Jüngste alpwirtschaftliche Entwicklungen im Val de Bagnes

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3Von Karl Suter

Mit 3 Bildern ( 48—50 ) und 1 Skizze.Zürich ).

Wirtschaftlich und siedlungsgeographisch ist im Val de Bagnes, dem östlichen der drei Dransetäler, der untere Abschnitt zwischen Sembrancher und Lourtier am wichtigsten. Er umfasst die Zone des Ackerbaus und der ständig bewohnten Siedlungen, der Weiler und Dörfer, die sich auf der Talsohle und den Talterrassen in kurzen Abständen folgen. Die Ackerfläche ist, wie in so manchem Alpental, in eine Vielzahl von kleinen bis mittelgrossen Parzellen aufgelöst, deren der Bauer oft nicht weniger als hundert besitzt. Die starke Güterzersplitterung ist auch hier zum Teil durch den Erbgang, zum Teil durch die einst fast vollständige Selbstversorgung der Bagnarden verursacht. In früheren Zeiten musste in diesem kargen Hochgebirgstal jede Familie darnach trachten, die wichtigsten Nahrungsmittel, wie Milch, Milchprodukte, Korn, Kartoffeln, Früchte, Wein und Fleisch, aus der eigenen Scholle einzubringen. Das war ihr nur möglich, wenn sie Land in verschiedenen Höhenstufen besass: Wiesen und Äcker im Talgrund und an den unteren Talhängen, Weideland in den höheren Regionen und Rebberge im 25—35 km entfernten Rhonetal, bei Charrat und Fully. Diese im wesentlichen natur- .'Wr bedingte Aufteilung der Wirtschaftsfläche hat im Val de Bagnes das Wanderleben stark begünstigt.

Über der Zone des Ackerbaus dehnt sich auf den massig geneigten Hängen beider Talseiten zwischen 1000 und 2000 m der Gürtel der Maiensässe, französisch « les mayens ». Darunter versteht man im Tal ein Stück gut abgegrenzten Wieslandes, das eine grössere Strecke abseits der Hauptsiedlung seines Besitzers liegt und von diesem oder einer Abordnung seiner Familie mindestens einmal im Jahr, entweder vor der Alpfahrt oder nach der Alpentladung, mit dem Grossvieh für einige Tage als Weide bezogen wird. Es findet sich in diesem Talabschnitt am untern Rand des Waldgürtels oder in grösseren Lichtungen oder auf gänzlich baumfreien Flächen. Während des Sommers wird es abgemäht. Fast immer steht auf diesem Wirtschaftsareal ein kleines Holzhaus, das als Scheune und Stall und zugleich dem Menschen als Wohnstätte dient. Die Maiensässe eines Dorfes liegen im allgemeinen auf der nächsten dafür geeigneten Hangstelle, die sie oft in schöner, stookwerkartiger Aufeinanderfolge bedecken, z.B. beim Dorfe Sarrayer ( 1225 m ), das auf einer Terrasse der rechten Talseite sitzt. An sein Mosaik von Ackerriemen, die auf fast 1400 m hinaufreichen, schliessen sich unmittelbar, ohne dass sich ein besonderes morphologisches Merkmal trennend einschiebt, die Maiensässe. Der ganze Berghang ist bis auf fast 2000 m hinauf mit ungefähr 200 braunen Holzhütten überstreut, die teilweise allein stehen, teilweise zu kleineren Gruppen von 2-10 Stück vereinigt sind. Sie sind oft nur 50-100 m voneinander entfernt. Über ihnen erstreckt sich die Alp La Chaux.

Die Maiensässe sind ein überaus charakteristisches Element im Landschaftsbild des Bagnestales. Sie bilden infolge ihrer mittleren Höhenlage eine in sich geschlossene, räumliche und zeitliche Übergangszone zwischen den bäuerlichen Hauptsiedlungen im Ackerbaugebiet und den Alpweiden.

