Internationale Himalaya-Expedition 1930

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Von Ulrich Wieland.

Die internationale Himalaya-Expedition, welche im März 1930 nach Indien ausgezogen war, ist im August wieder nach Europa zurückgekehrt. Wie alle früheren Expeditionen, welche sich die Ersteigung eines der höchsten Berge der Erde zum Ziel gesetzt hatten, konnte auch diese Expedition ihr erstes Ziel nicht erreichen. Kangchendzönga, mit 8603 m 1 ) der dritthöchste Berg der Erde, steht noch ebenso unbesiegt da wie Tschogo Ri oder K2, 8611 m, und Tschomolungma oder Mount Everest, 8840 m. Nach wochenlangem Ringen siegte die Macht des Berges und zwang die Expedition, sich anderen, bescheideneren Zielen zuzuwenden: Glücklicherweise war die Organisation elastisch genug, um dies zu ermöglichen. Nur durch die lange und ausführliche Planung, welche alle Schwierigkeiten bei solch einem Unternehmen von vornherein in Betracht gezogen hatte, waren die letzten Endes noch sehr schönen Erfolge möglich.

Der Kangchendzönga ist schon mehrfach auf grossangelegten Erkundungsfahrten rekognosziert worden und war auch schon zweimal das Ziel ernstlicher Besteigungsversuche. Nachdem 1899 Douglas Freshfield seine klassische Tour « Round Kangchenjunga » ausgeführt hatte, brach 1905 eine Schweizer Expedition unter Leitung von Jules Jacot-Guillarmod auf, um die Ersteigung des Gipfels von der Südwestseite zu versuchen 2 ). Das Unternehmen war von keinem günstigen Stern begleitet: In einer Höhe von 6250 m wurde Lieutenant Pache mit drei Trägern von einer Lawine erfasst und zugeschüttet. Daraufhin wurde die Expedition abgebrochen. Im Jahre 1920 besuchte Harold Raeburn Südost- und Südwestflanke des Berges, kam jedoch zu dem Ergebnis, dass Versuche von diesen Seiten ziemlich aussichtslos sein würden. 1929 endlich führte eine Münchener Partie einen kräftigen Vorstoss gegen den Berg von der Ostseite; doch auch dieser Versuch blieb nach glücklicher Überwindung ausserordentlicher Schwierigkeiten infolge schlechtgewählter Jahreszeit in einer Höhe von 7400 m im ersten Winterschnee stecken.

Professor Dyhrenfurth nun, der den Plan einer Kangchendzönga-besteigung schon lange vor dem Weltkrieg gehegt hatte, war von jeher am meisten geneigt, den Berg von der Nordwestseite anzugreifen, da die Berichte Freshfields für diese Seite am günstigsten lauteten. Voraussetzung für eine derartige Unternehmung war jedoch die Einreiseerlaubnis nach dem bisher verschlossenen Lande Nepal. Dyhrenfurths Expedition sollte, auf möglichst breiter Grundlage aufgebaut, nicht nur für die Fachbergsteiger, sondern auch für die Allgemeinheit Wertvolles nach Hause bringen. So Zeichnung von Erwin Schneider.

Arbeitsgebiet der Expedition.Wege.o Lager.

wurde die Zusammensetzung derart gewählt, dass die Fachrichtungen Geologie, Topographie, Photographie, Filmtechnik und Höhenphysiologie neben dem notwendigen bergsteigerischen Können sachkundig vertreten waren. Im Winter 1929/30 waren die diplomatischen und anderen Vorbereitungen so weit gediehen, dass die Expedition nach Indien reisen konnte. Professor Dr. G. O. Dyhrenfurth, der in Zürich lebende deutsche Geologe, als Leiter; Frau Dyhrenfurth als wirtschaftliches Oberhaupt; Charles Duvanel, Lausanne, als Filmoperateur; Frank S. Smythe, London, als Bergsteiger und Berichterstatter für England; Dr. H. Richter, Tübingen, als Arzt und Berichterstatter für Deutschland: sie reisten schon am 24. Februar mit der « Gange » nach Indien, um dort zunächst alle diplomatischen Angelegenheiten zu regeln. Anlässlich ihres Besuches in der Hauptstadt Delhi wurde diese erste Partie vom Vizekönig von Indien zum Lunch geladen und hatte dabei Gelegenheit, mehrere hohe Beamte kennenzulernen. Dass dieser Besuch nicht umsonst gewesen war, sollte sich alsbald deutlich zeigen. Am 9. März reisten dann die Bergsteiger Marcel Kurz, Neuchâtel, als zweiter Expeditionsleiter und Topograph, Erwin Schneider, Hall im Tirol, als Hilfsgeologe, Hermann Hoerlin, Schwäbisch-Hall, und der Verfasser, aus Ulm, beide als Photographen und Hilfsoperateure, mit der « Cracovia » von Venedig nach Bombay ab. Die 16tägige Reise auf dem schönen Lloyd Triestino-Dampfer war sehr genussreich, da das Meer ruhig und die Hitze auch im Roten Meere mässig war. Ausserdem verstanden wir es, uns die Zeit in höchst kurzweiliger Weise zu vertreiben. Die englisch-indischen Behörden, die deutschen Konsulate, der Himalayan Club und nicht zuletzt das Handelshaus Gebr. Volkart ( Winterthur ) unterstützten uns nach der Ankunft in zuvorkommendster Weise, und nur dieser Hilfe war es zu verdanken, dass sämtliche Expeditionsmitglieder zeitig genug mit allem Gepäck Ende März in Darjeeling versammelt waren. Die Bahnfahrt von Bombay über Kalkutta nach Darjeeling — 2800 km in 54 Stunden — war verhältnismässig bequem. Gleichzeitig mit der Ankunft der zweiten Partie in Darjeeling traf die ersehnte Einreiseerlaubnis des Maharadscha von Nepal ein, die erste jemals gewährte umfassende Erlaubnis^ zum Betreten des LandesUnd es war nicht nur eine Erlaubnis, sondern zugleich ein grosszügiges Anerbieten auf Hilfe und Unterstützung in jeder Beziehung. Wäre uns diese Hilfe nicht angeboten worden und hätte die Unterstützungsaktion nachher nicht so kräftig eingesetzt, so wäre die Expedition in der abgelegenen Nordostecke jenes Landes kaum durchführbar gewesen. Wir sind dem Maharadscha von Nepal für immer zu grösstem Danke verpflichtet.

