In den Viertausendern des Hohen Atlas

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VON FRITZ LÖRTSCHER, BERN

Mit 4 Bildern ( 2-5 ) Es heisst, dass Afrika alle, die es je gesehen haben, nicht mehr loslasse. So unternahm kürzlich eine kleine Bergsteigergruppe des Schweizer Alpen-Clubs - nach der Besteigung des Kilimandscharos, 6010 m,erneut eine ausgedehnte Erkundungsfahrt nach Nordafrika, in das unwegsame und noch wenig bekannte Massiv des Hohen Atlas.

Die Caravelle der Royal Air du Maroc brachte uns in wenigen Stunden von Paris-Orly nach Dar el Beida, dem arabischen Casablanca, in eine völlig andere Welt. Mit dem « car pour indigènes » sind wir dann durch die weiten grünen Ebenen der marokkanischen Meseta, vorbei an kleinen, lehmgebauten Eingeborenendörfern, Palmen- und Orangenhainen, nach der « Roten Stadt » Marrakech gefahren, wo uns durch die herrlichen Palmengärten bereits die blendend weissen Atlasgipfel entgegenleuchteten.

Der Atlas ist ein aus mehreren Ketten zusammengesetzter Gebirgszug, der vom Golf von Agadir am Atlantischen Ozean bis zum Cap Bou in Tunesien reicht. Er erfasst vorab Marokko und Algerien; seine gesamte Länge beträgt rund 2000 km. Unter den verschiedenen Ketten, die alle mehr oder weniger parallel zur Mittelmeerküste verlaufen, unterscheidet man in Marokko, von Norden nach Süden aufgezählt: den Rif, den Mittleren Atlas, den Grossen oder Hohen Atlas, den Anti-Atlas und weiter westlich, in Algerien, den Teil-Atlas und den Sahara-Atlas, die durch Hochebenen getrennt sind. Von den von uns besuchten Regionen Marokkos bietet einzig das Zentral-Massiv alpines Interesse.

Neben dem Skifahren wollten wir auch Kletterpläne verwirklichen und gleichzeitig die vollständige Durchquerung der Atlaskette von Nord nach Süd, in einer Breite von rund 120 km, versuchen.Dank der ausgebauten Naturstrasse von Marrakech nach Taroudant ( welche über den Tizi n'Test führt ) gelangten wir auf diesem kürzesten Zugang in das Herz des Hohen Atlas, wo die meisten der elf Viertausender stehen.

Ausgangspunkt der eigentlichen, kleinen Hochgebirgsexpedition war Asni auf 1170 m, « le Chamonix Marocain », bestehend aus einigen quadertürmigen Lehmhütten und dem eingeschossigen Gasthaus « La bonne auberge », geführt von einem Franzosen. Über Imelil, Arremd, Sidi Chamahrouch führte uns der Einheimische Lahousine ben Aomar, vom Stamme der Chleuhs, in das abgelegene Hochtal von Isougane n'Ouagouns und zum Refuge Louis Neltner, auf 3207 m; ein Fussmarsch von rund 27 km. Lebensmittel, Holz und Ausrüstung wurden von Maultieren bis an die Schneegrenze auf rund 2700 m Höhe gesäumt, von wo die Lasten von den Chleuh-Trägern mühsam durch den knietiefen, aufgeweichten Schnee bis zur Unterkunft getragen werden mussten. Die einfache Neltner-Hütte, mit einer Kochstelle aus drei Steinen verfertigt, diente uns während mehreren Tagen als Unterkunft.

Das Wetter war uns leider nicht wohlgesinnt. Trotzdem konnten wir die interessantesten und höchsten Gipfel im Toubkal- und Ouanoukrim-Massiy besteigen: Ras n'Ouanoukrim, 4083 m; Timesguida, 4089 m; Akioud, 4030 m; Biiguinoussenne, 4002 m; über die Clochetons und den Afella, 4043 m.

Mit einer Regelmässigkeit sondergleichen trübte das Wetter stets gegen Mittag ein, wobei sich Schnee- und Hagelschauer am Nachmittag ablösten. Schönstes Erlebnis bot die genussvolle Kletterei über den verschneiten Westgrat zum höchsten Gipfel Nordafrikas, dem Djebel Toubkal, 4165 m.

Die Temperaturunterschiede waren für unsere Verhältnisse ungewöhnlich, kann doch das Thermometer nachts auf minus 10 Grad sinken und am Tag wieder auf über 40 Grad Celsius hinaufklettern. Endlos erscheint dann der Weg, wenn man bei jedem Schritt in der brütenden Hitze im Pappschnee einbricht.

