Junifeldzug auf Sommerskiern

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Erlebnisse und Erfahrungen in den Berner- und Walliseralpen.

Von Walther Flaig.

Jahrelange Erfahrung drängte es mir eines Tages auf: Die langen, schweren Hikorybretter sind recht eigentlich ein unsinniges Gerät für den Winterbergsteiger. Und: Der Ostermond, der April, der jener Feiertage wegen am meisten herhalten muss zum Gletscherlauf, er ist ausgerechnet der ungünstigte Wintermond, vom Dezember und Jänner abgesehen, die ja sowieso nicht in Frage kommen.

Die Zeit mit einer besseren zu tauschen — sagte ich mir —, das wird nicht allzu schwierig sein. Aber wo ein besseres Gerät finden? Fast wäre alles wieder eingeschlafen, hätten nicht zwei Umstände mich neuerdings angeregt: die Beschäftigung mit der Literatur über winterliche Mont Blanc-Turen einerseits und die Erfindung des Doppellaufski andererseits.

Bei allen Mont Blanc-Besteigungen im Winter schleppten die Männer ihre langen schweren Skier Stunden über Stunden, ja manche sozusagen über den ganzen Mont Blanc hinweg! Sie trugen sie spazieren. Nein — diese schweren Hölzer waren gewissermassen das Haupthindernis, zumal wenn es stürmte und wenn Vereisung der Grate hinzukam. Einem Bekannten wurden die Skier sogar entrissen vom Sturm. Kurz und gut: Man musste endlich die Lehre daraus ziehen!

Da kam gerade im rechten Augenblick die Erfindung des Doppellaufski. Durch manche andere « Erfindung » enttäuscht, war ich — ein Aus-rüstungsfanatiker, wie meine Freunde behaupten — zunächst sehr ablehnend. Aber eine mehrjährige Erfahrung hat mich überzeugt: Der Doppellaufski ist das Gerät für den Winterbergsteiger, für den Skiläufer in den Hochalpen und für den Sommerlauf auf den Gletschern. Dieser letzte wird am besten im Juni betrieben. Und das alles will ich nun beweisen:

Anfang Juni 1929 fuhren wir, meine Frau und ich, von Grindelwald zur Station Eismeer empor. Auf der Kleinen Scheidegg übersprangen wir zwei Züge, denn ich hatte bei der Auffahrt gesehen, dass am Südosthang eines zum Lauberhorn, 2475 m, hinaufziehenden Rückens eine noch fast geschlossene Kette von Altschneeflecken bis zum Gipfelgrat emporlief und dicht westlich der Spitze endete. Das war das richtige Gelände zur ersten Probe für unsere Sommerskier, die wir — gleich grossen Stativen — in Leinwandhüllen neben uns stehen hatten und derentwegen man uns für — Filmleute hielt.

Wir bummelten, die Leinwandsäcke unterm Arm, über die schon leicht begrünten und mit herrlichen Frühlingsblumen bestickten Hänge empor aufs Lauberhorn, wo wir eine gute Rast lang im Anblick eines der schönsten Alpenbilder lagen. Meine Gefährtin stand diesem Triumph der Natur das erstemal gegenüber, an einem Vorsommertag mit Silberwolken, die Nord-fluchten der Riesenwände noch tief im Schnee, Jungfrau — Mönch — Eigerein gleissendes Eisbollwerk. Auch in ihren Augen war das Gleissen. Wir kamen fast nicht los. In dem kleinen Sattel dicht westlich der Spitze entnahmen wir dann die breiten, braunen Hölzer ihren Hüllen samt den dazu passenden kurzen Stöcken. Die auf früheren Fahrten endgültig erprobte beste Länge war 120 cm für einen mittelgrossen und mittelschweren Läufer wie ich, wogegen meine schlanke, schneidergewichtige Freundin nur 100 cm lange Doppellauf-skier mitführte! Wir schnallten an. Der Firn — in der Nacht abgeregnet — schien denkbar gut. Einige erste Bewegungen, und schon waren wir im Fluss. Der Firn war wie Butter. Auf schmalen Streifen glitschten wir lachend dahin. Die Schwünge waren spielende Tänzereien. Wir kamen vor Lust ins Rasen. Bald links, bald rechts leuchteten Blumen auf. Das eisige Dreigestirn gegenüber schoss steiler und höher empor und — wenige Minuten nach dem Anschnallen rissen wir den letzten Schwung, dicht ob der Station Scheidegg. Am 11. Juni 1929!

