Im Eschental

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Mit 1 Bild ( 19Zürich ) Dieses herrliche italienische Tal, eingebettet zwischen den Kantonen Tessin und Wallis, ist den meisten Schweizern eher geschichtlich als touristisch bekannt. Um von der Inner- oder Ostschweiz zu ihm zu gelangen, erfordert es die Durclvwanderung des schönen Bedrettotales und hernach erst noch die Überschreitung des unbeschwerlichen San-Giacomo-Passes, 2318 m. Ausser diesem altbekannten Zugang können wir auch noch den Griespass, 2456 m, den Albrunpass, 2411 m, und den Hohsandpass, 2927 m, erwähnen, doch sind dieselben schon seit dem ersten Weltkrieg von italienischer Seite aus gesperrt. Der Hauptort Domodossola ist natürlich am leichtesten via Simplon, Centovalli oder von Pallanza aus erreichbar. Daneben gäbe es noch verschiedene andere, touristisch ebenfalls interessante Übergänge, wenn keine behördlichen Hindernisse bestünden. Wer Zeit genug hat und von schönem Wetter begünstigt ist, macht mit hohem Genüsse eine Wanderung durchs ganze Tal aufwärts oder abwärts. Ob wir das Tal von unten nach oben oder umgekehrt durchwandern, nirgends haben wir Ursache, über Einförmigkeit zu klagen. Zwischen Crevola und Foppiano bietet es kaum geringere Schönheiten als das Reusstal. Bei Grodo erblicken wir z.B. den Monte Forno über dem sonnigen Baceno, welcher wie der Bristenstock das Muster einer Bergpyramide ist. Bei diesem letzteren Ort betritt man einen neuen Talgrund, der bis Fop- piano als Antigoriotal bezeichnet wird. Zahlreiche Wasserfälle auf der linken und rechten Seite bis zur allerobersten Talstufe verschönern das Landschaftsbild. Und riesige Felsblöcke in Feldern und Matten erinnern uns beständig an die Gefahren, welchen die Talgründe ausgesetzt sind.

Wir wollen hier lediglich von der obersten Talstufe, nämlich vom Val Formazza, deutsch Pommatt genannt, einige touristische Angaben machen. Die Bezeichnung « Pommatt », früher etwa auch Bomatt oder Bonmatt geschrieben, rührt wahrscheinlich von einem ehemaligen Flurnamen « Boden-matt » her. Diese Talstufe weist nur einige kleine Weiler auf, amtlich sind ihre Namen italienisch, von den Einwohnern werden sie aber meist noch nach der alten deutschen Bezeichnung genannt. Von oben nach unten folgen sich die Weiler: Fruttwald ( Canza ), Gurfelen ( Grovello ), Amsteg oder Zumsteg ( al Ponte ), Wald ( Valdo ), Tuffwald ( S. Michele ), Andermatten ( Chiesa ), Stafelwald ( Fondovalle ) und Unterstalden ( Foppiano ). Amsteg ist der Hauptort der Gemeinde Formazza, territorial die grösste Gemeinde der Provinz Novara, und Andermatten ist kirchlicher Hauptort, wo auch der Friedhof für die Talbewohner liegt.

Links steigen die steilen Tessiner Berge empor, unter denen besonders der Basodino ( Basaldinerhorn ), 3275 m, und das Sonnenhorn, 2788 m, zu nennen sind. Die urwüchsigste Ortschaft ist Fruttwald, welches von der Tosa in zwei Teile geschnitten ist. Die Häuser der eigentlichen Pommatter sind meist aus Holz gebaut und die Fenster mit Geranien und Nelken geschmückt. Die Häuser der zugewanderten Ortsfremden sind nach italienischer Art gebaut und stören sozusagen die Dorfbilder. In Fruttwald wohnt das Faktotum von Pommatt, Lehrer Ferrera, der so manchem Talbesucher stets bereitwillig wertvolle Auskünfte erteilte, leider aber nie Zeit fand, eine Monographie über seine Heimat zu schreiben. Sie wäre geschichtlich und sprachlich wertvoll geworden. Beim Brande von Andermatten 1790 gingen bedauerlicherweise viele Dokumente des Tales verloren.