Das ganze Transportwesen der Expedition musste nun auf den Übergang nach Nepal organisiert werden. Der für das Standlager auf der Nordwestseite vorgesehene Platz konnte nur in mindestens 18 Tagemärschen erreicht werden, und dabei führte der Weg über drei noch im Winterschnee begrabene Pässe von 5000, 4500 und 4400 m Höhe. Mit Maultieren war da nichts zu machen; alles musste in Trägerlasten aufgeteilt werden — letzten Endes 350 an der Zahl ohne den für die Wegstrecken in unbewohnten Gegenden notwendigen Trägerproviant. Die schwierige und verantwortungsvolle Aufgabe wurde jedoch von der Expeditionsleitung in Zusammenarbeit mit dem Chef des ganzen Transportwesens, Lieutenant-Colonel H. W. Tobin, dem Sekretär des Himalayan Club in Darjeeling, im grossen und ganzen befriedigend gelöst. In der ersten Aprilwoche wurde wie wild gepackt, und am 6. April war es so weit, dass man Darjeeling verlassen konnte. Alle Expeditionsteilnehmer, mit Ausnahme des Verfassers, reisten mit der ersten Staffel, welche 220 Träger umfasste. George Wood-Johnson, ein mit der Landessprache und den Landessitten wohl vertrauter Teepflanzer, hatte die Transportleitung dieser Abteilung übernommen. Einen Tag später folgten mit der zweiten Staffel John S. Hannah, als Polizeioffizier mit den Erfordernissen von Land und Leuten ebenfalls wohl vertraut, und der Verfasser mit 180 Trägern. Mehrere Tage darnach verliess Tobin mit dem Rest des Gepäcks auf 75 Maultieren Darjeeling in der Absicht, die Lasten zunächst soweit als möglich zu bringen und dann mit den von uns zurückzusendenden Trägern weiter zu arbeiten.

Zunächst ging die Reise glatt in Tagesetappen von 5—7 Marschstunden durch das schluchtenreiche Sikkim nordwärts. Die ersten drei Nächte konnte man noch in Dak Bungalows, von der Regierung errichtete Rasthäuser für Fremde, verbringen; darnach traten die Zelte in Aktion. Am 6. Tage hörte auch der gebahnte Weg auf, und die Weiterreise vollzog sich von da ab nur noch auf Pfadspuren und Schneefeldern. Ein charakteristisches Merkmal der Reise durch Sikkim ist der Umstand, dass man fast nie eben, sondern dauernd auf und ab geht. Während der ersten Zeit steigt und fällt man täglich etwa tausend Meter, ohne am siebenten Tage etwa höher zu sein als am Ausgangspunkte Darjeeling, 2140 m. Dann aber geht es in zwei Anläufen plötzlich hinauf nach Dzongri, 4000 m, einer Hochalpe in prächtiger Lage. Bis dahin hatte uns üppige Vegetation umgeben; nun begann das übersichtliche, alpine Gelände. Ich konnte es mir nicht versagen, in der Nacht und am frühen Morgen zwischen zwei Transportmärschen einen Abstecher auf den 4820 m hohen Kabur, einen zentral gelegenen, hübschen Felsgipfel mit aufschlussreichem Rundblick, zu machen — am gleichen Tage, wie sich später herausstellte, an dem Hoerlin und Schneider einen Abstecher auf den 5572 m hohen Kang Peak gemacht hatten. Diese beiden Exkursionen gaben uns dreien den ersten Vorgeschmack von der Gewalt der Himalayaberge, denn, wenn schon die Vorberge recht steil und bereits höher als der Mont Blanc waren, wie sollten da erst die Hauptberge sein!

Doch zunächst wurde unsere ganze Aufmerksamkeit von dem gigantischen Transportproblem in Anspruch genommen. Als man in Dzongri in ein kräftiges Schneegestöber geraten war und der Kang La mit seiner Höhe und seiner tiefen Schneelage in Aussicht stand, desertierte etwa ein Fünftel aller Träger, ihre Lasten und ihren Lohn im Stiche lassend. Es waren hitze-gewohnte Lepchas aus den tiefen Tälern Sikkims, welche mit Leichtigkeit durch dampfenden, sumpfigen Urwald liefen, vor Schnee und Kälte jedoch eine unüberwindliche Abneigung hatten. Bei der grossen Zahl der Träger war es eben nicht möglich gewesen, ausschliesslich Leute von dem prächtigen, aus Nepal kommenden Stamm der Sherpas oder Bhutanesen zu bekommen, und so schied sich die Spreu schon in den ersten Tagen vom Weizen. Ein sehr erschwerender Umstand war auch die mangelhafte Kleidung und das fehlende Schuhzeug der Träger. Wir selbst hatten nur für etwa 50 als Hochträger vorgesehene Leute Ausrüstung mitgebracht. Beim Übergang über den 5000 m hohen Kang La war es daher nicht möglich, alle Lasten der zwei ersten Staffeln programmässig hinüberzubringen; ein erheblicher Teil blieb in Dzongri liegen, und nur den aufopfernden Bemühungen von Wood- Johnson und Hannah ist es zu danken, dass letzten Endes doch noch alles in Ordnung ging. Der Verfasser erklomm die Höhe des Kang La zweimal und, um besser beweglich zu sein, auf Skiern; in jeder Richtung war dies eine feine Tour. Gross und belustigend schien der Eindruck zu sein, den die langen Hölzer an den Füssen des « Sahbs » und vor allem die sausenden Abfahrten auf die Träger machten, denn alle lachten aus vollem Halse. In Tseram, einer kleinen Alpe auf der Westseite des Kang La, schon in Nepal, erwarteten wir frische Träger und Trägerproviant; doch die Expedition war etwas rascher gewesen als die nepalesischen Behörden, und so waren wir aus Mangel an Nahrungsmitteln gezwungen, unseren Weg möglichst schnell zum nächsten bewohnten Dorf, Khunza, fortzusetzen. Dabei mussten wir von 3700 m auf 4500 m und nach steilem Abstieg nochmals auf 4450 m ansteigen, und das alles in tiefem, nassem Firnschnee, für die Träger wahrhaftig keine Kleinigkeit. Für die Sahbs hatte aber auch dieser Weg seine Schönheiten, denn man konnte von einem Punkte in der Gegend des Mirgin La den ersten nahen Einblick in die wilde, ja unnahbare Gebirgswelt der Kangchendzöngagruppe tun. Der Jannu, ein Berg von genau 7700 m und geradezu unersteiglichen Formen, erhob sich turmhoch über uns und noch viel höher über der Schlange des Yamatarigletschers, tausend Meter unter uns. Jeder Grat, jede Flanke des Berges schien aufs äusserste verteidigt zu sein, denn zeigte sich irgendwo eine Durchstiegsmöglichkeit zwischen den überaus steilen Felsen, so war dieser Weg sicher durch mächtige Eisabbrüche von oben bedroht. Und dass die Eisbrüche im Himalaya mit ihren Geschossen nicht sparen, sollten wir später nur allzu deutlich erleben!