Das Val de Bagnes zählt heute 22 Alpen oder « montagnes »; 19 davon finden sich auf dem Gelände der Gemeinde Bagnes und drei auf dem der Gemeinde Vollèges. Bagnes ist mit 295 km2 Fläche die grösste Gemeinde der Schweiz; sie nimmt fast das ganze Tal ein. Die Alpen, die fast alle genossenschaftlich verwaltet werden, liegen auf beiden Talseiten zwischen 1900 und 2600 m als in sich geschlossene Organismen unverbunden nebeneinander. Bergkämme, ausstrahlende Felsrippen, Wildwassertobcl, Gletscher oder Waldstreifen bilden meistens ihre Grenzen. Diese natürlichen Schranken musste der Mensch zu allen Zeiten beachten; sie haben ihn stets daran gehindert, den breiten Gürtel der Alpweiden nach Willkür aufzugliedern. So blieben Grenzen und Grosse der einzelnen Alpen während Jahrhunderten fast unverändert. Erst die jüngste Gegenwart hat tiefgreifende Umgestaltungen zu bewirken vermocht, indem sie es wagte, die Selbständigkeit der privat bewirtschafteten Zone der Maiensässe anzutasten.

Die Bemühungen, die Alpweiden zu verbessern, haben im Val de Bagnes in den letzten Jahrzehnten nie aufgehört. Man hatte es ja ständig vor Augen, dass sie ohne viel menschliches Zutun nicht gedeihen. Immer wieder mussten sie von Steinen und lästigem Unkraut gesäubert und mussten ihre Wege, Wasserleitungen und Hütten wieder instand gestellt werden. Auf einigen ALPWIRTSCHAFTLICHE ENTWICKLUNGEN IM VAL DE BAGNES.

Alpen wurden zudem wetterfeste, bestens eingerichtete Ställe erbaut. All diese zahlreichen Anstrengungen waren von unverkennbarem Nutzen, aber sie vermochten weder das Aussehen noch die Art der Bewirtschaftung dieser Weidegebiete wesentlich zu ändern. Die beiden Hauptübel mindestens blieben bestehen, nämlich Überstossung mit Tieren, vor allem mit Milchkühen, und eine zu kurze Sömmerungszeit, die selten mehr als 80 Tage, oft indessen viel weniger erreichte. Der Alpnutzen war darum gering. Es mangelte nicht an Vorschlägen verschiedener Art, diesen Übelständen abzuhelfen; sie fanden bei den Genossenschaf- tern jedoch kein P/erre à l/o/r

/a/de Bagnes

Gehör. Bis zum Jahre 1928. Von diesem Zeitpunkt an setzen im Tal grosszügige und einzig dastehende Alp-vergrösserungen ein. Sie bedeuten in der alpwirtschaftlichen Entwicklung des Val de Bagnes und vielleicht darüber hinaus des ganzen Wallis einen elementaren Fortschritt. Das Verdienst, diese umwälzenden Neuerungen angebahnt zu haben, kommt 3. 43. BRB 3. lü. 39.

