Im Kaukasus 1933

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Von Werner Weckert.

Nach monatelangen Vorbereitungen verliessen wir fünf Mann stark am 17. Juni abends Zürich und erreichten über Wien-Warschau am 21. Juni Moskau. Hier wurden wir von einem Vertreter des Reisebureau Intourist abgeholt und in das Hotel « Neu Moskau » geführt. Wegen der grossen Hitze liessen wir natürlich die Fenster offen. Als ich am Morgen erwachte, war meine Hose nicht mehr da, und Saladin fehlte der ganze Anzug, auch die eine Leica war verschwunden. Wir hatten über Nacht Besuch bekommen, und keiner von uns zweien hatte etwas gehört. Am Boden waren Abdrücke von blossen Füssen und führten aussen an der Mauer hinunter. Der Kerl hatte einen guten Fang getan; uns fehlten 150 Dollar, etwa 70 Schweizerfranken, Uhren, Messer, Brieftaschen, Leica und die Fahrkartengutscheine. Nach langer Zeit erschien ein Milizbeamter, plötzlich kam ein Bauhandlanger und brachte unsere Kleider, aber natürlich mit leeren Taschen. Man versicherte uns, alles käme wieder zurück, ist aber nie geschehen. Abends fuhr unser Zug dem Süden zu. Für die nächsten 70 Stunden richteten wir uns in unserem Coupé häuslich ein. Wir verstauten alle Koffer, banden sie mit einem Strick zusammen, und während der Nacht hielt immer einer abwechslungsweise zwei Stunden Wache. So erreichten wir nach zehn Tagen, am 26. Juni, Naltschik, den Ausgangspunkt für das kaukasische Hochgebirge.

Hier wurden rasch die nötigen Vorbereitungen getroffen und Pferde für den Transport besorgt. Ein halber Tag verging mit Gepäckabwägen, damit alles genau auf 6 Tiere verteilt wurde. Endlich um Mittag des 27. Juni verliessen wir Naltschik. Unter brütender Sonne durchquerten wir die Steppe und näherten uns den mit Wald und Gras bewachsenen Vorgebirgshügeln. Spät abends betraten wir eine Anhöhe von etwa 1400 m und schlugen unser Zeltlager auf. Bei sternklarem Himmel krochen wir in unsere Schlafsäcke, wurden aber durch ein schweres Unwetter plötzlich aus dem Schlaf gerissen. Rasch galt es, die herumliegenden Sachen mit unseren Kleppermänteln zu decken. Auch am nächsten Morgen dauerte der Regen fort. Unsere armen Tiere versanken schwer im schlammigen und rutschigen Boden und kamen nur mühsam vorwärts. Endlich erreichten wir den höchsten Punkt und stiegen steil hinunter auf den Talboden von Karnsu. Nach Überschreitung des wildreissenden Flusses kamen wir in die enge Felsenschlucht des Urwaw und ins Tal von Besingi. Hier wechselte das Gelände von Wald und Sumpfgebiet in öde, sonnverbrannte Steinwüsten, und gegen Abend betraten wir das letzte Dorf, Besingi.

Am nächsten Tage verteilten wir Proviant und Ausrüstungsgegenstände. Otto Furrer wurde plötzlich von starkem Fieber und Schüttelfrost befallen, und alle Arznei war hilflos. Am zweiten Tage verliessen wir zu viert mit zwei Pferden und zwei Eseln Besingi. Furrer blieb mit dem Dolmetscher zurück. In steilem Anstieg gelangten wir von 1500 m auf 3100 m Höhe und stiegen jenseits wieder auf 1200 m hinunter nach Kuniun im Balkartal, das wir nach strengem llstündigem Marsch abends 6 Uhr erreichten. Hier erhielten wir Unterkunft im Schulzimmer. Unser Pferdetreiber bemühte sich fast die ganze Nacht, neue Pferde für den Weiterweg zu bekommen. Am Nachmittag des 1. Juli zogen wir von Kuniun mit drei Pferden talauf und standen gegen den Abend beim Hirtenkosch Karaulka. Hier schlugen wir unsere Zelte auf. Schon in aller Frühe des nächsten Tages waren wir im Aufstieg zum Schtulupass. In brütender Sonne verging Stunde um Stunde. Auf ca. 2800 m hielten wir Mittagsrast. Der weitere Aufstieg war für die Pferde äusserst mühsam, überall rutschende Geröllhänge von grosser Steilheit. Weiter oben lag eine tiefe, zusammenhängende Schneedecke. Die Pferde versanken an den steilen Hängen bis zum Bauch und waren selbst unbelastet nicht mehr weiterzubringen. In mühevoller Stampferei stieg ich allein auf den 3400 m hohen Pass und musste einsehen, dass der Übergang mit den Pferden unmöglich war, denn auf der andern Passeite reichte der Schnee noch viel tiefer hinunter. Wir mussten unseren Plan, in die Adaichochgruppe zu gelangen, aufgeben, und entschlossen uns, in der Sugangruppe einige Bergfahrten zu unternehmen. Mit den schweren Koffern auf unseren Rücken stiegen wir wieder zu unserem Punkt 2800 zurück.

