Im marokkanischen Atlas

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Von Walter Hauser 1 ).

Im Jahre 1926 erfolgte in den « Alpen » ein Aufruf an die Clubmitglieder zur Erforschung aussereuropäischer Gebirge. Innerhalb unserer Sektion Rossberg wurde eifrig darüber gesprochen. Zeit und Mittel waren jedoch nicht vorhanden, um nach einem entfernten Erdteil grössere Expeditionen auszusenden.

Knappe fünf Reisetage von der Schweiz entfernt liegt im « Hohen Atlas » im Süden Marokkos ein turistisch noch fast ganz unerschlossenes Bergland, dessen Gipfel sich in bezug auf Höhe wie auf Formenpracht mit den Drei-und Viertausendern der Alpen vergleichen lassen. Als mächtiger, breiter Gebirgswall erstreckt er sich in einer Ausdehnung von 700 km von der Küste des Atlantischen Ozeans bis zur westalgerischen Grenze und sendet nach Nordosten im Mittelatlas seinen bedeutendsten Ausläufer gegen die im Rif-kriege strategisch wichtig gewordene Pforte von Taza. Kulminationspunkt des Hochatlas ist der Djebel Toubkal, 4225 m, während auf Atlanten und sogar neuen, nicht französischen Karten für den höchsten Atlasgipfel immer noch 4500 m angegeben werden.

Ein eigenartig schönes Gebirge öffnet sich dem fremden Besucher. Wuchtige Pyramiden, wild zerrissene Gräte wechseln mit eintönigen Tafel-landschaften, weite Längstäler mit engen Durchbruchschluchten, durch welche das kostbare Gebirgswasser den grünen Palmoasen des südmarokka-nischen Steppenhochlandes zufliesst. Ein einfaches, aber gutmütiges Bergvolk bewohnt die abgelegenen Höhen und baut an steilen Hängen eigenartige Lehmdörfer, die nur auf beschwerlichen Saumpfaden zugänglich sind. Bis vor wenigen Jahren gab es ausser den grossen Karawanenstrassen, die über die zahlreichen Parallelketten nach der Sahara und dem Niger führen, keine Zugänge. Unterkunftsgelegenheiten fehlten, und eine gewisse Unkenntnis über das Verhalten der einheimischen Bevölkerung hielt Turisten fern. Erst mit dem Vorrücken der französischen Kolonisation nach Süden und mit dem Bau von Strassen, Refugien und Clubhütten war es möglich, an eine systematische Erforschung des Gebirges zu gehen. Dieses unbekannte Bergland zu besuchen war unser Wunsch.

Als fünfköpfige Gruppe reisten wir vergangene Ostern durch das schon in voller Blüte prangende Rhonetal hinunter nach Marseille und in prachtvoller, ruhiger Seefahrt an den Balearen vorbei hinüber nach Algier. Die anschliessende Bahnfahrt durch Algerien gab uns bleibende Eindrücke von der arbeitsamen Kolonie, den rasch wachsenden, europäisierten Städten und dem um diese Jahreszeit farbenfreudigen Blumenteppich des innern Hoch- landes. Von Oran aus erreichten wir in einer neunstündigen, interessanten Autofahrt über Tlemcen bei Oudjda die marokkanische Grenze und über die weiten Steppengebiete von Guersif und Taza die nördliche Hauptstadt des Landes, Fez. Auf teilweise erstklassigen, asphaltierten Strassen ging es mühelos weiter über Rabat am Atlantischen Ozean nach der aufblühenden Hafenstadt Casablanca und durch die Vorberge des Djebilet nach Marrakech, der in einer weiten Oase liegenden Hauptstadt Südmarokkos, dem Zentrum alles Handels von und nach der Sahara. Ein Wald von Dattelpalmen umgibt die « rote » Stadt mit dem weithin sichtbaren Wahrzeichen der Koutoubia. Durch die mächtigen Kronen leuchten die Schneeberge des Atlas, ein eigenartiges Bild, ein Gegensatz, wie ihn die Erde nur an wenigen Orten bietet.