Topographisch endet oder beginnt das Pommatt bei Stafelwald, 1220 m, doch gehört Unterstalden ( Foppiano ), 933 m, merkwürdigerweise auch noch zur Gemeinde Formazza. Zwischen diesen beiden Ortschaften liegt der Engpass am Greselberg, « Gesehen » ( italienisch Casse ) genannt, der mehr oder weniger an die Schöllenen in Uri erinnert. Bis Foppiano bestand eine Strasse schon seit 1874 von Domodossola her, die Weiterführung ins Pommatt hinauf erfolgte erst im Jahre 1920. Bis dahin wollten die Pommatter nichts wissen von einer Strasse, da sie nur « fremde Leute » ins Tal bringen würde. Der alte, mühsame Saumpfad ist teilweise noch erhalten, ebenso das alte Bogenbrücklein, an welchem in lateinischer Sprache die Inschrift angebracht ist: « 1684 erstellt von den Leuten von Pommatt. » In 14 spitzen Kehren wird die Felsschlucht überwältigt. Wer von Domo herkommt, würde meinen, das Eschental hätte hier sein Ende. Dieser Engpass war früher der gefürchtetste Teil des Saumpfades, und die Pommatter pflegten deshalb mehr Verkehr mit dem Wallis über den Griespass als mit den untern Stufen des Eschentales. Sie besuchten noch bis vor dem ersten Weltkriege jährlich im August die Kilbe von Ulrichen, wo sie jeweils zwei bis drei Tage verblieben. Infolge ihrer Abgeschiedenheit konnten sie ihren alten Walliser Dialekt gut bewahren und die Flur- und Bergnamen, auch die der Bäche und Alpen lauten heute noch deutsch, sind aber oft arg verstümmelt. Verschiedene Geschlechtsnamen sind ebenfalls noch in alter Form erhalten, z.B. Ambiehl, Bacher, Imboden, Kessel, Mattli, andere hingegen sind italianisiert worden, wie Enderli in Anderlini, Imboden in Imbodo oder Bodo, Schillig in Scilligo, Schmied in Ferrera.

Der bewohnte Teil von Pommatt schliesst in einem Felsenzirkus, welcher von den Talleuten als « Frütt » und von den italienisch sprechenden Eschen-talern als « Frua » bezeichnet wird. Zwischen Oberfrütt und Unterfrütt rauscht über eine 145 m hohe Felswand der berühmte Tosatali.

Von Hochwassern, Steinschlägen und gewaltigen Lawinen wurden die Leute von Pommatt oft schwer heimgesucht. Reiche Bauern in unserm Sinne gibt es unter ihnen nicht, weil die Enge des Tales und die Steilheit der Abhänge keine landwirtschaftliche Entfaltung ermöglichen. Das ganze Pommatt weist eine Bevölkerung von ungefähr 1000 Seelen auf. Es ist erst seit etwa 30 Jahren dem zunehmenden italienischen Tourismus und der Errichtung von Kraftwerken erschlossen worden. In Andermatten führt die Strasse am Dorfe vorbei, und wenige Touristen ahnen, dass mitten drin am alten Saumpfade eine Wirtschaft mit heimeliger Stube besteht, wo deutsch gesprochen wird. Unweit davon ist das ehemalige Wirtshaus, wo Richard Wagner auf seiner Reise über den Griespass nach Domodossola sich an einem Murmeltierbraten erfreut haben soll.

Als besonderer Anziehungspunkt des Pommatts galt der berühmte Tosafall, den man zu jenen Wasserfällen zählte, die man gesehen haben musste. Bei Schneeschmelze oder Hochwasser bot er wirklich ein eindrucksvolles Bild. In Zeiten niederen Wasserstandes aber mochte er vielleicht die Erwartungen mancher Besucher etwas enttäuscht haben. Mit der frühern Herrlichkeit des Tosafalles ist es nun leider vorbei, die Herren der Elektrizitätswirtschaft haben ihn fast ertötet. Bis zu seiner Amputation hörte man sein Tosen bis nach Andermatten, das eine Stunde weiter unten liegt. Die bedeutenderen Zuflüsse der Tosa, nämlich der Griesbach und der Hohsandbach, sind bei Moraschg ( Morasco ) in einem Stausee aufgefangen worden. Ihre Wassermengen, soweit sie erforderlich sind, werden im Berginnern der Kraftzentrale in Amsteg zugeführt. Am Absturz des Tosafalles bauten 1863 die Gebrüder Zertanna ein bescheidenes Gasthaus, welches sie im Jahre 1893 vergrösserten. Im Jahre 1926 wurde es von einer italienischen Gesellschaft zu einem modernen Hotel ( Albergo della Cascata ) umgebaut. Am Fusse des Falles finden wir ein bescheideneres, von Nachkommen der Gebr. Zertanna gut geführtes Gasthaus ( Albergo Zertanna ), wo Schweizer Touristen gastliche Aufnahme finden.