Jetzt war auch meine Gefährtin — bislang noch ein wenig misstrauisch!

— schon restlos begeistert. Aber es sollte noch besser kommen.

Da Neuschnee unsere Pläne — Mönch über den Nollen oder Eiger von Westen — vereitelte ( am Eiger gingen grosse Lauenen den ganzen Tag ), so fuhren wir bald vollends zum Jungfraujoch empor. Auch dort herrschte Nebel und Schneefall, so dass ich fast fürchtete, der Neuschnee würde sogar die Skipläne verderben Aber nun verwirklichte sich, was ich vorausgesetzt hatte: die Junisonne verarbeitete den Neuschnee im Nu zu Firn. Eine Frostnacht tat das Ihrige, und als wir am Morgen des 14. Juni zum Mönchjoch hinaufbummelten, da lag eine wahrhaft samtglatte Schneefläche in der Morgenfrische des klaren Tages vor uns. Mit einigen Strichen Steigwachs unter der Lauffläche stiegen wir mühelos zum Joch, vertauschten dort Skier mit Steigeisen und gewannen den Mönch, 4108 m, rasch und sicher. Als wir ein Stück emporgeklommen waren, stieg « das Horn » heraus als weisse Säule. Als es ganz sichtbar war, rief ich meiner Gefährtin zu, sie möge sich umwenden. Sie war bestürzt. Und wirklich, der Gedanke war unsinnig, dass wir dies völlig winterliche Matterhorn besteigen wollten, das da über der blauen Ferne schwebte wie ein spitzes Segel über weiter See.

Der Mönch ist schon oft beschrieben worden. Ich will daher mich nicht so lange aufhalten, wie wir es taten, sondern wieder zu den Skiern am Joch hinab. Der Abstieg dorthin über den festen Firn mit Eckensteineisen war ein Genuss. Wir haben natürlich keine Stufe gemacht. Durch dünne Nebelwolken, die jetzt vorüberstrichen, schossen wir dann über den aalglatten Firn zum Sphinxstollen hinab. Mitten auf dem Firn trafen wir spazierstöckelnde Gäste, die da harmlos herumliefen oder sassen! Diese Leute haben stets ein märchenhaftes Glück und gleichen darin Kindern, die ahnungslos über die verkehrsreichste Strasse täppeln. Der Neuschneefirn war so gut, dass wir sofort unser Gepäck auf dem Joch aufnahmen und von dieser unvergleichlichen Gaststätte Abschied nahmen, um zur Konkordiahütte abzufahren.

Am Sphinxstollenausgang schnallten wir an und jagten los. Trotz dem schweren, sehr schweren Gepäck glitten die kurzen Hölzer spielend obenhin. Wir fuhren natürlich seilfrei und lachten der tiefgewühlten Fussgängerspur. Im Nu war die erste steilere Weghälfte durch die weiten Gletschermulden hinab durchlaufen. Aber auch der Flachlauf über den weiten Firn auf den Konkordiaplatz hinein war noch ein Genuss auf Skiern, vom Überqueren der Gletscherbäche abgesehen. Aber gerade im versumpften Gletscher waren die Hölzer sehr wertvoll.

Am Spätnachmittag kamen wir kaum ermüdet auf Konkordia an. Der alte Rubi, der bärbeissige, herzensgute Rotbart, war zu unserer Enttäuschung nicht da. Hätte ihm meine Garns gerne vorgeführt.