In Khunza, einem grossen Dorfe im äussersten nordöstlichen Tale Nepals, gab es neue Schwierigkeiten. Die Leute wollten uns weder Träger noch Lebensmittel, auch nicht gegen Bezahlung, liefern. Doch da setzte die Hilfe des Maharadscha tatkräftig ein: Einer seiner Beamten, ein Subedar, trat gerade noch rechtzeitig auf den Plan und brachte den Bürgermeister mit den landesüblichen drastischen Methoden zur Vernunft. So konnten wir nach einem Rasttag unsere Reise fortsetzen und erreichten trotz aller Schwierigkeiten planmässig am 26. April den Platz für das Standlager, nach insgesamt 17 Marsch- und 3 Rasttagen. Wir waren keinen Tag zu spät und keinen Tag zu früh dran, denn noch während der letzten Etappe, zwischen Khunza, 3300 m, und Pangpema, 5000 m, schneite es allnächtlich und war empfindlich kalt, trotzdem wir uns nur im Tal bewegten. Anderthalb von den drei Tagen waren wir schliesslich dem Kangchendzöngagletscher entlang hinaufgezogen und schlugen unser Standlager an einem verhältnismässig bequemen, begrünten Platze auf der Nordseite des Kangchentales auf, direkt gegenüber der Nordwestflanke des Kangchendzönga.

Alles war während des letzten Anmarschtages aufs höchste gespannt gewesen, einen ersten Blick auf unser « Problem » zu erhaschen. Aber der Berg war von Nebeln verhüllt. Die aufgehende Sonne des folgenden Tages sah alle Sahbs vor ihren Zelten, wie sie mit äusserster Aufmerksamkeit die ungeheure Flanke des Berges betrachteten und bemüht waren, einen möglichst leichten und zugleich sicheren Durchstieg herauszufinden. Diese Morgenstunde des 27. April war eine der bedeutsamsten während der ganzen Expedition, musste es sich doch in diesem Augenblicke entscheiden, ob die Flanke eine Aussicht auf den Durchstieg zur Spitze offen liess, oder ob sie sich von vornherein unnahbar zeigte. In unserer Ansicht waren wir alle einig: Es gab eine Möglichkeit! Die 3000 m hohe Nordwestflanke war gewissermassen in drei grosse Abschnitte unterteilt, drei Terrassen, von denen jede mit einem Gletscher bedeckt war, dessen mächtige, blauschimmernde Abbrüche drohend über die darunterliegenden Partien hereinragten. Doch an der untersten, die ganze Wand von Grat zu Grat blockierenden Eisbarriere gab es ganz links eine Möglichkeit, durchzukommen und von der dadurch erreichbaren ersten Terrasse nach links zum Nordgrat auszusteigen. Allerdings rechneten wir mit mindestens einer Woche Arbeit für diesen « Bruch » und mit einer weiteren Woche für den anschliessenden Eishang, bis wir einen Weg hergestellt haben würden, auf dem Lasten für die Erstellung und Verproviantierung der höchsten Lager getragen werden konnten. Der Nordgrat selbst sollte dann, mit einer Umgehung des steilsten Felsauf Schwunges im Osten, an den Fuss der Gipfelpyramide führen. Welche Schwierigkeiten die letzten etwa 400 m — steiler, glatter Fels — bieten würden, wollte zunächst keiner von uns zugeben.

Es folgten ein paar Tage mit Vorbereitungen und Erkundungsgängen. Am 1. Mai setzte sich der erste Stosstrupp mit Dyhrenfurth und Kurz an der Spitze in Marsch und errichtete Lager I im hintersten Winkel des Kangchendzöngagletschers, am Fusse der Wand, 5300 m. Am nächsten Tage wurde der beste Zugang zum Bruch erkundet und an den beiden folgenden Tagen Lager II in einem hochgelegenen Firnkessel unter dem Nordgrat errichtet. Von diesem 6000 m hohen Lager konnten wir in einer Stunde zum Fuss des fraglichen Bruches gelangen. Dieser selbst sah, von der Nähe betrachtet, ziemlich schlimmer aus als von der Ferne: Statt der erwarteten, mässig steilen Firnpassagen, welche zwischen normalen Séracs hindurchführen sollten, trafen wir auf blaue Eismassen von überalpinen Dimensionen, welche in den gefährlichsten Stellungen in der Gegend standen und harte Eisarbeit erforderten. Trotz des etwas entmutigenden Anblicks machte sich die Spitzengruppe — Smythe, Wood-Johnson und der Verfasser — sogleich an die Arbeit und brachte auch bald ein gutes Stück Wegs hinter sich, wobei die vorausgehackten Stufen von den nachfolgenden Trägern vergrössert und teilweise zu einem regelrechten Weg ausgearbeitet wurden.

In diese Arbeit hinein platzte die Nachricht von den ausserordentlichen Schwierigkeiten, die die dritte Staffel der Expedition am Kang La angetroffen hatte. Es war Tobin nicht möglich gewesen, auch nur einen Teil des dringend notwendigen Nachschubes auf die andere Seite des Kang La zu befördern, da er unterwegs nur ganz wenig Träger bekommen hatte und diese ihm zum Teil auch wieder davongelaufen waren. Die Schneeausrüstungen, insbesondere Stiefel, hatten natürlich für die dritte Staffel vollends nicht mehr ausgereicht, und die vom Standlager aus zurückkehrenden Träger hatten offenbar derart genug von Schnee und Kälte, dass sie auf Umwegen der Heimat zustrebten und der vertragsmässigen Begegnung mit Tobin zu dessen Unterstützung wohlweislich aus dem Wege gingen. ( Bei unserer Ankunft im Standlager hatten wir sofort alle weniger guten Träger zurückgesandt und nur die etwa 80 besten zurückbehalten. ) Diese unerfreulichen Umstände und teilweise auch persönliche Unpässlichkeit veranlassten Dyhrenfurth und Kurz, sogleich zum Standlager zurückzukehren, und die Expeditionsleitung musste, so schwer es ihr fiel, die beiden bewährten Transportoffiziere Wood-Johnson und Hannah nach Khunza und Tseram zurücksenden, um nach dem Rechten zu sehen. Wir alle hätten gerade diesen beiden recht schöne bergsteigerische Erfolge gegönnt, nachdem sie den Transport der beiden ersten Staffeln so fein geleitet hatten. Statt dessen mussten sie nun 3 und 5 Tagemärsche rückwärts gehen!

