Kampfleben der alpinen Vegetation

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Mit 5 Bildern und 3 Skizzen.Von Ernst Furrer

( Zürich ).

Die blumige Alpmatte bietet dem Beschauer den Anblick tiefsten Friedens, desgleichen die in Purpur prangenden Alpenrosenbüsche oder die in Felsspalten nistenden Primeln und Polsterpflanzen. Während das Völkerleben der Menschheit von Kriegsgeschrei und Waffenlärm widerhallt und die Tiere der freien Natur sich nur in ständigem Kampf durchsetzen, erweckt die Pflanze durch die Stille ihres Daseins und durch die Erzeugung herrlicher Blütenfarben und Düfte den Eindruck vollendeten Friedens.

Dem ist nicht so. Jedes pflanzliche Wesen wird von seiner Mutterpflanze als unentfalteter Keim in die Welt gesetzt, von den Blütenpflanzen als kleines Samenkorn, von blütenlosen Pflanzen, wie Farnen, Moosen, Algen und Pilzen, als winzige Spore. Auf Gedeih und Verderb sind Same und Spore den Schicksalen der Natur ausgeliefert, und gleich damit beginnt für die Nachkommen der harte Kampf ums Dasein. Denn wenn der Same sich zu einer Blütenpflanze, die mikroskopisch kleine Spore sich zu einem stattlichen Farn oder auch nur zu einem zierlichen Moospflänzchen, einem unscheinbaren Pilz oder einer dünnen Fadenalge des Brunnentroges entwickeln soll, so haben sie doch mit zunehmendem Wachstum der Umwelt Raum abzugewinnen, den auch andere Wesen beanspruchen; sie reissen Nahrung an sich, die von Mitgeschöpfen begehrt wird; und sie streben nach Licht, das Die Alpen — 1942 — Les Alpes.13 ihnen viele Konkurrenten verwehren. So ist das Leben der Pflanze von der Geburt bis zum Tod eine ununterbrochene Kette von Kämpfen, die sich zwar lautlos und daher weit weniger auffällig als unter Menschen und Tieren abspielen, aber trotzdem nicht minder erbittert sind.

Freilich sieht jeder Beobachter die Vorgänge der Natur mit eigenen Augen, von seiner eigenen Einstellung aus. Der Künstler erfasst in Wiese und Wald, in Äckern und Fluren die Harmonie schöner Farben und edler Formen. Bei Land- und Forstwirten ist der Blick auf den Ertrag gerichtet. Der Naturforscher stellt sich Probleme verschiedener Art. Er kann den Lebensschicksalen der einzelnen Pflanzen und dem Werden und Vergehen ihrer Verbände nachgehen und wird dabei feststellen, welch heftigen Kampf die pflanzlichen Wesen gegen ihre Umwelt zu führen haben, einen Kampf gegen Hitze und Kälte, gegen Mangel oder Übermass an Wasser, einen Kampf um Nahrung, Licht und Raum, im Hochgebirge dazu noch gegen Schnee und Wind und in verschärftem Mass gegen alle Unbill der Natur. Ihr Kampf wird aber nicht nur gegen die Naturgewalten ausgefochten; er richtet sich auch gegen alle Mitgeschöpfe. Wer sein Augenmerk diesem Gesichtspunkt zuwendet, dem erschliesst sich das Pflanzenleben von einer besonders eindrucksvollen Seite.

Solche Betrachtungsweisen sind nicht neu. Führende Pflanzengeographen des vorigen Jahrhunderts haben den Daseinskampf der Pflanzen und deren Rolle im Auf- und Abbau der Vegetationsdecke trefflich beobachtet und ausführlich geschildert. Ich erinnere nur an den Österreicher Anton Kerner und den Dänen Eugen Warming. Der Alpenwanderer hat im allgemeinen den Blick für diese Vorgänge weniger; denn er unternimmt seine Bergfahrten zur Erholung nach angestrengter Berufsarbeit. Doch erhöht es den Reiz eines Aufenthaltes in den Bergen, wenn die eine oder andere, auch noch so kleine Aufgabe aufgegriffen und in die Tiefe verfolgt wird. So wollen wir denn einmal den Lebensnöten der pflanzlichen Geschöpfe nachgehen und das Siegen und Unterliegen überall da, wo das Schicksal sie hinwirft, beobachten. Ich möchte daher den aufmerksamen Wanderer auf einige Bergwanderungen mitnehmen. Wir beginnen im Alpenwald, biegen in Lawinenzüge ein, queren Lichtungen und Weidegründe, die der Alpwirt für sein Vieh im Waldgebiet hergerichtet hat, und steigen alsdann über die Wald-und Baumgrenze zu den hochalpinen Matten, über Schutt und Felsen bis in die Grat- und Gipfelregion empor.

