Kleine Innerschweizer Haute Route

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Mit 1 Bild ( 147Von Alfred Huber

( Schaf f hausen ) Ein prächtiger Frühlingstag ersteht über den Bergen. Mit vollbepackten Säcken wandern wir durch das blühende Erstfelder Tal aufwärts. Vier Ferientage liegen vor uns und mit ihnen ein ganzer Strauss bunter Ferienpläne...

Herrlich ist der Aufstieg aus den grünen Wiesen hinauf zu den winterlichen Hängen im Talhintergrund. Auf halbem Wege wenden wir nach links, um einen mächtigen Lawinenkegel zu erklimmen. Spitzkehre um Spitzkehre! Der Schnee aber lässt unsere Herzen höher schlagen: eine leichte Sulzschicht liegt auf harter Unterlage.

Steil zieht sich der Weg über die Hänge der Ellbogenalp. Erlenbüsche und Alpenrosenstauden sind noch tief verschneit. Unaufhörlich donnern aber hinter unserm Rücken gleich tosenden Sturzbächen gewaltige Lawinen von den Sonnigstöcken, vom Geissberg und über die Flühe der Schlossbergsüdwand. Dort kehrt der Frühling ein! Unsere schweren Säcke drücken. Eine letzte Anstrengung, dann eine stiebende Abfahrt — und da ist sie schon, die freundliche Kröntenhütte!

Es ist noch früh am Nachmittag; verlockend leuchtet die Sonne. Wir sind daher rasch entschlossen, das erste Teilstück unserer Pläne anzupacken: die Krönte. Allerdings ist der Schnee über Mittag recht weich geworden. Wir lassen aber alle Lasten in der Hütte zurück, so dass das Steigen zur Freude wird. Zuerst durch steile Hänge, dann über die weiten Felder des Glattenfirns führt unsere Spur aufwärts, dem Gornerenpass entgegen. Mit zunehmender Höhe dreht ein frischer Wind auf, und müde verkriecht sich die Sonne hinter fahlem Gewölk. Was kümmert 's uns! Eine Stunde ist vorbei, dann eine zweite. Kurzes Atemschöpfen auf der Passhöhe, 2931 m. Zum Greifen nah winkt der Gipfel. In einer windgeschützten, sicheren Felsnische lassen wir die Ski zurück. Der Aufstieg über den Grat, bald über Blöcke, bald auf aperem Grusboden, bald über Schneeflecke, ist eine Freude von besonderer Art. Denn Wind pfeift durch das Gestein, Wolken gehen über den grauen Himmel, und irgendwo leuchten ferne Berge im Sonnenschein.

Der Grat zieht sich weiter, als wir gedacht. Unsere Karte, die wir eben noch in der Hütte betrachtet haben, vermittelt keine gute Vorstellung. Sie lässt nämlich als Westflanke der Krönte eine Firnkuppe von regelmässiger Steigung erwarten. In Wirklichkeit aber zieht sich ein im Sommer völlig schneefreier Rücken zuerst auf den markanten Vorgipfel und von dort hinüber zum Hauptgipfel mit seinen beiden Türmen. Der letzte Aufschwung ist gar nicht leicht zu nehmen, denn eine Eiskruste bedeckt teilweise die Felsen. Nur ein einziger, aber weiter Schritt trennt den Gipfel vom Grat. Durch eine enge Spalte finden wir einen Durchschlupf. Krönte, 3110 m! Welch überraschender Tiefblick nach Erstfeld, wo wir vor wenig mehr als sieben Stunden aufgebrochen sindDie Viertelstunde auf dem Gipfel, was könnte ihr gleichkommen? Lawinen donnern in den Tälern zu unsern Füssen. Die Bergschatten wachsen in die Länge. Blass und unwirklich steht die Sonne im Bleigrau des Himmels. Was wohl morgen sein wird? Gleich einem sprungbereiten Urtier lauert im Süden die dunkle Föhnwalze; tief stecken die Gotthardberge in den Wolken. Vom Spannort her kämpft sich der Westwind heran, und unheilverkündende, dunkle Wolkenbänke segeln als Riesenschiffe über dem Mittelland. Einzig im Osten leuchtet heller Himmel, und als glänzende Götterburg schimmert die Bernina aus dem Dämmer herüber.

