Islands Hochplateau im Winter

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Pierre-Alain Treyvaud, Saint-Légier ( VD )

Alle Aufnahmen, auf denen der Autor zu sehen ist, wurden mit dem Selbstauslöser gemacht. Hier der Verfasser mit seinem über 50 kg schweren Schlitten Drei aufeinanderfolgende Reisen, insgesamt sechs Monate, mitten im isländischen Winter. Ein Dutzend Touren als Alleingänger ins Innere der Insel, darunter eine von zehn Tagen. Eine ausgeprägte Neigung zu Schnee und abstrakten Gesteinsformen. Eine Motivation, die durch persönliches Forschen in einem Gelände begründet ist, für das ich eine besondere Vorliebe habe: die Arktis.

Erinnerungen an eine Tour Grimstadir: Innerlich noch aufgewühlt von der eben beendeten Tour, habe ich - abwesend vor der Tasse Tee, die mir der Bauer angeboten hat-gewisse Schwierigkeiten, mich an die neue Umgebung zu gewöhnen.

Das Innere des Hauses steht voller grosser Grünpflanzen, dem Hauptschmuck nordischer Innenräume. Die beiden kleinen Mädchen, denen meine Anwesenheit Eindruck macht, sehen fern und verstecken so ihre Schüchternheit. Die naiven Bilder auf dem Bildschirm entlocken mir ein Lächeln.

Das Doppelfenster zu meiner Rechten zeigt mir ein ganz anderes Bild. Eine Wüste schwarzen, stumpfen Sandes, durchschnitten von einigen breiten Schneebändern, erstreckt sich soweit das Auge reicht. Der Wind kommt in Böen, einige nasse Schneeflocken werden an die Scheiben getrieben.

Plötzlich erfasst mich ein intensives Glücksgefühl. Hierzu sein, in Sicherheit, und das nach den schlimmsten Ängsten, die man als Alleingänger in dieser Art von Gebirge erleben kann, erscheint mir als einer der ganz besonderen Augenblicke meines Lebens.

Wie betäubt geniesse ich einen grossen inneren Frieden, auch wenn ich - oberflächlich -hin und her gerissen bin zwischen den mich umgebenden Extremen: dem Fernseher, dem mir angebotenen heissen Tee, dem Schnee auf der Fensterscheibe und meinem Kopf, meinen Gedanken - meinem Kopf, der langsam wieder ( lebendig ) wird und beginnt, ein ganz klein wenig dieses phantastischen Abenteuers zu verarbeiten.

85 Kilometer auf Ski, das ist nicht viel. Aber was bedeutet schon das Wort ( Kilometer ) auf dieser Insel, wo der Schnee drei Wochen ohne Unterbrechung fallen kann und Stürme manchmal sieben Tage andauern. Doch nichts dieser Art geschah während der drei Tage meiner Einsamkeit.

Ich sehe mich wieder, meinen Schlitten im schmelzenden Schnee hinter mir nachziehend und gegen den Wind, der mit 50 Stundenkilometern daherkommt, ankämpfend. Während ich meinen Weg in einem komplizierten Gebirgssystem spure, habe ich am zweiten Tag im Nebel fürchterliche Orientierungsprobleme. Erschöpft entdecke ich bei Einbruch der Nacht die kleine, blecherne, in der unendlichen blauen und weissen Weite völlig verloren wirkende Schutzhütte.

Am nächsten Morgen bläst mich der sehr heftige Rückenwind mit Macht auf eine weite, kaum gefrorene Ebene. Die dünne Eisschicht gibt unter meinem Gewicht nach. Ich stecke, allein, in einer Art Sumpf; das Wasser reicht mir bis zu den Knien. Ich brauche mehrere Minuten, um mich zu befreien. Endlich bin ich draussen. Mit einem Schock, aber lebendig!

Am Ende der Welt Wie können Menschen an solchen Orten leben?

Grimstadir, nahe gewaltiger Lavaströme, ist ein winziger Weiler, einer der einsamsten der Winterliche Abendstimmung in Island ganzen Insel. Während des Winters leben dort neun Personen auf engem Raum zusammengedrängt. Ihre Tätigkeit beschränkt sich auf die wesentlichsten Arbeiten: Füttern der Schafe, Schneeräumen. Ausserdem werden die Kinder unterrichtet, die wegen der Abgeschiedenheit des Ortes nicht zur Schule gehen können. Grimstadir liegt 40 Kilometer vom nächsten Dorf entfernt. Um dort Lebensmittelnachschub zu holen, ist meist ein Raupenfahrzeug nötig; nur manchmal, wenn der Weg benutzbar ist, genügt ein Wagen mit Vierradantrieb.

