Internationale Expedition 1974 ins russische Pamirgebirge.

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Werner Wyss, Spiez

Die Hochgebirgswelt des Pamir, rund 120000 Quadratkilometer umfassend und in der Republik Kirgisien ( Russland ) gelegen, grenzt an die Länder China, Afghanistan und Pakistan.

Bis 1869 war dieses Gebiet mit seinen Sechsund Siebentausendern praktisch unerforscht. Das türkische Wort « Pamir » bedeutet « kalte Steppenweide »; heute versteht man unter « Pamir » das « Dach der Welt », das Hochland, von dem die grossen asiatischen Hochgebirgsketten ausstrahlen: Hindukusch nach Südwesten, Karakorum und Himalaya nach Südosten, Khun Lun nach Osten und das Alaigebirge nach Norden.

Nach dem Zweiten Weltkrieg und bis 1969 befand sich das sowjetische Pamirgebirge für westliche Alpinisten buchstäblich hinter dem « Eisernen Vorhang ». Vom 10.Juli bis 14. August 1974 organisierte die russische Bergsteiger-Föderation finger, mit dem sich zwei meiner Bergkameraden gleich nach der Landung des Flugzeugs in Entebbe schmerzlich konfrontiert sahen. Dass auch im übrigen Ostafrika Vertrauensseligkeit unangebracht ist, sei abschliessend eindringlich vermerkt!

P.S. Im Januar 1975 hatte auch das Reisebüro Kuoni eine Kletterführung ( « 4. Schwierigkeitsstufe » ) auf den Piz Nelion des Mount Kenia neu im Programm sowie eine Besteigung des Kibo auf dem ungefährlichen 3-Hütten-Weg von Marangu, der einzigen Route im Kilimanjaro-Gebiet ohne Erfordernis eines speziellen « permit ».

( Bilder 17-23 ) erstmals ein Alpinistentreffen für die Bergfreunde des Westens. Insgesamt 170 Vertreter aus 10 Nationen und rund 70 Teilnehmer aus Russland bevölkerten das 3700 Meter hoch gelegene Lager.

Dieses Basislager, von den Russen hervorragend organisiert, bestand aus einer festeingerich-teten Küche, aus Mannschafts- und Zweimann-zelten; sogar eine Dusche und elektrische Beleuchtung mit Dieselgenerator fehlten nicht.

Die Hochebene, die unser Lager beherbergte, ist von einheimischen Hirten bewohnt, von Kirgisen und Usbeken, die mit ihren Familien während der Monate Mai bis September in runden Zelten, den sogenannten « Jurten », hausen und damit beschäftigt sind, ihre Herden, bestehend aus Schafen, Kühen, Pferden und Yaks, zu betreuen. Diese Herden müssen ständig in Bewegung gehalten werden, damit das kurzgewachsene Gras nicht mitsamt den Wurzeln aufgefressen wird, und wandern deshalb bis an die Schneegrenze auf etwa 4300 Meter.

Das Lager befand sich in einer links und rechts durch etwa 4900 Meter hohe Bergketten abgeschlossenen Hochebene, und rundherum lagen in Vertiefungen kleine Gebirgsseelein, während gegen Süden die gigantische Gebirgslandschaft mit unserem Expeditionsziel, dem 7134 Meter hohen Pik Lenin, den Talabschluss bildete.

Wo die Viehherden noch nicht alles niedergetrampelt hatten, blühten Edelweiss, Bergaster und andere Bergblumen. Während der Schneeschmelze färben sich die Flüsse und Bergseen rot, da roter Sand mitgeschwemmt wird.

An der Pamir-Alpinade nahmen insgesamt 17 Schweizer in voneinander unabhängigen Gruppen teil, so drei Damen als Mitglieder des « Rencontre de la haute montagne », zwei Berner Gruppen mit je vier Alpinisten ( darunter der Schreibende ), eine gemischte Zweierpartie und vier weitere Bergsteiger aus der Schweiz. Die Vorbereitungen verliefen schon allein deshalb spannend, weil nur sehr spärliche Informationen eingingen. Fragen über Fragen stellten sich: Ist die Ausrüstung richtig gewählt; wie werden das Wetter und die übrigen Bedingungen sein? usw. usw.