Schnell sind wir zurück beim Skidepot. Rasch sind die Bretter angeschnallt, und dann los! Was hat es für einen Sinn, die stiebende Abfahrt über den Glattenfirn zu beschreiben? Was nützt es, von der Lust zu berichten, mit welcher man sich in die steilen Hänge wirft, um Bogen an Bogen zu reihen? Wer diese Stunden nie erlebt hat, wird nie verstehen, wie herrlich dieses gelöste Dahinfliegen ist! Nur zu bald stehen wir aufatmend vor der heimeligen Hütte, aus deren gastlich geöffneter Türe köstlicher Duft strömt und von anderen Herrlichkeiten verkündet.

KLEINE INNERSCHWEIZER « HAUTE ROUTE Halb 3 Uhr. Wir fragen uns: Ja oder nein? Die ganze Nacht hindurch hat der Föhn an den Laden gerüttelt und im Kamin gestöhnt. Ein Blick aus dem Fenster: Wolkenfetzen ziehen in eilender Hast über die Berge. Blass leuchtet der Vollmond und wirft ein unbestimmtes Licht auf die Schneefelder. Wagen wir es!

Stunde um Stunde treten wir schweigsam in den Schnee, der im Widerschein des Mondlichtes schimmert. Die unsichere Wetterlage bedrückt uns; zuweilen jagt eine Windbö scharfe Graupeln ins Gesicht. Spannortjoch! Es ist Tag geworden. Drei Stunden sind wir unterwegs. Blassblauer Himmel leuchtet zwischen den ziehenden Wolken: nun wird doch noch alles gut werden.

Scharfer Westwind fegt über die ausgesetzte Lücke, wie wir von der bekannten Spannortroute abzweigen und « Neuland » betreten. Hart am Nordfuss des Kleinspannort suchen wir einen Weg westwärts. Jäh senkt sich hier der Gletscher in das tiefeingeschnittene Tal von Engelberg; herrliche Tief^blicke in die noch dämmrigen Niederungen! Bei uns oben liegt stellenweise blankes Eis in den Steilhängen. Wir halten uns deshalb immer dicht unter den Felsen. Auch die zahlreichen Schrunde lassen sich hier am besten umgehen. Doch schon sind wir darüber hinweg und stehen auf dem freien Plateau zwischen Kleinspannort und den Bärenzähnen. Welch überwältigende Rundsicht! Da liegt das Tal von Engelberg mit seinen weit verstreuten Hütten; da ist das Mittelland weit draussen; da steht der Jura als blasse Mauer am Horizont; da liegt das Meiental zu unsern Füssen; hinter ihm aber stehen sie Gipfel an Gipfel, die Berge vom Sustenhorn, Dammastock, Galenstock; im Hintergrund schimmern die Berner Alpen. Ein selten schöner Fleck Erde — um so schöner, als wir wissen, dass er nur selten besucht wird.

Über den Kühfadstock ( P. 2940 ) wagen wir uns auf den schmäler werdenden Grat hinaus, um den Weiterweg zu erkunden. Rechts herum! Sorgsam fahren wir mit unseren gewichtigen Säcken über den Firn auf der Nordflanke des Berges. Und wirklich: da ist der Durchschlupf nach Westen. Breite Firnfelder öffnen sich, sobald wir über eine Kante gefahren sind. Allerdings gähnen da und dort Spalten, so dass wir uns entschliessen, das Seil zu verwenden.

In wenigen Augenblicken stehen wir knapp nördlich unterhalb der Bärengrube, einem wenig bekannten Übergang vom Meien- ins Engelberger Tal. Wild türmen sich Zacken um uns, ragen zerrissene Firne über den beiden dunklen Tälern im Süden und Norden!