der Genossenschaft Sery zu. Auf ihrer Alp, der höchsten des Tales, hatte die Sommerung seit Jahren nicht mehr befriedigt. In diesen Höhen von über 2200 m sind die Wetterverhältnisse, selbst im Sommer, häufig schlecht und für Hirten und Herden kaum zum Aushalten. Der Graswuchs ist, namentlich im Umkreise des Glacier du Petit Combin, überaus dürftig, und das Vieh hatte von einem Weideplatz zum andern weite und ermüdende Strecken zurückzulegen. Nicht verwunderlich darum, wenn der Milchertrag auf der stark überstossenen Alp wenig ergiebig war. Diese Genossenschaft empfand es wie keine andere des Tales als unaufschiebbar dringlich, endgültig Abhilfe zu schaffen. Das beste Mittel dazu sah sie in einer Vergrösserung der Weidefläche. Aber wie diese durchführen? Eine Ausdehnung nach oben oder nach den Seiten hin kam wegen natürlicher Schranken nicht in Frage. Also blieb nur die Möglichkeit nach unten hin, in die Tiefe, in den Bezirk der Maiensässe. Das Augenmerk richtete sich auf das Gelände von Plenaz Jeux, Tougne und Pissot zwischen 1400 und 1650 m auf den Resten alter Talböden. Sein Erwerb war aber, das stand zum voraus fest, für die Genossenschaft Sery ganz besonders schwierig, lag doch zwischen ihm und der Alp Sery in 1900-2200 m, unmittelbar über dem jäh abfallenden bewaldeten Talhang, die Alp La Lys. Die Genossenschaft La Lys musste, wollte man durch den in Aussischt genommenen Kauf im Alpgang nicht zwei räumlich gänzlich voneinander losgelöste Abschnitte schaffen, für den Plan unbedingt gewonnen werden. Aber noch aus einem weit wichtigeren Grunde. Diese Maiensässe gehörten zu einem guten Teil den Leuten der Genossenschaft La Lys. Um nichts in der Welt wären sie zur Aufgabe ihrer Scheunen bereit gewesen, ohne davon einen unmittelbaren Nutzen zu haben. Sie konnten, ohne selbst am Unternehmen beteiligt zu sein, auf diese Wirtschaftszone gar nicht verzichten. Es war darum in allererster Linie eine Verständigung zwischen den beiden Genossenschaften nötig.

Der Plan einer Alpvergrösserung ist der Genossenschaft Sery erstmals im Dezember 1926 vorgelegt worden. Sie zählte damals 120 Kuhrechte oder « fonds de vaches ». Der Inhaber eines solchen hatte das Recht, alljährlich eine Kuh auf der Alp zu sommern. Viele Genossenschafter oder « consorts » besassen zwei, wenige drei Kuhrechte, andere indessen nur ein halbes oder noch weniger, z.B. x/12 Mit 103 von den 120 Stimmen — ein ganzes Kuhrecht gilt als eine Stimmewurde beschlossen, den Plan zu prüfen. Das war ein höchsterfreuliches Ergebnis, die Frucht jahrelangen zähen Bemühens von Seiten der Initianten. Denn das Vorhaben wurde im ganzen Tal als eine sehr gewagte Sache empfunden. Als es bestimmtere Formen anzunehmen begann, machten sich jedoch von neuem allerlei Bedenken und Kleinmut breit; die Gegnerschaft wuchs. Das zeigte augenfällig das Ergebnis der Abstimmung vom Juli 1927 über die Vereinigung der beiden Alpen. Für sie sprachen sich in der Genossenschaft Sery 74 Stimmen, also bloss noch gut die Hälfte, aus; 22V2 waren dagegen und 2314 hatten Stimmenthaltung geübt. Noch weniger erfreulich war das Ergebnis der Genossenschaft La Lys. Von ihren 70 Stimmen lauteten nur 33^2 auf ja, also nicht einmal die Hälfte, und le1/^ auf nein; 2010/12 hatten nicht gestimmt. Die Hauptsache war immerhin, dass die Vereinigung dank der zahlreichen Stimmenthaltungen angenommen und damit das erste Ziel erreicht worden war. Nun konnte man an die wichtigste Arbeit, den Erwerb der Maiensässe, herangehen. Wie — die Bauern sollten ihre « mayens », wenigstens die höchstgelegenen, wo sie seit Kindsbeinen an jedes Jahr einige Wochen wohnten, aufgeben? Und dann noch für einen äusserst gewagten Versuch? So dachte die grosse Mehrzahl der Talleute. Sie standen diesem aufsehenerregenden Schritt abwartend, ja ablehnend gegenüber. Die Unsicherheit und Unschlüssigkeit war namentlich in den Reihen der 90 Eigentümer der Maiensässe, die aufgekauft werden sollten, gross. Ihrer viele konnten sich zum Verkauf kaum entschliessen. Andere verlangten, wenn es doch sein musste, übermässig hohe Preise. Der Kampf gegen gefühlsmässige und rechnerische Widerstände und Bedenken war sehr hart. Ja, einige Bauern waren überhaupt um keinen Preis für den Verkauf zu haben. Noch heute finden sich deshalb einige innerhalb des genossenschaftlichen Weidelandes inselartig auftretende, private Wiesenstücke mit ihren Scheunen. Besonders schwer war die Überwindung eigennütziger Überlegungen für Leute, die an der Alpvergrösserung nicht unmittelbar interessiert waren, d.h. ihr Vieh nicht auf der vereinigten Alp Sery-La Lys sömmerten. Einige Eigentümer wollten ihre « mayens » nur gegen Eintausch mit anderen, mindestens gleich gut, wenn möglich besser gelegenen abtreten. Andere haben selber in tieferer Lage neue Maiensässe erworben, und wieder andere haben darauf verzichtet und besitzen heute überhaupt keine mehr; sie müssen deshalb ihre Tiere im Frühling direkt vom Dorf auf die Alp und im Herbst von der Alp ins Dorf führen. Beim Aufkauf der Maiensässe musste jedenfalls ein weit verzweigtes Netz wirtschaftlicher Beziehungen durchschnitten und mussten die gelösten Fäden neu geknüpft werden. Aber letztendlich war das Unternehmen geglückt; guter Wille und bessere Einsicht hatten gesiegt.

