In der Neuschneelawine

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Von Max Grogg.

Silvester 1938. Hahnenmooshütte. Der Sturm hat fast aufgehört. Ein Ortskundiger zeigt mir die Richtung für die Abfahrt, immer den Spuren nach. Sehen tut man nichts, es schneit stark, und die Spuren sind verweht. Ich fahre los ins weisse Nichts. Plötzlich geht es unerhört schnell irgendwo steil hinunter, und dann gehen die Latten unerwartet steil bergauf und schon bin ich gestürzt. Nachdem ich mich mit viel Gepuste aus dem lockern Flaumschnee ausgegraben habe, tauchen Skifahrer auf, die mir die weitere Abfahrtsroute weisen. Etwas weiter unter schneit es kaum mehr, die Landschaft bekommt wieder Relief. In stiebender Schussfahrt halte ich gegen eine Kolonne Skifahrer, die auch Richtung Geils abfährt. Es ist eine Skiklasse mit ihrem Skilehrer. Ich folge als letzter dieser Kolonne und fühle mich nun auf sicherer Fährte. Wenn ich mich umdrehe, so sehe ich nur ganz zahme Übungshügel. Die Kolonne besteht aus Anfängern und kommt nur mühsam vorwärts. Auf die Dauer behagt mir das langsame Tempo nicht, und ich fahre der Klasse vor, und zwar nach dem Rat des Kolonnenführers immer horizontal dem Hang entlang. Etwa 60 Meter oberhalb der hölzernen Umsteigestation der « Fram » werfe ich einen Blick auf die Nachrückenden und sehe zu meiner Beruhigung, dass der Skilehrer meiner Spur folgt. Der Hang ist auch gar nicht steil und, wie ich annehme, sicher nicht lawinengefährlich, sonst würde doch der Skilehrer mit seinen knusprigen Girls nicht so zuversichtlich nachfolgen.

Da — ein schwarzer Riss im Schnee — fussbreit oberhalb meinem Ski. Schneebrett! Ein Ruck — vor meiner Skispitze entstehen gestaffelte Risse im Schnee! Verflucht! Vorwärts fliehen ausgeschlossen, dort wird es plötzlich steil. Schussfahrt in Fallirne unmöglich, dort würde ich am lang hingezogenen Stationsgebäude den Schädel zermalmen. Ein Luftzug — ein eigenartiges Geräusch vom Hang her — ich schreie gellend: « Achtung, Achtung! » Eine Schneemauer wirft mich um, und schon gehe ich in einem Strudel zu Tal schiessenden Schnees unter! Dunkel! Ziehendes Geräusch fliessender Schneemassen. Ich werde erdrückt! Einige Güterwagen voll Schnee lasten auf mir. Jetzt ist die Lawine zum Stehen gekommen.

Ich will aufstehen, aber — was Teufels ist denn los? Ich bin ja wie eingemauert! Weder mit Armen noch Beinen, ja nicht einmal mit den Händen kann ich mich auch nur einen Millimeter bewegen. Hingegen hat es bei meinem verzweifelten Versuch aufzustehen zwischen meinem Gesicht und dem Schnee einen schmalen Spalt gegeben. Den Mund habe ich bis zum Rachen voll Schnee, den kann ich jetzt ausgeifern. Jetzt kann ich wieder atmen, es ist der erste Atemzug, seitdem ich verschüttet bin. Herrgott, geht das Atmen schwer! Ich muss die Luft aus dem Schnee heraus saugen. Da — ein Donnern geht über mich — wohl eine neue Lawine, die mich noch mehr bedeckt. Jetzt bin ich vielleicht vier Meter tief. Totenstille — So, das ist jetzt der weisse Tod. Eine furchtbare Tonnenlast drückt auf meinen Brustkorb. Kann ich mich wirklich nicht bewegen? Nein, keine Spur. Sekunden vergehen, EwigkeitenBäuchlings liege ich eingebettet tief im Schnee. Der Kopf liegt talwärts. Es ist ganz still.