Eine halbe Stunde oberhalb des Tosafalles, bei Kehrbächi, zweigt der Griespass von der St.Jakobs-Strasse ab. Diese wurde ab Unterfrütt im Jahre 1923 von italienischen Genietruppen erstellt und bis zur Landesgrenze geführt. Beim Albergo Zertanna ist ein Schlagbaum, an welchem Automobilisten und Motorfahrer eine Gebühr zu entrichten haben. In zehn kühnen Kehren führt die Strasse in die oberste Talstufe, Valdösch oder Valdöss genannt. Die oberste Alp hat den vornehmen Namen « Königinalp ». Unterwegs kommen - wir am aufgestauten Fischsee vorbei, und abseits der Kunststrasse, 200 m höher, liegt der herrliche Kas:ellsee. Etwas unterhalb der Val-Maggia-Lücke liegen die zwei kleinen Bodenseen.

Auf italienischer Seite würde man die Fortsetzung der Strasse ins Bedrettotal sehr gerne sehen, und eine Unternehmerfirma in Domo soll seinerzeit auch eine sehr vorteilhafte Offerte für die noch fehlenden 6—8 km gemacht haben. Da das Anschlusstück auf Schweizer Gebiet fehlt, kann man hier nicht von einer « länderverbiu denden Strasse » sprechen. Die ganze Strecke von der Passhöhe bis Domo nisst rund 60 km und gleicht somit derjenigen von Airolo nach Bellinzona. Von All' Acqua aus erreicht man die Passhöhe bequem in drei Stunden, und die erste « Sehenswürdigkeit » auf italienischem Gebiet, kurz nach dem Wachtposten, bilden die zwei radlosen Wagen der italienischen Staatsbahn, ein Speisewagen und ein Schlafwagen, beide auf Betonsäulen gestellt, deren Höhe etwa der dortigen winterlichen Schneehöhe entspricht. Dieses « Ersatzhotel » kann während des Sommers von jedermann, der das Bedürfnis nach einer Stärkung empfindet, besucht werden. Der Schlafwagen dient Touristen, die von hier aus auf die umliegenden Berge Besteigungen unternehmen wollen. Im Winter wird das « Hotel » mit grossen Blachen zugedeckt. Beim ersten Anblick ist man verblüfft über diese seltsame Idee, die da ausgeführt wurd:1 Es erweckt ein sonderbares Gefühl, inmitten der hehren Bergwelt, wo weit und breit keine Schienen sichtbar sind, in einem noblen, stillstehenden Eisenbahnwagen zu sitzen. Die Bedienung ist ganz alla Milanese. Unwillkürlich fragt man sich, wie denn diese Wagen da hinauf geschafft wurden? Dies geschah natürlich in demontiertem Zustande, denn wegen der vielen spitzen Kehren und der beschränkten Tragfähigkeit der Tosabrücken wäre es ander :: unmöglich gewesen. Bis jetzt diente dieses sonderbare Hotel mit dem Namen « Wagristoratore S. Giacomo Pescatore » vornehmlich den Herren Automobilisten aus Oberitalien als Picknickplatz an schönen Fahrtagen. Unterhalb der Staumauer am bereits erwähnten Fischsee ist aus dem ehemaligen Ingenieurhaus eine Unterkunftshütte « Maria Luigia » des italienischen Alpunklubs entstanden, die hauptsächlich den Skifahrern dient, welche in dieser Region ein ausgezeichnetes Gebiet vorfinden.