Die Vergrösserung der Alp brachte, was heute im Val de Bagnes restlos anerkannt wird, viele Vorteile. Durch sie wurde in erster Linie die Sömmerungszeit beträchtlich verlängert, nämlich um durchschnittlich 30 Tage. Die Alpfahrt kann seit dem Jahre 1929 um zwei Wochen früher, d.h. zwischen dem 1. und 10. Juni, begonnen und die Alpentladung um die gleiche Zeitspanne später, d.h. zwischen dem 25. September und 5. Oktober, angetreten werden. Von diesen zwei Vorteilen wiegt besonders stark der erste, weil im Vorsommer, zu Beginn des Weidganges, die Kühe am meisten Milch liefern; dann können täglich grosse Mengen Käse hergestellt werden, auf der Alp Sery-La Lys durchschnittlich 100 kg. Im Laufe des Sommers nehmen die Milchmengen, sind doch alle Kühe zu dieser Jahreszeit trächtig, ab und sind am Ende der Alpzeit nur noch ungefähr halb so gross. Die längere Dauer der Sommerung erhöht also die Menge der Milchprodukte; bei der Alpentladung kann jeder Genossenschafter einen grösseren Alpnutzen als früher mit nach Hause tragen. Zwar ist vor der Alpvergrösserung durch jede einzelne Familie aus der Milch ihrer zwei oder drei Kühe während ihres Aufenthaltes im Maiensäss im Frühjahr und im Herbst gleichfalls täglich Käse hergestellt worden. Allein das Ergebnis war hinsichtlich Güte und Menge recht bescheiden; es verlohnte oft kaum den Zeitaufwand. Die im privaten Kleinbetrieb fabrizierten Käse waren häufig nicht sauber und fein genug gearbeitet; sie eigneten sich deshalb kaum für den Verkauf. Nicht jeder Bauer versteht sich eben auf eine fachmännische Herstellung des Käses. Der private Betrieb gilt auch wegen seines grossen Holzverschleisses als unwirtschaftlich. Dank der Aufgabe der Maiensässe kann Brennholz und, was wichtiger ist, viel Bauholz eingespart werden. Zu häufig mussten diese allem Wetter ausgesetzten Scheunen repariert werden; ja durchschnittlich alle 50 Jahre hiess es, sie von Grund aus neu bauen.