Am 3. Juli verliessen wir in Begleitung unseres Pferdetreibers das Lager und stiegen über steile Rasen und Schutthalden auf Punkt 3668, genannt Borcheton. Von hier ging unser Kaukasier wieder zum Zelt zurück, während wir zu viert den Südgrat des Sugantau in Angriff nahmen. Überall lag sehr viel Schnee und zwang zu mühsamer Arbeit. Auch die steilen Felsen waren stark verschneit. Das Wetter wurde zusehends schlechter, und bald brach ein Hochgebirgsgewitter mit Schneetreiben aus. Während Rickenbach und Saladin in den steilen Firnhang eine Eishöhle zu graben begannen, stiegen Paul Bühler und ich noch 150 m höher auf die Spitze des nächsten Gratturmes, um den Weiterweg zu rekognoszieren. Das heftige Gewitter trieb uns schnell zurück. Nach 2 Stunden Arbeit mit Pickel und Schaufel hatten wir eine geräumige Eishöhle geschaffen; das Eingangsloch wurde mit den Rucksäcken verstopft. Die ganze Nacht schneite es weiter, und am nächsten Morgen lag der schönste Pulverschnee. Da alles in dicken Nebel verhüllt war und das Schneetreiben andauerte, beschlossen wir, den Rückzug anzutreten und im Zeltlager besseres Wetter abzuwarten.

Die nächsten Tage regnete es in Strömen, so dass wir fast die ganze Zeit im Zelt liegen mussten. Am 7. Juli verliessen wir morgens 2 Uhr das Lager. Wieder begleitete uns der Pferdetreiber bis zur Kammhöhe des Schtulu-passes, worauf er ins Zeltlager zurückkehrte.

Wir stiegen von Punkt 3668 Borcheton über steile Schneehänge hinunter und querten zum Doppachgletscher hinüber. Zwischen Suganbaschitau und Doppachtau zieht ein äusserst steiles Couloir von etwa 600 m Höhe zum Gletscher hinab. In zwei Seilpartien stiegen wir jähe Firnhänge empor, die in ein von Eis und Fels durchsetztes Couloir übergingen. Morgens 9 Uhr betraten wir die Scharte, ca. 3900 m. Hier hielten wir zweite Frühstücksrast und besprachen die Fortsetzung der Tur. Wir beschlossen, zuerst den Doppachtau in Angriff zu nehmen. Von der Scharte führte ein feiner Firngrat rechts aufwärts. Paul und Walter nahmen den Vortritt, und jedes Seil liess einen Rucksack zurück. Der Schneegrat leitete in eine steile Eiswand über. Paul hackte 2/3 der Wand Stufen, worauf ich den Vortritt übernahm bis auf ein kleines Firnplateau. Von hier sahen wir die gewaltige Nordwand des Gipfelaufbaues. Ein um 60° geneigter Blankeishang führte zu der senkrechten Felswand. In der Mitte der breiten Mauer zieht ein eisverkleideter Kamin von etwa 120 m Höhe zum Grat empor. Wir seilten uns zu viert zusammen, und ich hackte über vier Seillängen Stufen bis zum Einstieg in den Kamin. Hier wechselten wir, Paul ging als erster und ich folgte als zweiter.

In äusserst schwerer Eisarbeit vergingen die Stunden im Fluge. Da nirgends Sicherungspunkte waren, mussten viele Eishaken verwendet werden. Paul und ich waren bereits drei Seillängen in der Wand, und die Grathöhe schien nicht mehr weit. Ich hatte schlechten Stand auf zwei, drei Steigeisenzacken und war an einem Eishaken gesichert; die anderen zwei standen eine Seillänge unter mir. Etwa 8 m über mir war im Kamin ein überhängender Felswulst, links davon eine feine Felsverschneidung. Zwischen Paul und mir lief das Seil durch fünf Haken.

Es war bereits abends 6 Uhr. Wir sprachen von Rückkehr. Aber da das Ziel so nahe war, wollte man es doch noch versuchen. Nach einiger Zeit bewältigte Paul die schwere Felsverschneidung. Darüber legte sich die Wand zurück, und er verschwand meinen Blicken. Das Seil ging rascher vorwärts, und Paul rief mir zu, er sei bald auf der Grathöhe, über die ein heftiger Sturm fegte. Das Seil ging zu Ende. Die zwei Untenstehenden verzichteten auf den weitern Aufstieg, da wir befürchteten, die Nacht in der Wand verbringen zu müssen. Da das Seil zwischen mir und dem dritten auch ausgelaufen war, rief Paul herunter, ich möchte mich vom Seil losbinden, es sei nicht mehr schwer und er schaue mal allein. Zudem versicherte er mir, dass oben für den Abstieg eine gute Abseilmöglichkeit bestehe, so dass ich, da es bereits 630 Uhr war, ebenfalls auf den letzten Aufstieg verzichtete. Paul zog das Seil zu sich hinauf. Nach etlichen Minuten rief ich ihm zu, ob er oben sei oder ob er zurückkomme. Nach einiger Zeit rief er, er komme bald zurück, und ich vermutete, Paul richte sich einen Block zum Abseilen her. Ob Paul ganz auf dem höchsten Punkt war, können wir nicht sagen, jedenfalls war er auf der Kammhöhe.

Über den Grat fegten heftige Windstösse. Plötzlich ein Klirren... Ich blickte empor, und schon flog Paul über mich hinweg, schlug rechts und links des Kamins furchtbar auf und stürzte dann direkt auf den Eishang und über denselben hinunter... Erst weit unterm Bergschrund kam er auf dem flacheren Firnhang zum Stillstand. Ich kann mir nichts anderes vorstellen, als dass Paul plötzlich durch einen orkanartigen Windstoss aus dem Gleichgewicht gebracht worden und infolgedessen gestürzt ist. Weit unten sahen wir ihn regungslos liegen. Kurz darauf brach ein gewaltiges Unwetter los, es hagelte und schneite.