Am anderen Tag schneite es wieder etwas, was uns aber nicht ärgerte. Wir rasteten gerne und wussten, dass Sonne und Frost bestimmt den nötigen Firn herzauberten, zumal es gegen Abend aufmachte und meine kleine Freundin jetzt das erstemal in aller Ruhe den Frieden der « ewigen Landschaft » trinken konnte.

Kein Gletscherplatz der Alpen kann sich mit Konkordia messen. Nirgends mehr ist solche Weite, nirgends solche Weltferne, nirgends solches Gleichmass im Jahreslauf. Da ist das Eis. Da ist der Fels. Da ist Erde, und da ist Himmel. Jahraus, jahrein gleich. Nirgendwo erblickt man die Talung, nirgends Wälder oder Wiesen in ihrem Wandel. Eis und Fels unter Sonne und Stürmen. Ewige Landschaft, die den Kreislauf des Jahres, den Gang der Zeit ausschaltet. Wir werden Zeitlose. Wir sind glücklich. Die ruhelosen Wanderer haben eine Stätte gefunden, wo ihr Herz ruhig und zeitfest schlägt, wo ihr Geist nicht mehr ins Unendliche strebt, vielmehr Seite an Seite mit dem grossen Eisstrom Aletsch hinströmt, um — gleich ihm — mit der Gewissheit endlicher Auflösung im grossen Kreislauf zu zerschmelzen.

Der Tag geht hin. Die Firnspitze des Aletschhorns funkelt und erlischt. Dafür glänzt am Jungfraujoch das Licht des Berghauses auf und mit den Sternen um die Wette. Morgen wird ein grosser Tag.

Noch lag tiefe Nacht über dem Eis, als wir um 3 Uhr über den schier endlos breiten Konkordiaplatz huschten. Alles war Stein und Bein gefroren, so dass wir, als der Gletscher steiler wurde, abschnallten und die Skier quer über unsere Mosersäcke banden. Wir schritten über jenen Gletscherarm empor, der zwischen Ebnefluh und Gletscherhorn herabwallt in grossen Wogen. Das Gletscherhorn, 3982 m, war unser Ziel, ein alter Wunsch von mir. Und ausserdem versprach die Abfahrt vom Gletscherjoch — rund 1000 m bis zum Konkordiaplatz — höchsten Genuss.

Das Aletschhorn wuchs gegenüber empor, ein Eisberg « von Format ». Vor uns aber zur Rechten stieg jetzt eine Eiskuppel über dem schillernden Eisbruch ins Blau, so ebenmässig, dass wir fast wünschten, es wäre ein Berg. Aber es war nur ein Höcker im Westgrat unseres Gipfels, der offenbar Schönheit im Überfluss zu verschenken hatte.

Nach einem viereinhalbstündigen Bummel landeten wir um 730 Uhr am Gletscherjoch, und ich konnte die Freundin mit dem wildesten Berner-bild überraschen, mit dem Blick ins Rottal über 1000metrige Eisfluchten. Wir verankerten die kleinen Bretter hier und klommen steigeisenschnell über eine Wächte auf den Grat und jene Eiskuppel. Dort tauchte der ganze Grat plötzlich mit Wächten und Türmen so überraschend und abweisend auf, dass meine Freundin stutzig wurde. Durch die westlichen Steilflanken liefen viele Lauenzüge vom Vortag, die östlichen Halden aber schiessen in gleissenden Fluchten ins wahrhaft grausige Rottal ab. Die Schneide dazwischen endlich war mit wogenden Wächten oder neuschneebehaubten Türmen bewehrt.