Der Alpenwald sticht von den Forsten des Mittellandes durch seine Wildheit und Urwüchsigkeit ab. Gemahnt der Buchenwald unserer Hügel mit seinem kaum durchbrochenen Laubdach an die dämmerige Feierlichkeit eines Domes, zu dessen Gewölbe die astlosen Stämme gleich Stützpfeilern emporstreben, so überrascht der Alpenwald durch die Fülle des hereinflutenden Lichts. Felszacken und Firnen blinken zwischen den Wipfeln herein. Während im Halbdunkel der Laub- und Nadelwälder tieferer Lagen nur spärlicher Unterwuchs aufkommt, ist der Boden des Alpenwaldes von üppig wucherndem Gesträuch beschlagnahmt, so von Alpenrosen, Wacholder und Heidelbeeren, häufig in zusammenhängender, fuss- bis kniehoher Decke. Selbst Grünerle und Legföhre dringen ein und machen durch ihren Wirrwarr an Stämmchen und Geäst die Begehung recht mühsam. Dazwischen ragen saftstrotzende, bis mannshohe Kräuter wie Eisenhut, Alpendost ( Drüsengriffel ) und Alpenlattich. Felsblöcke aller Grossen sind eingestreut. Felswände und Felsrippen tauchen unvermittelt auf, und Schuttströme durchziehen den Wald. Das Auge weiss kaum, an welchen von all diesen überwältigenden und sich überbietenden Schönheiten es sich satt sehen soll.

Doch nun zu unsern naturkundlichen Betrachtungen!

Wir stehen vor überhundertjährigen Arven. Eine wie die andere sind Prachtgestalten, Kraft- und Kampfnaturen, und doch gleicht keine auch nur annähernd der andern. Jede hat der jahrhundertelange Kampf mit der Umwelt gestählt und eigens geformt. Schneedruck hat wiederholt Äste geknickt oder die Krone verstümmelt; rutschender Schnee hat ihr Wurzelwerk entblösst; der Wind hat mit Schneekristallen an der Rinde gefeilt und gescheuert; Stürme haben den ganzen Baum zu allen Zeiten geschüttelt. Und trotzdem, ja eben all diesen Eingriffen zum Trotz, hat sich die Arve durch ihr langes Leben gerungen und steht im Greisenalter noch als ungebeugter Riese da.

Mitten unter diesen Arven stossen wir auf eine gewaltige Baumleiche, weich in Alpenrosen gebettet, bereits durch und durch morsch. Wenn wir da und dort den Moos- und Pilzbelag entfernen und mit der Messerklinge die Tiefe aufwühlen, entdecken wir allerlei Kleingetier, das sich hier zu fröhlichem Haushalt oder zu langem Schlaf eingenistet hat. Es krabbelt und zappelt und kriecht hier aus allen Löchern und Schlitzen heraus. Ein vielleicht zweihundertjähriger Leib wird hier zur Beute und zum Nährboden ungezählter Generationen vieler unscheinbarer Wesen, vor allem Pilzen und Kleintieren. Wirklich: was Schiller durch den Mund Attinghausens über dessen Zeiten sagen lässt, gilt gleichermassen vom Naturgeschehen: « Und neues Leben blüht aus den Ruinen. » Doch betrachten wir den Filz der Moose! Diese sind das Keimbeet von Preisselbeersträuchlein und andern Blütenpflanzen. Selbst junge Nadelhölzer keimen darin auf. So wird der Stamm, der bei seinem Sturz sicher eine grosse Bresche in den zusammenhängenden Wald geschlagen hat, ohne Zutun des Menschen vom Nachwuchs überwuchert. Über seinen Tod triumphiert tausendfach das Leben und schliesst die Wunde, die der stürzende Riese im Waldganzen aufgerissen hat. Wir wandern weiter, bald durch kniehohes Strauchdickicht, bald über weichen, federnden, moderigen Grund, und es wird uns bewusst, dass die tiefe Erde über der steinigen Unterlage ein tausendjähriges Leichenfeld sein mag, in dem pflanzliche und tierische Wesen nach einem Leben voll Freude und Kampf durcheinandergebettet und das Keimbeet neuer Generationen geworden sind.

