Kreuz und quer im Clubgebiet

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A. Ludwig ( Section Scesaplana ).

Von Nach mehreren, theilweise durch Nebel und Regen vereitelten Bergtouren, die ich im Sommer in der Alvierkette, im Gamperdona- und im Brandnerthal ausgeführt oder doch unternommen hatte, führten mich endlich die sonnigen Tage des Herbstes in die heimatlichen Fluren des Pvätigaus, das nie herrlicher prangt, als im Spätjahr, wenn das Schwarzgrün der Tannen und das helle Gelb der Lärchenwälder, der bunte Schmuck des Laubwaldes, der in allen Schattirungen vom lichten Golde bis zum dunkeln Purpur spielt, das Grün der Wiesen und das matte Braungrau der oberen Alpweiden, deren Sommergewand verblaßt ist, sich mit dem weißen Schimmer der höheren Fels- und Schneeberge und dem Blau des Himmels zu einem Bilde von wunderbarer Farbenpracht vereinigen. Allerdings bringt der Herbst für den Bergsteiger den Nachtheil mit sich, daß die Tage schon recht kurz werden, aber für die meisten Touren in unserem gegenwärtigen Clubgebiete genügt auch ein kurzer September-oder Octobertag vollständig.

Es war der 21. September, als ich im Prätigau eintraf und für einige Ferienwochen meinen Aufenthalt in Schiers nahm, welches Standquartier allerdings sehr tief, nur 660 m über dem Meere, liegt, dafür aber die Annehmlichkeit bietet, daß man von da aus leicht in alle Theile des Rhätikon- und des Hochwanggebietes gelangen kann. Auch relativ entferntere Höhen, wie Madrisa, Weißfluh, Pischa etc., werden von hier aus bequem in einem Tage erstiegen, seitdem die Bahn Landquart-Davos dem Touristen auf dem Hin- und Rückwege die streckenweise langweilige und namentlich sehr zeitraubende Thalwanderung abnimmt.

Von meinen Besteigungen in den westlichen Ausläufern der Silvrettagruppe mag hier diejenige des Pischahorns, von den Touren im Plessurgebiet eine Weißfluh-Fahrt kurz ihre Stelle finden. Im Uebrigen verwendete ich meine Zeit hauptsächlich auf den Rhätikon.

A. Ludwig.

Pischahorn ( 2982 m ). Mit Freund Aliesch verließ ich Schiers am 28. September, um mit dem ersten Morgenzuge nach Davos-Dörfli zu gelangen. Schon die interessante Fahrt von Klosters nach Davos, uns Beiden neu, bereitete uns hohen Genuß. Um 8 Uhr im Dörfli angekommen, schlugen wir sofort den Weg in 's Flüelathal ein. Fast wollte uns ein Gefühl der Wehmuth beschleichen, wenn wir daran dachten, daß die prächtige, mit großem Kostenaufwand erbaute Flüelastraße unrettbar veröden muß, sobald einmal ein Schienenstrang das Engadin mit dem übrigen Kantonstheil verbindet, was über kurz oder lang sicher der Fall sein wird. Bei den Tschuggenmädern schwenkten wir links ab, um durch das Mattjesthäli der Pischa auf den Leib zu rücken. Man kann übrigens schon bei der „ Alpenrose " die Straße verlassen; letztere Variante ist vorzuziehen. Erstaunlich ist es, in welch enormer Höhe auf dieser Thalseite die Waldgrenze sich hält; geschlossene Bestände findet man bis zu 2000 m und einzelne Exemplare steigen bis zu 2100 m, während im Prätigau der Baumwuchs in einer Höhe von über 1800 m meistens verschwindet. Nach Ueberwindung der untern, steilern Partie und darauffolgender kurzer Rast schlenderten wir in gemächlichem, leichtem Marsche durch die wenig ansteigende Mulde des Mattjesthäli der Trümmerhalde zu, die sich vom Gipfelgrate herabsenkt. Die Blüthenpflanzen blieben allmälig zurück ( doch fanden wir Gentiana verna bis fast zum Gipfel hinauf ), um so reichlicher treten dafür die Moospolster in dem wasserreichen Thalgrunde auf, und wir begriffen gar wohl, daß Hr. Amann ( Section Davos ) im nahen Tschuggenthäli seiner Zeit im Genusse der Moosflora die Einweihung der Vereina-Clubhütte versäumen konnte 1 ). Uns interessirte mehr der glänzende krystallinische Schiefer, von dem wir einzelne Stücke auflasen, um sie dann, wie die Kinder, gleich wieder fortzuwerfen und noch glänzendere aufzunehmen. So kamen wir allmälig zur Schutthalde, welche auch einige kleinere Schneeflecken aufwies; ein etwas größeres, immerhin jedoch unbedeutendes Firnfeld ist auch auf der Excursionskarte eingezeichnet. Die oft lose übereinanderliegenden Blöcke und Platten machen diese übrigens ganz ungefährliche Partie etwas mühsam; wir waren deshalb froh, als sie hinter uns lag und wir den mit Schnee bedeckten Gipfelgrat erreicht hatten. Wenige Augenblicke darauf standen wir beim Steinmann, der sich bis dahin/ unseren Blicken immer entzogen hatte. Es war 12 ½ Uhr; wir hatten also, eine halbe Stunde Rast abgerechnet, von Davos-Dörfli aus vier Stunden gebraucht.