Aber nach der alten guten Regel, dass man sich solche Dinge mit den Fingern und Schuhnägeln begucken muss, stiegen wir los, bald links, bald rechts der Schneide, dann wie Spechte an einer gähen Firnwand hinauf. Die Eisen bissen wie Raubtierzähne. Mein Gamsli machte das meisterhaft. Dann begannen die Umgehungen zweier Türme in der Lawinenflanke, am Nachmittag ein Unding, jetzt eine feste Leiter aus eisigem Firn. Der nächste Turm wird durch einen Eiskamin, ausgehängt mit Pulverschneeteppichen, rottalseits ertrotzt und der letzte stracks erstiegen. Gleich darauf schwingt sich Gamsli auf den groben warmen Gipfelklotz und lächelt zu mir herab. Was will man mehr?

Lange Rast ist uns zwar nicht gegönnt, wenn wir sicher durch die Flanken hinab wollen. Die Blicke schlagen einen weiten Kreis der Schönheit. Die Hände streicheln den groben, warmen Fels. Die Zunge schleckt gierig süsse Scheiben Ananas. Man könnte sich kaum noch eine Steigerung denken. Und doch kam sie.

Wir waren bald über den Grat hinab und bei den Skiern. Eine Rast, dann angeschnallt und los. Das windüberzogene Joch war glattharschig, aber dann glitten wir in einen Butterfirn hinein, auf dem wir dahinspielten wie übermütige Kinder. Es war, als flössen die Querschwünge wie Öl aus den Skiern. Es war ein Hintaumeln und Tänzeln. Es war ein Rausch der Bewegung — 1000 m tief hinab. Wir eilten nicht, gar nicht, aber nach einem halben Stündchen glitten wir schon auf den Konkordiaplatz hinein, der ( wie ein menschenleerer Platz in einer Stadt ) in der Mittagsglut brütete. Die Hölzer führten uns schnell und sicher über den Sumpf zur Konkordia zurück. Jetzt war meine Gefährtin eine begeisterte Sommerskilauferin und ich aufs neue davon überzeugt, dass die Zeit zwischen Mitte Mai und Mitte Juli, besonders aber der Juni, die schönste Zeit zum Gletscherskilauf ist. Nie in all den vielen, vielen Wochen, die ich im März-April und Mai- anfang in den Berner Hochalpen verbracht hatte — nie hatte ich auch nur entfernt solchen Schnee getroffen. Gewiss — manchmal da und dort an einem Hang Firn oder in einer Mulde Pulverschnee, aber eine einheitliche Skifähre wie jetzt — nie.

So schön es war im Aletschrevier — wir fanden keine Ruhe mehr, seitdem wir das Horn hatten leuchten sehen. Und so nahmen wir denn Abschied von der « ewigen Landschaft » und rutschten am anderen Morgen über den Aletsch hinab. Der bockharte und stark gewellte Schnee zwang uns aber bald, die Skier abzunehmen.

Als wir am Märjelensee das Eis verliessen, überfiel uns das Wunder der Frühlingsblüte an den Ufern des Gletschers, ein Gegensatz, der durch das Polarbild des Gletschersees mit der damals noch starken Eisbedeckung unbeschreiblich gesteigert wurde. Ich erinnerte mich märchenhafter Bilder aus Grönland, die ich einmal in einer amerikanischen Zeitschrift bestaunt hatte. Und hier war nun dies Märchen auch zu schauen, man durfte nur zur rechten Zeit ( Mitte Juni etwa ) kommen. Mit einem Schritt stiegen wir vom Eis, mit dem andern in die Blumen. Mit dem feurigen Blauviolett von tausend und abertausend Violen und mit dem strahlenden Gelb unzählbarer Anemonen sangen sie in zauberischer Schönheit ein Farbenlied von der Lust zu leben, zu blühen — und sei es am Rande des Eises.