So trafen wir Berner zu acht mit je 70 kg Gepäck dann endlich am 10.Juli in Kloten ein, immer noch mit der bangen Frage beschäftigt, ob auch wirklich alles Notwendige eingepackt sei; die alpintechnische Ausrüstung samt Biwakmaterial, jedoch ohne Verpflegung, musste nämlich jeder Teilnehmer selbst mitbringen.

Der Flug mit einer Tupolev 154 endete nach etwa dreieinhalb Stunden in Moskau, wo wir Berner persönlich von einem russischen Alpinisten ohne grosse Formalitäten durch den Zoll geschleust wurden. Es folgte ein zweitägiger Aufenthalt in der Siebenmillionenstadt — während dieser Zeit traf die ganze internationale Bergsteigerschaft hier ein - und anschliessend die zweite Flugetappe mit einer viermotorigen Propellermaschine Iljuschin 19 in die 3200 Luftkilometer ent- fernte Stadt Osh, wobei absolutes Photoverbot angesagt wurde... Aber der Sonnenaufgang war so verlockend, dass ein paar Beherzte doch zur Kamera griffen - was die hübsche Hostess veranlasste, die Apparate kurzerhand einzusammeln.

In Osh wurden wir durch den obersten Dorf-sowjet herzlich empfangen; Schulkinder überreichten jedem Alpinisten einen Blumenstrauss, und dann gab 's ein üppiges kirgisisches Mittagessen, das aber leider in kürzester Zeit verschlungen werden musste.

In Stadtbusse verladen, erreichten wir nach zehnstündiger Fahrt über zwei Pässe, 2410 und 3630 Meter, das Alaital, bekamen dabei auch kleinere und grössere, meist aus Lehmhütten bestehende Siedlungen zu Gesicht und mussten einige Strassensperren passieren, was aber dank unserer Polizeibegleitung reibungslos und sogar ohne Anhalten vonstatten ging. Der Verkehr auf dieser etwa 330 Kilometer langen asphaltierten Strecke bestand lediglich aus ein paar Lastwagen; Personenwagen trifft man in dieser Gegend nur ganz selten an.

Die Hochebene des Alaitales liegt auf 3000 Meter über Meer, doch wird das Land auch auf dieser Höhe noch bewirtschaftet und maschinell bearbeitet. Wir fuhren durch kleine Dörfer und begegneten militärischen Anlagen; hier, wo die Grenze Russland/China in einer Entfernung von « nur » 200 Kilometern verläuft, ist dies nicht erstaunlich.

In das Seitental des Alai wurden wir über Pisten, durch Steppen und Flussläufe per Geländefahrzeug geschaukelt, was nicht nur eine holprige, sondern wegen des feinen Steppensandes auch eine recht staubige Angelegenheit war. Doch nach insgesamt zwölf Stunden Fahrt erreichten wir endlich unser Basislager, das wir während 30 Tagen nicht mehr talauswärts verlassen sollten.

Nach den ermüdenden Reisestrapazen empfing uns hier oben ein herrlicher Tag. Zum erstenmal erblickten wir die prächtige Gebirgswelt und vor allem den verlockenden, 5920 Meter hohen « Pik 19. Parteitag », einen Traumberg mit herrlichen Graten und Flanken, der allerdings, wie es sich später erweisen sollte, auch mit Tücken und Gefahren aufwartet.

Den ersten persönlichen Kontakt mit der Lagerleitung nahmen wir bei einer ärztlichen Untersuchung. Es waren nämlich drei Ärzte hier stationiert. Der Blutdruck war bei allen Teilnehmern im allgemeinen etwas höher als unter normalen Bedingungen, aber eine obere Grenze von 170 gefiel auch den russischen Doktoren nicht.«Schonen und im Lager bleiben! » übersetzte dann die Dolmetscherin Tania... und schon argwöhnten wir unangenehme Vorschriften, durften aber alsbald feststellen, dass uns völlige Freiheit bezüglich unserer Bergfahrten und der Routenwahl gewährt wurde. Da aber vom ganzen Gebiet kein Kartenmaterial, sondern nur Krokis zur Verfügung standen, waren wir natürlich auf die Informationen der Russen angewiesen, und die sogenannten Trainer ( Alpinisten ) waren auch stets bereit, uns beiden Vorbereitungen zu helfen.