Ein eigenartiges und schwieriges Klima Dieser Winter 1987 scheint zu den mildesten zu gehören, die Island seit Jahrzehnten erlebt hat. Ende Januar wurde auf 65 Grad nördlicher Breite in einem Dorf im Osten des Landes eine Höchsttemperatur von +13 ° C registriert. Wenn so etwas auch eine Ausnahme bleibt, so sind die Winter auf der Insel doch nicht so kalt, wie man meinen könnte.

Island, das im Norden an den Polarkreis reicht, liegt auf der Grenze zweier gegensätzlicher Zonen klimatischer Einflüsse. Die eine bringt von Norden her polare Luft, die andere führt vom Süden Warmluft zu. Die Sommertemperaturen schwanken zwischen +25 °C und —10 °C, die Temperaturen des Januars, der als der kälteste Monat gilt, erreichen manchmal +10 °C, können aber auch bis zu — 30 °C sinken. Bei diesem merkwürdigen Klima kann es im Winter regnen und gelegentlich im Sommer schneien.

Plötzliche Wetterumschläge und Windgeschwindigkeiten bis zu 180 Stundenkilometern bilden einen Teil der grossen Gefahren, die Vulkangebirge an der Meeresküste den Wagemutigen bedrohen. Doch am gefürchtetsten bleiben die Schneestürme. Ungeachtet des manchmal sehr angenehmen Klimas kann man auf 1000 Metern Höhe plötzlich Bedingungen vorfinden, wie sie im Winter auf dem Gipfel des Montblanc herrschen!

Skitouren sind noch nicht alltäglich. Sie erfordern einwandfreies Material und gute Ori-entierungsfähigkeit. Strebt man « absolute Autonomie ) an, scheint mir eine Pulka, ein Schlitten, eigentlich unbedingt notwendig. Ist man bis ins Gebirge vorgedrungen, muss man in der Lage sein, überall und manchmal für längere Zeit zu biwakieren.

Als Zelt hatte ich ein Iglu-Modell gewählt: solide, geräumig und leicht Eine geheimnisvolle Insel Island, das durch die Kontinentalverschiebung entstand, ist eine vulkanische, 103000 km2 grosse Insel; das Land ist also zweieinhalbmal so gross wie die Schweiz. Mit 250000 Bewohnern ist es aber sehr dünn besiedelt, um so mehr, als 120000 Einwohner in der Hauptstadt Reykjavik leben. Der Rest der Bevölkerung verteilt sich auf die kleinen Dörfer, die rund um die Insel verstreut liegen.

Die Mitte des Landes wird von einer einzigen riesigen vulkanischen Einöde gebildet; Berge und vergletscherte Gipfel ragen aus ihr auf, lange Flüsse durchziehen sie.

Einsamkeit und innere Einkehr Der Zauber, den dieses Land auf mich ausübt, und mehr noch das Nomadenleben, das ich dort führen kann, haben mich dreimal nacheinander auf diese geheimnisvolle Insel gelockt. Ganz allein diese grossen Weiten zu entdecken - sei es, wenn ich meinen Schlitten nachziehe, sei es in Ruhe und völliger Untätigkeit - vermittelt mir neue Empfindungen, die mir in überlaufenen Gebirgen wie den Alpen verschlossen bleiben. Die Einsamkeit, verstärkt durch die langen Januarnächte oder auch durch Sturmtage, hat mich zu einer besonderen Art der Meditation veranlasst. Dieser intuitiv gewählte Weg macht es mir möglich, mich viel intensiver dem Land verbunden zu fühlen, das ich durchquere.

Heute genügt es mir nicht mehr, ein Gebirge nur zu betrachten, wenn ich versuchen will, etwas von seinen Geheimnissen zu erfassen. Ich muss es auf Ski durchstreifen, ihm mit dem Herzen nahekommen, auf eine sehr persönliche Weise in ihm leben. Nur dann kann ich dort ganz allein sein, die Einsamkeit nicht als Last empfinden, sondern als eine Form der Freiheit.

Die Reinheit des mich umgebenden Landes lässt mich dann eine Art physischer Gegenwart empfinden, die mir Sicherheit und Ruhe bringt. Ein Gefühl des Absoluten bemächtigt sich meines Wesens und erfüllt mich mit echtem Vertrauen.

Aus dem französischsprachigen Teil. Übersetzt von Roswitha Beyer, Bern.

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