Es wäre verlockend, von der Landschaft am Eggishorn zu schwärmen: — Der Weg von Märjelen zum Hotel Jungfrau und dessen Lage hat, angesichts der Walliser Berge, auch meine kleine Gefährtin nach all dem Geschauten noch zum hellsten Entzücken begeistert. Oder von dem Bergwald auf dem Weg nach Fiesch hinab. Oder von der Fahrt an der ganz unbeschreiblich tosenden Visp entlang, die von 60 Gletschern ein Brauselied schmetterte. Oder vielleicht von den fabelhaften Betten des « Mont Cervin », in deren kühles, seidiges Linnen wir am Abend dieses Tages hineinsanken, wahrhaft erschüttert von den Erlebnissen, denn zu allem hin hatte meine arme kleine Freundin am Abend noch das Horn in seiner ganzen Wucht erleben müssen, von einer Gloriole silbriger Wolkenbänder umstrahlt. Mit gefalteten Händen schlief sie und lächelte leise im Schlaf.

Es wäre auch verlockend — o sehr —, zu erzählen, wie uns das Horn sozusagen innerlich zermalmte und wie dieser Dämon meiner tapferen Gefährtin bei der Ankunft auf der Spitze die Tränen aus den Augen presste. Aber wir wollen noch vom Sommerskilauf hören, wollen sie schweren Herzens heimreisen lassen und uns mit den drei « braunen Kerlen » zusammentun, die eines Tages in Zermatt eintrafen, gleich mir als « Filmleute », d.h. mit 120 bis 150 cm langen Doppellaufskiern bewaffnet: Da ist Oskar, genannt « der Eiserne », da ist sein kleiner, immer fröhlicher Bruder, der Franzi, die « Alpen-Konifere » ( lies Koryphäe ), und da ist Jackl, das Eichhörnchen.

Wir viere fuhren — Ziel: Bétempshütte, 2802 m — eines Tages von Zermatt auf den Roten Boden hinauf. Der « Häuptling » hatte gerade zu tun, den drei Neulingen die Fülle der wechselreichen Bilder zu erklären. Die meist ernst, manchmal fast hölzern dasitzenden Engländer werden wohl oft in Gedanken den Kopf geschüttelt haben, denn die vier Kerle rannten hin und her und jauchzten jedem neuen Gipfel zu, der da auftauchte. Und es tauchen halt gar so viele und gar so schöne auf. Und es war halt ein Tag mit lauter Sonne und Glanz. Wer einmal solch einen Tag auf dem Gornergrat erlebt hat, kann sich des Gedankens nicht erwehren, dass dies der Mittelpunkt der Alpen, das Herz des Gebirges ist.

Abend auf Bétemps. In Wort und Bild schon so oft geschildert. Und doch — wenn noch einer ist unter euch, der es nicht sah — eilet! Eilet!

Da sich da und dort Wolken anklammerten und Wetterzeichen mit einem Umschlag drohten, so kamen wir ratschlagend zu dem Entschluss, am anderen Tage gleich den Monte Rosa, und zwar das Nordend, zu packen. Das war natürlich ein wenig gewagt als erste Fahrt. Aber ich wusste, die Gefährten waren körperlich ( laut Weisung des Häuptlings ) durchtrainiert und voll Spannkraft wie junge Rosse, die man schon allzulange eingesperrt hielt.

Nach peinlicher Vorbereitung gingen wir schlafen und brachen dann in der Nacht schnell und sicher auf. Die Skier waren wieder quer über die Mosersäcke geschnallt, zu denen sich die Kameraden ebenfalls bekehrt hatten, wie überhaupt unsere Ausrüstung von solcher Ausgeglichenheit und Wohlerwogenheit war, dass selbst ein Mann wie der Führerobmann Biner von Zermatt deren einzigartige Vollkommenheit bewunderte. Da waren wir natürlich « stolz wie die Spanier ».