Wir treten aus dem Wald auf eine fast ebene Grasweide hinaus. Der Älpler muss hier einmal den Wald gerodet haben, um für sein Vieh Grasweide zu schaffen. Der weiche Rasen lädt uns zu kurzer Rast ein, die wir dazu benützen, bäuchlings oder auf allen Vieren den Rasen zu mustern. Diesmal verfolgen wir nicht die geschäftigen Käfer und gefrässigen Räuplein, sondern fahnden nach Baumkeimlingen und erleben wirklich die Überraschung, dass wir in kurzer Zeit Dutzende von etwa fingerhohen Fichten-, Lärchen-, Birken- und andern Gehölzkeimlingen aufstöbern, deren Samen alle aus den umliegenden Wäldern angeflogen sind. Von den Millionen Samen, die der Wind aus den Baumkronen herüberträgt und die auch mit dem winterlichen Schneetreiben weithin verfrachtet werden, keimen ganze Scharen auf. Aber was ist ihr Schicksal? Genau wie in den Wiesen die Sense alljährlich die jungen Baumkeimlinge totmäht, so fallen sie hier gleich im ersten Lebensjahr, so lange sie noch zart sind, dem Weidevieh zum Opfer. Nur in Schlupfwinkeln um Steinhaufen und um Blöcke, wo das Vieh sie nicht gefährdet, vermögen sich diese zu halten, oft bis sie ansehnliches Buschwerk bilden. Das sind die Bollwerke des Waldes, der hier von seinem angestammten Boden verdrängt wurde und sich erneut zur Rückeroberung anschickt. Doch der Hirt baut vor. Er will seine saftige Weide nicht dem Gehölz ausliefern und reutet von Zeit zu Zeit das Gehölz. Wir aber erkennen, wie zäh der Wald sein von der Natur angewiesenes Gelände behauptet und wie er vom Menschen nur durch die Mittel seiner Kultur, mit Sense und Axt, wo nicht mit Feuer, und durch den Zahn des Weideviehs, in die Schranken zurückgedrängt wird, die der Wirtschaftsbetrieb aufrichtet.

Sinnfällig tritt uns der Eroberungstrieb des Waldes an grossen Blöcken entgegen, die etwa in das Weideland eingestreut sind. Während die Weide ringsum von Holzpflanzen gesäubert ist, krönt den Block ein Gehölzanflug. Sofern der Block für das Weidevieh unzugänglich ist, wächst das hergewehte Saatgut ungestört auf, und die Bäumchen gehen erst ein, wenn die dünne Bodenschicht den gesteigerten Lebensansprüchen des aufschiessenden Gehölzes nicht mehr genügt.

Der Wald nimmt uns wieder auf. Die Tallehne wird steiler, und wir biegen in eine Runse ein, wo jeden Winter Lawinen zu Tale donnern. Solchen Überrumpelungen hält der Wald nicht stand. Aufkeimendes Gehölz wird unbarmherzig geknickt oder entwurzelt, auch etwa von mitgerissenen Blöcken tödlich verwundet oder unter ihnen begraben. An weniger gefährdeten Stellen, namentlich im Schutz von Steinblöcken, vermag indes Gehölz aufzukommen. Sobald aber die Wipfel über den Schutzbereich hinausragen, ist es mit dem normalen Wachstum vorbei. Wird der Wipfel geknickt, so vermag sich oft ein Seitenast aufzurichten und den Wipfel zu ersetzen. Dieser Vorgang kann sich im Laufe der Jahre wiederholen. Dabei wächst der Baum einseitig aus und nimmt dichtbuschige Form an, bis vielleicht einmal der Wipfel der Gefahrzone entronnen ist und hochwachsen kann. Unser Bild gibt uns einen Begriff von einem derart kampfgebeugten Bäumchen, das aber immer noch gesund und noch lange nicht niedergerungen ist.

Der Schuttkegel am Fuss des Lawinenzuges ist für derartige Betrachtungen wieder ein dankbares Feld für sich. Der Beobachter stellt leicht fest, dass der niedersausende Lawinenschnee nach Jahren und Jahrzehnten seine Bahn ändert und dadurch der Vegetation für Eroberungszüge Gelände freigibt. Rasch bildet sich über wüsten Gesteinstrümmern ein Anflug von Grün, das sich zu einer immer dichteren, solideren Decke zusammenschliesst, bis der so gewobene Teppich den Schutt unter sich zusammenhält und auch aufkeimenden Sträuchern und Bäumen hinreichend Nahrung gewährt, so KAMPFLEBEN DER ALPINEN VEGETATION.

dass der Wald in Streifen und Inseln mitten in der Wüste eines Schuttkegels aufkommen kann.