Hier oben war es ziemlich kalt; dennoch verweilten wir eine Stunde, um die Aussicht zu studiren, wobei uns Stocker's Ansicht der Silvrettagruppe ( vide Beilagen vom letzten Jahrbuch ) gute Dienste leistete. Den Glanzpunkt derselben bilden unbedingt Piz Linard und Plattenhorn, einander ähnlich Kreuz und quer im Clubgebiet.

in ihrem kühnen pyramidalen Bau und darum vom Prätigau aus oft verwechselt. So schön sich auch die übrigen Theile der Silvrettagruppe präsentiren, immer wieder kehrt das Auge zu diesen Colossen zurück. Daß dem Großartigen das Liebliche nicht fehle, dafür sorgt der Ausblick in 's Prätigau und in die Landschaft Davos; auch ein kleiner Theil des Unter-Engadins ist sichtbar. Frei schweift das Auge im nordwestlichen und im größten Theile des südwestlichen Quadranten; in den beiden andern ist die Aussicht natürlich durch naheliegende höhere Berge beschränkt, aber wahrlich nicht zum Nachtheile derjenigen Wanderer, welche die Thalaussicht und der Bau naher Gebirgsstöcke mehr interessirt, als die Nomenclatur eines Gewirrs entfernter Bergspitzen. Für den Abstieg auf demselben Wege brauchten wir, eine halbstündige Rast in der „ Alpenrose " abgerechnet, zwei Stunden; die Tour kann also von Davos aus als Halbtagsbummel gemacht werden; sie ist leicht, genußreich, führt den Touristen in die Nähe der eigentlichen Hochgebirgswelt und sollte darum, trotz der Nähe des Flüela-Schwarzhorns, nicht vernachlässigt werden.

Madrisagruppe. Am 30. September galt 's der Madrisa, der ich schon zwei Tage vorher von der Pischa aus einen sehnsüchtigen Blick zugeworfen hatte. Ich wählte mir einen etwas ungewöhnlichen Weg. Mit dem ersten Zuge etwas nach 61Is Uhr in Klosters-Dörfli angelangt, strebte ich rasch dem Schlappinerjoch zu, dessen Höhe ( 2200 m ) ich um 9 Uhr erreichte. Schon hier empfängt der Wanderer etwas von dem ernsten, fast düstern Eindrucke, den die dunkeln, krystallinischen Spitzen mit ihren zersägten, zackigen Formen auf das Gemüth des Beobachters machen. Einen wahrhaft großartigen Anblick gewährt namentlich der auf österreichischem Gebiet liegende Madriserspitz. Furchtbar zerrissen und steil steigen seine Wände von den am Fuße liegenden Steinmeeren empor zu den obersten, verwegen geformten Pyramiden, deren höchste 2774 m erreicht. Gern ruht nachher das Auge auf dem grünen Grunde von Gargellen, dessen Anblick uns indessen theilweise durch den oberhalb befindlichen Wald entzogen wird. Vom Schlappinerjoch führt der Weg zunächst hinab in die Valzifenzeralp, die der Gemeinde Bludesch gehört. Ich schwenkte jedoch bald nach Ueberschreitung des Passes links ab, indem ich beabsichtigte, zwischen Valzifenzergrat und Madriserspitze zu Punkt 2611 auf der Grenze vorzudringen. Während meiner halbstündigen Rast auf der Paßhöhe hatte ich ungefähr folgende Rechnung gemacht: eine starke Stunde bis zu Punkt 2611, dort ein kurzer Halt und dann noch ein Stündchen für den Aufstieg auf das Madrishorn. Aber ein Factor war dabei vergessen worden: als ich, einstweilen mich auf der Seite des Valzifenzergrates haltend, das größere der beiden Trümmerfelder betrat, von denen Hr. Imhof im Itinerar pag. 46 redet, da hatte es mit dem schnellen Vorwärtskommen ein Ende. Das Geröll wich unter meinen Füßen; auch die größern Steine boten keinen festen Stand. Ich A. Ludwig.