Durch die Alpvergrösserung wurde es nötig, den Weidgang räumlich und zeitlich neu zu ordnen. Das konnte sich nur günstig auswirken. Die Anzahl der Weidetage ist in den höheren und rauheren Regionen stark gekürzt worden, auf dem Gelände der alten Alp Sery von 70-80 auf deren 46, auf dem der alten Alp La Lys von 70-80 auf sogar bloss deren 30; das hinzugekommene, klimatisch günstiger gelegene Gelände von Plenaz Jeux, die sogenannte Montagne Basse, das einen Aufenthalt von 45 Tagen gestattet, vermag diesen Ausfall leicht auszugleichen. Hier hat sich im Weidgang ein Die Alpen - 1943 - Les Alpes.10 neuer Schwerpunkt herausgebildet. Mit Recht nennt sich denn heute die Genossenschaft « consortage de l' alpage de La Lys-Sery et Montagne Basse ». Seit der Vergrösserung sind weit entfernte und minderwertige Weideplätze als Kuhweide aufgegeben worden. Damit hat für die Kühe die Anzahl der täglichen langen und beschwerlichen Wanderungen abgenommen und der Milchertrag ist besser geworden. Mit den schlechteren Weidebezirken müssen die Rinder- und Kälberherden vorliebnehmen.

Kurz nach der Alpvergrösserung wurden zahlreiche bedeutende Alpverbesserungen ausgeführt, so namentlich schöne Zufahrtsstrassen erstellt, gute Viehtränken eingerichtet und der nasse, wenig ergiebige Boden von Plenaz Jeux durchgreifend drainiert. Die wichtigste Arbeit auf diesem zusammenhängenden, wenig gegliederten Gelände, das sich mühelos von einer zentralen Stelle aus beweiden lässt, war aber der Bau eines grossen Stalles. Dazu konnte vor allem das viele Holz der niedergerissenen Scheunen verwendet werden. Ohne die geringste Schwierigkeit kann das Vieh jeden Abend während seines langen Aufenthaltes zum Stall zurückkehren und die grosse Wohltat des Schutzes gegen jegliche Unbill der Witterung, sei es Kälte oder Nässe oder Hitze, erfahren. Dem Stall ist es zu verdanken, wenn Schlechtwetterperioden, wie sie insbesondere am Ende des Sommers gerne auftreten, leicht überwunden werden können. Die Gesundheit des Viehs wird weniger gefährdet, und der Milchertrag ist ein viel günstigerer. Der Stall gestattet auch, die Milchmenge jeder Kuh nach jedem Melken genau zu messen. Auf all den zahlreichen Alpstaffeln des Tales, die ohne Stall sind, kann dieses zeitraubende Verfahren wöchentlich höchstens einmal vorgenommen werden. Trotz den hohen Kosten hat sich der Bau eines Stalles und eines sinnvoll angelegten Wassersystems, das den Viehdünger von dieser Stelle aus gleichmässig über die tieferliegenden Weiden zu schwemmen hat, gelohnt. Ein grosser Teil dieser Arbeiten ist übrigens von den Genossenschaftern selber ausgeführt worden. Es wurde z.B. im Frühjahr 1929 beschlossen, dass jeder Inhaber eines Kuhrechtes an diesen Aufgaben eine ganze Woche lang mitzuhelfen hätte. Die Durchführung von solchen Frontagen oder « corvées » ist auf fast allen Alpen des Val de Bagnes bekannt. In der Regel wird alljährlich auf ein Kuhrecht ein Arbeitstag geleistet. Wer mehrere Kuhrechte besitzt, muss natürlich entsprechend mehr Frontage tun. Dieses Gemeinschaftswerk, das den Unterhalt der Alp und insbesondere ihre Instandstellung nach dem langen Winter bezweckt, ist unerlässlich; seine gewissenhafte Ausübung liegt im Interesse aller, und jeder Genosse wird so für den Zustand der Alp mitverantwortlich.

