In den nördlichen Nebeln des Trolltindane

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nördlichen Nebeln den Trolltindane

Bernard Balmat, Bulle

Frühere Gletscher haben hier tiefe Täler gegraben und deren Hänge, die heute teilweise mit Vegetation bedeckt sind, glattgeschliffen. Schliesslich hat vor langer Zeit ein gewaltiger Bergsturz eine phantastische, auf 900 Meter überhängende, gesamthaft aber noch bedeutend höhere Wand geschaffen. Nach einer eigentlichen Belagerung war es 1966 englischen Kletterern dank massivem Einsatz von Fixseilen gelungen, eine Route zu eröffnen, indem sie einer weniger kompakten Zone folgten; einer Art senkrechten, sich teilweise verlierenden, diagonal nach links verlaufenden Rampe.

Diese Route werden wir nun im August 1981 in drei Tagen erklettern. Jetzt aber sind wir noch im Biwak, wo der Regen auf die alu-be-schichtete Folie trommelt; ein feiner, alles durchdringender und nicht enden wollender Sprühregen! Bei jeder Bewegung nässen kleine Kondenswassertröpfchen die Kleider, und als ich einschlafe, findet das Wasser sogar einen Weg zwischen die beiden Biwakdecken, in die ich mich eingewickelt habe. Ich verzweifle in dieser eisigen Feuchtigkeit, auch wenn ich mir noch am Vorabend, als ich dieses Biwak unweit des Wandfusses erreichte, geschworen habe, dass mich jetzt nur die Sintflut zum Rückzug zwingen könne - dies, nachdem ein früherer Versuch gescheitert war.

Am 4. August verlassen wir unser Basislager, um die Wand somit zum zweitenmal anzugehen. Es ist schon spät, denn wir haben bis zehn Uhr auf eine Wetterbesserung gewartet.

Ein mühsamer Aufstieg über eine instabile Geröllhalde von 700 Metern bringt uns zum Felsblock mit dem Materialdepot, und damit auch zum Ausgangspunkt für den zweiten Anlauf auf den Sockel der Trollryggenwand. Wir seilen uns an. Es gelingt mir, den ersten über die Fluh herabstürzenden Wasserfall zu umgehen. Rasch komme ich höher, erklimme eine glatte Verschneidung - überall tröpfelt und rinnt es nass herab. Misstrauisch und prüfend belaste ich die von vielem Steinschlag gelockerten Blöcke und sichere die heiklen Stellen mit Klemmkeilen ab - oder aber überhaupt nicht! Der glitschige, feuchte Fels verspricht kaum viel Klettergenuss, man muss vielmehr alles daransetzen, so schnell wie möglich hochzukommen!

Vom ersten der insgesamt siebenundzwanzig Standplätze, die ich und meine Kameradin Nicole erreichen, steige ich nun schräg aufwärts, etwa zwanzig Meter empor. Dabei besteht die Sicherung aus zwei armseligen Haken, die eine blaue Schlinge verbindet. Bereits verklemmen sich aber die Seile in einer Spalte.Vor einem neuen Wasserfall improvi-siere ich deshalb einen Stand. Ein paar heikle Schritte in dem seifig-glatten Gestein erlauben es mir anschliessend, eine eisige Dusche zu vermeiden. Darauf bringen uns zwei Seillängen über mit feinem Kies bedeckte Platten zum zweiten, den Sockelbereich abschliessenden Schneefeld. Es ist zu einem grossen Teil weggeschmolzen, wodurch der massive, aber von losen Blöcken übersäte Fels zum Vorschein kommt. Dieses Amphitheater, mit seinen senkrechten und überhängenden Aufschwüngen, bietet wahrlich kein grossartiges Panorama; dazu wird der Blick zu sehr eingeengt: hinter uns das grüne, tannenbestandene und einen engen Korridor bildende Tal, durch das sich die Strasse, die Bahn und der Rauma, ein für seine Lachse berühmter Fluss, ziehen. Dann auf der gegenüberliegenden Seite, kaum zwei Kilometer entfernt, ragt die mächtige Masse des Romsdalshorns auf, das man hier auch Matterhorn des Nordens nennt.