2830 m.

fand mich deshalb veranlaßt, rechts in die Sohle des Trümmerthales hinunterzusteigen, kam aber vom Regen in die Traufe; denn die größten Blöcke und Platten sind natürlich dort erst zum Stillstand gekommen und erfordern mühseliges Arbeiten mit Händen und Füßen und vorsichtiges Springen von Stein zu Stein, denn ein Beinbruch ist nirgends leichter zu bewerkstelligen, als hier. Ich rückte auf diese Weise so langsam vor, daß mir schließlich die Geduld ausging und ich noch einen Versuch in den mit feinerem Geröll bedeckten Halden unter den Felsen des Madriserspitzes machte, aber umsonst; ich mußte auch jetzt wieder mich der Tiefe zuwenden und die mächtigen Blöcke überklettern oder umgehen. Nicht leicht hat mir eine Gegend einen trostlosern Eindruck gemacht, als dieses Trümmermeer. Nur wenige gelbe Rasenplätzchen oben in den Felsen erinnern an das organische Leben. Dazu herrscht eine schauerliche Stille, nur hie und da unterbrochen durch das Murmeln des tief unter den Steinen sich einen Ausweg suchenden Wassers. Aber diese Stille mag zu gewissen Zeiten einem unheimlichen Getöse weichen, wenn die Felsentrümmer knirschend und donnernd in die Tiefe sausen. Endlich nähern sich die beiden Gräte, zwischen denen ich gewandert, einzelne Flecken trügerischen Kreuz und quer im Clubgebiet.

Schnees treten auf, blankes Eis schimmert zwischen den Steinen herauf, die Steinwüste wird schmäler, die Größe der Blöcke nimmt ab, noch eine steile, kurz begraste Halde, und ich stehe auf dem ersehnten Uebergang, dem Grenzpunkt 2611. Gut zwei Stunden hatte ich vom Schlappinerjoch bis hieher gebraucht. Dieser Theil meiner heutigen Tour erinnerte mich lebhaft an die Steinhalde im hintersten Theile des Mattjesthäli unter dem Pischahorn; nur ist diese letztere Halde von viel geringerer Ausdehnung und bedeutend steiler, die einzelnen Stücke sind kleiner, mehr plattenartig und infolge des reichlicher vorhandenen Glimmers weit glänzender.

Während einer kurzen, wohlverdienten Rast betrachtete ich die Umgebung. Vor Allem nimmt das gewaltige Kalkplateau der Rätschenfluh die Aufmerksamkeit in Anspruch. Man ist versucht, zu glauben, Theobald sei auf Punkt 2611 gestanden, wenn er schreibt: „ Da steigt aus dem Meere von dunklem Gestein eine mächtige, weißglänzende Bergmasse auf, die man von Weitem für einen Gletscher halten möchte. " Man wird hier auf die gleiche Weise überrascht, wie wenn man, von der Davoserseite her die Todtalp überschreitend, den Dolomit der Weißfluh vor sich auftauchen sieht. Ueberdies muß hier, wie dort, auch dem Laien das Zusammenstoßen dreier verschiedener geologischer Formationen auffallen.