Wir erklimmen eine in den Talzug vorspringende Gratkante. Sie ist arg dem Wind ausgesetzt, und der Wald löst sich allmählich gegen den Grat hin auf. Nur vereinzelte, zerzauste Gestalten steigen bis zuoberst empor. Es sind Fichten. Quer zur herr- schenden Windrichtung betrachtet, erscheinen sie ganz eigenartig geformt: alles Geäst ist vom Stamm nach der Windschattenseite gerichtet, als wäre es von einem Riesenkamm bearbeitet worden. Nur abgedorrte, kurze Stummel ragen gegen den Wind hinaus, und die quer in den Windstrom hinauswach-senden Äste verlaufen bogig nach der Windschattenseite zurück. Der Wind züchtet sich also seine eigenen Formen, einerseits durch die ungestüme Kraft, also mechanisch, anderseits dadurch, dass er infolge der austrocknenden Wirkung die in ihn hineinragenden Triebe zum Absterben bringt, also physiologisch. Nur auf diese Art lassen sich die seltsamen Windfahnen- fichten erklären.

Windfahnenfichten.

Nach weiterem Anstieg sind wir an der Wald- und Baumgrenze angelangt. Die Baumgrenze bedeutet im Gebirge die oberste Grenze des Baumlebens, so wie gegen die Pole hin an der polaren Baumgrenze das Leben baumförmiger Gewächse ausklingt, weil jenseits dieser Grenze die Bedingungen für ihr Fortkommen ungenügend sind. Über den geschlossenen Bestand, der an der Waldgrenze aufhört, dringen häufig einzelne wagemutige Pioniere weiter vor, weil ein Zusammentreffen günstiger Bedingungen ihnen das Aufkommen ermöglicht. Ich denke z.B. an erhöhten Windschutz im Windschatten von Felsen, an gesteigerte Wärme infolge Reflexion der Sonnenstrahlen an nahen Felsen, an günstige Verankerung der Wurzeln in tiefer Erde, die sich in einer leichten Mulde oder zwischen Blöcken hat ansammeln können. Hunderte von Samen mögen ringsum vermodert oder verdorrt sein, von Vögeln oder Mäusen verzehrt oder von Maden durchwühlt worden sein, und einem einzigen hat der Glücksfall eine Häufung freundlicher Bedingungen mitgegeben und ihm die Entfaltung des Daseins ermöglicht.

Jeder aufmerksame Beobachter sieht den äussersten Vorposten des alpinen Baumlebens den Kampf an. Oft sind es Kümmergestalten: zerzaust, geknickt, mit unvollkommenem oder viel dürrem Geäst und mit kahl gescheuerten Stammteilen, weil im winterlichen Schneegestöber die Schneekristalle am Holz fegen. Oft aber überraschen gerade die obersten Bäume als wahre Kraftgestalten, namentlich die Arven, dank ihrer Lebenszähigkeit der erhabenste Ausdruck des Siegeswillens im Bereich der alpinen Baumgrenze.

Es ist verständlich, dass die Wald- und Baumgrenze durch Eingriffe des Menschen leicht herabgedrückt wird; denn in einer Lage, wo das Lebewesen nur mit dem Einsatz der äussersten Lebensenergie sich durchzusetzen vermag, geben auch die geringsten Benachteiligungen rasch einen Ausschlag nach unten.

Schon liegt die Waldgrenze tief unter uns. Gipfel mittlerer Höhe treten im Bild der uns umgebenden Bergwelt immer bescheidener zurück; während die hochragenden, selbst in weiter Ferne, immer eindruckvoller die Gebirgsumrahmung beherrschen.