Mit nur 30 m Seil gestaltete sich der Abstieg äusserst schwierig. Und noch ehe wir aus der Wand traten, war es völlig Nacht geworden. Im steilen Eishang waren alle Stufen mit Hagel gefüllt, und mit der Taschenlampe suchten wir den Abstieg im Nebel und Schneegestöber. Ich hatte noch das Pech, über den Bergschrund zu fallen und dabei die Hände zu zerschinden. Da das Firnplateau viele Spalten zeigte, schlug ich vor, bei Felsen in der Nähe zu biwakieren, wenn nicht noch eine neue Katastrophe geschehen solle; denn Paul war auf keinen Fall mehr zu helfen. Es war 11 Uhr, als wir den dünnen Mossettigsack über uns stülpten.

In der Nacht beschlossen wir, Paul hier auf dem Gletscher zu begraben, da für uns zu dritt ein Hinuntertragen der Leiche viel zu schwer und kaum möglich war. Morgens 4 Uhr gingen Rickenbach und Saladin zum Toten, hackten ihm auf dem Gletscher in 4000 m Höhe ein Eisgrab... Seine zerbrochene Eisaxt steht als Grabmal und über ihm der Berg, der so grausam sein Opfer gefordert hat.

Nachher traten wir den Abstieg an; denn wir mussten durch das stein-und lawinengefährliche Couloir hinunter, bevor die Sonne dasselbe beschien. Spät am Nachmittag erreichten wir unser Zeltlager wieder, wo der treue David unser harrte. Wir gaben ihm zu verstehen, was geschehen war, er wollte es nicht begreifen. Am andern Tage brachen wir das Zeltlager ab. Wieder verschlechterte sich das Wetter, und in drei schweren Regentagen kehrten wir denselben Weg nach Besingi zurück. Von der Passhöhe lief ich allein voraus.

Als ich in Besingi ankam, war nur noch unser Dolmetscher im Lager, Otto Furrer befand sich im Spital zu Naltschik. Der Dolmetscher hatte zwar einen Brief, dass Otto am nächsten Tage zurückkommen werde. Wir weilten zwei Tage in Besingi, gaben dem Pferdetreiber die Briefe mit der Unglücksbotschaft mit, ebenso eine Meldung an Otto Furrer, er möge sich, wenn wieder gesund, nach Besingi begeben. Mit drei Pferden zogen wir meist der orographisch rechten Seite des Urwawflusses talauf. Wir erreichten am Nachmittag die Einmündung des Mischirgibaches. Der brausende Wildbach führte Hochwasser. Wir entledigten uns der Kleider, und teils zu Fuss, teils auf Pferderücken erreichten wir das andere Ufer. Gegen Abend langten wir bei dem traditionellen Lagerplatz aller Kaukasusfahrer, auf Missiskosch, an. Hier war Hochbetrieb, denn eine Moskauer Studentengesellschaft hatte ihre Zelte aufgeschlagen. Als am nächsten Morgen die Nebel abzogen, sahen wir zum erstenmal so richtig die gewaltige Besingimauer. Sie steckte im reinsten Winterkleide. Wir beschlossen, gegen den untern Zannerpass aufzusteigen und etwas in der Besingigruppe zu unternehmen. Während wir packten, erklärte mir Walter, dass er Fieber habe und es ihm nicht möglich sei, Turen zu unternehmen. Gegen Mittag zogen wir zu zweit los.

Mit schweren Lasten überschritten wir den Besingigletscher und folgten meist in der Nähe der Mittelmoräne dem Gletscher aufwärts. Im obersten Gletscherkessel schwenkten wir nach rechts und dann hinan auf den 3600 m hohen Fels- und Schuttrücken des Kel Basch, wo wir gegen Abend anlangten. Nach kurzer Zeit hörten wir im Nebel Stimmen, und bald rückten die russischen Studenten an, die einen andern Weg gewählt hatten. Sie nächtigten ebenfalls hier.

Am nächsten Morgen stiegen wir zum nördlichen Zannerpass empor und von dort über zwei grosse Eisbuckel zum untern. Es war ein drückend heisser Tag und der Schnee weich und schwer. Vom Pass strebten wir eine sehr steile Firnwand gegen den Ljalwer empor. Die tiefe Schneeschicht auf glatter Eisunterlage wurde immer gefährlicher, so dass wir beschlossen, zum Pass zurückzukehren und dort zu biwakieren, um morgens, wenn der Hang gefroren sei, die Tur fortzusetzen. Wir scharrten etwas Geröll und Schutt auf den Schnee, und nachdem wir alle verfügbare Kleidung angezogen hatten, krochen wir in den dünnen Mossettigsack. Neben uns stellten wir den Metakocher, und nun wurde mit Nestlé-Trockenmilch ein heisser Trunk bereitet. Bald begann es zu schneien, und der Schneefall dauerte die ganze Nacht. Am Morgen lag 20 cm Pulverschnee.