Bis vor etwa 150 Jahren machten die Pommatter jährlich über den San-Giacomo-Pass eine Wallfahrt bis auf den St.Gotthard-Pass. Da auf der Rückreise nicht mehr immer alles klappte und die Leute wohl auch oft in arge Unwetter gerieten, wurde diese beschwerliche Wallfahrt aufgehoben und wird jetzt talabwärts gegen Premia ausgeführt, so dass die Leute noch am gleichen Tage wieder räch Hause gelangen. Im kleinen Wallfahrtskirchlein zu Puneigä ( Antillcme ) zeigt ein Fresko die einstige St.Gotthard-Prozession.

Ein Fluss, der so wasserreich und gefällstark ist, wie die Tosa, musste natürlich auch der Industrie dienstbar gemacht werden. Die Mailänder Elektrizitätsgesellschaft Con:L hat eine ganze Reihe von Kraftzentralen bereits gebaut und noch verschiedene in Aussicht genommen. Es sind architektonisch schöne Bauten, und man muss anerkennen, dass die Italiener im Eschental Grosses geschaffen haben.

Italienische Schriftsteller haben sich über den Namen der Tosa schon den Kopf zerbrochen, indem sie ihn von Tux, Toxa, Togia, Toxio oder Tocea ableiteten. Im Eschentaler Dialekt wird sie « La Toos » genannt. Vermutlich kommt ihr Name vom deutschen Wort « tosen », das wohl auch dort unten einmal Eingang fand. Der Fluss « Töss » im Kanton Zürich leitet seinen Namen ja ebenfalls vom « Tosen », d.h. laut rauschen, ab, und zwischen « Toos » und « Töss » besteht lautlich kein grosser Unterschied. Merkwürdigerweise nennen ältere Leute im Pommatt die Tosa auch « d'Riis » ( Reuss ). Als ich einmal an eine Pommatterin, die mich offenbar als Schweizer Touristen erkannte, auf italienisch eine Frage stellte, ergänzte sie ihre Antwort treuherzig mit den deutschen Worten: « Ihr kennid do scho diitsch reda, mir alii redend au diitsch, aber üseri Spraach ischt a leidi! » Sie bedauerte, dass man bei ihnen kein richtiges Deutsch spreche wie bei uns in der « diitschen Svizzera ». An einem Stadel in Amsteg finden wir die Inschrift: « Im Jar des Herrn 1794 hat Johannes Alowis Antonietti disse Scheir und Stal lasen bouwen auf Gottes und Maria Fertrewn. » Während des ersten Weltkrieges hat man den Leuten auch die mündliche Anwendung ihres deutschen Dialektes austreiben wollen; heute aber können sie wieder reden, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. In ihrem Dialekt hängen sie deutschen Hauptwörtern meist ein o an, so heisst z.B. der Hahn Hano, der Hund Hundo, der Hase Haso, der Bär Bäro und die Henne Hennu. Der Buchstabe s lautet meist im Anlaut und Auslaut wie seh, z.B. bös besch, sie schi, Gemse Gemsch, Fels Felsch.

Nachforschungen nach einem jungen St. Galler Studenten ( Kurt Gächter, stud. math. ), welcher bei einer im Jahre 1931 unrühmlich verlaufenen Studenten-tour im Blindenhorngebiet mutmasslich auf italienischem Boden verloren ging und seither verschollen blieb, gaben mir Gelegenheit, das Pommatt kennen zu lernen. Versehen mit einer Ermächtigung der italienischen Gesandtschaft in Bern ward es mir möglich, in Begleitung Einheimischer dasselbe zu durchwandern. Als Standort diente mir während einiger Jahre der bereits erwähnte Albergo Zertanna am Tosafall. Von hier aus lassen sich die uns Schweizern wohlbekannten drei Hauptgipfel: das Ofenhorn, das Blindenhorn und der Basodino, leicht besuchen. In greifbarer Nähe sind noch verschiedene andere besuchenswerte Gipfel, alle über 2500 m Höhe. Die Zugänge zum Albrun-, Hohsand- und Griespass werden vielen schweizerischen Touristen bekannt sein, nicht aber ihre Fortsetzungen auf italienischer Seite, die nicht minder interessant sind. Der Albrun- und der Griespass waren vor der Erbauung der Simplonstrasse für Handelsverkehr mit dem Wallis und dem Berner Haslital stark benutzt, auch für die kriegerischen Unternehmungen der Schweizer ins Eschental. Der Hohsandpass, früher als Schmugglerpass bekannt, gilt bei Hochtouristen als klassischer Übergang vom Tosafall nach Binn oder umgekehrt.