Uns entzückt ein blumiger Rasen. Herrlich, diese grossen, vielfarbigen Blüten dicht gedrängt über das saftige Grün verstreut zu sehen. Wer ihn nie geschaut, nie in Musse in sein Auge aufgenommen hat, der hat bestimmt in seinem Leben etwas vom Schönsten verpasst. Es verlockt uns, gleich einige entwicklungsgeschichtliche Betrachtungen anzuknüpfen. Dieser Rasen, so wie er sich unserem Auge offenbart, kann nicht seit ewigen Zeiten hier bestanden haben. Alles im Weltall ist Werdendes und Gewordenes. Auch die Berge sind geworden, und wo die Alpen sich heute erheben, war vor Jahrmillionen ein Meer. Aber so weit zurück brauchen unsere Gedanken nicht zu schweifen. Wir wollen uns nur mit dem grünen Kleid der fertig gebildeten Berge befassen. Der Berg aber erfährt fortwährend Veränderungen. Täler furchen sich ein; am Fuss der Felswände baut herabstürzendes Gestein sich Schuttkegel auf; Gletscher stossen vor und schaffen geschliffene Rundhöcker, die sie nach ihrem Rückzug nackt und schuttübersät wieder freigeben. In Vertiefungen füllen Schmelzwasser und Quellen kleine Tümpel und Seelein. Überall in dieser vielgestaltigen Bergwelt sucht die Vegetation Wurzel zu fassen und trotz allen Rückschlägen siegreich vorzudringen.

So muss denn da, wo heute ein unversehrter Rasenteppich sich dehnt, einst wohl ein Blockfeld, ein Gletscherschliff, ein Schuttfächer oder sonst-weiche Gesteinsunterlage gewesen sein. Wie ist darauf dieser vollkommene Rasen nur geworden? Sicher nicht plötzlich, sondern schrittweise in ganz allmählicher Besiedelung. Diesem Werdegang wollen wir in den Hauptzügen nachgehen.

Wir suchen einen Rundhöcker auf, einen vom Gletschereis geformten und geschliffenen Felsbuckel. Er ist nicht ganz so unversehrt wie eine umgekehrte Porzellanschale. Seine Oberfläche weist Risse auf, teilweise fein wie Fäden, gelegentlich aber so breit und tief, dass wir den Finger hineinbohren können.

Diese Risse sind zweierlei Art: entweder sind es Schichtfugen oder dann Gletscherschrammen, die der Gletscher, der darüber hinweggeglitten ist, durch mitgeführte Steine hineingekratzt hat. Meistens kreuzen sich diese Risse, und besonders an Kreuzungsstellen wittern grössere und kleinere Gesteinsbrocken aus. In diesen Wunden des Schliffs nisten sich gewöhnlich zuerst Pflanzen an und breiten sich von hier aus besonders den Schichtfugen, auch den Schrammen entlang weiter aus, sofern sie für die Bewurzelung geeignet sind. Haben sich einmal zahlreiche Felspflanzen angesiedelt, so schreitet die Besitzergreifung des Rundhöckers durch die Pflanzen planmässig weiter. Mit zunehmender Abwitterung, an der vor allem auch Bakterien, Algen und Flechten mitwirken, finden die Ansiedler immer neue Nistplätze. Namentlich gewisse Gräser, die sich zu dichten Horsten entwickeln, und kriechendes Zwerggesträuch wie Silberwurz ( Dryas ), Gipskraut ( Gypsophila repons ) und eine Weide ( Salix retusa ) überdecken in Flächen bis zu Quadratmetergrösse das nackte Gestein und nehmen zwischen den Maschen ihres Astgeflechts neue Rasenbildner in sich auf. Haben einmal wirkliche Rasenpflanzen sich darin festgesetzt, so ist es um diese Erstansiedler geschehen. Der Rasen dehnt sich erbarmungslos auf deren Kosten aus, erstickt sie und ergreift endgültig vom Felsuntergrund Besitz.

Auch auf Blockfeldern und Gehängeschutt nimmt die Besiedlung Schritt für Schritt ihren Fortgang. .'Während auf Blockfeldern dem Zwerggesträuch eine massgebende Rolle für die Erst-besiedelung zufällt, haben auf dem Gehängeschutt, den sogenannten Geröllhalden, gewisse Gräser an den ersten Besiedelungsstadien einen hohen Anteil. Sie bringen das rutschende Gestein zwar nicht völlig zum Stehen, bremsen aber das Tempo der Abwärtsbewegung ganz wesentlich und ermöglichen daher all jenen Arten, die dem ruhenden GesteinSchuttstauendes Gras in angepasst sind, die Ansiedlung. Dadurchder Geröllhalde, können grosse Schutthalden der Über- wachsung entgegengeführt werden. Es ist für den Fachmann eine reizvolle Aufgabe, die Überwachsung des Gehängeschuttes unter verschiedenerlei Vorbedingungen zu verfolgen: in verschiedener Meereshöhe, auf Kalk und Urgestein, an sonnigen und schattigen Halden, bei ungleicher Korngrösse. Jedesmal wechselt das Bild der kommenden und gehenden Arten, von den ersten Ankömmlingen, die sich kühn im trostlosen Schutt festsetzen, bis zu den dauernden Bestandteilen des geschlossenen Rasens.