Ein besonders wichtiger Grund, der für den Einbezug eines Teiles der Maiensässe in das Alpareal sprach, ist das Einsparen von Leuten bei der Pflege und Hut des Viehs während je ungefähr zwei Wochen im Frühling vor der Alpfahrt und im Herbst nach der Alpentladung. Seit der Vergrösserung fällt für manche Familie die Pflicht dahin, für- die Hut ihrer zwei oder drei Kühe und vielleicht noch ihrer ein oder zwei Rinder zwei Angehörige, meist Frauen und ältere Kinder, in die oberen Maiensässe hinauf zuschicken. Dadurch ist eine grössere Anzahl Leute, für die Genossenschaft La Lys-Sery et Montagne Basse ungefähr deren 180, für andere Arbeiten frei geworden.

Das ist von grossem Wert im Frühjahr, wenn es gilt, die vielen und weithin zerstreuten Äcker im Talgrund zu bestellen und die Rebberge im Rhonetal unten zu besorgen. Diese Arbeiten erfordern den vollen Einsatz aller in der Familie verfügbaren Kräfte. Das Freiwerden von Leuten wurde vom Jahre 1930 an besonders wichtig, ist doch damals im Val de Bagnes die Kultur der Erdbeeren eingeführt worden, erst nur versuchsweise, dann aber nach schönen Erfolgen endgültig. Sie gedeihen an den sonnigen Hängen bis auf ungefähr 1300 m hinauf ausgezeichnet und finden in der Rhoneebene, namentlich in Sitten und in der Konservenfabrik von Saxon, lohnenden Absatz. Sie bringen manchem Bauern sogar mehr Bargeld ein als der Verkauf der Milchprodukte. Nicht verwunderlich darum, dass die Erdbeere in den Jahren vor dem Kriege immer grösseren Raum auf Kosten der Feldfrüchte, vor allem des Korns, eroberte. Ihr Anbau, der in das während Jahrzehnten fast gleich gebliebene Bild dieser Kulturlandschaft neue Züge einzuflechten vermochte, brachte dem Tal einen bedeutenden wirtschaftlichen Aufschwung. Er verlangte aber ein vermehrtes Einspannen von Arbeitskräften auf dem Acker, was durch die Preisgabe der Maiensässe ermöglicht wurde. Endlich hat sich mit dem Verkauf von Maiensässen eine kleine Güterzusammenlegung vollzogen.

Den vielen und bedeutenden Vorteilen, die die Vergrösserung der Alp im Gefolge hatte, stehen nur wenige und zudem eher geringfügige Nachteile gegenüber. Selbst das grösste und die Gemüter am stärksten beunruhigende Bedenken, das man beim Verschwinden der Maiensässe in einer schweren Einbusse an Heu für die Winterstallfütterung sah, erwies sich glücklicherweise nicht als so schlimm, zum mindesten nicht für die Genossenschaft La Lys-Sery et Montagne Basse, war das feuchte Gelände von Plenaz Jeux an Heu doch nie sehr ergiebig. Gewiss war mit einem beträchtlichen Heuausfall zu rechnen und damit mit einer empfindlichen Störung des bisherigen Gleichgewichtes zwischen Sommerung und Winterung. Wie konnte ihr nur begegnet werden? Man wusste Rat. Man entschloss sich, nicht ohne schwere Bedenken, dazu, den Bestand an Milchkühen stark herabzusetzen, von 190 — soviel zählten die beiden vereinigten Alpen zusammen — auf 140, also um ganze 50 Stück. Dieser Schritt erschien sehr verwegen. Anfänglich war selbst die verantwortliche Behörde damit nicht einverstanden, beschwor er doch die Gefahr herauf, dass nicht mehr alle Bürger des Tales, wie recht und billig, ihr Vieh innerhalb des Gemeindeareals sommern könnten. Wie die Erfahrung indessen lehrte, war dieser Einschlag von 50 Tieren im gesamten und die Beschränkung an Kuhrechten, die der einzelne Genossenschafter auf sich nehmen musste, tragbar. Warum? Die beiden alten Alpen waren vordem überstossen; die neue Ordnung nun erlaubte, jedem Tier eine grössere Weidefläche zuzumessen und seinen Milchertrag wesentlich zu steigern, so dass trotz des gehörigen Einschlages die gesamte Produktionsmenge an Käse auf dieser Alp sogar gestiegen ist. Selbst ein gegenteiliges Ergebnis wäre tragbar gewesen infolge des zunehmenden finanziellen Gewinnes aus dem Anbau der Erdbeeren.