Eine vorläufige Recognoscirung des Terrains für den weitern Aufstieg ergab ein befriedigendes Resultat, und so setzte ich mich denn in Bewegung. Zunächst mußte ich wieder etwas an Höhe einbüßen; nachher aber ging 's steil aufwärts, theils über Geröll, theils über Schneehalden, welch letztere ich bald vorzog, da sie ein ziemlich schnelles Steigen gestatteten. Die höchste Erhebung der Madrisa, das Madrishorn ( 2830 m ), wird von drei hier zusammenlaufenden zackigen Gräten gebildet. Ich erreichte von den erwähnten Schneehalden aus den südwestlich streichenden und betrat nach unschwieriger Kletterei den von einem mächtigen Steinmann gezierten Gipfel um 1 Uhr. Die Aussicht ist lohnend. Mein Auge suchte zuerst die schimmernden Wände des Rhätikon und streifte dann das Heer der Vorarlberger und Tyroler. Der Madriserspitz hat seine dominirende Stellung aufgeben müssen, und mit Genugthuung blicke ich nun auf den hinab, den ich vom Trümmerfeld aus so lange von unten fixirt habe. Er beschränkt indessen doch die Thalaussicht nach Nordosten in gleicher Weise, wie dies die Rätschenfluh im Westen thut. Prachtvoll ist der Ausblick nach Süden. Für das Silvrettagebiet ist die Madrisa schon etwas zu entfernt, um eine so instructive Betrachtung zu gestatten, wie z.B. die Pischa.

Der gewöhnliche Aufstieg von St. Antönien aus über die Gafierplatten fällt im letzten Theile mit dem meinigen zusammen. Zum zweiten Male gedenke ich nicht mehr die Steinwüste zu überschreiten; immerhin muß ich bekennen, daß sie ein einmaliges Durchwandern wohl lohnt. Der Eindruck, den von Punkt 2611 aus das gewaltige, westlich vorgelagerte A. Ludwig.

Scheienfluh.

E. Bosshard del.

Kalkplateau auf den von Osten herkommenden Wanderer macht, zählt zu meinen schönsten Erinnerungen aus dem Hochgebirge.

In warmem Sonnenschein, in sehr behaglicher Stimmung verweilte ich etwas mehr als eine Stunde auf dem Gipfel. Dann betrat ich den Grat, der zu Punkt 2817 hinführt, verließ denselben jedoch bald, um mich den Schneefeldern zuzuwenden, über die ich in sausender Rutschpartie in wenigen Minuten auf die Gafierplatten gelangte. Hier glaubte ich einen Schuß zu vernehmen, konnte aber trotz eifrigen Umherspähens den oder die Jäger — es war der letzte Tag der Hochjagd — nicht entdecken. Und doch hatte ich mich nicht getäuscht; wie ich nachher vernahm, hatten sich einige Nimrode von Luzein dieses Gebiet auserkoren und auch jener Schuß hatte sein Ziel nicht verfehlt. In raschem Schritte durcheilte ich die Gegend zwischen den Bändern und den Ausläufern der Plattenfluh, sowie das mir neue Gafienthal, dem ich gern mehr Zeit gewidmet hätte; doch ich mußte eilen, wenn ich noch den Abendzug nach Schiers erreichen wollte. Etwas nach 4 Uhr betrat ich das sehr empfehlenswerthe Gasthaus der Frau Lötscher-Buol in Castels ( St. Antönien ), mir den Scheffel'schen Vers auf meine Art zurechtlegend:

„ Wär nicht ein Trost im Thal Veltlin, genannt der Valtelliner, Ich fluchte auf das Engadin und auf die Engadiner. "

An Unterhaltungsstoff mit der gesprächigen Wirthin fehlt es nicht. Jagd und Schmugglerwesen bringen auch im Herbst noch Leben in dieses abgelegene Thal, das jetzt freilich durch ein Sträßchen mit Küblis verbunden ist. Das Hochwasser des Jahres 1890 hat aber diese Verbindung an mehreren, den Rüfen ausgesetzten Stellen bedenklich mitgenommen.