Vom rechten, 4820 Meter hohen « Talwächter » aus, den wir in etwa viereinhalbstündigem Aufstieg erreichten, hatten wir Gelegenheit, die Routen auf den Pik Lenin am Objekt selbst zu studieren, wobei die Wahl auf die Nordwandroute. fiel. Später erklärte unser russischer Berater allerdings, dies sei ein grosses Unternehmen, denn die etwa 2000 Meter hohe, mit Eis und Fels durchsetzte Flanke mit einer Neigung von 45 bis 55 Grad sei erst dreimal gemacht worden.

Doch die Würfel waren gefallen, entsprechend wurden Material und Ausrüstung zusammengestellt, und los ging 's zum Lager I mit rund 18 kg Gepäck pro Kopf. Träger gab es im Pamir-Lager nicht, was einerseits die Akklimatisation jedes einzelnen förderte, andererseits natürlich auch jedem grosse Anstrengung und Kraft abverlangte. Unser erstes Ziel war vorläufig das Einrichten der beiden Hochlager I und II sowie die Erkundung der Nordwandroute. Dabei mussten wir die ^Kilometer lange Strecke mit einer Höhendifferenz von 800 Metern dreimal zurück- legen. Das Lager I, auf 4350 Metern gelegen, bestand aus Gebirgszelten, welche auf einer mit Schutt bedeckten Seitenmoräne des 9 Kilometer langen Leningletschers aufgestellt wurden, das Lager II errichteten wir in einer Gletschermulde auf 5350 Meter. Diesen Aufstieg über tiefe, heim- tückische Gletscherspalten legten wir in der Aufbauphase zweimal zurück. Der Transport von etwa 15 kg Gepäck und einem Paar Kurzski dazu war eine erste Härteprüfung. In diesem Lager machten wir auch Bekanntschaft mit den Tücken des Leninberges: Temperaturschwankungen von — to bis + 40 Grad setzten uns hart zu, der höllische Wind mit Schneeverfrachtungen legte die stabilsten Zelte um; zudem war das Arbeiten auf dieser Höhe recht anstrengend, die Kocherei mit Benzinvergasern ein Geduldspiel, das Schlafen und vor allem das Aufstehen am Morgen eine « Sich-selbst-Überlistung ». Für diese Strapazen entschädigte jedoch schon allein der herrliche Ausblick von diesem ungewöhnlichen Hochsitz auf den Leningletscher und den « kleinen » Viertausender in der Nähe.

Im Lager I hatten wir vereinbart, dass zwei Mann die erwähnte Nordwand erkunden, die restlichen sechs Berner den 6148 Meter hohen Pik Rasdelnaya besteigen sollten.

Am Morgen des 21.Juli wurde zum Aufbruch geblasen, für Bergführer R. Grünenwald und W. Wyss in die Nordwand. Das Gepäck bestand aus Rucksack, Biwaksack, Seil, Pickel, Steigeisen und Kurzski. Ein heftiger Fallwind, der uns schon in den Zelten belästigt hatte, und schlechte Schnee- und Eisverhältnisse machten das Vorwärtskommen fast unmöglich. Erst nach fünfstündigem Aufstieg erreichten wir die Sechstausendergrenze, wo die Wand einigermassen überblickbar war und wir feststellen konnten, dass ein Durchstieg bei günstigem Wetter und geeigneter Routenwahl möglich sein sollte. Also deponierten wir an einer geschützten Stelle unser Material und steckten, um den Wiederaufstieg zum Depot zu sichern, beim Hinuntergehen Markierungsfähnchen.

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Beim Lager II stieg die Strahlungstemperatur erneut auf etwa 40 bis 50 Grad an, wobei uns diesmal eine Schneehöhle wirksamen Schutz gegen diese unerträgliche Strahlungshitze bot.

Am Nachmittag erreichten drei unserer Kameraden, erschöpft und ausgetrocknet, das Lager II. Wir beide verabschiedeten uns, um ins Basislager abzusteigen.

