Karl Bickel

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Von Felix Moeschlin.

Karl Bickel ist kein Alpinist im üblichen Sinne. Auch als Maler nicht. Aber er ist mit den Bergen zusammengewachsen. Man kann sich Bickel gar nicht ohne die Berge denken. Ohne eine bestimmte Bergkette im besonderen. Ohne die Churfirsten zwischen dem Walensee und dem Toggenburg. In einer Krankheit, in einer Genesung, da er in einem Sanatorium lag und zu ihnen emporschaute, wurden sie ihm zum Erlebnis. Ein für allemal. Wohl konnte er danach noch nach Zürich zurückkehren, konnte damals noch eine Weile so tun, als ob er ohne diese Wände und Flühe leben könne. Er konnte auch Modefiguren zeichnen und Plakate malen. Bis er eines Tages in der Stadt ganz einfach nicht mehr atmen konnte. Bis er in seine wahre Heimat hinauf musste, um sich dort oben ein Haus zu bauen. Ein Haus, das wie ein Tempel begann und nicht ganz fertig wurde. Ein Haus mit Zyklopenmauern. Zu Füssen seiner geliebten Felswände. Auf Schrina Hochruck, hoch über den andern.

Es gibt Maler, die dieses und jenes malen. Es gibt Maler, die alles malen können. Sie geben sich heute diesem Dinge hin und morgen jenem. Bickel hat etwas Mönchisches in der Beschränkung, die er sich auferlegt. Auch wenn er die Liebe malt. Er bohrt sich ein, er ist wie besessen. Eine Technik allein genügt ihm nicht. Er zeichnet, er nimmt den Rötel, er sticht in Kupfer- und Stahlplatten, er malt. Er variiert immer wieder das gleiche Thema. Er kann sich nicht genug tun. Er gibt sich nie zufrieden. Er kehrt immer wieder zu diesen Felswänden zurück. Vielleicht wird er bis an sein Lebensende nichts anderes malen und stechen und zeichnen als diese Berge, diese Churfirsten. Sie sind auch gross und monumental genug, um ein ganzes Leben zu füllen.

Ich habe noch bei keinem Maler ein solches Verwachsen von Natur und Mensch gesehen. Die Felsenberge werden schliesslich ganz in ihn eingehen. Er wird selber wie ein Fels werden, ein verlebendigter Fels. Man wird vom Walensee aus nicht mehr zu diesen Bergen emporschauen können, ohne an Bickel zu denken. Sie werden sein Denkmal sein, wenn er einmal tot ist, wie er ihnen heute ein Denkmal setzt in seinen Stichen und Bildern. Hoffentlich noch in vielen Stichen und Bildern. Denn er ist noch kein Fünfziger. Er hat die besten Schaffensjähre erst noch vor sich. Er hat ja mit dem Malen sozusagen erst begonnen. Er geht seinen eigenen Weg. Er ist die Einsamkeit gewöhnt. Selten steigt er herunter von seinem Berg. Ich kann mir die Zeit denken, da er nicht mehr heruntersteigen wird. Da es ihm bei uns unten ein für allemal zu eng, zu kleinlich und zu dreckig sein wird.

Er hat als ein Handwerker der graphischen Künste begonnen. Vorher hatte er zwischen Stift und Maschinen geschwankt. In der Präzision der Maschinen ist ja auch etwas von der Glätte und Wucht des Steines. Doch dann hat er alles Können des Zeichnens, des Stechens, des Lithographierens in seine Finger aufgenommen. In diese harten, kräftigen Finger und Hände, die so zart sein können, doch auch so entschieden, so unbeirrt, so ohne Zittern, wenn er den Stichel führt. Dieser Mann tut das Feinste und das Gröbste. Er hat selber die schweren Steine gewälzt, als er baute. Er hat mit dem Meissel als ein Bildhauer die Fliesen vom Steine geschlagen. Je härter der Stein, um so besser. Er liebt die Härte. Um an ihm seine Kraft zu erproben. Wenn ihm das Malen nicht genügte, entwarf er mächtige Architekturen, die etwas von Bergen an sich hatten. Wie ja auch die Pyramiden den Churfirsten nahe stehen. Vielleicht schafft er noch einmal etwas Gewaltiges, das wir nur ahnen können. Wer weiss, was er da oben alles sinnt und schaut?

Wenn man ihm unverhofft begegnet, könnte man ihn für einen Älpler halten. Für einen Älpler mit Holbein im Hintergrund. Für einen Älpler mit einem sehr scharfen Blick für die Schäden unseres sozialen Gefüges. An seinem Arbeitstisch hat er die ganze Frömmigkeit eines mittelalterlichen Holzschneiders. Man empfindet bei ihm die gleiche Atmosphäre wie im Dürerhaus zu Nürnberg. Er hat eine unbeirrte Beharrlichkeit. Er erinnert mich in seiner Haltung oft an Hodler. Es ist sicherlich kein Zufall, dass er beim Tode Hodlers das schönste Nachwort geschrieben hat.

Eine Zürcher Dachkammer war früher sein Atelier. Dort malte er ein Bild, nein, er zeichnete es vorerst nur mit Rötel, das viel grösser war als die Kammer. Er konnte es immer nur stückweise aufrollen. Nun hat er glücklicherweise mehr Platz. Aber ich kann mir denken, dass er von immer noch grösseren Bildern träumt. Warum hat man ihm noch nie eine grosse Wand gegeben, um sie zu bemalen? Das müsste man tun. Dann erst wüsste man, was Karl Bickel ist.

Da oben in den Bergen steht er und zeichnet und malt. Ich seh ihn nicht mehr oft. Aber jedesmal, wenn ich an ihn denke, da ich einen seiner Stiche anschaue, geht eine Freude durch mich. Es ist so schön, zu wissen, dass einer ein ganzer Mensch ist, zu einer Zeit, da es so viele halbe Menschen gibt. Und es dünkt mich, dass vor allem die Freunde der Berge, die Kletterer und Unerschrockenen, diesen Künstler lieben müssten!

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