Trotz der damals drohenden « Hungersnot » wurde die Arbeit im Bruch unentwegt fortgesetzt. Smythe und der Verfasser, später auch Schneider und Hoerlin, hackten einen regelrechten Weg um die Türme herum und auf die einzelnen Absätze hinauf, stets auf den Fersen gefolgt von dem unermüdlichen Duvanel, der an den schwierigsten Stellen mit seiner Kinokamera erschien. Am vierten Arbeitstage war der Weg so weit fertiggestellt und derart mit Seilen versichert, dass man beschloss, am folgenden Tage mit einer Anzahl Trägern zur Terrasse über dem Bruch aufzusteigen, um dort das Lager III einzurichten.

Nach einer ungewöhnlich warmen Nacht bricht der 9. Mai trübe und unlustig an. An allen vorhergehenden Tagen war es nachts und morgens kalt und klar gewesen, und das schlechte Wetter, meist nur durch Hitzewolken verursacht, kam nie vor Mittag. Die Wärme fällt uns wohl auf, aber wir haben durchaus keine Bedenken, da es, absolut genommen, immer noch recht kalt ist. So werden die Vorbereitungen zum Aufstieg in aller Selbstverständlichkeit getroffen. Schneider und sein persönlicher Träger, Chettan, gehen voraus, um noch die letzte Hand an den « Weg » zu legen, doch geht der unbeladene Schneider rascher als der rucksackbepackte Chettan. Als nächste Partie folgt Duvanel mit seinen drei Kinoleuten. Dann kommt ein Zug von sieben Trägern unter Anführung von Lewa, dem ausgezeichneten Steiger der Everest- und Münchner Expeditionen. Den Schluss bilden Hoerlin und ich, jeder mit seinem persönlichen Träger. So steigen wir weit verteilt, mit einer Stunde Abstand zwischen dem ersten und dem letzten, den langweiligen Hang zum Bruch hinauf, vier Sahbs und dreizehn Träger. Jeder von uns hat diesen Weg mindestens zweimal, manche schon fünfmal in jeder Richtung zurückgelegt. Schneider ist schon so hoch, dass er hinter einem Absatz unseren Blicken entschwunden ist, und Chettan ist gerade an der Stelle, wo die Spur wegen Spalten am weitesten nach rechts unter die gefährlichen Abbrüche führt. Da — ein dumpfer Knall, und wie versteinert sehen wir Untenstehende, wie eine mächtige Eismasse über uns sich aus ihrem Verbande löst und mit unheimlicher Bestimmtheit nach vorne überkippt. Mein erster Gedanke: Schneider? ChettanWie angewurzelt starre ich hinauf, sehe von Schneider nichts, sehe jedoch Chettan so schnell, als er kann, zur Seite laufen und bemerke plötzlich mit grösstem Schrecken, dass die allmächtige Eislawine über den Absatz, hinter dem Schneider schon verschwunden ist, herüberschiesst, direkt auf uns zu. Ich sehe, wie Chettan umgeworfen und eingewickelt wird, und bemühe mich noch während der Flucht mit den anderen zusammen nach der Seite, irgendein Zeichen von den beiden oberen zu erhaschen. Nach einer Minute steht die Lawine still; nachdem auch die Staubwolke sich gelegt hat, überzeugt ein rascher Blick über das Trümmerfeld, dass von den unteren alles heil ist. Und nun: Nichts als hinauf! Der Rucksack fliegt in den Schnee, und ich keuche in der Richtung hinauf, in der ich Chettan unter der Lawine vermute. Kaum 10 Minuten nach dem Ereignis sehe ich seine braune Hand zwischen den Eisbrocken herausragen, und habe mich auch in ganz kurzer Zeit zu seinem Gesicht durchgegraben. Hoerlin und drei Träger treffen an der Stelle ein und graben den Mann vollends aus; ich setze meinen Aufstieg fort nur in dem einen Gedanken: Erwin! Ich nähere mich dem Rande des Absatzes, hinter dem er jetzt jeden Augenblick erscheinen muss, wenn er nicht längst verloren ist. Und er kommt und kommt nicht. Da, als ich meinen Kopf beinahe schon über den Absatz strecken kann und die Spannung am höchsten ist, erscheint sein runder Hut und bald darauf er selbst, unversehrt und mit einem Gesicht, das mindestens ebensosehr den ausgestandenen Schrecken wie das Glück über seine Rettung ausdrückt. Wir begrüssen uns stürmisch unter dem Jubelgeschrei der Untenstehenden. Schneider war so glücklich gewesen, gerade an der Stelle der Spur zu sein, wo diese am weitesten nach links ausbog; so konnte er sich den von oben kommenden Eistrümmern durch schleunige Flucht zur Seite entziehen. Die Lawine hatte das Gelände im und unter dem Bruch vollständig verändert; daher hatte es solange gedauert, bis er sich wieder zum alten Weg zurückgefunden hatte. Nun hinab zu Chettan! Alles war schon eifrig bemüht, ihn durch künstliche Atmung wieder zum Leben zu bringen, aber trotz aller Anstrengungen — wir wechselten uns während fünf Viertelstunden fortwährend ab — war nichts mehr zu machen: die starken Quetschungen mussten ihn innerlich derart verletzt haben, dass alle Bemühungen sein Herz nicht mehr in Gang zu bringen vermochten. Diese Erkenntnis stimmte uns tieftraurig. Wir trugen Chettan nach Lager II hinunter und begruben dort den ausgezeichneten Mann vom Everest und Kangchendzönga, der von allen, die mit ihm zu tun gehabt hatten, nur mit den höchsten Worten gelobt worden war. Als Grabstein hat er Professor Dyhrenfurths alte Eisaxt.

Nach der soeben gemachten Erfahrung, wonach wir die Reichweite der Himalayaeislawinen lange nicht gross genug veranschlagt hatten, kam uns der Lagerplatz nun auch nicht mehr sicher vor. Noch am gleichen Tage brachen wir Lager II ab und kehrten nach Lager I zurück in der Überzeugung, dass Aufstieg und wochenlanger Nachschub durch einen derart tätigen Bruch viel zu gefährlich sei. Und die spätere, von weitem zu beobachtende Entwicklung des Bruches sollte uns durchaus recht geben.