Sonderbare Gedanken gehen mir durch den Kopf! Wahrscheinlich ist die ganze Skiklasse ia der Lawine begraben. Jetzt ist es etwa 1 Uhr. Meine Eltern sitzen gemütlich in Basel am Mittagstisch. Mein Bruder erbt nun meine Praxis. Werden die Versicherungsgesellschaften Schwierigkeiten machen? Aber die Prämien sind ja bezahlt. Ich mache noch einmal einen verzweifelten Versuch, mich zu befreien. Vergebens 1 Ich bin wie eingegipst. Ein im Eise festgefrorener Fisch. Also sterben.

Welch absurde Gedanken mich jetzt beschäftigen, kurz vor meinem Tod! Wiped out — ausgewischt! So schrieb Major Rogers in sein Kommando-buch, wenn ein paar seiner Soldaten auf dem Feldzug gegen die Franzosen auf die haarsträubendste Weise von Indianern niedergemetzelt wurden. Dieses Buch kommt; mir jetzt unter der Lawine in den Sinn. Vor meinen Augen ersteht noch einmal der Schauplatz dieser Odyssee. Ich kenne die Gegend von meiner kanadischen Ferienreise her. Der liebliche Lake Champlain, eine Symphonie in hellblau, grau und Corots Silbertönen.

Es wird kalt. Die Luft wird schlecht und schlechter. Das Atmen geht mit grossem Widerstand. Ich merke, dass der Schnee, in den ich einbetoniert bin, nicht mehr so lufthaltig ist wie vorhin. Jeden Atemzug muss ich mit grösster Kraftanstrengung einsaugen... An den Knien und an der Nasenspitze habe ich sehr kalt, hingegen haben die unerträglichen Schmerzen an den Ohren nachgelassen.

Was werden die Freunde im International Students House in Philadelphia sagen? In London wird Marjory zu Eve sagen: « Max is dead », dann werden sie ein wenig heulen, bis es Zeit wird, ins Kino zu gehen. Professor Prinz von der University of Pennsylvania wird gedankenvoll sein greises Haupt schütteln. Die Luft ist schlecht, der Sauerstoff ist flöten, die COa-Atmosphäre wird mich umbringen. Wie quälend ist der Gedanke, dass meine Freunde jetzt ein derart verdorbenes Neujahr haben werden! Jetzt sitzen sie noch scherzend im Zug, nichts ahnend freuen sie sich auf ein paar fidele, ausgelassene Tage.

Mit Blitzesschnelle geht mir mein ganzes Leben nochmal durch den Kopf: Bangen Herzens gehe ich an Mütterchens Hand zum erstenmal in die Schule den Kirchweg hinunter. Dann sehe ich mich noch einmal bei der Grossmutter in Wattenwil den grossen Kachelofen einfeuern und aus den Schubladen des geheimnisvollen Sekretärs wunderbare Kostbarkeiten her-vorzerren. Unsere Klasse steht auf der Pfalz und betrachtet einen französischen Flieger, der über Lörrach Bomben abwirft und ganz von Schrapnell-wölkchen umgeben ist. Genfersee-Ferien in Lutry. Bei Cesira Ambucchi in Florenz, hungrig und wanzenverstochen. Herrliches Genf! Noch einmal wandere ich als armes Studentlein durch die Rue Ferdinand-Hodler dem Musée des Beaux Arts zu. Wie blöd und zwecklos, derart zu krepieren!

Wenn unser Land jetzt überfallen wird, bleibt meine Pistole im Futteral stecken. Oder dann wird sie von einem andern abgefeuert, der keine « Preiche » hat. Hafeneinfahrt in New York. Die märchenhaften Flimmer-lichter am Broadway. Sonne über dem Bernina. Schussfahrt im sulzigen Schnee über die Krokuswiesen des Bergfrühlings. Sprünge über rauschende Bächlein. Biarritz, sonnenfaul am Strand. Vielfarbige Sandkörnchen rieseln durch meine Finger...