Den Unterhalt des Griespasses hatten einst die Pommatter übernommen. Über das untere Ende des Griesgletschers pflegten sie Wegweiser aufzustellen. In Steinplatten, mit einem Loch in der Mitte, steckten sie Pfähle von etwa 2 m Höhe. Heute sind diese Gletscherwegweiser nicht mehr vorhanden. Im Jahre 1932 habe ich noch den letzten gesehen. Vom Tosafall aus erreicht IM ESCHENTAL man die Passhöhe leicht in drei bis vier Stunden. Das kurze Griestal wurde viel von Botanikern aufgesucht. Die schönste Alp, zugleich Sommerdörfchen für die Älpler, nämlich Moraschg ( Morasco ), ist vor wenigen Jahren in einen Stausee verwandelt worden. Dieser See ist vom Griespass aus sichtbar. Zwischen Moraschg und der 300 m höher liegenden, ärmlichen Alp Bettelmatt liegt der felsige Stutz, genannt « Walliser Biehlen », welcher an die Herkunft der Ansiedler im Pommatt erinnert. Von dieser Alp aus erreicht man auf ordentlichem Wege den Griespass, links zweigt ein angenehmer Pfad zur italienischen Klubhütte « Città di Busto » ab. Sie steht auf einem aussichtsreichen Felskopf, genannt « zum Stock », 2480 m. Das Gebiet wird von den Einheimischen als « Gemschland » bezeichnet, da es früher ein beliebter Aufenthalt von Gemsen war. Heute gibt es nur noch Murmeltiere in der Umgebung. Überaus schön ist von der Hütte aus der Blick auf den Hohsandgletscher, der grösste italienische Gletscher zwischen Bernina und Monte Rosa. An seinem oberen Ende steht der majestätische Aufbau des Ofenhorns. Rechts von ihm fuhrt der sehr lohnende und interessante Hohsandpass nach Binn. Auf dessen Sattel erblickt man einige bizarre Felsgestalten.

Von der Alp Moraschg aus lohnt sich ferner die Überschreitung des Niefelschupasses, 2567 m ( italienisch Neufelgiu ). Dieser Pass führt in seinem obersten Teil auf der Griestalerseite zwischen hohen Felswänden durch, und die Älpler oder Schmuggler werden ihn, nachdem sie ihn einmal als begehbar fanden, als neuen Felsenpass bezeichnet haben. Heute dient er touristisch als interessanter Übergang ins kleine Lebendüner Tal und zum Lebendüner See. Auf der Passhöhe geniesst man eine schöne Aussicht auf den San-Giacomo-Pass und auf das Ofenhorn, ebenso auf die Monte-Giove-Gruppe, den Obersee, 2326 m, und den Lebendüner See, 2177 m. Ersterer wird italienisch « Lago Sruer » genannt. « Sruer » soll von sauer ( saure Milch ) herkommen, und der Farbe nach entspricht der See einem « Schottensee ». Der Lebendüner See ( italienisch Lago Vannino ) würde in unserer Schriftsprache wohl « Lepontiner See » heissen, da wir hier mitten in den Lepontiner Alpen sind.

Am Ufer des Lepontiner Sees steht ein dreistöckiges Haus, welches während des ganzen Jahres von einem Wärter mit Familie bewohnt wird. In greifbarer Nähe vor uns steht der Gloggstafelberg, 2965 m, ein Vorberg vom Monte Giove, 3010 m, der als der « Belvedere dell' Ossola » gilt.