Für den Fall, dass uns der Durchstieg durch die Wand nicht gelingen sollte, hatten wir schon früher den Westgrat als zweite Möglichkeit in Aussicht genommen. Am Tage nach der Katastrophe waren alle Expeditions- mitglieder, mit Ausnahme von Frau Dyhrenfurth und den beiden Transport-offizieren, im Lager I versammelt. Beschluss: Der Westgrat wird trotz seiner Länge in Angriff genommen.

Erneut schlugen wir ein Lager II in einem hochgelegenen Firnbecken auf. Diesmal aber westlich vom Kangchendzöngagletscher. Beide Lager II befanden sich in wunderschöner Lage, nahezu 6000 m hoch, mit prächtiger Aussicht. Von Lager II Nord hatte man die schlanken Gestalten von Ramtang und Wedge Peak gerade vor sich, und von Lager II West erblickte man die ganze Kette von den Twins über Nepal und Tent Peak bis zur Pyramide. Abends und morgens war das Spiel der mannigfachen klaren Farben stets grossartig, während am Tage die Beleuchtung infolge der sehr hochstehenden Sonne nur wenig reizvoll war. In einem Punkte unterschieden sich die beiden Hochlager voneinander: Hatten wir im nördlichen fast dauernd in Windstille gesessen, so tobten im westlichen trotz dem schützenden Grate besonders bei Nacht die wildesten Stürme, die es oft fraglich erscheinen liessen, ob wir uns samt unseren Zelten am nächsten Morgen noch an derselben Stelle befinden würden oder nicht.

Es war wieder ein Moment grosser Spannung, als Hoerlin, Smythe und der Verfasser eines Morgens in wenig mehr als einer Stunde vom Lager zum Kamm des Westgrates emporstiegen, denn noch niemand hatte in diese Gegend Einblick erhalten, geschweige denn darüber berichtet. Wir hofften immer noch, auf der anderen Seite des von Norden recht unwirtlich aussehenden Grates eine praktische Möglichkeit zu finden. Doch der Grat fiel nach Süden genau so steil ab. Es blieb uns nichts anderes übrig, als über den wild zerklüfteten und unglaublich brüchigen Grat selbst zu klettern. Wir machten bald bedenkliche Gesichter, denn hier einen Trägerweg herzustellen, dürfte wohl nur nach wochenlangen Bemühungen möglich sein. Als wir bei einem senkrechten Abbruch ankamen, drehten wir fürs erste um. Am folgenden Tag herrschte heftiger Schneesturm, welcher in seinen Pausen nur einen kurzen, aber genussreichen Skiausflug auf einen 6200 m hohen Punkt mit umfassender Aussicht zuliess. Tags darauf wollte Dyhrenfurth sich selbst von der Verfassung des Grates überzeugen und stieg mit Smythe, Schneider und mir bis zu jener Abseilstelle hinauf. Schneider und ich setzten unseren Weg dann noch weiter fort und erreichten in steiler, teilweise sehr schwieriger Kletterei einen 6400 m hohen Gratturm. Wir hätten noch weitergehen können, aber das hatte offensichtlich keinen Zweck, denn die praktische Unmöglichkeit, einen Trägerverkehr über diesen Grat einzurichten, war allzu klar. Bei Nacht kamen wir wieder ins Lager zurück.

Tags darauf wurde grosser Rat gehalten. Wir waren uns alle einig, dass jetzt, Ende Mai, ein Versuch auf den Kangchendzönga über solch schwieriges Gelände schwerlich mehr zum Erfolg führen könnte, bevor der Monsun uns endgültig zu Tale treiben würde. Bestenfalls hätten wir den 7800 m hohen Kangbachen, den äussersten Vorgipfel unseres Berges noch erreichen können. Da dieser Teilerfolg, der ausserdem noch ganz unsicher war, bestimmt nicht befriedigt hätte, wurde das Programm der Expedition völlig umgestellt und der Jongsong Peak, 7449 m — die Dreiländerspitze von Nepal, Sikkim und Tibet — zum Hauptziel erklärt. Keinem von uns fiel der endgültige Verzicht auf den Kangchendzönga leicht. Aber wir mussten uns eingestehen, dass wir alle auf die Berichte Freshfields hin etwas zu optimistisch an die Nordwestseite herangegangen waren, und nun mussten wir uns einesteils wegen der übergrossen Gefahr in der Wand, andernteils wegen der allzu grossen Schwierigkeiten des Felsgrates geschlagen geben. Nun war Gott sei Dank sowohl der Geist wie die Materie derartig elastisch, dass die Umstellung auf andere Ziele möglich war.

Nachdem Schneider und Smythe vom Lager II West aus noch den Ramtang Peak, 6850 m, erstmalig erstiegen hatten und alle Insassen jenes Lagers von einem 6200 m hohen Punkte bis zum Standlager mit Skiern abgefahren waren — wohl die höchste bisher gemachte Skiabfahrt —, versammelten sich sämtliche Teilnehmer am 20. Mai im Standlager. Wood-Johnson und Hannah waren mit den letzten Lasten vom Kang La ebenfalls dort eingetroffen; sie hatten ihre aufopferungsvolle Tätigkeit mit bestmöglichem Erfolge durchgeführt. Dass die meisten Nachschublasten erbrochen und beraubt waren, war eben das Pech der Expedition. Glücklicherweise waren alle Vorräte von vornherein so reichlich bemessen gewesen, dass der Ausfall nicht allzu stark spürbar wurde.