Kreuz und quer im Clubgebiet Es ist in der That sehr zu bedauern, daß die Bewohner des Luzeiner-berges sich nicht zu gemeinsamem Vorgehen mit den St. Antöniern und zur Führung der Straße über das aussichtsreiche Pany aufraffen konnten, zumal letztere Route an landschaftlichen Reizen dem in der Tiefe dahinziehenden Schanielawege weit überlegen ist. Von dieser Aussicht sah ich freilich nicht mehr viel, als ich, in Pany bei schon eingebrochener Dunkelheit angelangt, den holperigen Weg nach Jenaz hinunter zurücklegte, der mir einige mit dem Beten in sehr entfernter Verwandtschaft stehende Ausrufe entlockte. Doch kam ich rechtzeitig unten an und die kurze Fahrt nach Schiers schloß den schönen Tag.

Schweizerthor und Drusenthor. Auf allen meinen Herbsttouren hatte ich reichlich Gelegenheit, mich von den Verheerungen zu überzeugen, die die gewaltigen Regengüsse des letzten Sommers verursacht haben. Unberechenbaren Schaden haben Erdschlipfe angerichtet, selbst an Orten, die man in dieser Beziehung vollständig ungefährdet glaubte, wie z.B. in der Foppa unterhalb Fajauna bei Schiers. Es dringt davon nicht viel durch die Presse in die Oeffentlichkeit, weil eben nicht der einzelne Fall, sondern die Summirung all der zahllosen kleinern Verwüstungen den oben gebrauchten Ausdruck rechtfertigt. Und dazu ist darin eine weitere Gefahr für die Zukunft enthalten; denn Verbauungen werden vielerorts unterbleiben und jene gelben Furchen, deren Anblick den Beobachter schmerzlich berührt, können als Anfänge von Tobelbildungen verhängnißvoll werden.

Schuders, das diesfalls in sehr exponirter Lage sich befindet, ist noch ziemlich glimpflich davongekommen. Diesen Eindruck empfing ich wenigstens, als mein Weg mich am 3. October dort vorbeiführte. Heute ging 's dem Schweizerthor zu, das ich noch nie passirt. Der Uebergang ist durchaus nicht gefährlich; nur muß man keine Geniestreiche begehen wollen, wie ich, als ich, etwas rechts von der Zahl 1947 auf der Karte ausgehend, das Rasenbändchen direct erkletterte, über das der Weg eigentlich führt, wie dies die Karte auch richtig zeigt. Ich gelobte mir damals, keine solchen Abkürzungen mehr versuchen zu wollen. Einmal drüben, besichtigte ich, zum Oefenpaß und von dort zu Punkt 2374 zwischen dem Oefenpaß und dem Zernaierjöchl aufsteigend, die Drusenfluh. Dieselbe ist eine imposante Berggestalt und übertrifft an Kühnheit und Eleganz der Formen selbst den Alpstein und Panüeler Schroffen, so massig und compact dieselben auch der Tiefe entsteigen. Zwei Stellen bemerkte ich, die mir als Ausgangspunkte für einen Besteigungsversuch geeignet erschienen; doch hier überlasse ich das Feld Hrn. Imhof, der am folgenden Sonntage mit Führer Sprecher von Seewis auf neuem Aufstiege die von Schweizern bisher noch nie betretene Spitze erreichte 1 ). Für mich war es heute zu A. Ludwig.

spät, auch nur einen Versuch zu wagen. Ich war Morgens erst um 7 ½ Uhr aufgebrochen, war ziemlich lange in der Gegend des Zernaierjöchls verweilt und hatte noch einen weiten Heimweg über das Drusenthor und das Garschinafürkli vor mir, der denn auch den Charakter einer wahren Hetzjagd annahm.