Vor uns schwingt sich der Grassengrat empor. Mit Ski sind seine Bastionen unbesteigbar. Es gibt keine andere Möglichkeit, als sie, immer so hoch als möglich querend, auf der Nordseite zu umgehen. Der Firn ist zuerst schwach geneigt. Plötzlich stehen wir aber auf der Höhe der Scheidegg, des Grenzkammes zwischen Unterwaiden und Uri, der vom Grassengrat nach Norden absinkt, und gewahren mit Überraschung, dass auf der andern Seite steile Flühe zum Grassengletscher hinunterschiessen. Zwischen ihnen klafft eine schneegefüllte Rinne Etwas mühsam stapfen wir mit geschulterten Ski das steile, aber ungefährliche Couloir abwärts. In wenigen Minuten stehen wir am weiten Becken des Grassengletschers, der von den Wänden des Grassengrates in jähem Schwung hinuntersinkt und unvermittelt über Felswänden abbricht, um erst tief unten in den Erlenhängen der Herrenrüti eine Fortsetzung zu finden. Etwa in seiner Mitte wird der Firn von oben nach unten, das heisst in der Fallinie, durch einen markanten Felsgrat geteilt. Diesen Kamm werden wir überqueren oder unten umgehen müssen. Um unnötigen Höhenverlust zu vermeiden, entschliessen wir uns, ihn zu überklettern. Auf etwa 2700 m Höhe, unmittelbar unter den nicht begehbaren Felswänden und Eisabbrüchen des Grassengrates, weist dieser Sekundärgrat eine deutlich ausgeprägte Scharte auf. Ein roter Gendarm scheint daneben Wache zu halten. Dort hinüber zieht sich unsere Spur. Dann und wann geht ein staunender Blick aus den steilen Hängen hinaus in die Tiefe oder hinauf zu den Zacken hoch oben im Himmel.

Die Scharte lässt sich nicht kampflos erobern. Eine Wächte krönt den Übergang, deren Überwindung im tiefen Lockerschnee einige Schweisstropfen kostet! Aber alles gelingt nach Wunsch, und frohe Jauchzer gehen in die Runde. Dann spähen wir nach der andern Seite, ob ein Weiterkommen möglich sein wird. Ja! Ein steiles und langes, aber begehbares Couloir sinkt zwischen den Felsen auf die Westhälfte des Gletschers hinunter.

Es ist 9 Uhr. Wir haben weder auf Zeit noch auf Wetter geachtet. Jetzt aber wollen wir Rast halten! Gleich einem Adlerhorst klebt unser Sitz hoch über den Gletschern und Tälern, aus denen dumpf, unwirklich fern, das Rauschen der Wildwasser heraufsteigt.

Den Rücken an den roten Gendarm gelehnt, die Füsse in die Rundung der Windhohlkehle gestemmt, sitzen wir auf unseren Brettern und geniessen die einsame Stunde. Graue Schlieren sind inzwischen wie ungeheure Tücher über den Himmel gezogen. Warm lastet die Luft über dem Land — Föhn ist im Spiel!

