Im Lawinenwinter durchs Calfeisental

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Mit 1 Bild ( 17Von Jos. L. Schmid

( Basel ) In Vättis teilen sich die Wege. Zur Linken führt das Strässchen, dem Görbsbach entlang, zum bündnerischen Dörfchen Kunkels und weiter über den Kunkelspass nach Tamins. Wir folgen der wildschäumenden Tamina, die das romantische Calfeisental durchfliesst. Unser heutiges Ziel ist die Sardonahütte.

Ausserhalb des Dörfchens können wir, Max Meier und ich, die Ski anschnallen. Aber nur für kurze Zeit. Eine mächtige Steinlawine hat das Strässchen verschüttet. Wir turnen über die Blöcke hinweg, mit Abstand von einem zum andern und vorsorglich immer wieder zur Abbruchstelle hinauf blickend, wo riesige Steinplatten nur darauf zu warten scheinen, loszubrechen. Die kleine Eisenbrücke, über die wir auf die rechte Talseite ( im Sinne des Aufstieges ) gelangen, liegt tief im Schnee. Doch oft ist das Weglein streckenweise schneefrei, und das Ab- und Wiederanschnallen der Ski ist mühsam. Eine Zeitlang machen wir dieses Rumpfbeugen mit, um unsere neuen Trimafelle zu schonen. Dann aber geben wir es endgültig auf und tappen mit angeschnallten Ski über längere apere Strecken.

Wir erreichen Gigerwald, das kleine, im Winter geschlossene Gasthaus. Einzig schön liegt es auf einem Hügel. Imposant ist der Blick talauswärts, zu den gewaltigen Nordwänden der beiden Calanda.

Ein kalter Wind zwingt uns zum Weitergehen. Vor uns haben wir den schwierigsten Teil des winterlichen Hüttenweges. Lebhaft erinnere ich mich an frühere Winteraufstiege durch dieses einsame Bergtal. Mein Kamerad kommt als Fremder, und als begeisterter Alpinist und Naturfreund macht ihm dieser « Weg » grossen Eindruck. Bevor wir die Galerien erreichen, müssen wir einen alten Lawinenzug überschreiten. Abgebrochene Baumstämme ragen aus der schmutzigbraunen Schneemasse. Die Telephonleitung, die zum Weiler St. Martin führt, ist zerstört; die Stangen und Drähte liegen zum Teil weit unten im Lawinenschnee.

Im Tunnel liegt eine dicke Eisschicht, die so glatt poliert ist, dass man darauf Schlittschuhlaufen könnte. Der Ausgang ist bis auf eine kleine Öffnung von einer Lawine verschüttet. Ich versuche durchzuschlüpfen. Ein Stein, von oben kommend, saust zischend vor meiner Nase in die Tiefe. Hurtig ziehe ich mich wieder in den Tunnel zurück. Der zweite Versuch gelingt; vorsichtig gleiten wir über den harten Lawinenschnee vorwärts. Schaurig ist der Blick in die Tiefe, aus der das Tosen der Tamina zu vernehmen ist. Ein Rutscher hier! Nicht auszudenken!...

Der Lawinenkegel ist Hunderte von Metern breit. Vor mir sehe ich eine Gemse liegen - tot. Ein festgefrorener Eisblock hat das von der Lawine mitgerissene Tier aufgehalten. Keine zwanzig Schritte weiter das gleiche traurige Bild: ein prächtiger Gemsbock. Auch das Muttertier und ein Junges mit winzigen Hörnchen liegen zwischen Eisblöcken. Der Anblick dieser so plötzlich aus dem Leben gerissenen Grattiere stimmt uns traurig. Hart packt der Winter das genügsame Bergwild an...

Weiter hinten im Tal - immer noch auf Lawinen gehend - stossen wir nochmals auf mitgerissene Gemsen. Der Neuschnee, der kurz vor unserer Ankunft gefallen ist, muss den armen Tieren zum Verhängnis geworden sein. Wie viele haben wohl neben unserer Spur ihr Grab gefunden? Drüben, in den steilen Flanken der Orgeln und der Panärahörner gleiten donnernd Lawinen zu Tal. Minutenlang können wir ihrem Lauf zusehen.

Die Alpen - 1954 - Les Alpes4 Wir erreichen St. Martin, das nur während der Sommermonate bewohnt ist. Das kleine Kirchlein bietet für Maler und Zeichner ein beliebtes Motiv.

Das Tal weitet sich. Der Neuschnee ist locker und tief, so dass wir manchmal die Spitzen unserer Ski nicht mehr sehen. Hie und da stossen wir auf Fuchsspuren. Der Schlaumeier braucht sich keine Nahrungssorgen zu machen. Gerne hätten wir ihn gesehen, aber diese Freude gönnt er uns nicht.

Im offenen Stall der Alp Sardona müssen wir unterstehen. Es fängt an zu regnen. Später - es ist schon dunkel - ziehen wir, trotz einsetzendem Schneefall, weiter. Der letzte Teil unseres Hüttenaufstieges beginnt Irgendwo vor uns vernehmen wir das dumpfe Rollen einer Lawine. Wir halten etwas nach rechts. Im Nebel und in der Dunkelheit sind wir wohl zu nahe an die Steilflanke des Piz Sax geraten?

Verbissen gegen das Schneetreiben ankämpfend, spurt Max in einer Schneerinne empor. Ich wundere mich, dass die Felle uns hier Halt bieten. Oder ist es nur trügerischer Glaube, und ist der Schneehang gar nicht so steil? Auf glitschigen Platten tasten wir uns zum grossen Felssporn hinüber. Oben, auf dem Felsbuckel, vermute ich die Hütte.

Mit der Lampe in der Hand, die Ski tragend, klettern wir auf dem verschneiten Grat höher. Müde und abgekämpft stehen wir immer wieder still und leuchten in die Nacht hinaus. Nirgends eine Hütte! Um unsere schweren Lasten zu verringern, lassen wir die Ski in einer Gratsenke und klettern weiter.

Endlich steht Max vor der Hütte. Ein schwarzer Schatten nur schien sie zuerst, dann, beim Berühren, merkte er, dass es die Holzwand des ersehnten Zieles ist. Es ist 10 Uhr, wie wir in die Stube treten und unsere Säcke in einen Winkel stellen.

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