Um 7 Uhr verliessen wir unser Biwak und nahmen den Firnhang wieder in Angriff. Weiter oben wurde der Schnee abermals bedenklich tief und weich, zudem ward der Hang, der links von einer gewaltigen Wächte begrenzt war, immer steiler. Nun folgte ein kurzes, sehr brüchiges Felsstück, das in einen tief verschneiten Firngrat verlief, den wir bis unter die Gipfelwächte begingen. Nach der Bezwingung der Wächte standen wir auf dem Gipfelplateau des Ljalwer. Bereits zogen Wolkenschleier um die nächsten Berge, und an eine Fortsetzung, weitere Gipfel der Besingiwand zu besteigen, war bei dem mühsamen Schnee und zudem nur zu zweit nicht zu denken. Auf gleichem Weg traten wir den Abstieg an. Im unteren Teil der Firnwand hob es wieder zu schneien an, und da dichter Nebel herrschte, wollten wir nicht durch den zerrissenen Eishang zum Besingigletscher absteigen und bezogen am selben Orte zum zweitenmal Biwak. Ein furchtbarer Schneesturm wütete die ganze Nacht hindurch, und erst eine heisse Milch weckte am Morgen die Lebensgeister wieder. Im Nebel stiegen wir ab und gelangten bald zum Besingigletscher und zurück nach Missiskosch. Wir glaubten bestimmt, dass inzwischen Otto Furrer nachgekommen sei, statt seiner war ein Brief für mich von Walter da, dass er krank auf einem Pferd nach Naltschik reite.

Nun waren wir also nur noch zu zweit. Nach einem Ruhetag schulterten wir die Rucksäcke. Wieder stolperten wir über die Moränen und sprangen über manchen Spalt des Besingigletschers. Im hintersten Kessel angelangt, wandten wir uns nach links, Richtung Düchsupass, und bezogen gegen Abend an der orographisch rechten Seitenmoräne ein Biwak.

Am andern Morgen folgten wir der Moräne aufwärts bis zur Einmündung des kleinen Gletschers, der vom Fusse des Mischirgitau kommt. Nun stiegen wir nach links über immer steiler werdende Firnhänge an. Auf einer kleinen Felskanzel in 4000 m Höhe errichteten wir ein zweites Biwak, nur ein kleines Firnfeld trennte uns noch von der eigentlichen Gipfelwand. Die von der Ferne leicht aussehenden Felsen waren mit dickem Wassereis überzogen und erwiesen sich als äusserst schwierig. Nur langsam kamen wir höher, denn überall mussten Griffe und Tritte vom Eise befreit werden. Das Wetter verschlechterte sich zusehends, und als wir nach vielen Stunden schwerster Kletterei auf ca. 4700 m Höhe waren, standen wir plötzlich in starkem Schneetreiben. Wir rasteten unter dem Mossettigsack und beschlossen umzukehren, um so mehr, als wir nur zu zweit waren und keine Unterstützung von hinten hatten. Beim letzten Tageslicht erreichten wir unsere Schlafsäcke und biwakierten. Am nächsten Morgen waren die Wände kräftig überzuckert. In raschem Rückzug erreichten wir am späten Nachmittag unser Standlager auf Missiskosch, wohin Otto Furrer aus dem Spital von Naltschik zurückgekehrt war. Er fühlte sich zwar immer noch nicht ganz gesund, und jeden Abend hatte er leichtes Fieber.

Wir beschlossen nun, über den oberen Zannerpass, 4100 m, nach Swanetien hinüberzuwechseln. Das ganze Zeltlager wurde abgebrochen, und alle nicht unbedingt nötigen Gegenstände schickten wir auf einem Pferd mit unserem Dolmetscher nach Naltschik zurück. Selbst Eisbeil und Haken, ein Zelt und Proviant wanderten talab. Zum Abschied spendete uns Massi, der freundliche Hirt und Jäger auf Missiskosch, nochmals einen guten Airam. Dann schulterten wir unsere gewaltigen Rucksäcke. Und zum drittenmal schritten wir den Besingigletscher hinan und wandten uns nach einiger Zeit dem orographisch linken Ufer zu. Beim kleinen Moränensee hielten wir kurze Rast. Dann folgte der endlose Geröllhang, der zum Kel Basch, 3700 m, führt. Möglichst wenig denken und Schritt für Schritt den Rucksack höher bringen, war die Losung. Wieder verdüsterte sich die Landschaft, gewaltige Wolkenmassen quollen über die Bergkämme, und ehe wir auf dem Kel Basch angelangt waren, steckten wir in starkem Schneetreiben. Schnell wurde auf dem Geröll ein einigermassen ebener Platz geschaffen und das Zelt verspannt. In seinem Schutze war es dann bald wieder gemütlich, und zwischen den Knien, sorgfältig behütet, sorgte der Metakocher für heisse Maggisuppe.

Am Morgen biss eine grimmige Kälte, und eine Eiskruste bedeckte das Zeltdach. Vom Kel Basch folgte uns eine Gruppe russischer Bergsteiger, die ebenfalls den Zannerpass überschritten und nach Swanetien gingen. Um 9 Uhr waren wir auf der Passhöhe. Tiefer Schnee lag auf dem flachen jenseitigen Gletscher, und zum erstenmal wünschte ich mir hier Ski. Heiss brannte die südliche Sonne, und jeder Schritt brach tief im weichen Schnee ein. Stundenlange monotone Stampferei. Den ersten Eisabbruch umgeht man links durch eine steile Firnkehle, worauf man auf den flachen mittleren Gletscherboden gelangt. Nach Überquerung der Ebene hält man sich ganz links. Der zweite gewaltige Eisabbruch ist dort durch eine Felsrippe begrenzt. Über diese fanden wir bald einen Abstieg zum unteren Gletscherboden. Vor dem Gletscherende und letzten Abbruch hielten wir nach rechts, gelangten aber trotzdem noch etwas zu tief in den Eisabbruch. Über die brüchige Begrenzungswand kletterten wir etwa 50 m empor, hissten die gewaltigen Rucksäcke, gelangten bald in dichten Niederwald und Gestrüpp und fanden einen Weg talab.