Wieder schultern wir die Ski, um durch die schmale Rinne auf den Gletscher hinunterzusteigen. Und wieder queren wir die mächtigen Hänge, über denen hoch und steil der Grassengrat steht. Hart westlich von dessen höchster Spitze, dem Stössenstock, zieht sich eine Firnrinne bis auf eine Lücke im Grat. Westwärts davon zieht sich eine Felswand durch den ganzen Nordhang bis hinunter zur Herrenrüti und verwehrt jeden anderen Ausweg. Eben nähern wir uns dem Fuss der Firnzunge, als weisser Nebel durch die Lücke über unsern Köpfen quillt und einen undurchdringlichen Schleier um Menschen und Landschaft schlägt. Doch können wir nicht mehr fehlen. Der Schnee ist knietief locker, so dass wir es vorziehen, die Ski in der Falllinie durch die Rinne hinaufzutragen. Mühsam ist die Arbeit, denn die Schuhsohlen finden kaum Halt. Doch dann taucht die Scharte dunkel aus dem Nebel auf und alles ist gut! Wind und Schneegewirbel fallen uns wütend an. Unsere Freude über den gelungenen Durchgang vermögen sie aber nicht zu trüben! Mit klammen Fingern schnallen wir die Bretter wieder an, um zuerst tastend nach dem flacheren Stössenfirn auf der Südseite des Grassengrates abzusteigen. Der Nebel zwingt uns, immer längs den Felsen der Wichel-plank und Murmelplank zu bleiben. Zischend schneiden die Ski durch die frisch gefallene Graupelschicht — bis auf einmal der Nebel ein Ende hat und weit unten auf einem Felssporn die Sustlihütte sichtbar wird. Ein Jauchzer, eine Schussfahrt, noch eine und noch eine, und wir sind unten, allein mit dem kleinen Haus und dem Schnee, der leise aus den nahen Wolken fällt.

Um halb 3 Uhr klingelt der Wecker. Halb hoffnungsvoll, halb misstrauisch spähen wir in die Nacht: Sterne funkeln! Im Nu sind wir auf den Beinen. Eine Stunde später schon wandern wir im ersten Frühlicht dem Stössensattel entgegen. Wer kann sie beschreiben, diese Augenblicke, da der Tag über den Bergen erwacht, da langsam die Sterne erblassen und blau der Himmel über den ungezählten Spitzen ersteht! Wir schauen und schauen und fühlen das überwältigende Glück des Bergsteigers, der im Alleinsein mit der grossen Natur nur noch schweigsam werden und still bewundern kann. Hei! Welcher Ausblick von der Höhe zwischen Grassen und Stössenstock auf die Täler gegen die aufgehende Sonne! Welches Farbenspiel in der ruhig gewordenen Atmosphäre!

Prächtig ist die Abfahrt über den Nordhang des Grassen, zwischen klaffenden Spalten hindurch zum imposanten Absturz des Titlis. Zur Linken öffnet sich der Wendengletscher, hinter dem gross und unnahbar die Berner Riesen stehen. Welche Schussfahrten über den weiten Firn! Schwung an Schwung, dann wieder lange, gerade Strecken — so flitzen wir längs der mächtigen Titliswand westwärts. Kurz vor dem Abbruch des Gletschers queren wir bis hart unter die Wand, die noch im Schatten schlummert. Wenn ein Durchgang ist, dann hier: über uns Hunderte von Metern glatter Wand, unter uns steile Firnbänder über Felskaskaden, tief unten der Talboden — die Wahl ist schnell getroffen. Etwa hundert Meter steigen wir auf abschüssigem, schneebedecktem Band schräg abwärts. Vorsicht ist angebracht, denn unter dem Schnee liegt eine eisähnliche Hartschicht, Steine sind eingefroren und Eisplatten bedecken die Felsen. Die langen Bretter auf dem Rücken mögen uns zwar etwas hindern, aber mit der notwendigen Sorgfalt gelangen wir gut hinüber. Eine Schneehalde führt zu den Felsbändern am Schwarzenberg unmittelbar unter dem Kleingletscherli; wieder folgt eine Kletterei. Zuerst links, dann rechts vom rinnenden Schmelzwasser klimmen wir über feuchte Felsen aufwärts. Rasch und mit Leichtigkeit gewinnen wir an Höhe. Nur da und dort müssen wir dem Vordermann die Ski auf den nächsten Absatz hinaufreichen. Wasser stiebt von den Wänden, die unter den Strahlen der Sonne zu glucksendem und perlendem Leben erwacht sind.