Im Lager II nahm indessen das Schicksal seinen Lauf: Am Morgen des 22.Juli wollte einer der drei Kameraden die beiden andern nicht mehr begleiten, und als diese vom Rasdelnayagipfel zurückkamen, mussten sie erkennen, dass der Zurückgebliebene schwer erkrankt war. Es begann ein schwieriger Transport über die Steilhänge und Gletscherspalten, vorerst bis zum Lager I. Der Kranke musste auf einer Biwakdecke hinun-tergeschleift werden. Während der Nacht verschlimmerte sich sein Zustand noch. Glücklicherweise konnte hier ein russischer Arzt, der zufällig im Aufstieg begriffen war, Erste Hilfe leisten, und nach zwei Tagen äusserster Anstrengung gelang es den Helfern, bis zum Basislager durchzukommen, wo nach einer ersten Behandlung durch die Lagerärzte der Patient mit dem Helikopter nach dem 40 Kilometer entfernten Daraut-Kurgan in ein sogenanntes « Krankenhaus » geflogen wurde. Und siehe da: Er war bald gesundkuriert.

Unterdessen schneite es in der Nacht zum 25.Juli im Basislager etwa 20 Zentimeter, und dieser erste Wetterumbruch überraschte viele Alpinisten am Berg. Eine amerikanische Viererpartie, welche die noch unbezwungene Nordwand des « Pik 19. Parteitag » bezwingen wollte, wurde durch eine Lawine zum Teil verschüttet. Über Funk traf die Meldung ein, dass sie sich selbst befreien könnten, aber ein Kamerad erlitt den weissen Tod. Verschiedene Ausrüstungsgegenstände, darunter die wichtigen Kälteschutz-Anzüge, blieben in der Lawine.

Noch am gleichen Tag stieg eine internationale Rettungsgruppe auf, um unter russischer Leitung Hilfe zu bringen. Es stellte sich jedoch heraus, dass dem russischen Rettungsdienst die notwen- dige Erfahrung fehlte, und unsere beiden Bergführer, die sich spontan an der Aktion beteiligten, vermissten einen gezielten Einsatz. Das nötige Material - Sondierstangen, geeignete Transportmittel usw. war nicht vorhanden. Nach zweiein-halbtägigem strapaziösem Einsatz kehrte die Rettungsmannschaft mit den drei Amerikanern ins Basislager zurück; der Tote musste am Berg zurückgelassen werden.

Indessen stand eine Wetterbesserung bevor.

« Keine Zeit verlieren », hiess unsere Devise, und so packten wir unsere Säcke mit Proviant für sechs Tage. Die 14 Kilometer bis zum Lager I bedeuteten jetzt keine grosse Anstrengung mehr, der Aufstieg zum Lager II war jedoch mühsamer. Im 50 Zentimeter tiefen Neuschnee musste frisch gespurt werden, und durch die Nordwand waren bereits grosse Lawinen niedergegangen.

Vom Lager II aus suchten wir mit dem Feldstecher in der Nordwand unser Depot; aber sämtliche Markierungsfähnchen und die vorher gut sichtbar gewesenen Ski waren verschwunden. Abermals wurde Kriegsrat gehalten. Die verlockende Nordwandroute, die vielleicht grosse Befriedigung und Beachtung einbringen könnte, war ohne Zweifel sehr lawinengefährlich; deshalb liessen wir, obschon die meisten von uns in bester « Form » waren, diesen ehrgeizigen Plan fallen und entschieden uns für die sichere und einfachere « Rasdelnayaroute ».

Am Morgen des dritten Tages lag erneut Triebschnee in der Aufstiegsspur, und der Vorausgehende versank hie und da bis zur Brust, so dass der Rucksack zurückgelassen werden musste. Zu unserer Erleichterung übernahm freundlicherweise eine österreichische Gruppe einen Teil dieser kräfteraubenden Spurarbeit.

Auf etwa 6000 Meter Höhe war bereits vor dem Wettersturz ein Zeltlager eingerichtet worden. Hier teilten wir uns nun in zwei Gruppen von drei und vier Mann auf, um die uns noch zur Verfügung stehende Zeit zu nutzen.