Die Luft ist verbraucht. Bange Augenblicke vergehen. Es wird mir blau vor den Augen. Jetzt schwarz und funkelnde Sterne... Das ist ja ein wunderbarer Tod! Ich spüre nichts mehr. Ich bin wohl schon im Jenseits. Kein Tonnengewicht mehr, federleicht bin ich worden. Hingegen höre ich ganz leise jemand singen. Eine wunderbare, reine Stimme wie im Traum aus der weiten Ferne. Jetzt fällt eine zweite Stimme ein. Sind das Engel, die mich in Empfang nehmen? Jetzt redet jemand gedämpft wie in einem Totenzimmer. Ist das Petrus? Redet er mit Erzengel Michael, über den ich gestern noch einen Witz gehört habe? Mehrere Stimmen mischen sich ein, ich verstehe kein Wort. Hingegen scheint mir eine aufregende Meinungsverschiedenheit ausgebrochen zu sein. Also mit dem ewigen Frieden wär 's Essig!

Plötzlich Geschrei, Aufregung, wildes Getrampel über mir. Ein Fluch 1 Wie? Sollten sie hier solches duldenEin Zischen neben meinem Ohr vorbei — ein harter Gegenstand berührt meinen Rücken — eine Lawinensonde! Ich bin ja gar nicht tot! Die suchen mich jaAber meine Atemluft ist fertig! Wenn sie jetzt pressieren, so erwischen sie mich noch gerade rechtzeitig. Ich brülle mit der letzten Kraft, vielleicht hören sie mich.

Eine Lawinensonde stösst auf meinen Hinterkopf. Ein Geschrei, gedämpft, aber sehr aufgeregt. Knirschender Schnee über mir. Laufende Schritte. Abgerissene Kommandorufe. « Mir hei ne », höre ich deutlich sagen. Jetzt höre ich lange girrenden Lärm. Wie das Geräusch von fieberhaft arbeitenden Schaufeln tönt es. Da — eine Hand berührt meinen Kopf, eine Hand kommt in meinen Rachen, meine Nase wird von Schnee befreit.

« Il vit! » « Da bringe mer allwä scho no läbig use! » Luft, Luft, frische Luft! Atmen!

Eine tiefe, rauhe Stimme fragt von oben: « Isch öppis broche? » Zwischen zwei Atemzügen keuche ich: « 0 Kai! » — Oben heisst es: « En Amerikaner. » Schnee fällt wieder in mein Gesicht und in den offenen Mund. Ich frage, ob die Skiklasse auch in die Lawine gekommen sei. « Nei. » — Über mir sehe ich jetzt freien Himmel. Am Rande des Trichters, den sie zu meinem Kopf heruntergegraben haben, erscheinen mehrere Köpfe, die heruntergucken.

« So, jitz grabet dir füf dert! D'Schi abnäh! Dir da nät ihm der Schnee ab em Ranze, de chöi mer ne ganz fürenäh! » Mit einem Auge, frei von Schnee, sehe ich einen Kopf über dem Rand des Trichters erscheinen. Er beugt sich über die Schneekante und sagt in nüchtern-geschäftsmässigem Ton: « Ecoutez, Monsieur, dites-nous un peu l' impression qu' on a dans une avalanche, décrivez-nous donc quel est le sentiment que vous avez eu, quels étaient vos pensées au moment d' être couvert. Est-ce sombre là-dedans? » Es ist ein belgischer Journalist, der sofort ein Interview haben will. Lächerlich...

Jetzt ist die Tonnenlast etwas geschwunden. Ich probiere aufzustehen. Tatsächlich, es geht! Ich lehne mich an die Wand des Schneetrichters. Atmen, bewegen, sehen, stehen! « Tifig, Hausi, der Cognac! » ruft einer. Eine braune Wäntele wird mir angestützt. « So, nämet e ferme Schluck! » « No vil meh! » Um mich herum ist es schwarz von Leuten. Meine Arme werden von allen Seiten ergriffen und geschüttelt. In einem halben Dutzend Sprachen wird mir gratuliert zu meinem wiedergeschenkten Leben. « Oh la la, vous avez eu de la veine«Yeah, hell, you had a narrow escape! » Ein alter reservierter Engländer mit Chamberlain-artigen Eichhörnchenzähnen lächelt freundlich und ruft: « Happy new year! » Einige Damen trocknen Tränen, andere sehen mit weit aufgerissenen Augen noch voller Schrecken auf mich. Jetzt kommt die belgische Skiklasse. « Mais vous nous avez sauvé, monsieur, vous savez, nous serions dedans maintenant. Bien sûr, l' avalanche aurait couvert toute la classe! Ah, quelle chance, quel miracle alors, mon vieux! » Unterdessen haben einige Buben meine Ski aus der Lawine ausgegraben. Auch die Handschuhe und ein Skistock kommen zum Vorschein.