Aber auch hier vergingen noch einige Stunden, bis wir um 10 Uhr abends im ersten Dorf, in Schabesch, anlangten. Der Russe Waviloff, der mit uns war, hatte hier einen Bekannten. Den weckte er aus dem Schlafe, und im grossen Steingewölbe des Wachtturmes kochten wir uns am offenen Feuer eine Suppe, und die Frau des Hauses buk uns auf heisser Steinplatte Gasten- brot in Fladenform. Dann krochen wir auf der offenen Holzterrasse in unsere Säcke und versanken alle in tiefen Schlaf. Am nächsten Morgen begann wieder der ewige Handel um ein Pferd, und da wir darauf angewiesen waren, verlangte man eine wahnsinnige Summe.

Gegen Mittag wanderten wir in brütender Sonnenhitze dem Tale der Mulchra entlang und gelangten nach vierstündigem Marsch nach Mestia, dem Hauptort Swanetiens. Der Inturist und Proletarskturist haben dort ein Zeltlager und ein bereits fertiggestelltes Ferienhaus. Zwei Regentage verweilten wir in Mestia und besichtigten alte swanetische Behausungen, selbst einen der höchsten Wachttürme bestiegen wir bis zum Dach. Noch heute lagern in der obersten Turmkammer Berge von Steinen, die früher als Wurfgeschosse zur Verteidigung benützt wurden. Das alte swanetische Haus enthält nur einen Raum für Menschen und Vieh.

Nach zweitägigem Aufenthalt zogen wir wieder weiter nach Betscho am Fusse des gigantischen Uschba, der sich 3400 m über dem Dorf erhebt. Der faszinierende Anblick dieses dämonischen Berges reizt unwiderstehlich zu einem Besteigungsversuch. Bei einem Schmied namens Germann fanden wir sehr freundliche Unterkunft. Es ist ein sehr fortschrittlicher Mann, sein Häuschen besitzt keinen Wachtturm, sondern gleicht eher einem Schweizer-chalet. Er macht sich zur Tradition, sämtliche Bewerber des stolzen Uschba zu beherbergen. Schon 1903 hatte der beim ersten Besteigungsversuch gestürzte Schulze Pflege bei ihm gefunden, und stolz nennt er die Namen der Personen, die schon bei ihm waren. Von 1903 bis 1929 war es niemand mehr gelungen, den grimmigen Berg zu bezwingen, bis dann eine Münchner Partie in viertägigem, hartem Ringen als zweite auf der Route Schulze den Südgipfel bezwang.

Am nächsten Tage verliessen wir Betscho und zogen mit einem Packpferd zum Gulgletscher hinauf. Unser Gastgeber arbeitete in den nächsten Tagen nicht viel, immer wieder suchte er mit dem Feldstecher die Flanken des Berges ab, um uns zu beobachten. Nach 3 1/2 Stunden von Betscho näherten wir uns der Endmoräne. Eine Sattelgurte riss, und da der Treiber nicht mehr weiter wollte, schleppten wir selbst das Gepäck noch einige hundert Meter höher. Auf einem ebenen Rasenplatz neben der Moräne des Gulgletschers schlugen wir das Zelt auf. Am Abend stieg ich allein noch etwa eine Stunde höher bis zum ebenen Gletscherchen, um die Aufstiegsroute zu studieren. Alles wurde für den nächtlichen Aufbruch bereit gemacht, und wir gingen bald schlafen. Um Mitternacht wurden wir aus dem Schlaf gerissen. Orkanartiger Regen peitschte auf unser Zelt nieder, so dass an einen Aufbruch nicht zu denken war. Das Unwetter dauerte den ganzen Tag und die nächste Nacht noch an. Unser Russe Waviloff konnte nicht begreifen, dass wir stets im Trockenen waren und auch nicht ein Tropfen Wasser in das Zelt drang; denn ihre Zelte schlugen überall durch, und am Boden mussten sie Steine legen, um nicht im Wasser zu liegen. Am nächsten Tag holten wir etwas Eier und Airam aus dem Dörfchen Gul. Ein Bauer erzählte Waviloff, dass ihm drei junge Ziegen davongelaufen seien, und wenn wir dieselben fänden, dürften wir eine für uns behalten.