Alpintechnische Schwierigkeiten gab es am Rasdelnayagrat keine, doch kam dort oben ein bissiger Wind auf, der nicht nur unsere Kehlen austrocknete, sondern überflüssigerweise auch noch eine Unmenge Schnee verfrachtete. Wir suchten - auf 6400 Meter - auch vergeblich nach einem windgeschützten Plätzchen, und es gelang uns nur unter Aufbietung sämtlicher Kräfte, das Zelt aufzustellen. Höhe, Sturmwind und Triebschnee waren also die Schwierigkeiten, denen es zu trotzen galt.

Samt Gepäck zu dritt in einem Zweierzelt halb liegend, halb sitzend, warteten wir ergeben das Ende des Sturmes ab, der unablässig feinen Schneestaub zu uns hereinjagte. Alles, was nicht hermetisch verschlossen war, wurde mit Schnee gefüllt; auch wir verwandelten uns allmählich in Schneemänner - und dabei sank die Temperatur auf mehr als -15 Grad.

Nach einer ungemütlichen Nacht ging 's wieder los. Die Benzinkocher und Thermosflaschen mussten aus Gewichtsgründen unten bleiben, und die Metakocher funktionierten nicht. Essen mochte ohnehin niemand bei dieser Kälte. So begannen wir am vierten Tag unseren « Endkampf » am Pik Lenin mit knurrendem Magen. Nach einstündiger anstrengender Spurarbeit scheiterte ein weiterer verzweifelter Kochversuch; der Wind drohte alles samt und sonders einzufrieren, so dass wir trotz der Anstrengung des Aufstiegs unsere Daunenkleider auf dem Leib trugen.

Weder dem Sonnenaufgang noch der umliegenden Berglandschaft konnten wir unter diesen unwirtlichen Bedingungen etwas abgewinnen; wir waren allzusehr mit uns selbst beschäftigt.

Endlich, auf etwa 6800 Meter, nach Überwindung eines Steilhanges, konnten wir den Grat verlassen -und, was für eine Wohltat! Der Wind liess nach! Während unsere Kehlen nach Flüssigkeit lechzten, unternahmen wir abermals einen Versuch, Meta anzuzünden. Vergeblich!

Durch eine uns überholende Österreicher Gruppe erhielten wir neuen Auftrieb. Unendlich lange, aber unschwierige Hänge mussten durchschritten werden. Unsere Leistungsfähigkeit sank 11 >4 auf ein Minimum. 120 Höhenmeter in einer Stunde, wobei die Skistöcke eine grosse Hilfe bildeten! Bergführer R. Grünenwald erkämpfte im Alleingang den Gipfel des Pik Lenin und erreichte ihn als erster Schweizer um 10.30 Uhr. Wir zwei Nachzügler - G. Grünenwald und W. Wyss kamen mit äusserster Willensanstrengung etwa eine Stunde später an.

Aufdem Gipfel ist neben verschiedenen Gegenständen eine Leninbüste aufgestellt ( versteht sich, auf dem Pik Lenin !). Die Aussicht, das Photographieren, das erhabene Gefühl, den Berg bezwungen zu haben - all dies verblasste neben dem Wunsch, endlich den quälenden Durst löschen zu können.

Nach ungefähr anderthalb Stunden trafen dann auch die beiden Berner U. Huber und Chr. Schmid bei uns ein, wie wir von den Strapazen gezeichnet.

Erst auf dem Abstieg erwachten wir langsam aus unserem « Rausch » und bewunderten das unendliche Meer von Bergen im Westen. Auf 6800 Meter begegneten wir den zwei letzten Berner Kameraden, deren Zustand - der eine schien an Erfrierungen zu leiden - offensichtlich kehrtzumachen gebot.