Marrakech ist trotz seiner Lage am Nordfuss des Atlas eine Sudanstadt. Fast alle Völker des Südens treffen sich hier auf den friedlichen Märkten und ausgedehnten Handelsplätzen und ziehen in langer, beschwerlicher Fahrt über den Atlas wieder in ihre Heimat. Braune Araber im weissen Burnus, hellfarbige, blonde Berber aus entlegenen Tälern bilden einen scharfen Gegensatz zu den dunkelfarbigen Gestalten, die jenseits der Berge wohnen, im Hoggar und in den Oasen der grossen Sandwüste. In den Kaufläden der Stadt, den « Souks », herrscht vom frühen Morgen bis spät in die Nacht ein nimmermüder, lärmender Betrieb. In den niedrigen, bescheidenen Buden wird Ware zum Kauf angeboten, gefeilscht und betastet, und auf der « Djema el Fna », dem geräumigen Hauptplatz, sitzen kleine Händler mit Gemüse, Früchten und Heilmitteln. Am späten Nachmittag ändert sich das Bild, und ein Kunterbunt von gross und klein lauscht im weiten Kreise den Märchenerzählern, den Schlangenbeschwörern und Akrobaten. Erst gegen Mitternacht verstummt der Lärm, der Platz entleert sich mit Ausnahme derer, die in ihren primitiven Zelten Unterschlupf finden und dort den Morgen erwarten.

Diese von der Kultur noch wenig berührte, in jeder Beziehung so merkwürdige Stadt war der Ausgangspunkt unserer Bergreise in den Atlas. Ausgerüstet mit Empfehlungen des C. C. an den Marokkanischen Alpenklub und des Schweizerkonsuls in Casablanca an seinen Korrespondenten in Marrakech, H. Beerli, fanden wir überall tatkräftige Unterstützung und erfreuliches Entgegenkommen. Infolge seiner liebenswürdigen Mithilfe und ebenso derjenigen von M. Dorée, Präsident des « Syndicat d' Initiative et de Tourisme », war es möglich, die Expedition schon auf den zweiten Tag marschbereit zu stellen, während es sonst mehrere Tage dauert, bis Führer, Maultiere und Treiber gedingt und die Bewilligungen zum Besuch der Hütten eingeholt sind.

Am 10. April 1929 verliessen wir kurz vor Sonnenaufgang mit Lassen, unserem Dragoman, durch das Stadttor von Aguenaou das noch schlafende Marrakech und gelangten mit einem schwerbeladenen Renault auf der Aus-fallstrasse nach Tameslought bei kaum einstündiger Fahrt in das Tal des Oued Reghaia. Gruppen von Eingeborenen kauerten am Strassenbord, wo sie die Nacht zubrachten. Gross und klein grüsste freundlich. Nirgends hatte man den Eindruck der Unsicherheit, trotzdem wir vor Berberkugeln ernstlich gewarnt worden waren. Gegen 6 Uhr fuhren wir durch Tahanaout, das erste grosse Berberdorf, dessen Lehmhäuser malerisch am Berghang kleben, umschattet von Olivenhainen und blühenden Kirschbäumen. Darüber wölbte sich ein tiefblauer afrikanischer Himmel. Am Horizont grüssten die weissen Häupter des Atlas. Auf steiler, aber breiter Strasse erreichten wir in zahl- reichen Kehren Asni, das « Chamonix de l' Atlas ». Einige elende Eingeborenenhütten und eine einstöckige Auberge, die ein Tessiner Landsmann inmitten eines Olivenwaldes errichtet hat, sind alles, was dieser Kurort darbieten kann. Seine Bedeutung liegt in der Zukunft, wenn die Atlasberge bekannter sein werden und ein grosser Fremdenstrom nach dem weiten Talkessel ziehen wird. Bei der Auberge erwarteten uns Treiber und Maultierkolonne. Bald war Bekanntschaft gemacht; in kurzer Zeit gestaltete sich diese recht herzlich, da wir etliche Tage zusammen Freud und Leid teilen wollten. Proviant und Gepäck wurden in wenigen Minuten auf Lasttiere verstaut, und schon kurz nach 8 Uhr waren wir zur Bergfahrt bereit.