Das nächtliche Vorspiel mit Laternenlicht und Schattenlöchern ist bekannt. Der Auftakt der Sonne — an den Eiswänden des Lyskammesist zu schön, um ihn schildern zu können. Uns « fesselte » auch bald ein anderes Naturgeschehen, dem der Monte Rosa seinen üblen Ruf als « kalter Berg » verdankt und das ich einige Monate vorher im Winter schon kennen gelernt hatte: das eisige Wehen eines markdurchkältenden Windes. Er wurde mit fortschreitender Höhe und Zeit immer bissiger, immer toller, und als wir die Viertausendmetergrenze überschritten, da waren wir bereits so durchkältet, dass wir heimlich jeder mit dem Gedanken an eine Zwangsumkehr uns quälten. Ein Glück war, dass der ideale Juniharsch bretthart war bis in die Satteldohle, d.h. bis in deren Parallelmulde unter dem Bruch, der vom Silbersattel herabwallt. Dort, in etwa 4100 m Höhe, liessen wir die Skier und zogen die Eisen an, die Freunde auch die Sturmhosen und Blusen. Ich hatte die oft bewährte Überhose leichtsinnigerweise zurückgelassen und litt nun grausam unter der Sturmkälte. Wir wagten — schon allzusehr durchfroren wie wir waren — der Füsse wegen keine Rast mehr, obwohl wir Zdarskysäcke dabei hatten. Es gelang mir, durch rücksichtsloses Aufstossen der Schuhspitzen auf den Harsch, die eisigen Füsse wieder zu durchbluten. Dann rannte ich los, dem Silbersattel zu. Da ich schon etwas höhengewohnt war durch die vorausgegangenen Turen, so spürte ich fast nichts im Verhältnis zu den Gefährten, die jetzt arg nach Luft schnappten. Aber trotz Kälte und Atemnot bissen sie sich durch, hatte ich ihnen doch am Silber- sattel eine Sonnenrast versprochen im Windschatten! Dieser eisige, bissige, schnittige Nordwest durchstach uns. Man rannte, stampfte, schlug um sich, keuchte und — gefror doch zum Eiszapfen. Jackl und Franzi blieben etwas zurück. Da die wenigen, gefährlichen Spalten schon unter uns lagen, so machte uns das keine Sorge. Wir hatten nur einen Gedanken: drüben hinabflüchten, hintern Grat, in Schutz der Wächte oder Schneide! Zwar — ich sah einmal schnell zur Dufourspitze hinauf, weil mich der Eiswind an die « Saukälte » erinnerte, die meine Schwaben damals festgestellt hatten, oder ich schielte den Westgrat des Nordendes an, über den wir hinaufsteigen wollten und der vom Sturm mit einer ununterbrochenen Kette von weiss-flatternden Schneefahnen « geschmückt » war! Schöner Schmuck!

Jetzt peitschte uns der Sturm in den Silbersattel, 4490 m, hinein. Ich rannte vorwärts an den Rand des Abgrundes, der hier in die höchste Alpenwand hinabstürzt. Aber der Abbruch war so jäh, dass ich zurückprallte und keinen Einstieg wagen konnte! Dazu rechts eine Wächte und links der weit hinausgebauchte Gratkamm! Einige Sekunden stand ich da, ratlos, zornig, zitternd: Ich hatte ihnen doch eine Rast versprochen am Silbersattel! Wir konnten doch nicht einfach hier erstarren! Häuptlingsehre und -ansehen gingen flöten, wenn ich nicht für eine « sonnige, restlos windstille » Raststätte sorgte.

Ich zerrte den Eisernen hinter mir her, am Grat empor gegen das Nordend. Wir brachen ein und keuchten, von den Schneefahnen umpeitscht, empor. Wie ein ausgehungerter Geier nach Beute, so spähte ich nach einer schwachen, das heisst weniger jähen Stelle in der Ostflanke des scharfen Grates. Plötzlich erhaschte mein Blick eine solche Stelle. Ich rammte den Pickel in den sicheren Gratfirn. Bis zur Haue trieb ich ihn hinein, wickelte blitzschnell die Seilmitte drum und lief — der Sturm donnerte mit Stössen und Schneegebrüll über die Schneide — am Seil, die Eisen gegen den Hang gestemmt, hinab durch die Schneepeitschen, die über mir blieben. Urplötzlich tauchte ich in einen unfasslichen Raum der Stille und Wärme. Über mir tollte der knatternde Sturm.