Seit der Vergrösserung hat sich für die Genossenschaft ein interessanter rechtlicher Zustand ergeben. Das Gelände der alten Alpen La Lys und Sery gehört nach wie vor der Gemeinde; die Genossenschaft hat darüber nur das.

Recht der zeitlich uneingeschränkten Nutzniessung; indessen ist sie die wirkliche Eigentümerin aller sich auf diesem Boden befindenden Gebäude. Die aufgekaufte Montagne Basse dagegen besitzt sie in jeder Hinsicht, also mit Grund und Boden. Für ein und dieselbe Alp bestehen so::nit zwei durchaus verschiedene rechtliche Zustände.

Die Erweiterung gab der Genossenschaft die willkommene Gelegenheit, ihre innere Organisation zu bereinigen und Unzukömmlichkeiten auszumerzen. Es sei hier nur erwähnt, dass sie mit dem alten Übel, ein Kuhrecht in Bruchteile aufzuteilen, aufräumte.Von nun an sollte und durfte es keine x/2, 1/3, x/12 oder sogar 1/a4, « un demi-douzième de fonds de vache », wie man im Tale sagt, mehr geben. Alle Bruchteile, die hauptsächlich eine Folge des Erbganges waren, wurden aufgekauft und zu ganzen Kuhrechten vereinigt. Man hält heute strikte daran fest, dass nur der Bauer, der ein ganzes Kuhrecht besitzt, eine Kuh auf der Alp sommern darf. Das Kuhrecht wurde als unteilbar erklärt.

Dem ersten grossen Versuch im Wallis, die oberen Maiensässe aufzugeben und der Alp einzuverleiben, war ein voller Erfolg beschieden. Mehr als viele Worte zeigt das die Tatsache, dass das Kuhrecht im Wert stark gestiegen ist, von Fr. 160 der alten Alp Sery und Fr. 80 der alten Alp La Lys auf ungefähr Fr. 1500. Bald hatte das Werk im ganzen Tal Anerkennung gefunden; die Gesinnung wandelte sich rasch und gründlich, und andere Genossenschaften griffen den Plan unverzüglich auf. Der Bauer war bereit, eine jahrealte, liebe Gewohnheit und ein Stück wirtschaftlicher Selbständigkeit aufzugeben und sich für das Gesamtwohl dem Genossenschaftsgesetz unterzuordnen. Die Alp Sery war im Tal zum Vorbild geworden.

Die ersten Genossenschaften, die dem Beispiel folgten, waren Marlénaz, Grands Plans und Vatzeret, deren Alpweiden in den weiten, das Plateau von Verbier begrenzenden Hängen liegen. Sie fingen im Jahre 1931 an, Weideland zur Alp hinzuzukaufen. Sie vermochten dadurch die Sommerung um 10-14 Tage zu verlängern. Im Jahre 1941 machten sich die drei Genossenschaften Servay, Mille und Sixblanc an eine Vergrösserung heran. Durch den Erwerb verschiedener Maiensässe auf der linken Talseite ist ihre Weidefläche um volle 300 m hangabwärts, gegen die Talsohle zu, gewachsen; ihre untere Grenze ist von 1900 auf 1600 m gesunken. Gegenwärtig ist man da ran, einen Teil der sonngebräunten Scheunen, die das Bild der Walliser Täler so anmutig gestalten, niederzubrechen. Die Bagnarden halten sich darob nicht mehr auf, sie haben sich im Laufe eines Jahrzehntes an diese langsame Veränderung ihrer Kulturlandschaft gewöhnt. Das neu erworbene Gelände dieser drei Genossenschaften vermag die Alpzeit um einen Monat zu verlängern; auch hier ist die « montagne basse » zu einer der wichtigsten Staffeln geworden.

