlassenen und verfallenen, teilweise durch Lawinen zerstörten Baracken und Werkstätten vorbei. Bald sitzen wir wieder auf der aussichtsreichen Terrasse des Wärterhauses an dem herrlichen Lebendünsee, wo wir bereits den eigentlich noch unverdienten Znüni einnehmen, weil hier gerade auch der dazu gehörige Wein billig und in guter Qualität erhältlich ist. Nach einer gemütlichen Stunde machen wir uns wieder auf, zunächst über die Lebendüner Alp ( Alpe Vannino ), die einst den Pommattern gehörte, ihnen aber vor einigen Jahrzehnten von gierigen Vieh-besitzern im untern Eschental einfach gestohlen wurde. Um einen Felssporn herum, über welchem 200 m höher der Obersee liegt, weiterwandernd, sind wir bald auf der folgenden Alp, genannt Kurzalp ( italienisch Curzalma — Verstümmelung von Kurzalp, deren Hütten wir aber rechts liegen lassen. Jenseits des Fornobaches folgt alsdann eine jähe Steigung über Grashalden und einige Felsköpfe. Weiter oben kommen wir wieder zu dem ausgetretenen Weg, der uns auf den Sattel zwischen Monte Minoio und dem Kurzalpkamm führt. Vom Wärterhaus bis hieher ist es ein Zeitaufwand von eineinhalb Stunden und der Höhenunterschied etwa 400 m.

Die Satta Minoia ist der gewöhnliche Übergang vom Tosafall nach Binn, ist sehr leicht, ungefährlich und benötigt kaum sieben Stunden. Die Schreibweise für diesen Übergang ist unsicher, bald lautet sie Scatta Minoia, bald Satta Minoia oder Minoio. Die dortigen Älpler sagen Minoia. Ein italienischer Schriftsteller ist der Ansicht, dass es Satta und nicht Scatta heissen sollte, da Satta vermutlich eine Verstümmelung vom deutschen Wort « Sattel » ist. In der Tat handelt es sich hier topographisch um einen Sattel, und die richtige Bezeichnung wäre « Lebendün-Sattel », weil er vom Tal Lebendün zum Albrunpass führt. Die Pommatter nannten diese Lücke früher die « Krüpfe ». Das Wort Minoio wird in Verbindung gebracht mit Kaufleuten dieses Namens aus Baceno, welche nach der Sage Handel mit der Schweiz über den San-Giacomo-Pass, Griespass und Albrunpass betrieben und den Sattel als erste zu Pferde ( wahrscheinlich eher Maultier ) überschritten. Das Geschlecht Minoio existiert noch heute im untern Eschental. Jedenfalls aber steht fest, dass dieser Pass ursprünglich, wie alle Fluren, Bäche und Berge im Pommatt, eine deutsche Bezeichnung hatte, und zwar eben « Krüpfe ». Der neue Name ist gar nicht berechtigt. Wenn es schon ein italienischer Name sein soll, so wäre dafür « Passo del Vannino », wie der Übergang dann und wann auch genannt wird, weit eher am Platze.Vor etwa 100 Jahren hiess er italienisch « Colle di Vannino ».

Auf der Höhe kommen wir zum Rifugio « Ettore Conti », gestiftet von der Mailänder Elektrizitäts-Gesellschaft « Edison » zu Ehren ihrer führenden Persönlichkeit, Senator Ettore Conti. Nach der Bestimmung des Stifters soll dieses Schutzhaus lediglich als Unterstandsort bei schlechtem Wetter dienen, also nicht wie andere Hütten als übliche Unterkunft oder etwa als Standort für Touren. Sie ist auch gar nicht zum Aufenthalt eingerichtet, da jede Ausstattung darin fehlt. Sie wurde im Jahre 1923 gebaut und enthält nur ein Lokal von 5,70x3,60 m. Sie ist vollständig feuersicher. Dach und Boden sind aus Zement, die Türe aus Eisen. Zwei Fenster aus Drahtglas erhellen diesen kahlen Raum. Die Bänke den Wänden entlang sind gleichfalls aus Zement, so auch der Tisch in der Mitte des Raumes. An einer Schmalseite ist eine Feuerstelle, die man benützen kann, sofern man etwas Brennholz vorfindet. Es fehlen Decken, Pritschen, Geschirr und Stühle, so dass man nicht einmal einen Jass spielen könnte. Es gibt also gar nichts zum Durchstöbern aus Langeweile. Wer längere Zeit schlechten Wetters wegen sich in dieser steinkalten Hütte aufhalten muss, könnte sich darin zu Tode langweilen. Bei schönem Wetter geniesst man von der Hütte aus eine recht interessante Aussicht. So wenig einladend die Hütte auch ist, wir selbst waren aber doch froh um sie, denn kaum waren wir dort angelangt, erreichte uns ein kurzes Gewitter. Unser Aufenthalt beschränkte sich aber nur auf eine Stunde, worauf wir sie wieder gerne verliessen.