Am Morgen des 1. August liess der Regen endlich nach. In aller Ruhe bereiteten wir das Frühstück, und um 8 Uhr verliessen wir unser Zelt. Es galt dem Uschba-Südgipfel. Furrer und Waviloff begleiteten uns ein Stück weit. Nach dem Gang über die Moräne betraten wir den hier flachen Gul-gletscher und nahmen Richtung auf das grosse Firncouloir, das von der Maserilücke herunterzieht. Dort wo das breite Schneeband nach rechts in die Wand hinauszieht, verliessen wir das Couloir. Furrer und Waviloff kehrten zurück, und Saladin und ich verteilten das ganze Gepäck auf uns zwei. Wir stiegen über brüchige Felsen empor zum Einstieg in die enge, sehr steile Eisrinne, die zur oberen Südgratscharte 3900 m führt. In der Rinne lag auf blankem Eise 20 cm nasser Schnee und bildete ständig Stollen zwischen den Steigeisen. Wieder waren wir in Nebel gehüllt und sahen nicht einmal bis zur Scharte. Langsam kamen wir höher, die Rinne wurde immer steiler, und zum Schluss folgte ein kleiner Felsüberhang. Nachmittags 230 Uhr waren wir in der Scharte auf 3900 m. Von hier sahen wir zum grossen unteren Firnfeld hinüber. Es lag in praller Nachmittagssonne, und ständig zischten kleine Neuschneelawinen und Steine hinunter, so dass wir beschlossen, hier zu biwakieren und am nächsten Morgen, solange die Wand im Schatten war, den Aufstieg fortzusetzen. In der kleinen Scharte bauten wir uns ein Schutzmäuerchen. Plötzlich fand ich zwischen Steinen eine Riechbüchse und darin eine Visitenkarte von Schulze. Die Karte war wie neu und sah gar nicht aus, als ob sie schon 30 Jahre hier oben wäre. Auf der Karte stand: Von Retscho zum Lager am Guigletscher über eine Rinne in diese Scharte, dann über das grosse Schneefeld auf die Südwestecke des Rerges und von da ausserordentlich schwer zum Gipfel. Am 27. Juli 1903 nach geglücktem Verlauf auf Uschba. A. Schulze, München; R. Helbling, Zürich; Weber, Bern; Reichert, Strassburg; Oscar Schuster, Dresden.

Die ganze Nacht wehte ein heftiger Wind und zerrte und riss an unserem dünnen Mossettigsack herum. Um 6 Uhr 30 kletterten wir über vereiste Felsen und weiter unten durch eine Schneerinne zum Ende des grossen Firnhanges hinunter. Der Firn war steinhart, aber mit den scharfen Eckensteineisen ohne Stufenschlagen zu begehen. Die Erstbesteiger hatten zum weiteren Aufstieg die linke Regrenzungsrippe gewählt. Da dieselbe von Wassereis überzogen war, stiegen wir das ganze Firnfeld empor, ohne die Felsen zu benützen, bis zur senkrechten Felswand, und querten dann auf abschüssigem Schneebande nach links zur roten Ecke, so genannt nach dem roten Gestein. Hier hielten wir Mittagsrast. Als ich um die Ecke auf die Westseite sah, erblickte ich das steile Eisfeld, das zur Gipfelwand hinaufleitet. Der ganze Hang bestand aus blauem Eis. Um uns die lange Stufenarbeit zu ersparen, kletterten wir rechts über die Felsrippe, die zwar sehr plattig und im obern Teil sehr schwer ist. Nach links schiesst die Wand ohne Unterbrechung wohl 2000 m zum Uschbagletscher hinunter. Wir sahen hinauf zur Gipfelwand. Ein Sprühregen spritzte über die ganze Anstiegsroute, denn die Schmelzwasser des Gipfelfirns fahren wie in einem Trichter die Wand hinunter. Wir glaubten, unter der Wand einen Riwakplatz zu finden, aber überall stösst das steile Eis direkt an die senkrechte Wand an. Mit Mühe kochten wir auf den Knien einen Tee und beschlossen dann, in die Wand einzusteigen. « Es ist ja schliesslich gleich, ob wir hier oder weiter oben stehen. » Schon 1630 Uhr.

Etwa 30 m links der Rippe stieg ich in die Wand ein. Bald wurde die Kletterei sehr schwer. Wir fanden alte Seilreste, die bei der leisesten Berührung wie Papier zerfielen. Aus einem sehr schwierigen Kamin, das oben von einem Klemmblock begrenzt ist, kamen wir auf ein schmales, abschüssiges Band, das von einem grossen Überhang überdacht wird. Ich versuchte, ihn links zu umgehen, gelangte einige Meter äusserst schwer empor und musste dann einsehen, dass es unmöglich war, hier durchzukommen. Dazu stand ich im reinsten Wasserfall und war arg durchnässt.

Die Sonne sendet ihre letzten Strahlen über den Horizont, und ehe wir daran denken, bricht die Nacht herein. Die Finger sind steif vor Kälte und Nässe, und nur mit Aufbietung aller Kräfte gelange ich wieder auf das kleine abschüssige Band zurück. Wo sollen wir die Nacht verbringen? Die Wahl ist bald getroffen. Rasch schlage ich 2 Mauerhaken ein, wir befestigen das Seil und binden uns selbst daran sicher. An der senkrechten Wand vorbei grüsst der Doppelgipfel des Elbrus in eisig blauem Dunst. Zum Glück haben wir unsere Daunenschlafsäcke mit. An einen Mauerhaken hängen wir den Rucksack, denn nirgends können wir etwas hinlegen, überall die gähnende Tiefe. Nur mit grösster Sorgfalt kann einer nach dem andern in den Schlafsack steigen. Links neben mir liegt in einem Felsriss ein grosser Eisbrocken, nur mühsam kann ich ein Stück nach dem andern mit dem Hammer abschlagen. Mit angezogenen Knien halte ich den Metakocher, und sorgfältig behütet, schmilzt das Eis über der Flamme. Plötzlich irgendeine ungeschickte Bewegung, und das so kostbare Nass fliesst über die Wand. Zum Glück kann ich den Kocher selbst noch halten, und so beginne ich zum zweiten Male, Eis in Wasser zu verwandeln. Eine Büchse Nestlé spendet uns in 4400 m Höhe in der senkrechten Wand eine fabelhafte Schweizermilch und befriedigt den vernachlässigten Magen. Langsam, wie immer in solchen Situationen, verstreichen die Minuten und Stunden, und es will nicht Mitternacht werden. Einmal verfalle ich in leichten Schlummer, plötzlich erwache ich mit einem Druck an der Brust, ich bin etwas gerutscht und spüre den Zug des Seiles. Aus sanften Träumen sehe ich mich in die rauhe Wirklichkeit versetzt, vor mir die gähnende Tiefe. Endlich wird der schwarze Himmel stahlblau, und langsam weicht die Nacht dem Tage.

