Kleine Lofotenfahrt

Hinweis: Questo articolo è disponibile in un'unica lingua. In passato, gli annuari non venivano tradotti.

Mit 3 Bildern ( 57-59Von W. Bianca

( Zürich ) Himmel, Land und Meer erscheinen zu einem einzigen grau-feuchten trostlosen Gebilde verschmolzen. Eine bräunliche Rauchfahne hinter sich herziehend, gleitet die « Bolga » aus dem schützenden Hafen von Narvik dem offenen Meere zu. Die Passagiere haben sich grösstenteils in die warmen Innenräume des Schiffes zurückgezogen. Nur einige Unentwegte sitzen mit hochgeschlagenem Mantelkragen auf Deck, den Rücken dem wärmespendenden Schornsteinrohr zugekehrt. Die Stunden vergehen, aber die Atmosphäre bleibt hartnäckig grau. Da an Aussicht wenig zu verpassen ist, klettere ich die Treppe zum Speisesaal hinunter. Dort wird gerade eine jener berühmten, dem mitteleuropäischen Binnenländer durch ihre verwirrende Fülle und Reichhaltigkeit imponierenden Mittagstafeln aufgetragen. Nachdem ich mich durch sauersüsse Fische, braun-karamelisierte Käse, die man mit einem Hobel-messer abraspelt, sowie zahlreiche andere amüsante Dinge hindurchgegessen habe, steige ich wieder ans Tageslicht hinauf.

Welch überwältigender Anblick bietet sich hier: Hinter aufreissenden Wolken tut sich eine wahre Märchenlandschaft auf. Blaugrüne, scharf gezackte, kulissenartig nach der Tiefe gestaffelte Felsen, deren Flanken jäh ins Meer abfallen. Man kann sich des Eindrucks der Unwirklichkeit kaum entziehen. Sind es Überreste eines einstmaligen Riesengebirges, das im Begriffe steht, in die grünen Fluten unterzutauchen? Sind es tangbehangene Emporkömmlinge aus dem Reiche Neptuns? Die Farben sind nicht jene des Südens: strahlend, vollsaftig, üppig, in ihrem Kontrastreichtum das Auge fast verletzend. Nein, hier sind sie gedämpft, zart, fein nuanciert und doch von einer ungewöhnlichen Leuchtkraft.

Immer weiter ziehen sich die Wolkenbänke zurück, immer neue Felsinseln dem Blicke freigebend. Jetzt nähern sich die ersten Möwen. Spielerisch umkreisen sie das Schiff, bald ihm gleichsam als Lotsen voranfliegend, bald sich vom Strom der wannen Schornsteinluft emportragen lassend. Welche Harmonie der Bewegung geht von den silberweissen Körpern aus, wenn sie mit sparsamem Flügelschlag majestätisch dahingleiten.

Zwischen unzähligen Inseln und Inselchen hindurch steuert die « Bolga » ihrem Bestimmungsort Svolvaer x zu. Svolvaer - was für Assoziationen erweckt doch dieser Name! Fische, Unmengen von Fischen, die hier in jährlichem Turnus dem Meere entrissen werden. Im Geiste sieht man die Inselgewässer durch ganze Flottillen von Fischerbooten bevölkert. Kühne Männer stellen dem Wal nach. Hering und Kabeljau, die auf der Suche nach Laichplätzen in dichten Schwärmen das Meer durchziehen, werden aus der Tiefe gehoben, ausgenommen, gesalzen und auf leiterartigen Holzgerüsten getrocknet. Man riecht sie förmlich, all diese Fischleiber. Aber noch ist die grosse Fangzeit nicht da, noch hegt alles im Sommerschlaf.

Im Scheine der Abendsonne tauchen malerische Gruppen von Holzhäuschen auf. Fast ehrfürchtig blicken sie zu der in ihrer Mitte liegenden weiss getünchten Kirche empor, deren schlichte Form und Bauart sich wohltuend in das Landschaftsbild einfügen. Gleich einem Wächter erhebt sich darüber ein düsterer Felskegel. Ein eigenartiger Reiz geht von ihm aus, ein Reiz, dem man um so eher erliegt, als sich während eines mehrwöchigen Aufenthaltes in der anmutigen, jedoch ebenen Landschaft Südschwedens bergsteigerische Gelüste angestaut haben. Signale ertönen. Die « Bolga » legt an. Die Schatten sind schon länger geworden. Heute lässt sich nicht mehr viel unternehmen.