Um auf die richtige ( Nordost- ) Seite des Jongsong Peak zu gelangen, musste erst der 6000 m hohe Jongsong La überschritten werden. Zum neuen Standlager war es vier Tagemärsche weit. Sogleich trat wieder das Transportproblem in aller Schärfe hervor. Mehr als 200 Lasten und nur 80 Träger! Die Lösung des Problems hiess « Pendelverkehr », bedeutete aber zugleich grossen Zeitaufwand. Und der Monsun stand vor der Türe! Um dennoch einen möglichst hohen Wirkungsgrad zu erzielen, wurden verschiedene Seiten- und Erkundungsunternehmungen gemacht. Zunächst sollte ein altes Problem gelöst werden: ob der Nepal-Gap, der kürzeste Übergang vom nördlichen Sikkim nach Nepal, ein Hochpass im Herzen der Kangchendzöngagruppe, praktisch brauchbar sei. Dr. Kellas, der beste Kenner des Sikkim-Himalaya, hatte diesen Pass von Osten her schon mehrmals versucht, seine Höhe aber niemals erreichen können. Im allgemeinen galt der Pass als unüberschreitbar. Hannah und der Verfasser stiegen zunächst auf einen 6100 m hohen Gipfel oberhalb des Standlagers, teils um einen guten Einblick in die Westseite des Nepal-Gap zu bekommen, teils um Mr. Hannah, dessen Urlaub abgelaufen war und der eigentlich immer nur im Tale hatte sitzen müssen, wenigstens einen Berg zu verschaffen. Tags darauf zogen dann Schneider und der Verfasser gegen den Nepal-Gap. Wir fanden, dass der 6000 m hohe Pass selbst wegen der steilen Felsen so gut wie unersteiglich war, dass aber ein im gleichen Gratzuge gelegener, nur 200 m höherer Gipfel ganz leicht, sozusagen mit Skiern, über eine Art Gletscherstrasse erreichbar war. Am Morgen des 3. Tages nach Verlassen des Standlagers standen wir auf der Höhe des « Falschen Nepal-Gap » und sahen zu unserem freudigen Erstaunen, wie auf der Ostseite statt der erwarteten steilen Felsen nur mässig steile Firnhänge zu einem fast ebenen Gletscher hinunterführten. Ergebnis: Der Übergang ist, wenn man unseren Falschen Nepal-Gap benützt, unter guten Verhältnissen mit Skiern zu machen. Schneider setzte dieser Exkursion noch die Krone auf, indem er — alleinden nördlich anschliessenden 7153 m hohen Nepal Peak erstmalig erstieg und damit die Höhe des höchsten bis dahin bestiegenen Gipfels, des Pik Lenin, auf dem er selbst vor zwei Jahren gestanden hatte, noch um 20 m übertraf. Ich selbst sass während dieser Zeit unten am Nepal-Gap — vollkommen « finished », denn mein Körper tat nach dreiwöchiger, ununterbrochener Arbeit am Kangchendzönga einfach nicht mehr mit. Ich musste hinunter, ausruhen und das Bergsteigen für einige Zeit denen überlassen, die am Anfang unpässlich gewesen waren. Während der Transport über den Jongsong La von Frau Dyhrenfurth und den « Invaliden » in Gang gesetzt wurde — Duvanel hatte sich bei seiner unermüdlichen Tätigkeit am Kangchendzönga eine schwere Erkältung zugezogen, von der er in Dr. Richters Pflege eben erst genesen war — gingen Hoerlin, Schneider, Smythe und Wood-Johnson schon gegen den Jongsong Peak vor. Sie hatten zusammen mit Dyhrenfurth und Kurz am 28. Mai den Jongsong La mit Skiern überschritten und auf der Sikkimseite dieses Passes in 5250 m Höhe das « Lager am See » als Standlager für den Jongsong Peak errichtet.

Beim ersten Anblick des Jongsong Peak vom Lhonaktal ( Nordosten ) hat es den Anschein, als ob der Berg über seine Vorbauten auf dieser Seite einfach zu ersteigen sei. Das glaubte unser Stosstrupp auch. Doch bei näherem Zusehen stellte es sich heraus, dass auch hier die einzige Möglichkeit in der vergletscherten Nordostflanke von Eisabbrüchen bedroht war. Dieser Weg blieb also nur für den äussersten Notfall offen. Man wandte sich nun dem ungefährlich und nicht allzu schwierig aussehenden Nordgrat zu, der sich auf eine lange Strecke in massiger Steigung vom eigentlichen Gipfelaufbau gegen die anderen Berge von Freshfields Choten Nyima-Zirkus hinzieht. Dieser Grat stellte sich bis in eine Höhe von 6400 m, wo er einen selbständigen kleinen Gipfel bildet, als recht gemütlicher Rücken heraus, so dass es den vieren gelang, ihr höchstes Lager III dicht unter jenem kleinen Vorgipfel zu errichten. Das erste Lager hatten sie auf einer wunderbar gelegenen Geröllkuppe zwischen südlichem und mittlerem Lhonakgletscher errichtet und Lager II am Beginn des Nordgrates.

Am 1. Juni, einem Tage während des Vorstosses zum Jongsong Peak, hatte es den Anschein, als ob der Monsun uns doch noch zuvorkommen würde. Es stürmte und schneite den ganzen Tag so abscheulich, dass sowohl die Jongsongleute wie die Insassen des Lagers am See — alles bis auf Frau Dyhrenfurth war inzwischen dort eingetroffen — den ganzen Tag in ihren Zelten blieben. Keiner dachte an eine Unternehmung. Nur Frau Dyhrenfurth, welche die letzten auf der Nepalseite des Jongsong La befindlichen Lasten endgültig in Marsch gesetzt hatte, überschritt an diesem Tage mit nur wenigen eingeborenen Begleitern den 6000 m hohen Gletscherpass und kam zu unser aller grösstem Erstaunen am Nachmittag plötzlich im Lager am See an. Sie hatte bei der Erledigung ihrer schweren Transportaufgabe keine Mühe und kein Wetter gescheut, um den Trägern mit gutem Beispiel voranzugehen!

Das Wetter hatte sich jedoch an diesem einen Tag ausgetobt und war während der folgenden zwei Wochen fast ununterbrochen schön. So brachen die vier Jongsong Peak-Männer nach einer ausserordentlich stürmischen Nacht und einem ebensolchen Morgen um 9 Uhr am 3. Juni von ihrem höchsten Lager auf. Ihr Weg stieg zunächst kurz nach dem bekannten P. 6400 an, um dann immer entlang einem scharfen Eisgrate gegen eine Scharte abzusinken, von der man über eine steile Eiswand auf den vom Gipfelaufbau nach Nordwesten ( Tibet ) herabziehenden Gletscher absteigen konnte. Diese Teilstrecke, welche einen Höhenverlust von 300 m bedeutete und das Schwierigste am ganzen Weg war, kostete viel Zeit und Hess die Partie Smythe-Wood-Johnson gegen die Partie Schneider-Hoerlin weit zurückbleiben. Unten auf dem Firn angekommen, hatte man leichtes Gelände erreicht und stieg auf ermüdendem Schnee bis zu den ersten Felsen des Gipfelaufbaues, 6600 m. Diese Felsen, welche auf den ersten Blick an die vom Mount Everest her bekannten Bilder erinnerten, erwiesen sich gut geschichtet bei mässiger Steigung, so dass ein rasches Vorwärtskommen möglich war. In der Tat stellte sich bei der späteren, genauen geologischen Untersuchung heraus, dass die Gipfelkappe des Jongsong Peak ebenso wie die des Mount Everest aus mesozoischem Kalk besteht, welcher dem Urgestein von Norden her aufgeschoben worden ist. Auf diesem oben geradezu geröllartigen Gestein stiegen Schneider-Hoerlin mit dem ihnen eigenen Tempo empor. Die Partie Smythe-WoodsJohnson hatte grosses Missgeschick befallen dadurch, dass Wood-Johnson plötzlich heftige Magenschmerzen bekam und beinahe ohnmächtig wurde. Smythe setzte seinen Weg eine Zeitlang allein fort, kehrte aber aus Sorge um seinen Kameraden vor Erreichen des Gipfels um, um bei der Rückkehr nicht in die Nacht zu kommen. Schneider und Hoerlin standen um 4 Uhr nachmittags auf dem 7420 m hohen Gipfel und erfreuten sich einer ungeahnt schönen Aussicht, nach Süden auf die Kangchendzöngagruppe, nach Norden in die Unendlichkeit des tibetanischen Hochlandes. Der Abstieg der zwei und besonders der Wiederaufstieg zu P. 6400, als es längst dunkel war, erforderte harte Arbeit; endlich um 9 Uhr abends erreichten sie das höchste Lager, wo Smythe mit Wood-Johnson schon einige Stunden früher eingetroffen war.