Um 17 Uhr gelangten wir zu unserem am Vortag aufgestellten Zelt, und obschon immer noch ein heftiger Wind wehte, gelang es uns nun endlich, das Meta zum Brennen zu bringen. Einige Zeit später trafen auch drei der andern Gruppe ein, jedoch ohne den vierten Mann, der an Höhenkrankheit litt. Wir gaben ihnen etwas zu trinken, worauf sie zu ihrem Lager III abstiegen, und machten uns dann auf, um den Nachzügler zu holen und mit Tee zu versorgen. Als wir mit ihm in unserem Lager eintrafen, wollte er unbedingt hier biwakieren; aber in seinem Zustand wäre dies nicht ratsam gewesen, so dass wir darauf bestanden, ins geschütztere Lager auf 6000 Meter abzusteigen. Im Steilhang oberhalb dieses Stützpunktes musste denn auch wiederholt ein Sturz unseres Kameraden mit dem Seil aufgefangen werden; doch erreichten wir, allerdings zu später von Sari-Tasch u. Osh 667^ U-Krylenko Touristen-passca. 4100-cjfj Pik Mira 4900 Spitzer Gipfel Rechter Talwachter Linker Talwächter Hauptlager auf 3700 m ab Sari-Magol; mit Geländefahrzeug erreichbar Kysyl-SuAutostrasse im Alaital Stunde, heil und ganz das Lager III, und nach mühsamer Arbeit waren gegen 23 Uhr auch unsere Zelte aufgestellt. Und merkwürdig: erst als wir in unseren Zelten lagen, wurde uns bewusst, dass das Expeditionsziel erreicht war.

Am nächsten Morgen wurde es bei schönem Wetter im Lager früh lebendig: Unsere vier Kameraden der andern Gruppe stiegen ab, die einen zum Basislager, die andern ins Lager II, um neue Kräfte zu sammeln. Wir andern drei wollten toerzhinsky nach Daraut-Kurgan am nächsten Tag noch den 6713 Meter hohen Pik Dzerzhinsky besteigen, ein Vorhaben, das wir in der Folge aber wegen schlechter Schneeverhältnisse fallenlassen mussten.

Nach siebentägiger Bergfahrt erreichten wir somit wieder das Basislager. Zu unserem grössten Erstaunen begegneten wir im Lager I unserem von den Russen mit 40 Spritzen geheilten Patienten, der mit zwei andern sogar noch den Pik Lenin bezwingen wollte.

Am q.. August nachmittags verschlechterte sich das Wetter, und da im Wetterbericht Sturm vorausgesagt worden war, verordnete die Lagerleitung, dass keine Gipfelbesteigungen gemacht werden sollten. Leider verleitete der blaue Himmel am andern Morgen verschiedene Alpinisten — darunter auch den geheilten Patienten - dazu, trotz der Warnung aufzusteigen. Gegen 14 Uhr bestätigte sich dann aber die Prognose doch, was die Bergsteiger auf etwa 6800 Meter zum Umkehren und einige zu einem Freibiwak zwang.

Tags darauf verschlimmerte sich die Situation. Um 6 Uhr erreichte « unser Patient » erschöpft das Lager III auf etwa 6000 Meter. Der Wind blies zeitweise so heftig, dass man sich nur auf allen vieren fortbewegen konnte, und wer nicht über ungewöhnliche Kraftreserven verfügte, war den entfesselten Naturgewalten nicht gewachsen. Diese notwendigen Kräfte fehlten Eva I.; sie musste in einem Steilhang, etwa 200 bis 300 Meter über dem Lager III, in den Armen eines ihr zu Hilfe geeilten deutschen Bergkameraden den Erfrierungstod erleiden.

Kurz nach der Meldung von Evas Tod traf auch die Nachricht von der verzweifelten Lage von acht russischen Frauen ein. Diese befanden sich auf 6800 Meter Höhe auf dem gegenüberliegenden « Lipkingrat ». Eine von ihnen war bereits gestorben; den andern fehlten Brennstoff und Biwakmaterial, da der Wind alles weggefegt hatte.

In der Nacht hatte es wiederum geschneit. Die 18 Alpinisten im Lager III konnten vorerst wegen akuter Lawinengefahr nicht absteigen; erst gegen Abend gelang es ihnen, sich bis zum Lager II durchzuschlagen, und gemäss einer Meldung waren alle - zwar teilweise mit kleineren Erfrierungen - wohlauf.

