Kleines Alpendiorama

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Lothar Kempter, Winterthur DIE LAUI

In der Felsmauer öffnet sich eine breite Gasse. Über ihr, hoch oben, verdeckt durch das Wildschloss, lagert der Kallifirn. Die Gasse selbst, die, von der Bäregg aus gesehen, in Felsstufen zum Gletscher hinunterführt, heisst Schlosslauenen. Der Name soll heute nicht bloss Name bleiben. An den Lawinendonner haben wir uns beim Aufstieg hoch über der rechten Flanke des Unteren Grindelwaldgletschers bereits gewöhnt. Es fährt dann jeweils eine Last Firn oder Schnee über die « Heisse Platte ». Nun donnert es aber von ganz anderer Seite her, aus der Höhe, in oder hinter den Felsen des Wildschlosses. Und richtig, zuoberst in der Gasse wird etwas Weisses sichtbar, das sich vorwärts und abwärts bewegt. Die Schlosslaui geht nieder. Nicht etwa als Windsbraut mit wirbelnden Schleiern. Sanft schiebt sie sich vor, sacht nähert sie sich der ersten Schwelle und giesst sich darüber wie ein undinenhaftes, zartes Wasserwesen. Aber weitere weisse, fliessende Massen drängen nach. Sie erobern die ganze Breite des Felsenbettes und eilen von Treppe zu Treppe. Die steinerne Schräge wird von dem rieselnden, stürzenden Weiss völlig überdeckt. Nun erreicht es die mächtige Felsstufe, die die Gasse vom Gletscher trennt. Die Laui jagt darüber hinaus, und ihr Sprung wird zum donnernden, luft-erschütternden Sturz. Wie beim Ausbruch von Wildbächen dehnt sich schiebend, fliessend, stürzend das Ungeheure auf die Seiten aus, wo es nur ein Gefälle, eine Rinne findet, und bald ist das gewaltige Schauspiel vollendet — nicht aber zu Ende. Ein riesiges Zusammenspiel von Kaskaden, Bächen, Strömen, Strähnen ist an der Felswand tätig - eine donnernde, blitzende Harfe. Und während die schauerlich-schöne Bergmelodie erklingt, bleiben gewiss alle Wanderer stehen, um ihr zu lauschen. Doch nein, das Schau- und Hörspiel dauert zu lange. Zehn Minuten währt das Bild des ungeheuren Wasserfalles. Unten jedoch, wo der Fall in einem dicken Strahl niedertobt, schäumt und stiebt es zwar empor, wie es sich zu einem so mächtigen Schwall gehört; aber es fliehen die Wasser nicht weg, sondern langsam wächst, was fliessendes, schäumendes, sprudelndes Nass schien, zur stillen, starren Schneepyramide an. Allmählich beginnen die funkelnden Quellen zu versiegen, die Strähnen und Striemen, die über die Felsen laufen, werden dünner; doch immer noch ergiesst sich der Schneestrom auf den wachsenden weissen Kegel. Endlich verhallt das Getöse. Die Bergwände starren unberührt, wie wenn nichts geschehen wäre. Nur eine breite, schimmernde Spur zeugt von dem Ereignis, das sich vor einer Viertelstunde abgespielt hat, und auch sie wird in den heissen Sommertagen rasch verblassen und auslöschen.

DER GLETSCHER Auf eisernen Stegen streben wir, die tobende, braune Lütschine zur Seite, durch die Glet- scherschlucht. Unversehens dröhnt es gewaltig in dem gewundenen Felsengang vor uns, so dass wir stehenbleiben, und nach einer kurzen Weile tanzen Eisstücke in der wirbelnden, kochenden Brühe des Gletscherwassers. Wir wandern weiter. Eisschollen säumen das Ufer, wenn man die nackten, nassen Wände, die aus dem Wassergebrodel steigen, noch so nennen darf. Durch Tunnels, von Laternen notdürftig erhellt, stossen wir zum Ende der Galerie vor, wo uns ein beklemmend-grossar-tiger Anblick erwartet. Der Gletscher hängt nicht, wie man fälschlich hört und liest, von oben in die Schlucht herein, sondern er stemmt sich mit grimmiger Wucht in die schmale Kluft, welche die Felswände links und rechts ihm freigeben. Als ein bald eisgrüner, bald weisslicher, bald schmut-zig-fahler, senkrecht gestellter Keil erscheint er, in ungeheurer Pressung eingezwängt und sich einzwängend. Trotz dem Schall des wild vorwärtsstürmenden Flusses, trotz dem feinen Giess-ton des wandernden Wasserstrahls, der vor dem Eiskeil niederstäubt und niederrieselt, herrscht der Eindruck grimmigster Stummheit, in dem sich das Ringen von Eis und Stein vollzieht. Aber auf einmal scheint es in den Eingeweiden des Berges zu grollen. Es dröhnt und poltert, ein Block löst sich vom Gletscher, stürzt von der schmalen Eiswand nieder und prallt mit einem Getöse, wie wenn mit Mörsern geschossen würde, in den Flussgrund, weissen Staubnebel aufjagend. Todeskälte greift in den Felsgewölben nach uns, während kaum fünzig oder hundert Meter höher eine heisse Spätnachmittagssonne den Talkessel aussengt. In gelassen bemessenen Abständen wiederholen sich die Eisbrüche und die Mörserschüsse. Und jedesmal rollen Eisblöcke und Eisbrocken aus dem Felsenschlund. In der Sonne oben dehnt sich indessen der mächtige Leib des Gletschers, dieses gewaltigen Lastträgers, der sich Zeit lässt, aber in Jahrmillionen die höchsten Berge abgetragen haben wird.