So betrachtet, erscheint uns jedes Stück Vegetation als Glied eines gesetzmässig verketteten Entwicklungsgangs. Ob es Pioniere auf Neuland sind, ob es spätere Ankömmlinge und Eindringlinge sind, die die Erstansiedler aus dem Feld schlagen, ob es ein dritter und vierter Nachschub ist, der die vorausgegangene Vegetation austilgt und siegreich über sie hinwegschreitet, immer tritt uns das Bild unerbittlichen Kampfes entgegen, nicht nur der Arten untereinander, sondern dazu in ihrer Selbstbehauptung gegen die feindlichen Naturgewalten. Wo einer Pflanze das Dasein geschenkt ist, da entfesselt sich dieses Ringen, von den üppigen Tropen bis in die Arktis und die oberste Gipfel- und Gratregion unserer Berge. Entscheidend für den Sieg sind immer nur die Fähigkeit der Anpassung an die gebotene Umwelt und der Einsatz einer unverwüstlichen Lebenskraft.

Wir mögen dieses Geschehen im Pflanzenleben verfolgen, wann und wo wir wollen, immer wird uns gewiss, dass das Schicksalshafte der bezeichnende Zug alles Werdens und Vergehens ist. Je vertiefter unsere Betrachtung, desto mehr befestigt sich diese Einsicht. Warum sollten wir uns dagegen auflehnen? Der Naturforscher soll und darf nicht vorgefasste Meinungen KAMPFLEBEN DER ALPINEN VEGETATION.

in die Natur hinaustragen und in ihr sehen, was ihm persönliche Wunschträume eingeben. Seine Pflicht ist, die Vorgänge in der Schöpfung so zu erfassen, wie sie sind, unabhängig von seiner engern menschlichen Einstellung. So haben wir erkannt, dass Kampf allem Leben zugrunde liegt. Ohne Kampf kein Leben; durch Kampf zum Leben. Der Sturmwind, der heute über Europa braust, ist im Grunde dasselbe: der Ausdruck unbezähmbaren Lebenswillens. Wie in der Besiedelungsgeschichte des Alpenwaldes und der Alpenmatte, so war in der Geschichte der Menschheit in Zeiten des Umbruchs immer Kampf die Losung. Die grossen Umwälzungen unserer Zeit sind uns lediglich eine Bestätigung der Geschichte, sofern wir diese richtig lesen. Mag der Einzelne von dem schmalen Boden seines Daseins aus die Formen oft missverstehen und verurteilen, so ist doch eben dieser Kampf in seiner stauende Grastreppen im Gehängeschutt.

elementaren Gewalt der Ausdruck unbändigen Lebensdrangs mit dem Ziel, sich Lebensraum zu verschaffen und sich neue Quellen der Ernährung zu erschliessen. Der Schwache, ob Einzelwesen oder Völkerschaft, wird zurückgedrängt. Sein Schicksal ist Verkümmerung und Tod. Der Starke kämpft sich zur Beherrschung durch. Die Natur kennt weder Nachsicht noch Mitleid. Sie kennt nur Kampf und als dessen Ergebnis Sieg oder Niederlage.

Literatur.

Nachstehende Veröffentlichungen enthalten grössere zusammenfassende Darstellungen über das Werden und Vergehen unserer Vegetationsdecke. Sie sind reich illustriert und weisen auf viele weitere Arbeiten dieser Studienrichtung hin.

Braun-Blanquet, J., Pflanzensoziologie. Berlin 1928. Seiten 262—294.

Furrer Ernst, Kleine Pflanzengeographie der Schweiz. Zürich 1923. Seiten 65-72 und 222-271. Zweite Auflage erscheint demnächst.

Lüdi Werner, Die Methoden der Sukzessionsforschung in der Pflanzensoziologie. In: Handbuch der biologischen Arbeitsmethoden, Abt. XI, Teil 5, Berlin und Wien 1930. Seiten 527—728.

Ferner ist im Jahrbuch 51 des S.A.C. ( Jahrgang 1917, S. 128 ) vom Verfasser ein illustrierter Aufsatz « Vom Werden und Vergehen der alpinen Rasendecke » erschienen.

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