Doch gleich am folgenden Tag mache ich mich an die Besteigung jenes Berges. Sie beginnt schon bald nach Verlassen der letzten Häuser. Zunächst geht es durch kniehohes Gras und Farnkräuter einen Steilhang hinauf. Allerlei Gebüsch wechselt mit Laubbäumen, deren Krüppelformen der Kampf mit dem harten Klima deutlich anzusehen ist. Allmählich wird die Vegetation spärlicher. Kahle Felsblöcke, die zum Teil ganze Trümmerfelder bilden, treten in Erscheinung. Die leichte Blockkletterei gestattet einen Rückblick auf Stadt und Meer. Mit Erstaunen stellt man fest, dass die Häuser gruppenweise auf mehrere Inseln verteilt sind. Die Stadt, die noch bei der Einfahrt in den Hafen den Eindruck eines mehr oder weniger kompakten Gebildes erweckte, löst sich zusehends auf. Vereinzelt tönen Schiffs-zeichen und Hundegebell gedämpft bis hier herauf. Beim Weitersteigen weitet sich das Blickfeld, stets neue Inselgruppen umschliessend. Imposant geformte Felstürme verleihen dem Blick plastische Tiefe. Noch geht es ohne grosse Mühe durch Rinnen empor und schon stehe ich, früher als erwartet, auf dem Gipfel.

Was während des Aufstiegs nur angedeutet war, erlebt man nun in vollem Umfang: eine überwältigende Rundschau auf Wasser und Land. Sich gegenseitig durchdringend, bilden sie ein merkwürdiges Mosaik von Grün, Grau und Blau in allen Schattierungen. Tief unter mir, wo die Häuser von Svolvaer sich wie Kinderspielzeug ausnehmen, kann sich 1 Svolvaer ist die Hauptstadt der Lofoten; sie entspricht ihrer Grösse nach eher einem Dorf.

das Land gegenüber dem Wasser noch behaupten. In Richtung auf den Horizont zu verliert es aber immer mehr an Boden. Vorpostenartig wagen sich vereinzelte Felsinseln bis weit in das fremde Element hinaus; jenseits von ihnen folgt die Weite des offenen Meeres. Jenes Meeres, aus dessen Reichtum schöpfend die Menschen hier ihr Leben fristen, dessen Fluten aber auch vielen von ihnen zur letzten Ruhestätte werden. Augenblicklich ist es friedlich gesinnt. Ein leichter Wind streicht spielerisch darüber hinweg, da und dort seine Oberfläche leicht kräuselnd. Solche Stellen verwandeln sich unter den Sonnenstrahlen in glitzernde Silberfelder. Fischerboote, die als kleine Pünktchen emsig zwischen den Inseln ihren Weg suchen, ziehen einen doppelten Silberschweif nach sich.

Wendet man den Blick dem Landesinneren zu, so bietet sich auch dort ein ungewöhnlicher Anblick. Man könnte sich ins Oberengadin versetzt glauben. Tatsächlich, ein weiter Talboden, in seiner Längsachse perlschnurartig von Seen durchzogen - hier sind es Überreste von Meeresarmen -, zu beiden Seiten von erhabenen Gipfeln umgeben. Das Faszinierende dieser Landschaft geht nicht nur von ihrer Naturschönheit aus, sondern ebenso von ihrer Abgeschiedenheit und Unberührtheit. Verlockende Gedanken an grosse einsame Wanderfahrten steigen in einem auf und beginnen sich zu Zukunftsplänen zu verdichten.

Doch vorläufig heisst es Abschied nehmen. In raschem Abstieg erreiche ich den Meeresstrand, wo ich mir ein kurzes, äusserst erfrischendes Bad gestatte. An die zweihundert Kilometer nördlich des Polarkreises gelegen, ist dies mein bisher nördlichster Badeort. Anschliessend lasse ich mich, ausgestreckt auf die warmen Küstenfelsen, von der Sonne trocknen. Ihre Strahlen vermitteln eine milde, wohltuende Wärme, deren Abfall gegen den Abend hin nur ganz allmählich erfolgt.

Für die Rückreise nach Narvik benutze ich das Wasserflugzeug, das auf dieser Strecke kursmässig verkehrt. Dabei bietet sich Gelegenheit, all die erlebten Schönheiten in Form einer Gesamtschau nochmals an sich vorüberziehen zu lassen. Während der Weiterreise, die mich wieder zurück nach Lappland und von dort über Mittelschweden und Stockholm nach dem Süden führt, zehre ich von der Erinnerung an diesen Fjordflug, der in mannigfacher Hinsicht den Höhepunkt einer unvergesslichen Lofotenfahrt darstellte.

Feedback