Oskar hatte mir erst verwundert zugeschaut. Aber dann huschte ein breites Grinsen über sein Gesicht. Er turnte herab und lachte mich an: Wir waren geborgen fürs erste.

Und über eine Weile sahen wir droben die anderen zwei über die Schneide turnen, sahen, wie sie, unseren Spuren folgend, plötzlich den Pickel, dann uns entdeckten, wie sie mit dem Sturm rangen ( den wir hörten aber nicht spürten, so dass es war, als sähen wir das ganze unbegreifliche Ereignis durch eine Glaswand !), wie sie einen Pickel in Firn rammten und wie sie durch die Wehschleifen herabstiegen, um dann bass verwundert neben uns zu landen, zu lachen und zu grinsen:

« Mensch — Häuptling! » brüllte Franzi, « das ist g. g. K.! » Zu deutsch: « ganz grosse Klasse! » Er spricht nämlich gerne in Abkürzungen, der Franzi; Jackl aber lächelte und schwieg zufrieden wie immer.

Wir hackten und stampften Sitze in die Flanke, setzten uns nieder und sahen erst jetzt mit einer Art wohligen Entsetzens und Staunens, dass unter uns diese ungeheuerliche Ostwand des Monte Rosa, dieser vielver-schriene Canale Mannelli hinabstürzte in Tiefen — Tiefen, die durch dünne, an der Wandflucht emporjagende Nebel grundlos erschienen.

Manchmal überfiel uns der Gedanke an den jähen Wechsel wieder, und wir lachten. Ich hatte jetzt wieder lauter Trümpfe in der Hand, mit denen ich mehrere Nordends stechen konnte. Die Sonne durchspielte die Nebel und, erschöpft wie wir waren, hungrig und durstig — wir nickten allesamt ein und schliefen harmlos wie Kinder am Rande des ungeheuerlichen Abgrundes, als sässen wir im Grossvaterstuhl, den Kopf auf dem Kissen mit der bekannten roten Kreuzstichinschrift: « Nur ein Viertelstündchen. » Dann futterten wir. Nach einer stündigen Rast waren wir wieder alle in Form, nachdem der halt- und rastlose Aufstieg von 2800 auf 4500 unsere Körper ordentlich ausgepumpt hatte.

Jetzt gingen wir dem Nordend, 4612 m, zu Leibe. Durch Kugys Schilderungen hatte dieser Gipfel so eine Art Glorienschein für mich bekommen, und wenn ich ihn heute auch nicht auf dem klassisch-abenteuerlichen Ostwandwege Kugys ersteigen konnte, so war ich doch begierig, dieseauch durch die wildbewegte Nordgratgeschichte — berühmte Spitze zu erreichen.

Es kostete einige Überwindung, den wind- und schneegepeitschten Grat wieder zu betreten. Da rechts von seiner Schneide aus der Ostwand ohne Unterlass Nebel emporflatterten und die silbrige Gratscharte, die Türme und Zacken umhuschten oder mit den Schneefahnen sich mischten, so sah dieser Grat jetzt geradezu phantastisch gefährlich herab. Zudem brachen wir tief ein und standen schon nach einigen Minuten Ansteigens wieder mitten im Kampf mit den Elementen der Berge, der Kälte, dem Sturm, dem Schnee, dem Eis, dem Fels.

Ich legte ein scharfes Tempo vor, denn wenn wir allzu lange herumdokterten, dann scheiterten wir.