Wir haben nun den Punkt erreicht, an dem wir anlässlich eines ersten Versuches, infolge heftigen Platzregens, zum Rückzug gezwungen wurden. Das damals zurückgelassene Material und noch mehr dazu hatten wir aber bereits kurz danach dank einer in der Wand durchgeführten Rettungsaktion wieder zurückerhalten. Für uns fiel dabei reiche Ernte ab: Seile, Karabinerhaken, Schneeanker und eine blutbefleckte Fallschirmspringerkombina-tion. Diese stammte von einem anderen Unternehmen. Zwei Männer waren zuvor vom Gipfel abgesprungen, worauf ihre Fallschirme mit dem Fels in Berührung kamen und sich schliesslich im untersten Wandteil verfingen. Einer der Männer blieb, vom Stoff zurückgehalten, am Fels hängen, während sein an der Schulter verletzter Gefährte zwei Tage auf dem Grund der Randkluft des Firnfeldes auf die Rettungsmannschaft warten musste, die noch durch drei unablässig die Wand des 1 Gemeint ist hier die Nordwand des Gross Turm in den Sattelspitzen ( Freiburger Voralpen ), die etwa 200-250 Meter misst. ( Die Red. ) Trollryggen absuchende Helikopter unterstützt wurde.

Diesmal steht unser Entschluss fest: nur die Sintflut soll uns vom weiteren Aufstieg abhalten... Denn zu gross war die Enttäuschung, als uns nach Abbruch des ersten Versuches einige Stunden später im Basislager die Sonne mit ihren Strahlen verhöhnte.

Das zweite Schneefeld bringt uns an den Fuss der gewaltigen, überhängenden Mauer, bei deren Betrachtung das Genick schmerzt und die mindestens viermal so hoch aufstrebt wie diejenige des Gross Turm \ kurz, die Wand meines Lebens! In dieser verkehrten Welt folgt die Route einem schrägen Risssystem, das sich zwischen den Dachüberhängen durchzieht.

Ich gehe die erste recht schwierige Verschneidung an: sie ist senkrecht und kann dank einer klaffenden Spalte im Verschneidungswinkel mit Dülfertechnik erklettert werden.

Geradezu brutale Anstrengungen werden uns abverlangt, so dass die Bewegungen nahtlos ineinandergreifen müssen: eine Sicherung anbringen, dann eine Reihe von Schritten und Zügen planen, um den nächsten Ruhepunkt zu erreichen. Schliesslich das Geplante ausführen, die Muskeln angespannt, bereit zur Improvisation, wenn der vermeintliche Absatz sich wider Erwarten als Täuschung erweist. Und vor allem gilt es, den Adrenalinstoss zu beherrschen, wenn die Vernunft uns sagt, dass es hier kein Durchkommen gibt. Danach beginnt der ganze Zyklus wieder von vorn. Dieses Spiel, bei dem sich der Kletterer auch mit der Angst auseinandersetzen muss, bildet zugleich eine mächtige Antriebskraft.

Nach einer mit verrotteten Seilen ausgerüsteten Traverse stellt der , ein 50 Meter hoch aufstrebender, senkrechter Pfeiler, den ein Spalt mit abgerundeten Kanten durchzieht, die nächste Herausforderung dar. Nach zehn Metern, in den Trittleitern stehend, löse ich einen kopfgrossen Stein. Kaum habe ich Zeit zu schreien! Er fällt auf den Heim von Nicole - gespannte Stille. Nicole sagt nichts, aber denkt sich wohl ihren Teil. Was für ein Kopf! Fast hätte sich der Stein gespalten! Eine Seillänge weiter oben dann das Biwak, ein Adlerhorst in der Wand. Wir richten uns ein und essen, während wir auf Alejandro und Eduardo warten, zwei Spanier, die wir hier getroffen haben und die die Wand mit uns machen.

Exponierte Kletterei in der senkrechten Wand des Trollryggen Wir ordnen das Material und richten die Daunenjacken. Eine trostlose Umgebung mit den vom Nordatlantik heranziehenden Wolken, die sich schwarz und kalt zusammenballen und jede Sicht - selbst auf den nahen Horizont -versperren. Doch ein Leckerbissen schafft Ablenkung: eine Büchse Fruchtsalat, die wir mit Haken und Hammer öffnen. Inzwischen wirft Nicole einen Blick auf die von unseren Vorgängern zurückgelassenen Reste und entdeckt einen Büchsenöffner. Zu spät! Aber der Fruchtsalat schmeckt uns auch so herrlich, vor allem mit einem Charlet Moser-Haken als Löffel. Als die Spanier ankommen, regnet es... und regnet die ganze Nacht.