Ein steiler Pfad führte uns hinauf nach dem eigentlichen Dorf Asni. Ein trutziger Bau überragt die sonst bescheidene Siedlung: die Kasbah, der Wohnsitz einer der mächtigen Scheiks des Hochatlas, die in ihrem Regierungs-bereich für Ruhe, Ordnung und Sicherheit sorgen, so dass Frankreich hier auf militärische Stationen verzichten kann, ohne dass das Leben der dort reisenden Europäer gefährdet wäre. Auf unseren willigen Maultieren zogen wir neuerdings zum Talboden und dem Oued Reghaia hinunter. Das Flussbett ist eingerahmt von stämmigen Eschen und Pappeln. Üppige Mais- und Gerstenfelder zeugen von einer fleissigen Bevölkerung, herrliche Fruchtgärten von Granatapfel-, Kirsch- und Pfirsichbäumen von einem milden Klima. Gestufte Hänge, lange Kanäle, in denen den Pflanzungen das kostbare Bergwasser zugeführt wird, erinnern an das Wallis. Wo das Wasser fehlt, erlischt im Atlas das Leben, dem saftigen Grün folgt ein ödes Grau.

Nach dreistündigem Ritt bot ein Nussbaumwald Gelegenheit zur Mittagsrast. Unsere Treiber brauten den im ganzen Süden Marokkos üblichen Pfefferminztee, stark aromatisch und übermässig gezuckert. Bald waren wir wieder im Sattel und ritten dem Talschlusse zu, wo der Hüttenweg nach Tachdirt abzweigt. Die arabischen Treiber befreundeten sich rasch mit unserer Mundart, da ihre Sprache ebenfalls das scharfe, in der Kehle gesprochene « ch » kennt. Unser einheimisches « Hü » wurde mit « Arasi » und « Eitata », ab und zu auch richtig mit « Hau's, du Chaib » übersetzt. Beim Dorfe Tagadirt beginnt ein holperiger Schlangenweg nach dem Passe von Tamatert. Auf fette Wiesen folgen magere Weiden. Wir hatten die eigentliche Alpregion betreten. Gelbblühende Rhododendren und niedrige Cosmilla bedecken die steilen Schutthänge, halbkugelige Disteln wuchern zwischen Steinen. Unsere bunte Alpenflora mit den glühenden Farben fehlt vollständig. Die Flora des Atlas ist arm an Arten und sparsam in den Farben.

Auf der Passhöhe von Tamatert, um 2350 m, gewahrten wir zum erstenmal das heutige Tagesziel, das « Refuge Tachdirt ». Eine weidende Viehherde, Hirtenbuben und Hütten erweckten heimatliche Gefühle. Noch einmal senkt sich der Pfad hinunter in das wilde Val Imminen und endet an einem rauschenden Bergwasser. Wir wateten durch. Im ganzen Atlas bekamen wir keine Brücken zu sehen. Hin und wieder ertönte ein fröhliches « Hau's, du Chaib » unserer Treiber, wenn die Tiere, vom langen Marsch müde, still zu stehen versuchten.

Um 6 Uhr lag die Tachdirthütte, 2350 m, vor uns. Sie lehnt sich als massiver Steinbau an den Berghang und ist getrennt in das « Herrenhaus » und das « Treiberhaus », das letztere ein offenes Gelass ohne irgendwelchen Inhalt. Das Herrenhaus besteht aus einem nüchternen, weissgetünchten Aufenthaltsraum, enthaltend einen Kochherd, einen eisernen Tisch und einige eiserne Stühle. Das Obergeschoss umfasst zwei Schlafräume mit Eisenbett-stellen und einfachen Matratzen. Alle Räume machen einen etwas frostigen und kasernenhaften Eindruck. Die jetzige Hütte ist am 6. Oktober 1927 eröffnet worden, ist Eigentum des Marokkanischen Alpenklubs ( Sektion des C.A.F. ) und dem Bureau de Tourisme unterstellt. 1928 hatten sich drei Partien mit zusammen sieben Personen im Hüttenbuch eingeschrieben, dieses Frühjahr eine Partie mit zwei Personen, und am 10. April erschienen wir fünf Schweizer. Der Besuch ist also nicht gross; die so leidige Überfüllung der Hütten, wie wir sie in unseren Schweizerbergen hie und da erleben, wird am Tachdirt so schnell nicht vorkommen.