Der Eiserne brach tief ein hinter mir, fluchte und wollte umkehren. Da ich wusste, dass er — ein Bär — das nur sagte, weil dieser erste allzu scharfe Tag ihn ein wenig ins Hintertreffen gebracht hatte, so lachte ich einfach und stampfte weiter. Die zwei hinten folgten getreulich. Und siehe dawir wurden belohnt: Je höher wir stiegen, um so mehr Hess der Joch-sturm nach, und wenn er uns auch noch manche Schneepeitsche um die feuernden Gesichter knallte, wir sassen schon nach einer guten halben Stunde auf der Gipfelwächte und starrten in die noch vergrösserte Tiefe, staunten in die Wand hinab, durch die Zurbriggens Meisterschaft und Kugys ruhige Schneid emporgestiegen waren.

Der Abstieg wurde — husch, husch — im Nu durchlaufen, und beglückt stellten wir schon in der seltsamen Eiswelt des Bruches fest, dass der Wind fast erstorben war! Der Monte Rosa hatte den Kampf aufgegeben, ja er bot uns jetzt die Hand. Wir vertauschten die Eisen mit den Hölzern.

Jackl zeigte sich nun von dieser tollen Tur doch ein wenig mitgenommen, was man ihm nicht verargen konnte. Es sind nicht viele, die solch eine Fahrt auf den dritthöchsten Alpengipfel — als erste der Reisezeit — glatt durchbeissen.

Er stand daher ein wenig wackelig auf den « Latten ». Um so gieriger waren wir, drei begeisterte Skileute, die so ungefähr 1300—1400 m Abfahrt vor sich haben, nach einer rassigen Besteigung!

Zunächst war der Firn noch gefroren. Da aber der Firn in dieser Höhe und Jahreszeit eine tischglatte Fläche darstellt, so ist das für den Stemm-querschwinger ein Spass, zumal auf den kurzen Sommerskiern. Aber schon nach einigen hundert Metern wurde die Oberfläche führig, salzig und bald so unbeschreiblich « ölig » und « butterig », dass wir dreie jetzt im wahrsten Sinne des Wortes dahinwirbelten, glitschten, tanzten und « schwänzelten » — es war das Schönste, was ich je an Firnschnee befuhr, im schönsten Gelände, das man sich überhaupt vorstellen kann — weite Mulden oder lange glatte Hänge, ganz selten eine Spalte, der man leicht ausweichen konnte. Und so an die 1000 m hinab! Wir brüllten vor Lust, was zwar nicht schön war, aber begreiflich. Hätten wir nicht auf den erschöpften Kameraden warten müssen — wir wären leicht in 20 Minuten zum oberen Plattje hinabgeflogen. Der « Fernrohronkel » auf dem Gornergrat erzählte später begeistert, wie schön das anzuschauen gewesen und wie gut er die « Konjunktur » habe ausnützen können, denn die Gornergratbummler drängelten sich nur so herzu.

Ich dachte an unsere Abfahrt im Winter, die einfach « verheerend » gewesen war bei schauerlichem Wechselschnee aller Sorten, so dass zehn meist gute Läufer einhellig erklärten, es sehe aus, als führe eine Anfänger-schule herab.

Bei dem bekannten Spaltengebiet ob dem Plattje, wo eine Partie — die Spuren sprachen nur allzu deutlich — am Vortag tief und gefährlich eingebrochen war, da seilten wir kurz an, obzwar wir auf den Hölzern glatt drüberweghuschten. Wir hatten aber gleich genug von der Seilfahrerei und schossen bald darauf wieder ungehemmt über das Plattje hinab. Die Schneestreifen ausnützend, fuhren Franzi und ich bis 20 m vor die Hütte ab. Also geschehen am 25. Juni 1929.

Hier unten herrschte Tropenglut! Eine Weile später lagen wir in der Sonne und liessen uns rösten. Dann und wann hörte man einen im Hinduseln sprechen. Wer hingelauscht hätte, der hätte Worte gehört, begeistert ge-flüsterte, leise gejubelte Worte wie: « Mein Gott — wie schön! » oder « einfach eisern! » oder « g. g. K.! », zu deutsch « ganz grosse Klasse! », denn er spricht gerne in Abkürzungen, der Franzi.

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