Die Zeit läuft weiter, ebenso die ununterbrochene Reihe von Flüchen, die ich nicht zurückhalten kann. Vier Uhr morgens; es regnet nicht mehr, im Norden, über dem Polarkreis, wird der Himmel bleich. Ich schlage die Biwakdecke zurück und verlasse diese Feuchtigkeit, um meine Beine wieder gelenkig zu machen.

?

, antwortet Nicole.

( Los, wir müssen weiterDu bist wohl nicht ganz bei Trost? Es ist noch fast Nacht. ) ( Eher beinahe Tag! Und wir sollten uns bewegen, uns zwingen, dazu sind wir schliesslich hier. ) Ich nehme die Fortsetzung in Angriff. Einige aufgeweichte Graspolster und nasse Stufen führen mich in Richtung ( Great Wall ). Dabei bleiben die Finger klamm, die Beine steif vom Sitzen im Biwak, und im Geist sucht man krampfhaft nach einem Haken oder einer anderen möglichen Sicherung.

Ein morsches Seil bringt mich dank eines Pendelquerganges an den Fuss der ( Great Wall ), dieser Wand in der Wand, wo vier ziemlich senkrechte Seillängen es erlauben, eine Dächerzone zu vermeiden. Der Fels ist wegen der vorkragenden Überhänge, über die das Regenwasser der vergangenen Nacht ins Leere tropft, wenigstens zum Teil trocken. Hier muss man sich sehr deicht ) machen beim Klettern, denn den durch die salzhaltige Seeluft rostzerfressenen Haken ist nicht zu trauen. In diesem heiklen Spiel bilden dann auch die Klemmkeile die einzige zuverlässige Sicherung. Aber Alejandro, der uns folgt, macht bald eine bittere Erfahrung: ein Keil gibt nach und Alejandro reisst im Fallen die ganze Hakenleiter heraus. Bei diesem Zwan-zigmetersturz verletzt sich der Spanier die Hand, das Fleisch ist zerfetzt und blutet stark, und die Finger sind nicht mehr zu gebrauchen.

Das fängt heute schlecht an. Aber die Spanier trösten uns: ( Todo esta bien - de acuerdo - vamos al hospital - si, si, de acuerdo. ) Sie beruhigen uns, denn sie möchten uns nicht am Weiterklettern hindern und wollen auch keine Hilfe von uns. Sie benutzen den Tag, um die zwölf Seillängen wieder abzusteigen - mit nur drei Händen... und wir sind wieder allein.

Die Aufregungen nehmen kein Ende: ich mache beim Verlassen des Standes einen kleinen Pendler, weil ich einen Haken übersehen habe. Heute klappt nun wirklich nichts! Und der nächste, unter einen Überhang eingezwängte Stand, ist auch noch unbequem.

Die Route setzt sich jetzt nach links fort, umgeht ein Dach, um die zu erreichen. Überall sonst ist der Fels inzwischen getrocknet, im Kamin hingegen ist er glitschig geblieben, dazu noch brüchig und abweisend. Deswegen steige ich in einen Pa- rallelspalt ein; er ist schön, glatt, sauber und erweitert sich, je höher ich komme. Ein in einen Riss verklemmter Stein wackelt gefährlich. Es gelingt mir, ihn mit zwei Keilen zu fixieren und die schwierige Passage zu überwinden. Für diese Seillänge, sicher die schwierigste der ganzen Route, benötige ich nicht weniger als eine Stunde und einige Improvisationskunst beim Legen der Sicherungen. Endlich erreichen wir nach drei senkrechten Seillängen in schlechtem Gestein und durch einen von einer Schwarte gebildeten Kamin ( Central Bassin ). In diesem Teil des Aufstiegs packt mich eine schreckliche Angst, als ein Griff nachgibt, während ich mich ungesichert zehn Meter über dem Stand emporbe-wege. Die Plattform ( ( Central Bassin ) ), die wir damit erreicht haben und auf der wir heute 1500 m unter uns ergiesst sich der Rauma ( -Fluss ) in den Fjord von Andalsnes Photo R Sonnenwyl morgen beim Verlassen des feuchten Biwaks eigentlich geplant hatten zu frühstücken, bildet das Herzstück der riesigen Wand. Wir sind jetzt so erschöpft, dass wir dem Schlaf, der uns unvermittelt überfällt, nicht mehr widerstehen können. Doch plötzlich fährt Nicole auf und reisst mich aus meinen Träumen. Trunken von nervöser Übermüdung und mit leerem Kopf gehe ich die ( Narrow Slab ) an, enge Bänder über einem Abgrund von fünfhundert Metern. Diese beiden herrlichen Seillängen über einer Dachbarriere führen uns zu unserem zweiten Biwak, zwei von Überhängen gesäumte, parallel verlaufende und knapp einen Meter breite Bänder.