Ein einfaches Abendessen, bestehend aus Konserven, Wein und Pfefferminztee war bald eingenommen. Kurz vor Sonnenuntergang rief uns der Dragoman nach dem benachbarten Dorfe Tachdirt, 2400 m. Tachdirt ist das oberste, ständig bewohnte Dorf im Tale, von dem man über den Tizi Tachdirt, um 3100 m, nach Timichi ins Tal von Ourika gelangt. Tachdirt ist, wie alle Berberdörfer, an einen Berghang gebaut und terrassiert. Die Häuser bestehen aus gestampftem Lehm mit eingelagerten Steinen, haben nur lochartige Fenster und flache Dächer, auf denen man sich über Tag aufhält. Jedem Hause vorgelagert ist ein eingefriedeter Hof für das Kleinvieh, das sonst nachts von Schakalen geholt würde. Deren heiseres Heulen unterbrach wiederholt unseren Schlaf. Auf dem kleinen Dorfplatz war bei unserer Ankunft ganz Tachdirt versammelt, Frauen und Kinder flohen jedoch nach den nächsten Dächern. Die Männer begrüssten uns freundlich und führten bald zu unseren Ehren einen sudanesischen Tanz auf, begleitet von einer lärmenden Musik. Lange Pelerinen aus brauner Schafwolle lassen erkennen, dass auch im Atlas die Witterung recht rauh sein kann, hat doch Tachdirt bis fünf Monate Winter und ist wochenlang von jedem Talverkehr abgeschlossen. Der Frühling erscheint schon im Februar; Tachdirt war am 6. Februar 1929 bereits schneefrei, trotz 2400 m Höhe. Jeder « Chleuh » ( so werden die Berber dieser Täler von den Arabern genannt ) trägt einen ziselierten, krummen Dolch. « Chleuh » ist ein Übername und hat verächtlichen Charakter, da diese Berber wohl Mohammedaner sind, aber nicht alle vorgeschriebenen Gebete verrichten. Sie gelten als Muselmanen niederer Klasse. Ihre Frauen gehen unverschleiert. Bei einbrechender Nacht verliessen wir die gastliche Stätte, eine mächtige Schüssel mit Kusskuss, der Nationalspeise der Araber, folgte bald, vom Gemeindeoberhaupt den seltenen Gästen gespendet. Ein ereignisreicher Tag ging damit zu Ende.

Am nächsten Morgen um 4 Uhr Tagwache. Es galt, eine der höchsten Zinnen des Atlas, den Djebel Likoumt, 3906 m, zu besuchen. Eine ungenaue Karte orientierte uns darüber, dass derselbe am orographisch linken Ufer des Oued Imminen, und zwar in der Grenzkette vom Djebel Inghemer gegen den Toubkal hin, liegen muss. Vor der Hüttentüre erwartete uns bereits der am Vortag eingestellte, einheimische Führer, ein alter, bärtiger Mufflonjäger in weitem Wollmantel und Sandalen. Er hatte die Aufgabe, uns als Führer und Träger nach dem Col Likoumt, etwa 3700 m, zu begleiten. Unsere Maultiertreiber hatten Ruhetag und verabschiedeten sich von uns mit dem gewohnten « Hau's, du Chaib ».

Im Schein der Laterne durchwanderten wir das im tiefen Schlafe liegende Tachdirt, überquerten den rauschenden Bergbach und erstiegen die nicht endenwollenden und mit Dornbüschen durchsetzten Geröllhalden.

Unser Mufflonjäger konnte mit dem in Marrakech erstandenen Rucksack nicht viel anfangen. Er legte schliesslich die beiden Trägerriemen um den Hals und schlug trotz dieser unbequemen Tragart einen ausgiebigen Schritt an, so dass wir ordentlich Mühe hatten, ihm zu folgen. Bei 3200 m betraten wir hart gefrorenen Schnee. Die Sonne warf ihre ersten Strahlen über die Grenzkämme, und ein kalter Wind jagte über den Col Likoumt einen wahren Hagel von Graupeln. Dank unseren Bergschuhen kamen wir auf dem harten Schnee gut fort. Der Führer hingegen machte ein verdutztes Gesicht, als er wie ein frierendes Espenlaub mit seinen wenig bergtüchtigen Sandalen uns folgen wollte. Wir gaben ihm durch Zeichen zu verstehen, er solle umkehren oder wenigstens hinter einem geschützten Block auf unsere Rückkehr warten. Aber auch diese Verständigung hatte ihre Schwierigkeiten, denn wir wussten nicht, was das bedeutet, wenn man z.B. die Zunge möglichst weit heraus-streckt oder die Unterlippe herunterzieht. So erstiegen wir den Hang allein und erreichten um 10 Uhr den auf ein breites Plateau führenden Col Likoumt. Von hier aus ist es nicht schwer, den Hauptgipfel wahrzunehmen, der sich als mächtiger, mit Felsen durchsetzter Schneekamm nach Südwesten in einer Unmenge von kleineren Bergen auflöst.