Am folgenden Tage, während die vier weiter abstiegen, strebten Dyhrenfurth, Kurz und der Verfasser dem Lager I zu. Dort trafen sich beide Partien am Abend. Alles war in bester Stimmung über den Erfolg, und Smythe, welcher unverdient um die Ersteigung gekommen war, schloss sich der ansteigenden Partie mit Freuden an. Es gelang uns vieren im Laufe der folgenden Tage, unser höchstes Lager direkt an den Gipfelaufbau heranzuschieben, indem wir auf Anraten unserer Vorgänger den scharfen Grat vermieden und schon weiter unten einen « Weg » für die Träger durch die Eiswand hackten. Auf diese Weise gelangten unsere ausgezeichnet gehenden Leute mit der Lagerausrüstung auf den nordwestlichen Gletscher und in die höchste Einsattelung des Nordgrates, 6400 m. Am 8. Juni, nachmittags, standen dann auch wir vier auf dem nunmehr höchsten von Menschenfuss betretenen Gipfel und erfreuten uns einer überaus klaren, eindrucksvollen Aussicht. Zwei Träger, Lewa und Zirring Nurbu, begleiteten uns bis oben hin. Dyhrenfurth, welcher schon während des Aufstiegs eifrig geologische Beobachtungen gemacht hatte, besuchte gar noch den etwas niedrigeren und ziemlich weit entfernten Ostgipfel. So kam es, dass er, nur von seinem treuen Lewa begleitet, erst spät abends, als wir drei anderen schon längst in unseren Zelten lagen, im höchsten Lager ankam.

Man wird nun fragen: Wie vollzieht sich so eine Besteigung von 6400 auf 7400 m und welcher Art sind die Einflüsse der dünnen Luft, der Temperatur? Im allgemeinen ist wohl zu sagen, dass man sich solch ein Unternehmen aussergewöhnlicher vorstellt, als es in Wirklichkeit ist. Wir pflegten nicht wesentlich anders gekleidet zu gehen, als wir das von winterlichen Hochtouren in den Westalpen gewohnt waren. Freilich muss man in solchen geographischen Breiten und bei diesen Höhen auf die gleichzeitige Wirkung der beiden Extreme: gewaltige Sonnenstrahlung und empfindliche Kälte durch Winde, besonders bedacht sein, und gerade diese extremen Wirkungen ohne jeglichen Ausgleich machen die Aufgabe richtiger Kleidung schwierig. Hat man das Glück, einige Minuten Windstille zu geniessen, so frisst einen die Sonne beinahe auf; hat man sich etwas Luft geschafft, und der Wind setzt plötzlich wieder ein, so schauert man auf der Stelle durch und durch. Die Atemschwierigkeiten waren individuell und zeitlich verschieden, aber eines war allen gemeinsam, nämlich die sogenannte « forcierte Atmung ». Es genügt nicht mehr, die Lungen in der uns allen gewohnten automatischen Weise arbeiten zu lassen. Man bekommt dadurch viel zu wenig Sauerstoff. Es ist notwendig, in kurzen, raschen Zügen, 2—4 per Schritt, die Luft kräftig ein- und auszustossen, um einigermassen leistungsfähig zu sein. Hat man den einem zusagenden Takt einmal gefunden, so bringt man es selbst um 7000 m herum immer noch auf Steiggeschwindigkeiten bis zu 200 m pro Stunde. Der ganze Körper, mit Ausnahme eines Teiles, hielt diese gesteigerte Tätigkeit von Anfang bis zu Ende gut aus. Der notleidende Teil war der Hals, die Luftröhren. Die grossen, nahezu vollkommen trockenen und nicht vor-gewärmten Luftmassen, welche in einem fort durchgepumpt werden müssen, griffen die Atmungsorgane stark an, so dass wir eigentlich alle dauernd rauhe Hälse, ja Halsentzündungen hatten. Drei von uns hatten tagelang keine Stimme. Dass die Trockenheit der Luft die Hauptursache ist, beweist die Tatsache, dass jeder von uns, sobald er beim Abstieg in Vegetationsgebiete mit feuchter Luft kam, seine Halsbeschwerden auf der Stelle los war. Sicher ist, dass wir alle von der Jongsong Peak-Besteigung einen ausserordentlichen Genuss hatten. Die Schwierigkeiten des Geländes waren so, dass man nur im mittleren Teil des Aufstieges Hand an die Felsen legen musste. Der unablässige, kräftige Wind hielt sich immerhin in solchen Grenzen, dass er erträglich war. Jeder von uns verweilte etwa eine halbe Stunde auf dem breiten, bequemen Gipfel und freute sich an der unermesslichen Fernsicht. Es ist schwer zu sagen, wie viele ( hundert ?) Kilometer wir durch die glasklare Luft nach Norden in das wellige Hochland von Tibet hineinsahen. Schön waren die vielen zerstreuten Seen. Im Süden baute sich die Kangchendzönga- grappe mit ihren höchsten Gipfeln noch 1200 m höher als unser Standpunkt auf, ein gewaltiges, fast unnahbares Massiv. Der Abstieg ging ohne Hindernis und in normalem Tempo vonstatten.