Die Richtung nach dem Albrunpass ist kaum zu verfehlen. Zuerst noch an einigen kleinen Wassertümpeln vorbei, zieht sich der Weg etwas auf und ab an den Hängen der Punta del Forno, 2927 m, entlang.

Etwa 100 Schritte von dem Rifugio entfernt tauchten plötzlich zwei schwer beladene und mit Karabiner und Dolch bewaffnete Gestalten vor uns auf und geboten uns Halt. Offenbar glaubten sie, zwei Schmuggler auf Handelsgeschäften nach der Schweiz vor sich zu haben. Die misstrauischen Männer verlangten natürlich unsere Ausweise zu sehen und machten uns darauf aufmerksam, dass der Albrunpass zu den gesperrten gehöre. Nachdem ich jedoch auch noch das Schreiben von der italienischen Gesandtschaft in Bern vorwies, worin es hiess: « Si pregano le Autorità del Regno di lasciar liberamente passare i predetti Signori, etc. », wurden sie sofort freundlicher und wünschten uns noch gute Reise. Wir setzten darauf unsere Wanderung fort und erreichten sehr bald die Alpe Forno superiore, die wie die darunter liegende Alpe Forno inferiore in einer Mulde liegt. Verschiedene Bäche und Die Alpen - 1944 - Les Alpes26 Bächlein, alle vom Ofenhorn herunterkommend, vereinigen sich weiter unten auf Pianboglio zum Rio dell' Arbola, der in einem in Felsen eingefres-senem Bette sich in den Deverosee ergiesst. Auf Pianboglio wurde in Ergänzung des Stauwerkes am Deverosee noch ein weiterer Staudamm errichtet, der indessen seine Bestimmung nicht erfüllt hat. Es gelang dem Wasser des Ofenbaches, unter ihm durchzusickern, es liess sich also nicht sammeln. Die Arbeit war vergeblich.

In der kurzen Zeit von kaum zwei Stunden erreichten wir den teilweise noch mit Steinplatten belegten Albrunpass, 2410 m ., von dem aus der Weg ins Binntal nicht mehr zu verfehlen ist. Auf dem Wege nach Binn begegneten wir noch einer italienischen Schmugglergruppe, die reichlich beladen auf dem Rückweg war. Der Älteste der Gruppe mochte etwa 60 Jahre zählen und der Jüngste kaum 18 Jahre. Dieser Letztere wurde wahrscheinlich als « Lehrling » mitgenommen, denn auch im Schmugglergewerbe wird es heissen: « Früh übt sich, wer ein Meister werden will. » Da ihnen mein Begleiter kein Unbekannter war, schalteten wir noch eine Rast ein. Ihre anfängliche Zurückhaltung wich bald, als sie die Überzeugung hatten, dass sie von uns keine Denunziation zu befürchten hatten; sie liessen sich sogar noch zu einer Photoaufnahme bereit finden. Während des Gespräches gab es für mich noch Gelegenheit, etwas von der alpinen Schmugglertechnik zu erfahren. Die Leute trugen ihre Lasten quer über den Nacken, ohne jedes Traggerät, um sie bei drohender Gefahr um so leichter abwerfen zu können. Das « Säckeauf-nehmen » und « Säckeabwerfen » gestaltet sich bei ihnen auf sehr leichte Weise.

Nachdem wir ihnen noch « gut Glück » gewünscht hatten, richteten wir unsere Schritte Binn zu, am Wege die Hütten mit den einladenden Bezeichnungen: « Tschampigenkeller, Jennigenkeller und Welschigenkeller » unbesucht lassend. Wer etwa vermutet, dass hier Wein ausgeschenkt würde, gibt sich einer Täuschung hin. Käse kann er vielleicht bekommen, aber den Wein muss er selber herbeischaffen.

Auch eine Wanderung über den Albrunpass bietet eine Reihe von sehr schönen Landschaftsbildern. Immer ist etwas Neues zu sehen, schön geformte Berggipfel, interessante Felspartien, Wasserfälle, prächtige Partien von Lärchenwäldern und namentlich schöne Aussichten auf den Lebendün-und Deverosee, die schönsten in den lepontinischen Alpen.

Nachdem wir unterwegs reichlich Zeit verschwendet hatten, erreichten wir abends 7 Uhr das Gasthaus Ofenhorn in Binn, womit wir unsere Tagesreise abschliessen konnten. Da wir gerade zur 1.August-Feier kamen, freute es meinen Begleiter, sich einmal so recht unter Schweizern zu fühlen. Am folgenden Morgen trennten wir uns, auf Wiedersehen hoffend. Nach seinem üblichen Messebesuch wanderte mein höchst genügsamer und anspruchsloser Pommatter auf dem gleichen Wege zurück ins Pommatt, in die « Svizzera esterna », während ich mich zur Heimreise in die « Svizzera interna » vorbereitete, sehr bedauernd, mich nicht noch länger in dem schönen Tale und im freundlichen Gasthause aufhalten zu können.

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