Kleingletscherli: zwischen den Felsbastionen von Titlis und Wendenstöcken liegt die grosse Mulde dieses Firns, den wir in so grosser Ausdehnung da oben gar nicht vermutet hätten. Mit angeschnallten Brettern wandern wir über seine weiten Felder aufwärts, während unsere Jauchzer melodisch von den hohen Wänden widerhallen und vielfach zurückgeworfen werden.

Noch ist eine weitere Knacknuss aufzubrechen: der Zugang zum Titlis- joch liegt tief zugeschneit. Nur eine schmale Rinne zieht sich zwischen hohen Fels- und Schneewänden aufwärts, um unter einer Wächte zu enden. In kurzen Spitzkehren und zuletzt zu Fuss in der Fallirne stapfen wir aufwärts.

Der Schweiss rinnt, doch über uns lockt der leuchtend weisse Grat unter einem unfasslich blauen Himmel.

Ohwelche Fernsicht, welches Schauen von der Höhe des Grates! Geblendet schliessen sich die Augen ob diesen glitzernden Reflexen auf den Firnfeldern, die breit über blau schimmernden Abbruchen liegen. Und dort drüben, sieh: lange Menschenkolonnen winden sich auf dem gewöhnlichen Weg vom Trübsee hinauf zum Gipfel des Titlis, dessen behäbiger Rücken geruhsam über der violettgrünen Dämmerung der Tiefe thront.

Interessant und voll Überraschungen ist der Aufstieg über den Westgrat. Schmale Wächten, steile Felsgrate, Wandstellen, dann wieder breite Firnrücken — mit vor Freude hämmerndem Herzen klettern wir unter der leuchtenden Sonne gegen den Gipfel. Kurz vor dem Ziel stossen wir auf die Normalroute zu den vielen, ungezählten Skifahrern, die bald behaglich, bald in Eile keuchend, jeder nach seinem Temperament, in die Höhe streben.

Titlis! Eine unglaublich klare Sicht in die Berge, zum Matterhorn, zum Monte Rosa, ins wolkenbedeckte Italien, zu den Bündner Bergen, zum Säntis und hinaus ins weite Mittelland! Die Seen in der Tiefe, die schimmernden Sonnseiten der Spielzeughäuser, die schlafenden, grünen Wälder an den Hängen — und hier oben eine Fülle von Licht und Glanz, dass wir fast wie betäubt sind. Lange liegen wir in der Sonne und lassen uns durchwärmen. Dann kommt der lang ersehnte Teil, die Abfahrt! Wohl ist der Schnee stellenweise stark aufgeweicht und schwer. Aber wir meistern ihn triumphierend und reihen Schwung an Schwung, bald in langen Kehren oder schmalen Zapfenziehern, bald in weiten Schüssen, hinüber und herüber, zwischen den letzten aufsteigenden Gästen, die mit dem Handrücken den Schweiss von der Stirne wischen und uns voll Interesse nachblicken.

Bis hart zur Terrasse von Trübsee gleiten wir auf schmalen Schneeflecken, zwischen duftendem Gras und harzatmenden Legföhren. Die Plattform vor dem Hotel wimmelt von lachenden, fröhlichen Menschen! Uns aber trägt die Bahn über blühende Alpweiden hinunter nach Engelberg. Es ist schwül-heiss im Tal. Im Schatten einer Gartenwirtschaft lassen wir es uns wohl sein, verpacken die nicht mehr benötigte Ausrüstung für die Post und löschen den brennenden Durst.

Gegen Abend schultern wir unsere Bretter und Säcke.Vier Stunden Aufstieg sind noch zu erledigen, und uns graut gelinde davor. Ruckhubelhütte — sie winkt weit oben am Horizont. In der kühlen Abendluft steigen wir aber leichter, als wir gedacht. Hin und wieder setzen wir uns ins duftende Alpgras, um hinauszublicken zu den Wolken und Bergen über dem Tal. Dann folgen Schneeflecken und Sulzschnee. Und endlich sitzen wir am Tisch, bei dampfender Suppe und erfrischendem Tee. Die Hütte ist vollgepfropft mit Gästen. Wie anders sind wir gestern abend eingekehrt!