Der Morgen war bitterkalt, und die Schmelzwasser waren zu Eis erstarrt. Nochmals genossen wir eine herrliche Milch vor dem schweren Kampf. Zweimal versuchte ich den Überhang, musste aber wegen der Kälte mit steifen Fingern zurück. Endlich um 9 Uhr gelang es mir. Nun folgten zwei Kamine, in denen wir ziemlich schnell vorwärts kamen. Dann stand ich am Fusse der glatten Verschneidung. Ich stieg einige Meter ab und querte nach links in die glatte Wandflucht hinaus. Jeder Griff und Tritt vereist. Vorsichtig schlug ich mit dem Hammer das Eis aus den Ritzen, und langsam, zentimeterweise gelangte ich schräg links ansteigend in der Wand aufwärts. Ich kam unter einen Überhang und musste nach rechts zum obern Ende der ver- schneidung queren. Nur sehr langsam, die Finger in eisige Griffe verkrallt, gelangte ich hinüber; 2 Stunden haben uns diese 25 m gekostet.

Nun standen wir in der vereisten Schlucht, durch die gestern die Schmelzwasser des obern Firnes flossen. Wir erkletterten dieselbe über die rechte Begrenzungswand, und über einen Blockgrat erreichten wir den Firnhang. Wir schnallten die Steigeisen an, und nach kurzer Rast stiegen wir über den Firnhang und dann nach rechts über den sehr stark verwächteten Grat zum Südgipfel des Uschba, den wir am 3. August 1450 Uhr betraten.

Leider verhüllte uns Nebel die Aussicht. Einen Augenblick nur entstand eine Lücke, und wir erblickten Betscho in der Tiefe. Auch fanden wir die Karten der Münchner von 1929 und schrieben unsere Namen dazu. Nach 20 Minuten traten wir den Abstieg an und waren bald wieder am obern Rande der Felswand. Am 50-m-Seil folgte eine Abseilstelle der andern. Beim Biwakplatz packten wir schnell die zurückgelassenen Schlafsäcke ein. Um 18 Uhr waren wir am Fusse der Felsen. Nochmals zogen wir die Steigeisen an und stiegen teils im Eis, teils im Fels zur roten Ecke hinunter. Um 20 Uhr beim letzten Dämmerlicht kletterten wir über den letzten Steilabsatz hinab. Da wir während des Tages nichts gegessen hatten, kochten wir bis um 23 Uhr ununterbrochen Suppe und Tee. In den molligen Schlafsäcken träumten wir in die silbergleissende Mondnacht hinaus. Nur schwacher Dunst lag in den Tälern.

Als wir um 4 Uhr erwachten, steckten wir im Nebel. Er verschwand jedoch bald, und um 5 Uhr begannen wir den Abstieg über die stark vereisten Felsen. Dann folgte der harte Firnhang bis an sein unteres Ende.Von hier stiegen wir sofort die Schneerinne zur Südgratscharte, wo wir unser erstes Biwak hatten, empor. Nun die enge Eiskehle hinab. Wir waren bereits die Hälfte unten, da krachte es furchtbar in den Wänden. Jeder sicherte sich schnell mit dem Pickel zwischen Fels und Eis. Steinschlag. Die Rucksäcke über die Köpfe! Gewaltige Brocken flogen direkt auf uns zu, zerschellten über und neben uns. Zum Glück dämpften die stark gefüllten Rucksäcke die Schläge ab. Als wieder Ruhe herrschte, trieb es uns unwillkürlich schneller aus dieser furchtbaren Sackgasse hinaus. Über die letzten Felsen gelangten wir wieder zum grossen Schneecouloir und durch dasselbe zum Guigletscher. Nachmittags 14 Uhr waren wir wieder in unserem Zeltlager. Furrer und Waviloff empfingen uns mit einem Ziegenbraten! Nach zwei Stunden brachen wir das Zelt ab und stiegen nach Betscho hinab, wo uns der Gastgeber freudigst empfing. Er erzählte, dass er uns am Tage vorher über den Gipfelfirn absteigen gesehen. Wir haben also die dritte direkte Besteigung des Südgipfels genau 30 Jahre nach der ersten Begehung ausgeführt.

Wir hatten Glück, denn in Betscho weilten eben sechs Balkaren für einen Maistransport nach Swanetien. Für den Rückweg über den Betschopass stellten sie uns zwei Esel für unser Gepäck zur Verfügung. Aber am anderen Morgen kamen, entgegen der getroffenen Verabredung, weder Balkaren noch Esel. Gegen Abend erfuhren wir, dass die Tiere in der Nacht davongelaufen seien. Die Treiber suchten sie den ganzen Tag im Walde und fanden sie abends endlich. Aber auch in der zweiten Nacht liessen sie die Esel frei weiden, und erst am folgenden Nachmittag waren alle beisammen. Wir verabschiedeten uns von dem freundlichen Gastgeber und dem schönen Flecken Betscho, wo es mir im ganzen Kaukasus am besten gefallen hat.