Nach kurzer Rast verfolgten wir den nach Südwesten ansteigenden Schneegrat und erreichten nach 11 Uhr die hohe Warte des Djebel Likoumt, 3960 m. Die Fernsicht ist umfassend. Dem Süden entragt das mächtige Bollwerk des Djebel Toubkal, 4225 m, dessen Gipfel nach den neuesten Messungen die höchste Spitze Nordafrikas bildet. Gegen die Sahara folgen niedrigere Parallelketten und rotschimmernde Tafelberge. Die Schweizerfahne flatterte lustig im Winde, und wir gedachten unserer heimatlichen Berge, von deren Zinnen wir so oft Ausschau gehalten. Auch unser Mufflonjäger hatte mittlerweile wieder das Bergfieber bekommen. Langsam bewegte er sich aufwärts gegen den Col Likoumt.

Nach zweistündiger Rast traten wir den Rückweg an und begegneten auf dem Passe unserem Führer, den der Anstieg ordentlich hergenommen hatte. Ihm war einfach nicht klar, warum wir die hohe Warte besuchten. Auch schlug er das angebotene Essen durchweg aus, trotzdem er keine Nahrung bei sich hatte. Uns dauerte der arme Kerl gar sehr, und so setzten wir nach kurzem Halt den Abstieg fort. Was nun folgte, war ein Schauspiel eigenster Art. Der Schnee war inzwischen weich und schwer geworden, und so benutzten wir die Gelegenheit, etwa 1500 m in den steilen Schneefeldern abzufahren. Wir hatten kaum den Talboden erreicht, als unser Mufflonmann sich anschickte, uns in unsern breiten Rinnen zu folgen. Die Sache glückte ihm jedoch nicht recht. Kaum sass er auf dem weissen Schnee, als er auch schon Kopf über Hals in einer Schussfahrt bei uns unten landete. Das war wohl das erste « geschwinde » Erlebnis in seinem Leben, wohl auch das erstemal, dass seine untern Gliedmassen durch diese Talfahrt gründlich reingefegt wurden. Wir konnten uns des Lachens nicht erwehren, und da eine Verständigung nicht möglich war, so glotzte man sich gegenseitig humorvoll an... Die Sonne brannte schon recht heiss, als wir am frühen Nachmittag wieder die endlosen Geröllhalden betraten und im Zickzack zu Tal schien- derten. Hie und da huschten Eidechsen und kleine Schlangen über das sonnverbrannte Bergland. Nach der Ankunft im Refugium erfolgte die Entlöhnung unseres Führers: 20 französische Franken und eine farbige Ansichtskarte von Zürich mit Blick gegen die Alpen. Letztere machte ihm offensichtlich mehr Freude als die Banknote. Der Abend verging rasch, und frühzeitig legten wir uns auf die Pritschen.

Am folgenden Tag ritten wir nach der Klubhütte von Around, 1900 m, am Fusse des Toubkalmassives. Die Hütte liegt am Ende eines weiten, steinigen Talbodens. Wir waren froh, als wir die drei Arme des hochangeschwollenen Ait Mizane mit unseren Maultieren heil überquert hatten. Auch diese Hütte ist ein einstöckiger Steinbau, jedoch wohnlicher eingerichtet als die Tachdirthütte. Bei unserer Ankunft wurden wir von zwei Mitgliedern des englischen Alpenklubs begrüsst, die in den Bergen des Toubkal seit Wochen Bergfahrten, darunter viele Erstbesteigungen, ausgeführt hatten. Unser Aufenthalt beschränkte sich heute jedoch nur auf das Umpacken, da wir am gleichen Abend noch ein Biwak beziehen wollten. Der folgende Tag sollte dem Toubkal gelten. Basch wurde aus dem nahen Dorfe ein eingeborener Träger aufgeboten, und gegen vier Uhr zogen wir mit Maultieren, Decken und Nahrung wiederum bergwärts. Im Talhintergrund das in der Abendsonne gleissende Massiv des Toubkal, flankiert von einem Gipfelkranz, der einen weiten Felsenzirkus bildet.