DAS LICHT STEIGT INS TAL Das Licht kommt von den Berghöhen, nicht immer auf demselben Weg, nicht immer zur gleichen Stunde. Es ist Winter. Der Blick wandert die Schattenhänge empor, um den Tag aufblühen zu sehen. Dieser kündigt sich nicht mit Farbenfanfa-ren an. Er schüttet auch nicht gleich volle Licht-bäche aus. Zuerst liegt ein einsames Rot am höchsten Gipfel. Schweigend liegt es da, es scheint zu schlafen. Aber dann rennt das Licht über einen Grat und klimmt an den Wänden herab. Ein näheres Schneehaupt glüht auf und sendet rötlichen Schein talab. Das Licht erreicht den Wald, rückt vor, wird von einer Mulde aufgehalten. Plötzlich übergiesst es die Bergschwelle überm Dorf. Ställe und Schober brennen mit dem flammenden Schnee auf. Aber noch warten die Häuser des Dorfes im kalten Schatten. Ich wende mich ab, schaue mich um - da überfällt mich vom Rücken her die Sonne. Und unvermittelt — ich wollte doch die Sonne an dem hohen, schlanken Turm niederklettern sehen - stehen Kirche und Dorf im Tagesglanz. Und auch unter mir, im Gemüsegarten, funkeln jetzt die Schneehauben des Rosenkohls.

EIN GEWITTER WANDERT Das Hörnli im Zürcher Oberland gibt heute die Sicht über viele Bergzüge frei. Aber von Westen her dringt mit einemmal Beschattung vor. In der Ferne bildet sich eine helle Dampfsäule, und der Pilatus verschwindet. Die Säule wächst, sie dehnt sich gegen den Rigi hin und wandert als Regenpfeiler ruhig auf uns zu. Er wandert über eine Bergschwelle nach der andern, über den Albis, über den Pfannenstiel. Plötzlich wird der Bachtel regengrau, dann der Allmann, und nun regnet es auch auf dem Hörnli. Die Wettertannen im Regennetz - ein altvertrautes, nie genug er-schautes Bild. Der Regenbesuch dauert länger, als wir erwarteten. Im feuchten Schleier versinken ferne und nahe Bergzüge.Endlich dringt die Sonne wieder durch, undderRegen zieht ab.Nicht flucht- artig: er geht, wie er kam -in gemächlich grossartigem Schreiten. Ein Regenbogenstumpf steigt über ein Tal. Zu Hause vernehmen wir, dass das Wetter in Uster viele Scheiben zertrommelt hat.

NEBEL Was wäre ein Aufenthalt in den Bergen ohne Regengeklimper und Nebeltreiben! Du sitzest auf dem Balkon in zart gefiltertem Licht. Das Gärtchen ist schon wieder hell und trocken, auch der nächste Vorsprung am Hang mit der Birke, den Lärchen, den Sennenpolstern und dem graublauen Wermutflaum. Aber der kleine Höcker stösst wie ein Kap in das ungeheure Nichts des Nebels. Es gibt kein Gegenüber mehr, keine Höhe und keinen Abgrund. Das Bodenlose, Wandlose, Deckenlose herrscht. Nun steigt es gar zu dir hinauf und umfängt dich mit feuchtem Hauch. Nebelblind tastest du nach einem Halt im Ungreifbaren, bis sich in dem dichten Weiss ein dunkles Fenster öffnet und für Augenblicke am Gegenhang eine Runse sichtbar wird, eine Weide, ein Feld, ein Waldstück, ein Fels, oder bis, über Erwarten hoch oben, ein Grat heraussticht oder ein Firnfeld aufblitzt. Dann und wann zerreisst der Schleier völlig, die Talschaft wird frei. Doch kaum schickst du, erlöst, deine Sinne auf die Wanderschaft, da steigen neue Dampftürme empor, schliessen sich zusammen und bilden eine graue Mauer. Du holst dir einen Überwurf und nimmst wieder Platz auf dem Balkon, der zur Loge in einem riesenhaften Theater wird. Kleine, kecke Windstösse lenken die Phantasmagorie mit ihren unendlich vielen Aufzügen.

BERGSTIMMEN Wie sehr unser Ohr der lärmerzeugenden Technik hörig geworden ist, erweist sich erst, wenn wir die Bergwelt aufsuchen. An unserem Verhalten werden uns Erfahrungen zuteil, die vor vierzig, fünfzig Jahren uns noch fremd geblieben wären. Mit diesen Erfahrungen ist nicht der Umstand gemeint, dass sich der Gegensatz

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