Der weitere Vorstoss nach dem Südosten zeigte uns, dass die Verwitterung im Gebiet des unberührten Tifnoute ausserordentlich fortgeschritten ist. Vergeblich sucht man nach scharfen Felsformen. Riesige, mit Schutt gefüllte Kare, grosse, vom Eis geschliffene Platten und schöne Kartreppen zeugen von der früheren starken Vergletscherung.

Die Überquerung des hier rund 120 km breiten Hohen Atlas wurde uns von offiziellen Stellen in Marrakech abgeraten, mit der Bemerkung, es sei « fortement imprudent de s'y aventurer ». Mit der einheimischen Bevölkerung haben wir indessen mehrheitlich gute Erfahrungen gemacht und wurden öfters sehr gastfreundlich empfangen und mit Kessra ( Brotfladen ), Münzenthe und Couscous ( Hirsebrei mit Schaffleisch ) bewirtet. Für die in den Bergnestern wohnenden Berber waren wir überall ein ganz besonderes Ereignis, denn es mögen lange Zeiten vergangen sein, seit sie die letzten Europäer gesehen haben.

Nach dem Verlassen des Tifnoute überstiegen wir verschiedene Pässe, einige davon bis zu 2600 und 2700 m Höhe, vorbei an Schutt- und Tafelbergen, und gelangten in die Nähe des vulkanischen Djebel Siroua, 3304 m, und weiter nach Tamtetoucht und Ait Hani, einem durch Brüche und Erosion zerteilten Kalkplateau mit tiefeingeschnittenen Schluchten.

Grenzenlos einsam erscheinen solche Bergfahrten am Rande der ausgedehnten Kieswüste, der sogenannten « Serir », mit ihren menschenleeren, heissen Hochflächen.

Wir hatten unsere Zelte in El Hadj aufgeschlagen. Felstauben liessen weithin hörbare, gurrende Laute vernehmen; Bienenfresser, zu geselligen Scharen vereint, überflogen abends unseren Biwakplatz. Hier wurden wir in der Nacht öfters vom Geheul der Schakale geweckt, die sich hinter Gazellen und Moufflons hermachten.

Bei Foum el Kous standen wir plötzlich vor einer landschaftlichen Überraschung: einem Längstälchen, grün und geradezu üppig nach der Öde der letzten Talverzweigung, von Wasser durchrieselt und von kleinen Kulturen von Roggen und Gerste in mühsam angelegten Terrassen lieblich durchsetzt.

Nach den Schneetouren im Hohen Atlas gehörten die Tage im Hochtal von Ait Hani im Zelt und unterwegs in den Kletterbergen angesichts der Wüste zu den interessantesten, die wir im marokkanischen Bergland verbrachten. Am Abend lauschten wir der eigenartigen Melodie eines Hirten-liedes, das tönte, als ob der Hirte seinen Ziegen und Schafen ein Märchen singe. Früh am Morgen zogen wir durch die kleinen Palmenhaine und das sonnenhelle Grün der kleinen Maisfelder, welche durch « Seguias » bewässert werden, bis unmittelbar an die Südwestwand des Adrar Brahim, 2502 m,. am südlichen Ausgang des Tales. Das kleine Dorf Akious mit seinen hohen, fast fensterlosen Häusern schmiegt sich an die Wand. Von dort stiegen wir in einer steilen Rinne auf. Bei dem festen, griffigen Gestein, einem « sandigen Kalk », gab es eine angenehme und schöne Kletterei. Die kleinen Felder, die Palmen, die rechteckigen, flachen Hausdächer unter uns wurden immer kleiner. Ein grosser Raubvogel ( vielleicht ein Bartgeier ) flog unvermittelt aus einer Felsnische auf und segelte zur Ostflanke des Berges hinüber. Sonnenlicht blitzte auf seinem Federkleid. Unter dem brennenden Atem saharischer Winde und stets heisser Sonne erreichten wir, nicht ohne Mühe, den Gipfel, von wo der Blick weit hinausschweift in die Unendlichkeit der Sahara. Tief unter uns lag das dunkelgrüne, gewundene Band des Flusstales des Oued Todra mit seinen Oasen.

Nach einer weiteren Exkursion in den Djebel Sarro mit den dunkel glänzenden Basaltfelsen und einem zweitägigen Aufenthalt in der Oase Risani im Tafilalet erstiegen wir den Ari Ayachi, in welchem sich der Hohe Atlas zu seiner letzten und östlichsten Massenerhebung bis auf 3751 m Höhe auftürmt.

Aus der steinernen Einsamkeit sind wir wieder nach Norden, über den Mittleren Atlas, in eine grüne Welt hinabgefahren. Die Vegetation wurde fast von Kilometer zu Kilometer reicher. Und erneut erlebten wir, dass alle Berge voller Wunder sind, Sehnsucht erwecken und Erfüllung schenken.

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