Der Himmel, der sich während des Tages etwas aufgeklärt hatte, bedeckt sich nun wie- der; aber der Nieselregen erreicht uns dank der schützenden Dächer nicht einmal. Die ganze Nacht verbringen wir fröstelnd, ausgestreckt und von den Seilen gehalten und träumen vom Daunenschlafsack, den wir aus Gewichtsgründen nicht mitgenommen haben.

Ein Hagel kleiner Steinchen weckt mich: er kommt von Nicole, die von ihrem höher gelegenen Sitz aus keine andere Möglichkeit gefunden hat, mich zu wecken. Das Tal ist in Wolken getaucht, die wie lange graue Rauchschwaden dahinziehen, sich träge im Kreis bewegen, schliesslich an einem Pfeiler hängenbleiben und darauf warten, dass es Tag wird.

Um mir Mut zu machen, sag ich zu mir: ( Noch einige Seillängen, dann haben wir es geschafft !) Aber diese Aussicht lässt mich unvernünftig werden und die Distanzen in der Vorstellung verkürzen. Tatsächlich müssen wir noch elf Seillängen hinter uns bringen, um aus dieser Nordwand herauszukommen; und damit auch wieder an die Sonne, der es jetzt endlich gelingt, den hartnäckigen Nebel zu durchdringen. Unter ihrem Einfluss ordnen sich bald darauf die Wolken, bilden grosse, langsam sich drehende Strudel in verschiedenen Violetttönen. Ein feenhafter, unwirklicher Anblick.

Ich steige in einen noch glitschigen, nach Fisch stinkenden Kamin ein; diese salzige Schmiere lässt die Haken tatsächlich innert kürzester Zeit rosten! Die abdrängende ( Rutschbahn ) muss ich praktisch kriechend überwinden. Da, drei Seillängen weiter oben, nach unzähligen Seufzern und einem heiklen Ausstieg zum Stand, höre ich Hammerschläge.

Wer schlägt hier Haken? Ist hier jemand? Aber das scheint mir unmöglich! Nicole hört nichts. Ich muss wohl ( spinnen ). Aber das Geräusch ist doch so nahe... jetzt hab'ich's: Jeder Wassertropfen, der von einem Überhang herunterfällt, ruft auf dem Fels einen trockenen, kristallharten Ton hervor, der dem eines Aus dem französischsprachigen Teil. Übersetzt von Roswitha Beyer, Bern.

Ausblick vom zweiten Biwak Hammers gleicht. Bald hätte ich geschworen, dass diese Wand belebt ist wie der Eiger oder das Matterhorn.

Jetzt neigt sich die Wand etwas zurück; die von schleimigem Wasser überronnenen Kamine gehen in ein steiles, von Kies und Flechten bedecktes Couloir über. Ich höre Rufe, und durch den Nebel sehe ich die Umrisse einer vom Himmel sich abhebenden Gestalt. Es sind unsere Gefährten, die sich hierhin begeben haben, um uns auf dem Gipfel zu erwarten. Alejandro winkt mit seiner verbundenen Hand - die Verletzung war glücklicherweise nicht ernsthafter Natur. In ein oder zwei Stunden werden wir bei ihnen sein... Im Augenblick steigen wir aber noch über ein kleines, in eine etwas weniger steile Felspartie ge-schmiegtes Schneefeld, dann zwängen wir uns durch eine Lücke zwischen chaotisch auf-einandergestapelten Felsblöcken. Wir dürfen nichts überstürzen, müssen auf die Sicherung und vor allem auf die Standplätze die nötige Sorgfalt verwenden. Oft sind vier verschiedene Sicherungspunkte notwendig, weil auf die morschen, vom Salz zerfressenen Haken kein Verlass ist.

Mitten im Nachmittag tauche ich aus dem Alptraum auf, geblendet von der durch die tanzenden Nebel dringende Sonne. Das Material, das uns drei Tage behindert hat, wird rundherum verstreut. Alejandro sichert Nicole, während ich diesen schweren Sieg, der praktisch meinen letzten Einsatz forderte, nun endlich geniessen kann. Die Spannung löst sich. Nach der enormen Anstrengung ist alles Wärme und Wohlgefühl. Wir scherzen, und unser Händedruck ist der von Teilhabern an einer grossen Leistung: der Bewältigung der Nordwand des Trollryggen bei schlechtem Wetter.

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