Dagegen mussten die Russinnen den Tod zweier weiterer Kameradinnen melden. Gegen Abend klarte das Wetter auf. Am Gipfelgrat waren Schneefahnen zu sehen, was bedeutete, dass dort oben ein scharfer Wind blies. Gegen 21 Uhr versuchte der Russe Apalakov - er stand als erster seiner Nation auf dem Pik Lenin -, die Russinnen zum Durchhalten aufzumuntern. Eine der Sprecherinnen sagte jedoch, dass sie nicht mehr imstande sei, das Mikrophon zu bedienen und dass sie bereit seien, alle zusammen zu sterben.

Über Nacht sank die Temperatur am Gipfelgrat auf —30 Grad. Das hiess: keine Überlebens-Chancen ohne Kälteschutz. Japaner und Amerikaner fanden denn auch kurz nach Tagesanbruch bei schönstem Wetter die auf so tragische Weise Umgekommenen.

Im Lager II hatten die t 18 Bergsteiger die Nacht mehr oder weniger gut überstanden - zum Teil zu fünft in einem Zweierzelt!

Einige Alpinisten stiegen nun zum Lager II auf, um den Eingeschlossenen zu helfen, wir andern taten unser möglichstes, um den Schwergeprüften den Abstieg vom Lager I ins Basislager zu erleichtern.

Allen fiel ein Stein vom Herzen, als um 21 Uhr die letzten im Basislager ankamen. Bedauerlicherweise standen uns hier keine Helikopter mit Spezialausrüstung ( Seilwinde ) zur Verfügung. Obschon bekannt ist, dass diese nur in Höhen unterhalb 4500 Meter über Meer einsatzfähig sind, wäre dies bei der Rettung eine wesentliche Hilfe gewesen.

Diese tragischen Erlebnisse nahmen uns den « Mumm », weitere Bergtouren in diesem Gebiet zu unternehmen. Nachdem alle Hochlager geräumt waren - dies dauerte natürlich mehrere Tage -, blieb nun eben unser « Traumberg », der « Pik 19. Parteitag », unbestiegen.

Am 3. August hatte Hanna Müller als erste Schweizerin zusammen mit Hans von Känel den Leningipfel erreicht.

Bemerkenswert war der Kontakt mit der einheimischen Bevölkerung, die uns gegenüber eine beispielhafte Gastfreundschaft an den Tag legte, so dass wir ab und zu ihre Jurten sogar von innen zu sehen bekamen. Man muss dabei die Schuhe ausziehen, vermutlich deshalb, weil die leiblichen Gaben auf einem sauberen Tuch am Boden ausgebreitet und dargereicht werden, vornehmlich Brot und Tee, und einmal wurde uns sogar ein Schaffleischgericht « aufgetischt ». Geld wurde nicht angenommen. Diese Leute sind Angestellte einer Kolchose, die sich über eine Landfläche von 30 X 50 Kilometer erstreckt, 100000 Schafe, 4000 Rinder und 1500 Pferde beherbergt und auf der 1200 Personen beschäftigt sind.

EPILOG Diese Pamirexpedition hat einmal mehr gezeigt, wie klein und schwach und hilflos der Mensch oft der allgewaltigen Natur gegenübersteht. Das Gelingen eines Bergunternehmens hängt nicht immer nur vom technischen Können, der Ausrüstung und der Kondition des einzelnen ab, auch wenn dies manchmal erhebliches Gewicht in die Waagschale wirft. Von ganz entscheidender Bedeutung können eben die Verhältnisse am Berg sein, also: die Naturgewalten. Und der kleinste Fehler, den man sich in derartigen Situationen an solch « grossen Bergen » zuschulden kommen lässt, kann sich tödlich auswirken.

Wo liegt der Sinn solcher Unternehmungen? Wer ihnen grundsätzlich ablehnend gegenübersteht, mag sie als Un-Sinn oder als eine Ausgeburt krankhaften Ehrgeizes oder eines falschen Hel-denmuts bezeichnen. Die Befürworter und vor allem die Beteiligten selbst, alles Naturfreunde, erkennen den urmenschlichen Trieb nach Leistung, sicher verbunden mit einer gewissen Freude an der Gefahr, sie schätzen die Abgeschiedenheit von jeglicher Zivilisation, sie fühlen sich in leidenschaftlicher Liebe zu den Bergen hingezogen und scheuen weder Strapazen noch den Einsatz ihres Lebens. Und diese Liebe ist unauslöschlich.

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