Vor meiner Abfahrt von der Unglücksstelle gibt es einen herzlichen, fast rührenden Abschied von der belgischen Skiklasse. Alle strahlen vor Freude, dass alles so überaus glücklich abgelaufen ist. Ich sei wieder auferstanden, und ihrer 15 seien nicht in die Lawine gekommen. Also 16 Menschen seien mit knapper Not dem Tode entronnen. « Quoi qu'il en soit, mesdames et messieurs, » rufe ich, vom ungewohnten Alkohol kühn geworden, « excusez-moi, s' il vous plaît, d' avoir interrompu votre leçon de ski. » Zweihundert Meter weiter unten stoppe ich mit einem stiebenden Christiania und sehe mir die Lawine aus der Entfernung an. Wirklich, ein schöner « Bitz » ist da heruntergekommen! Ganz oben, an der Bergkuppe, am Horizont, ist die hohe Abbruchkante der Schneeschicht sichtbar, unten, gegen das Stationsgebäude zu, liegt das Trümmerfeld.

Da kommt ein Herr zu mir, der sich als Lawinenexperte erkennen lässt. Ich gebe meinem Erstaunen Ausdruck, dass an einem derart zahmen Hang eine Lawine entstehen könne. « In der Tat, » sagt der Herr, « die schwache Neigung lässt nicht auf Rutschgefahr schliessen. Aber sehen Sie jetzt einmal, der Wind kommt von Südosten her, pfeift dort über diesen Gupf und reisst den locker aufgeschütteten Schnee mit. Hinter der Kuppe ist eine Mulde. Dort hat sich im Windschatten ein Wirbel gebildet, und dort setzte sich eine enorme Menge zugewehten Schnees nieder. Die Bindung der Neuschneeschicht mit dem Boden ist eine überaus leichte. Die innere Festigkeit oder Kohäsion dieses leichten Pulverschnees ist ausserordentlich gering. So kommt es, dass ein Rutsch entstehen kann, wo die Neigung nicht gefährlich erscheint. Aber es spielen da eben noch andere Faktoren mit, die nicht allgemein bekannt sind, vor allem der Wind, die Festigkeit des Schnees, die Schichtung im Schnee und die Temperatur. » Nach dieser Belehrung fahre ich, meinen übriggebliebenen Stock schräg quer vor mich gehalten, wie ein alter Gotthardsoldat Adelboden zu. Meine Lunchtasche hängt zerfetzt am Rücken. Zerrissene Hosenträger baumeln herunter, und meine Haare sind zu eisigen Zotteln zusammengefroren. Ein kleines Schulmädchen blickt mir auf der Strasse lange nach.

Wenige Tage später gab mir mein Bruder eine Zeitschrift und sagte zu mir: « Chlyne, lies de das! » — Es war ein ausgezeichneter Aufsatz von Forstinspektor Emil Hess: « Die Gefahren der Lawinen. » Darin las ich unter anderem: « Vorbedingungen für die Entstehung von Trockenschneelawinen sind Schneefall bei Kälte und Bildung von Anhäufungen im Windschatten. Die trockenen Lawinen sind für den Skiläufer besonders gefährlich, weil ihr Auftreten schwer zu beurteilen ist. Der Wind ist der Baumeister der meisten Lawinen. Mehr als zwei Drittel der Lawinenunfälle sind auf Losbrechen einer durch Wind beeinflussten Schneedecke zurückzuführen. »

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