Auf manchmal steilem Pfade kletterten unsere braven Vierbeiner hinauf nach den elenden Hütten von Sidi Chamarouch, wo die Pflanzenwelt immer spärlicher wird, die hie und da als mächtige Bäume auftretenden Thujas immer mehr verkümmerte Formen annehmen und schliesslich ganz aufhören, um steindurchsetzten, mageren Alpenweiden Platz zu machen. Zum letztenmal durchschritten wir die schäumenden Wasser des Ait Mizane, in welchem die Tiere bis an den Bauch im Wasser schwankten. Am jenseitigen Ufer verabschiedeten wir uns von den Treibern und erreichten bei einbrechender Nacht und dichtem Nebel mit dem Träger das Freilager, etwa 3100 m, unter einem mächtigen Felsen, der in der Weidezeit den wenigen Schafen als Unterschlupf dient. Mit mageren Grasbüscheln richteten wir unsere Lagerstätte zurecht und krochen nach schlichtem Mahl in unseren Schlafsack. Draussen vor dem Einschlupf hockte der Berber in seinen Mantel eingehüllt am Lagerfeuer und hielt in mohammedanischer Gelassenheit Nachtwache. Eine sternklare Nacht versprach wiederum gutes Wetter.

Gegen 4 Uhr Tagwache. Nach dem Morgenessen schickten wir unsern Träger mit den Säcken und allem Unnötigen nach Around zurück. Dann begann der Angriff auf den Toubkal. Unser Pfad verlor sich rasch in den endlosen Geröllhalden des Sonnenhanges. Der Aufstieg im nachfolgenden, hartgefrorenen Schnee war nicht überaus anstrengend. Zur Linken mächtige, oft mit Schneebändern durchsetzte Felsbastionen und Steilabstürze, zur Rechten das weitverzweigte Bergmassiv des Uenkrim-Sud, 4089 m, des Agoudel n'Mzier, 4080 m, und des Amghara n'Iglioua, 4030 m, deren Nord- ausläufer sich in das wiederum überragende Massiv des Djebel Agouelzim, 3860 m, erstrecken. Der letzte Anstieg zum Tizi n'Ouagan, etwa 3800 m, ist recht steil.

Oben konnten wir endlich die Lage des Toubkal feststellen. Wir waren erstaunt, als wir das wild aufspringende und mit zahlreichen Rinnen durchsetzte, gewaltige Bollwerk weit im Osten erblickten. Ein scharfer Kamm, auf dem etliche selbständige Gipfel von 3900—4000 m gut zu erkennen sind, führt vom Pass dorthin. Unsere Entdeckung war im ersten Augenblick etwas bitter. Aber ohne langes Besinnen begann eine tüchtige Kletterei aufwärts und abwärts, mitunter durch weichen Schnee, in den wir bis an die Knie einsanken. Dazu brannte die afrikanische Sonne. Der ganze Kamm bildet die äusserste Grenze der « Zone de sûreté ». Jenseits derselben liegt das Gebiet der Dissidenten, das noch nicht pazifiziert ist und nicht betreten werden darf.

Nach drei Stunden, es war bereits 11 Uhr morgens, erreichten wir durch ein heikles und steiles Schneecouloir den Tizi Ouanagoum, die tiefste Einsattelung, und liessen hier unsere Rucksäcke zurück. Der Pass wäre in direktem Anstieg vom Freilager vier Stunden früher zu erreichen gewesen. Gegen den Lac Tifni absteigend, querten wir die grosse Südwand des Toubkal und erklommen durch eine steile Schneerinne den Toubkalpass, 3850 m.