Ausser den erwähnten Seen gibt es noch eine Anzahl anderer, und ein gutes halbes Dutzend wurde zur Speisung von Kraftzentralen künstlich gestaut. Was das Pommatt teilweise am Tosafall verloren hat, gewann es landschaftlich an den zwei neuen Seen von Agaro und Moraschg. Für die Einwohner bedeutete indessen die Unterwassersetzung dieser beiden Alpen, auf welchen 300-400 Stück Vieh gesommert werden konnten, einen erheblichen Verlust. Ein kleiner idyllischer See bei Puneigä ( Antillone ) ist vor wenigen Jahren unterirdisch abgelaufen und existiert nicht mehr. Im Wiesenplan von Kehrbächi erblicken wir vom Kopf bis zum Fusse den Basodino, der von der Abendsonne oft bezaubernd beleuchtet wird. Diese Ebene soll früher schöner Wiesboden gewesen sein. Durch eine Überflutung, verursacht durch einen Dammbruch am Kastellsee am 16. November 1923, ist sie mit viel Geröll überschüttet worden und heute noch fast unproduktiv. Im Winter 1937/38 ist daselbst ein neues kleineres Touristenhotel von einer Lawine zerstört worden.

Die Bevölkerung von Pommatt ist nicht mit Glücksgütern gesegnet. Im Winter sind sie vielfach von Lawinen bedroht. Abwechslungsweise standen sie früher unter verschiedenen Herrschaften, mailändischen, schweizerischen, spanisch-österreichischen und wieder mailändischen. Unter den ersteren beiden erfreuten fie sich grosser, fast republikanischer Selbständigkeit. Als sie einmal von einer unerträglichen Abgabe befreit werden wollten, schickten sie eine Dreiervertretung nach Mailand und liessen den Herzog bitten, man möge sie doch sofort empfangen, da sie arme Leute seien und nicht vermögen, tagelang in Mailand auf Bescheid zu warten.

Das Aussehen der Leute ist entschieden immer noch mehr schweizerisch als italienisch, und sie können ihre Herkunft nicht verleugnen. Wie in andern ehemaligen deutschen Gemeinden jenseits der Alpen ist aber auch hier die deutsche Sprache am Ausklingen. Die Kirche und die Schule, auch der Militärdienst wirken beständig an der Vernachlässigung der heimischen Sprache. Deutschen Lesestoff bekommen die Leute selten zu sehen. Und mündliche oder schriftliche Anleitung zur bessern Erlernung der deutschen Sprache fehlt ihnen vollständig. In Ur-Pommatter Familien, deren Wohnungen sehr sauber sind, wird zu Hause ihr alter Dialekt noch gesprochen, dagegen scheuen sich die jungen Leute, mit Fremden anders als Italienisch zu sprechen. Sie werden immer mehr an den Gebrauch des Italienischen gewöhnt, so dass Durchreisende den Eindruck bekommen, die deutsche Sprache sei bereits verschwunden. Ältere Leute aber lassen sich gerne in ein Gespräch ein mit deutschredenden Touristen, namentlich Schweizern. Wer es versteht oder sich bemüht, mit ihnen zu verkehren, wird freundliche Aufnahme finden. Ihre Redensarten sind zwar meist von italienischen Brocken durchsetzt. Einst hatten sie deutschpredigende Pfarrer aus der eigenen Bevölkerung, und da und dort entdeckt man noch Andenken an frühere Wallfahrten nach Einsiedeln.

Nach ihrer Talverfassung von 1486 wählten die Pommatter jeweils am ersten Maisonntag bis zum Jahre 1837 ihren eigenen « Talammann », den Statthalter, den Talweibel und die Richter, und ihre Talverfassung glich etwa denjenigen, die in schweizerischen Talschaften üblich waren. Bis zum Aufkommen der heutigen Regierungsform amtete noch ein deutschsprachiger Talammann. An ihren Talrechten, die ihnen von den Mailänder Herzogen wiederholt bestätigt wurden, hielten sie zähe fest. Als sie im 15. Jahrhundert öfters mit einer adeligen Familie im Eschental, die auch als Vögte von Pommatt auftreten wollten, Streit hatten, erklärten sie: « Wir wohnen an der Schweizer Grenze und sprechen den Schweizer Dialekt, und würden eher wieder nach der Schweiz wandern, als eure Herrschaft anerkennen. » — Seit etwa 100 Jahren aber mussten auch sie sich neuen Verhältnissen anpassen.

( Siehe auch: G. Meyer von Knonau: « Eine verlorene schweizerische Eroberung » [Jahrbuch S.A.C., 10. Jahrgang]; Dr. phil. Tanner: « Der Kampf ums Eschental und der Verrat von Domcdossola ». )

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