Im Granit hoch über der Göschener Alp

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Eberhard Kress, Tübingen ( Deutschland )

Wie oft sprachen wir in den vergangenen Jahren von einer Tour auf den Bergseeschijen! Aber jedesmal, wenn der Herbst kam, mussten wir bekennen: Auch diesen Sommer ist es uns nicht geglückt. Doch man muss nur Geduld haben.

Nun soll die Schönwetterlage anfangs August nicht ungenützt bleiben. Bereits an einem Freitagnachmittag verlassen wir das Schwabenland. Es ist heiss. Von den Ufern des Zürichsees sind die ohnehin schon unscharfen Konturen der Glarner Alpen kaum zu erkennen. Uns ist es recht so; dann bleibt das Wetter schön. Über den Sattel rücken wir näher an die Berge der Zentral-schweiz.T.rotz des Urlaubsverkehrs gelangen wir pünktlich nach Göschenen an der Gotthardroute, wo wir uns von dem Strom nach Süden trennen, und augenblicklich umfängt uns eine wohltuende Ruhe. Die Sonne ist schon längst im Göschener Tal verschwunden, als wir das schmale Strässchen der Göschener Reuss entlang fahren und unsere Fahrt am Stausee endgültig zu Ende ist.

Angenehm breitet sich die Abendkühle aus, das Steigen fällt leicht, und drüben am Hinter Tierberg schieben sich die Nebelschwaden langsam talwärts. Nach etwa zwei Stunden stehen wir dann plötzlich vor der neuen Bergseehütte des SAC. Ein blitzsauberes und sehr zweckmässig gebautes Haus mit netten Wirtsleuten lässt die Mühen des Aufstiegs schnell vergessen.

Oberhalb der Hütte erhebt sich die Kette des Schijenstocks, und einer dieser Granitklötze ist der Bergseeschijen, über dessen Südgrat ( III und IV ) wir den Gipfel erreichen wollen.

Ein strahlend schöner Tag empfängt uns am anderen Morgen. Keine Wolke trübt den klarblauen Himmel, als wir zu dritt - Erich und Walter sind mit von der Partie - dem Einstieg zustreben. Die Hütte wird allmählich zu einem winzi- gen Spielzeugklötzchen, und der Bergsee daneben blinkt wie ein blaues Auge zu uns herauf.

Doch jetzt wird 's ernst: Wir sind angeseilt, und Erich packt die erste Seillänge an. Zuerst gilt es an einem ziemlich glatten Plattenaufschwung etwa fünf Meter nach rechts hinaus zu queren; anschliessend klettert man an sehr kleinen Griffen etwa zwanzig Meter steil hinauf zu einer Felsleiste und erreicht keuchend den ersten Standplatz. Hier kommen wir gleich richtig ins Schwitzen. Nur die Finger- und Zehenspitzen finden einen Halt. Doch man muss eben Vertrauen zum Fels, diesem eisenharten Granit, haben; dann klappt es schon. Es geht weiter, schwierig und ausgesetzt, zwei bis drei Seillängen etwas rechts vom Grat.

Wir sind schon ganz ordentlich höher gekommen. Langgestreckt zieht sich der blaugrüne Göschener Stausee ins Tal hinein. Darüber leuchten die Firne und Eisbrüche von Damma- und Rhonestock, begrenzt von zackigen Felsgraten. Es ist ein herrliches Bild, das sich unseren Augen von dieser luftigen Warte bietet!

Nun steigen wir direkt an der Gratkante hinauf. Es wird noch ausgesetzter, der Fels ist fest und weiterhin kleingriffig. Es ist eine Freude, wenn plötzlich zwischen den Beinen tief unten die kleine Bergseehütte auftaucht. Dann wird uns so recht bewusst, wie hoch wir inzwischen gestiegen sind. Noch einmal wird es exponiert; an kleinen Griffen klettern wir direkt über den Grat hinauf, bis die letzten leichteren Absätze uns vollends zum Gipfel leiten.

Wir geniessen die Gipfelstunde in vollen Zügen. Was sollen wir mehr bewundern: die Felsnadeln des Salbitschijen,die wuchtigen Eisflanken des Galenstocks oder die einladenden grünen Matten der Göschener Alp mit ihrem langgestreckten Stausee?

Westlich vom Bergseeschijen rutschen wir dann eine steile Rinne hinunter, können über Schneehänge abfahren und turnen anschliessend über wirr durcheinandergeworfene Felsblöcke zu den steilen Wiesen am Bergsee hinunter.

Ein langgehegter Wunsch ist nun doch in Erfüllung gegangen!

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