Über Maseri wanderten wir das Dolrachalatal hinauf. Nach etwa fünfstündigem Marsche sattelten wir die Tiere ab und schlugen unser Zelt auf. Dürre Alpenrosenstauden spendeten bald ein grosses Lagerfeuer, und schon dampfte eine gute Suppe. Nur kurz war die Ruhe. Schon nach Mitternacht drängten die Treiber zum Aufbruch, und bald war die kleine Karawane unterwegs. Wie im Schlafwandel trottete einer hinter dem andern, die Treiber brummten melancholische Weisen vor sich hin.

Stundenlang und eintönig der Pfad. Eine Bachüberquerung brachte wieder etwas Abwechslung. Endlich kamen wir zum Gletscher. Eine Querung nach links. Überall Eis. Wir mussten zuerst mit unseren Pickeln einen Weg schaffen, damit die Esel überhaupt durch konnten. Zwei und drei Mann führten ein Tier bis zum nächsten sichern Platz, dann wurde das nächste geholt. Um 10 Uhr gelangten wir auf die Passhöhe, 3360 m. Das Wetter hatte sich wieder verschlechtert. Der Elbrus steckte in schweren Wolkenballen, und ein starker Wind pfiff über die Kämme. Wir traten sofort den Abstieg an. Der folgende steile Firnhang war für schwer bepackte Tiere zu riskiert, und wir zogen vor, ein Stück weit das Gepäck selbst zu tragen. Nach Überschreiten des Gletschers gelangten wir wieder auf Schutthänge und nun rasch hinab dem Baksantale zu. Abends 17 Uhr standen wir in Tegenegli, wo der Prole-tarskytourist ein Zeltlager und eine Holzbaracke hatte. Da es aber wieder zu regnen begann und es überall tropfte, stellten wir nochmals unser Zelt auf, wussten wir doch, dass wir darin trocken bleiben würden.

Tegenegli ist 140 km von Naltschik entfernt, und das Baksantal ist das einzige, das eine Autoverbindung besitzt. Am nächsten Mittag verstauten wir unsere Sachen in einem grossen, alten Ford, und dann begann eine furchtbare Fahrt, die oft eher einem Querfeldein über Gräben, Flüsse ohne Brücken und Felder glich. So neun lange Stunden, bis wir endlich nachts 10 Uhr halb seekrank in Naltschik anlangten.

Bald trafen wir auch Walter Rickenbach, der schon einige Wochen in Naltschik weilte und sich von seiner Krankheit einigermassen erholt hatte. Während am nächsten Tage Furrer die Filme entwickelte, erledigte ich die Abrechnungen mit dem Vertreter des Intourist. Nachdem alles soweit in Ordnung war, mussten Furrer und ich unsere zwei Pistolen, die man uns die ganze Zeit zu tragen erlaubt hatte, auf den Milizposten bringen, und trotz langem Hin und Her haben wir sie nicht mehr bekommen. Man versicherte uns, sie nach Zürich zu schicken, aber ich glaube, dass sie irgendein Beamter stolz sein eigen nennt.

Am nächsten Mittag mussten wir Naltschik verlassen, um das Schiff in Batum am Schwarzen Meer zu erreichen, denn nur alle 2—3 Wochen fährt ein Dampfer. In zwei Stunden Bahnfahrt kamen wir nach Bisland, wo wir umsteigen mussten. Unser Anschlusszug war dicht besetzt, und wir hatten Mühe, unsere Koffer unterzubringen. Gegen Abend erreichten wir Wladikawkas und logierten im Intouristhotel. Am nächsten Morgen fuhren wir im Auto nach Kasbek und über die Grusinische Heerstrasse nach Tiflis, leider die ganze Fahrt bei Regen und Nebel, so dass wir vom Gebirge überhaupt nichts sahen. In Tiflis hatten wir fünf Stunden Aufenthalt, und nachts 11 Uhr entführte uns der Schnellzug nach Batum am Schwarzen Meer, wo wir am folgenden Nachmittag ankamen. Gegen Mitternacht bestiegen wir den Dampfer, und im Morgengrauen lichtete er die Anker. In dreieinhalb-tägiger Seereise, meist der Küste entlang, erreichten wir Odessa.

Zuerst ging ich auf das Intouristbureau und wollte die 750 Reichsmark abheben, die wir über Berlin in Odessa deponiert hatten. Aber niemand wollte etwas davon wissen, und der Gutschein dafür war ja in meiner gestohlenen Brieftasche in Moskau. Selbst ein Telegramm an den Chef in Moskau, der mir versichert hatte, alles prompt zu besorgen, kam mit der Antwort zurück: « Wissen nichts davon. » Da wir beinahe kein Geld mehr besassen, wurden uns die Schiffskarten bis nach Konstantinopel gegeben mit unsrer Unterschrift, dieselben von Zürich aus zu bezahlen. Sechs Monate nach unserer Rückkehr ist uns der Restbetrag nach vielen Schreibereien zugeschickt worden.

In Konstantinopel hatten wir neue Geldnot. Aber man half uns von Zürich aus. Am 27. August landeten wir nach zehn Tagen herrlicher Meerfahrt in Venedig, und am folgenden Tage schon sahen wir die liebe Heimat.

Wir haben viel Schönes, aber noch viel mehr Böses und Schweres erlebt. Ich möchte nicht schliessen, ohne nochmals unseres lieben, unvergesslichen Kameraden Paul Bühler zu gedenken, der droben im kaukasischen Gletschereis begraben liegt. Ihm gilt mein letzter Gruss.

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