Gegen zwei Uhr endlich betraten wir den scharfen Schneegrat, der auf das breite Gipfelplateau des Toubkal führt, und kurz darauf den Gipfel. Stolz flatterte die Schweizerfahne auf dieser höchsten Warte, wo die Aussicht noch freier und umfassender ist, als auf dem Likoumt. Eine Fernschau, wie wir sie in unseren heimatlichen Bergen nur an schönen Herbsttagen gewohnt sind. Das tiefe Blau des Himmels, das Silberweiss des Schnees, die schwarzen Felswände der unzähligen Gipfel und Gipfelchen verloren sich in einem zarten Rot in den fernen Tafelbergen des Siroua, die allmählich zur Wüste überleiten. Im Westen grüssen hohe, zum grössten Teil noch unbekannte und unbestiegene Felszinnen des Ouenkrim- und Igdalmassives, deren Ausläufer sich bis gegen das Quellgebiet des Oued Sous erstrecken.

Unauslöschliche Eindrücke. Nur ungern verliessen wir die hohe Warte. Der Abstieg war mühsam, und die steilen Schneerimien mahnten zur Vorsicht. Vom Tizi Ouanagoum stiegen wir direkt zu Tal. Um 7 Uhr abends waren wir bei unserem Freilager, und bei Einbruch der Nacht in Around. Beim einfachen Nachtmahl plauderten wir von dem herrlichen Tage, und unser zurückgebliebene Mediziner erzählte seine Erlebnisse während unserer Abwesenheit.

Durch Vermittlung unseres Dragomans erschien das halbe Dorf Around zur Arztvisite: Männer, Frauen und Kinder stellten sich in den engen Gassen zum Untersuch. Ein jeder klagte seine Leiden. Die häufigsten Krankheiten waren Flechten, Magen- und Darmkatarrh, Paratyphus, Magenkrebs und Gonorrhöe, bei den Kindern Kopfflechten ( Favus ) und die ägyptische Augen-krankheit ( Trachoma ). Die wenigen Medikamente waren leider bald aufgebraucht. Nach Schluss der Sprechstunde lud das Gemeindeoberhaupt mit dem Dorfältesten unsern Medizinmann zum Nationalgericht, zum Kusskuss, ein. Auf einer ausgebreiteten Strohmatte sassen alle mit untergeschlagenen Beinen um die dampfende .Schüssel, gefüllt mit Gerstengries und aufgelegtem Hammelfleisch. Jeder ballte nach dem üblichen Waschen der Hände mit der hohlen Hand kleine Kügelchen und führte diese mit den Fingern zum Munde. Aus kleinen Tonschalen wurde Pfefferminztee dazu getrunken. Um 11 Uhr nachts, wir alle hatten schon das Lager bezogen, erschienen zu unserem grossen Erstaunen drei Gemeindeälteste, um dem europäischen Arzte einen Gegenbesuch abzustatten und ihm für seine Mühewaltung herzlich zu danken. Wir unsererseits beschenkten die Abordnung mit Brot und Zucker, welche sie dankend entgegennahmen.

Der folgende Tag führte uns am frühen Morgen in anstrengendem Ritt hinaus nach Asni. Hier lösten wir unsere Karawane auf und entliessen die Treiber. Zum letztenmal ertönte das so oft wohlgemeinte « Hau's, du Chaib ». Um die Mittagszeit nahmen uns wiederum die heissen Mauern von Marrakech auf.

Als wir zehn Tage später beim Sonnenuntergang auf dem Krater des Pic de Teide, 3760 m, auf Teneriffa, unsere Reise beschlossen und die Blicke über das weite, blaue Meer zur Nordküste Afrikas schweiften, da gedachten wir mit Wehmut der geheimnisvollen Schneeberge von Tachdirt und Around, die uns so viel Schönes und Interessantes geboten und wo uns in guter Kameradschaft einige gute Bergfahrten unauslöschliche Erinnerungen gespendet hatten. Eine grosse Welt steht dort dem unternehmungslustigen Bergsteiger offen, manches alpine Problem ist noch zu lösen, und in dem fast gänzlich unbekannten Mittelatlas warten dem Bergwanderer erstklassige Gipfel, die ihm in jeder Hinsicht Neuland erschliessen.

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