Wieder ist es früher Morgen, wie wir losziehen. Das Wetter hält sich ausgezeichnet: makellos reiner Himmel steht über der Welt der Berge. Unternehmungslustig gleiten wir in der kühlen Morgenluft über die hartgefrorenen Schneefelder, am Rotgrätli vorbei ostwärts. Zwischen Wyssigstock und Rot- KLEINE INNERSCHWEIZER « HAUTE ROUTE » stock führt eine breite Lücke hinein in ein Meer von Licht, in die Strahlen der aufgehenden Sonne. Der Blümlisalpfirn gleisst und blendet; gewaltig ist der Kontrast zum dunklen Isental, das noch in der Morgendämmerung schläft!

Auf hartem Schnee wandern wir über die Firne hoch über dem Tal, stundenlang, geruhsam, geniesserisch. Schlosstor — eine schmale Lücke im Fels, ein Durchschlupf für Wanderer und Skifahrer. Und dann stehen wir auf der schmalen Schneide des Brunnistocks. Welch überwältigender Tiefblick über die Felsstürze ins Tal des Surenen! Und wie die Berge im Morgenlicht schimmern und leuchten, locken! Tief unten liegt Altdorf in grünen Weiden und Wäldern. Im Tessin drohen Wolkenwände; zu unsern Füssen leuchtet der Firn über den Abbruchen, die gleich einem erstarrten Riesenwasserfall ins dunkelgrüne Tal sinken. Wir hissen unsere kleine rotweisse Fahne, die im Ostwind flattert — der einzige Laut in der feierlichen Stille.

Lang ausgestreckt liegen wir auf den warmen Felsen: eine beglückende Gipfelstunde! Doch verführerisch winkt der Urirotstock aus der Nachbarschaft. Wir können nicht widerstehen — im Nu tragen uns die Bretter in den Sattel zwischen den beiden Gipfeln, und eine knappe Stunde später knattert die Fahne lustig vom schneebedeckten Scheitel der formschönen Pyramide. Der Ausblick ins Tal, ins weite Mittelland ist noch eindrucksvoller, noch umfassender als vom Brunnistock. Wie ein weit vorgeschobener Balkon ragt der Berg aus der Alpenkette ins niedrigere Voralpen- und Hügelland. Wir können uns nicht sattsehen. Trinkt, o Augen...

Abfahrt! Zischend gleiten die Bretter über den Sulz, zwischen warmen Felsen, über schmale Schneeflecken und breite Firnfelder. Singend vor Freude schwingen wir durch die Steilhänge unter den Gletscherbrüchen. Welches Glitzern und Leuchten in der Luft, welcher Tag! Nicht eher bleiben wir stehen, als bis wir weit unten im Tal, unter zerzausten Fichten und am rauschenden Bach den letzten Schwung auf die letzte Schneezunge hinwerfen. Blumen blühen, Soldanellen und Krokus. Wir lösen unsere Ski, sinken müde und glücklich in den Rasen zwischen den knospenden Alpenrosenbüschen und blicken staunend zurück in die Berge hoch oben im Blau. Lange liegen wir am sprühenden Wasser, hängen unsere Kleider in den Wind, baden die brennenden Arme und Füsse im Sprudel, schlafen und schmausen und spüren so recht: solche Tage sind Feststunden des Lebens, die in der Erinnerung wie leuchtende Sterne über dem Dämmer der Niederungen stehen. Feststunden, wie sie die ganze Menschheit erleben sollte!

Herrlich ist die Wanderung durch das üppiggrüne Isental hinunter zum See. Herrlich ist die Rast neben dem leise plätschernden Wasser, über das der Wind Bruchstücke eines fröhlichen Gesangs trägt. Und herrlich ist die Fahrt auf dem Schiff in den sinkenden Abend hinein, während die Berge im strahlenden Licht noch einmal aufleuchten, um dann langsam und still zu erblassen.

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