Zwei Tage nach unserer Besteigung des Jongsong Peak war die ganze Expedition wieder im Hauptlager versammelt, welches inzwischen um 250 m tiefer in den weiten Talkessel von Lhonak verlegt worden war, unmittelbar vor die Zunge des Lhonakgletschers. Dieses Lager war weitaus am schönsten von allen Hauptlagern gelegen. Eine sanft geneigte, blumenübersäte Alpwiese bot nahezu unbegrenzten Raum, und riesige Steinblöcke schützten jedes Zelt vor zudringlichen Winden. Ganz in der Nähe floss ein klarer Bach mit Badegelegenheit vorbei. Die strategische Lage war ausgezeichnet: im ganzen Umkreis standen kaum gemessene, unbenannte und unbekannte Berge von herrlichen Formen bei 6000—7000 m Höhe umher, ein wahres Paradies für forschende Bergsteiger. So kam es, dass die eine Hälfte der Expedition auch nach dem grossen Erfolg am Jongsong Peak noch lange nicht genug hatte, während es die andere Hälfte mit Macht zur Zivilisation zurücktrieb. Am 12. Juni reisten Frau Dyhrenfurth, Richter, Duvanel, Smythe und Wood-Johnson mit dem Hauptteil des Gepäcks durch das Lhonak- und Lachental nach Gangtok und Darjeeling ab. Schneider und Hoerlin gingen in die nördlich gelegene Dodang Nyima-Kette, während Dyhrenfurth, Kurz und der Verfasser der westlichen Ecke des Bergzirkus 1 ) zustrebten. Die Erstgenannten waren so glücklich, den höchsten Berg jener Kette über zwei Pässe, zwischen denen sie sich für kurze Zeit auf tibetanischem Gebiete befanden, über seinen sehr schwierigen Ostgrat zu bezwingen und damit sicher die schwerste jemals im Himalaya ausgeführte Hochtour zu machen. Unsere Partie war in der Hauptsache wegen des geologischen Interesses Dyhrenfurths und der geographischen Arbeiten Kurz'gen Westen gezogen und genügte diesen Ansprüchen auch vollkommen; doch kamen wir gerade ein paar Tage zu spät, um noch bei gutem Wetter die beiden Sechstausender Lhonak Peak und Kellas Peak zu ersteigen. Am 15. und 16. Juni war das Wetter erbärmlich schlecht, und es gelang uns vor dem Rückzuge ins Lhonaktal nur noch die Vermessung des Lhonak La, 5900 m, eines leicht zu begehenden Passes nach Tibet.

Der Monsun schien immer näher und näher zu rücken, aber wir wollten doch noch einen Blick auf die Zemuseite ( Ost ) des Kangchendzönga tun hauptsächlich wegen Kurz'topographischen Arbeiten. Hoerlin und Schneider waren schon einige Tage vor unserer Rückkehr nach Süden zum Zemugletscher aufgebrochen, und Kurz und der Verfasser folgten nach. Dyhrenfurth übernahm die undankbare, aber notwendige Aufgabe, den Rest des Gepäckes auf dem Talweg nach Lachen zu bringen. Die beiden Zemupartien gingen verschiedene Wege, um ein möglichst grosses Gebiet zu bedecken: die erste Partie gelangte ziemlich weit östlich, wenig oberhalb des Hauptlagers der Bayern vom Jahr 1929 an das Nordufer des Zemugletschers, während die zweite Partie den vermutlich schon von Dr. Kellas erreichten Pass am Fusse des Tent Peak benützte und über den vom Nepal-Cap herabziehenden Gletscher ins Zemutal und zum Green Lake gelangte. Beiden Partien gemeinsam war die Entdeckung, dass die vorhandenen Karten für dieses Gebiet ganz und gar nicht stimmten und dass die Schneeverhältnisse auf den nach Süden hinabziehenden Gletschern von einer Schlechtigkeit waren, die man in den Alpen nicht einmal ahnt. Beide mussten ein unfreiwilliges Lager noch während des Abstieges nach Zemu beziehen, da man einfach nicht mehr vorwärts kam. Diese Übergänge waren trotz allem sehr lehrreich, aber mit dem Wetter schien es nun endgültig aus zu sein. Zum Topographieren und Photographieren reichte es zwar noch am Morgen, aber Gipfelbesteigungen waren nicht einmal mehr zu planen. So brachen wir schliesslich am 22. Juni unser letztes Hochlager am Green Lake ab und zogen in zwei Gewaltmärschen durch strömenden Regen, triefenden Urwald und grundlose Sümpfe nach Lachen hinaus, wo wir uns alle fünf wieder trafen. Zum Glück machte dann der Monsun eine kleine Pause, während der wir nach Gangtok, der Hauptstadt von Sikkim, reisten, aber die vorausgegangenen Regengüsse hatten den Weg so stark zerstört, dass wir fast ganz zu Fuss gehen mussten. Erst kurz vor Gangtok trafen wir die vom Maharadscha uns entgegengesandten Reitpferde, welche eine wahre Erlösung bedeuteten. In Gangtok begann dann mit einem Diner bei dem Maharadscha von Sikkim die Reihe der Einladungen, welche in Darjeeling mit einem Lunch beim Gouverneur von Bengalen und in Kalkutta mit Anlässen, welche der Himalayan Club, der deutsche Generalkonsul und der Deutsche Klub uns zu Ehren gaben, ihre Fortsetzung fanden.

Mehrere Tage waren nötig zur Abwicklung aller Geschäfte in Darjeeling, aber dann blieben noch zwei volle Wochen für eine Reise zu den schönsten Kunststätten Indiens. Die wundervollen Bauten und Anlagen von Benares, Gwalior, Agra, Delhi und anderen durchaus nicht zu Unrecht berühmten Plätzen machten uns einen gewaltigen Eindruck und verschafften uns grosse Achtung vor der Kunst der früheren Beherrscher des Landes. Nach einem herzlichen Abschied von Deutschen und Schweizern in Bombay verliessen wir Indien hochbefriedigt am 25. Juli mit der « Genova ». Dyhrenfurth und Kurz, die beiden Vielbeschäftigten, fuhren direkt nach der Heimat, während das « Kleeblatt » immer noch nicht genug hatte. Hoerlin, Schneider und der Verfasser besuchten noch Ägypten und Palästina und fuhren schliesslich von Brindisi mit Bahn und Auto direkt nach Macugnaga, um auf einem würdigen Wege wieder in die Heimatberge einzuziehen. Dies war uns durch eine ausserordentliche Gunst des Wetters auch vergönnt: An einem Prachtstage stiegen wir über die Ostwand des Monte Rosa auf die Dufourspitze und hinunter nach Zermatt. Tags darauf, am 22. August, ging auch die letzte Gruppe der Expedition auseinander, teils zu neuen Taten, teils der Heimat zu. Es ist schwer zu sagen, mit welch tiefer Befriedigung über das gemeinsam Erlebte wir uns schliesslich in Zermatt und Brig trennten. Und nun: An die Arbeit!

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