Von den 22 Alpen des Val de Bagnes sind seit dem Jahre 1928 ihrer sieben in bedeutendem Umfange vergrössert worden. Wie es scheint, werden demnächst die Leute der grössten Alp des Tales, La Chaux, dem Beispiel, wenigstens teilweise, folgen und gleichfalls ein Stück Wanderleben aufgeben. Diese mutige Entwicklung ist um so mehr hervorzuheben, als im Tal eine tiefe Verbundenheit allem von den Vätern Erworbenen gegenüber besteht; das Erbe der Vergangenheit wird mit Zähigkeit bewahrt.

Val de Bagnes mit den zum Dorf Sarreyer gehörenden Maiensässen, darunter das höchstgelegene des Tales, Cheronde ( 1958 m ), auf einer Seitenmoräne ( rechts im Bild ). Im Hintergrund die Dent du Midi.

( Val de Bagnes, avec les Mayens de Sarreyer; au-dessous, le point le plus élevé de la vallée, Cheronde, sur une moraine latérale, à droite de la photographie. Au fond, la Dent du Midi. ) 49 - Foto Karl Suter Ait. Institut Orell Füssli Â. G. Zürich 6210 BRB 3. 10. 38 Die Alpen - 1943 - Les Alpes Val de Bagnes. Blick auf die Alp La Lys-Séry et Montagne Basse und auf den Petit Combin. Die waldfreien Terrassenreste im Talhang sind Pissot ( links ), Tougne ( in der Mitte ) und Plénaz Jeur ( rechts ). Vorn Cheronde, das höchstgelegene Maiensäss des Tales ( 1958 m ), auf einer Seitenmoräne.

( Val de Bagnes. Vue sur l' alpe La Lys-Séry et Montagne Basse, et sur le Petit Combin. Les restes de terrasses sans forêts dans la pente de la vallée sont Pissot [à gauche], Tougne [au milieu] et Plénaz Jeur [à droite]. Sur le devant, Cheronde, mayens les plus élevés de la vallée, sui' une moraine latérale. ) SO - Foto Karl Suter Art. Institut Orell Füssli A. G. Zürich 6210 BRB 3. 10, 39 Die Alpen - 1943 - Les Alpes Der Grundsatz, Alpweiden durch Aufkauf von Maiensässen zu vergrössern, hat sich im Val de Bagnes durchgesetzt und bewährt. Gewiss waren diese Unternehmen für diese Bergbauern, die mit jedem Rappen zu rechnen haben, eine unablässige finanzielle Anstrengung; ja von manchem wurden die grossen Kosten für diesen Umbruch als eine schwere Last empfunden. Dass er ungeachtet der Opfer zustande kam, ist hoch erfreulich. Ebenso erfreulich ist sicherlich aber auch der Geist, der diese Tat werden liess, die bewusste und freiwillige Unterordnung von Selbstzweck und Eigennutz unter einen Gemein-schaftsgedanken und der immer wieder aus den Genossenschaften unserer kargen Bergtäler herauswachsende Wille zu positiven, fruchtbaren Taten. Das Val de Bagnes mit seinen herrlichen Gipfeln und Gletschern wird vielleicht zum Vorbild für andere Walliser Täler werden. Jedenfalls müssen diese Alp-vergrösserungen als Ausdruck einer entscheidenden Wendung im alpwirtschaftlichen Leben des Unterwallis gewertet werden, als eine lebendige Äusserung seiner fortschrittlichen Gesinnung.

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