Um zum Drusenthor zu gelangen, hat man an Höhe ziemlich einzubüßen, vom Oefenpaß aus circa 400 m; dann kann man in südöstlicher Richtung traversiren, statt bis zu den Hütten der Obersporn-Alp hinabzusteigen und von dort aus den gewöhnlichen Paßweg zu benutzen; doch hat die Traverse des lästigen Krummholzes und der Schutthalden wegen wenig Werth. Eisjöchl, Zahn und Thurm bei demselben und die drei Thürme des östlichen Massivs, alle auf dem heutigen Wege sichtbar, geben der Gegend ein eigenartiges Gepräge und zeigen gar trotzige Formen. Wäre ich Zeichner, so müßte mir diese Partie unbedingt in 's Jahrbuch. Um 4 Uhr stand ich auf der Sporrenfurka, wie das Drusenthor gewöhnlich auch im Prätigau genannt wird. Dieser Uebergang ist einer der interessantesten im ganzen Rhätikon und zeichnet sich in mehrfacher Beziehung aus, so durch seine Höhe ( 2350 m ) und durch die Breite der Einsattelung. Während man bei der Passage des Schweizerthors erstaunt ein kleines grünes, quellenreiches Plateau betritt, bietet das Drusenthor ein erhabenes Bild des Todes; das Geröll läßt hier keine Vegetation aufkommen. Die charakteristischen Zahn- und Thurmformen fehlen auch dem eigentlichen Paßgrate nicht; doch ist der Uebergang sehr leicht und erfordert durchaus kein Klettern. In der Umgebung findet man neben dem gewöhnlichen hellgrauen Kalk auch den rothen Seewerkalk stark vertreten. Auf der Nordseite erinnern muldenförmige Vertiefungen einigermaßen an den Grubenpaß. Das Drusenthor, sowie die Drusenfluh und ein Theil der Sulzfluh sind vom Bahnhof Schiers aus sichtbar, und diese prachtvolle Partie erregt die Aufmerksamkeit aller Eisenbahnfahrer, die sich um die Gebirgswelt interessiren. Wundervoll präsentirt sich dieselbe beim Sonnenuntergang, wenn die hellen Kalkwände, nachdem die Vorberge schon im Schatten liegen, noch lange in rothgoldenem Lichte strahlen.

Auf der Südseite ist der Abstieg nach der Schierser Alp Drusen der vielen Steintrümmer wegen etwas beschwerlich, und da der Alpweg nach Schuders bei mir überhaupt nicht in besonderer Gunst steht, so eilte ich über das Garschina-Fürkli und die gleichnamige Alp hinunter nach St. Antönien. Nach kurzem Aufenthalt im dortigen Gasthause trottete ich durch das an vielen Stellen gänzlich ruinirte Sträßchen im Dunkel hinaus nach Dalfazza und Küblis, wo der 7 Uhr-Zug meine heute ziemlich strapazirten Glieder aufnahm.

Weißfluh ( 2828 m ) und Schiahorn ( 2713 m ). In besonders angenehmer Erinnerung wird mir stets eine Besteigung der Weißfluh bleiben, die ich am 7. October mit Präsident Hartmann von Schiers unternahm. Wir ver- Kreuz und quer im Clubgebiet.

2280 2663 E. Bosshard del. 10. VIII. 90.

Der Sulzfluhgipfel vom Gemstobel aus.

ließen in Küblis den Morgenzug und stiegen über Conters und die Conterser Schwendi nach der Alp Casanna. Mein Gefährte holte sich hier die ersten Sporen clubistischer Thätigkeit, und um diesen Act gehörig zu feiern, hatte er eine mächtige Flasche vortrefflichen alten Kirsch mitgenommen, dem wir fleißig zusprachen. Ich weiß nicht, ob der fatale Kirsch Schuld daran war, daß wir auf der Alp den eingezeichneten See nirgends entdecken konnten. Dagegen bewunderten wir gebührend die im Prätigau ziemlich seltenen Arven und priesen in schwungvollen Ausdrücken die Pracht der Gebirgsnatur. Weiter oben gab uns die Geologie viel zu schaffen. Mancher rostfarbig angelaufene Serpentinblock am Fuße des Todtalp-Schwarzhorns wurde muthwillig zertrümmert, und der dunkelgrüne Bruch überzeugte uns, daß das Verderben noch nicht in das Innere gedrungen sei. Dann machten wir uns das Vergnügen, mit dem einen Fuß auf dem Serpentin, mit dem andern auf dem Dolomit der Weißfluh zu stehen. Die Grenzlinie ist ungemein scharf ausgeprägt. Endlich aber entschieden wir uns definitiv für das Kalkgestein der Weißfluh, das uns nicht die mindesten Schwierigkeiten bereitete. Ich hatte das Gebiet schon vor Jahren in der Richtung von Fondei nach Davos-Wolfgang durchquert, dabei aber die Weißfluh, wie auch das Schwarzhorn, rechts liegen lassen. Schon damals hatte ich die Ueberzeugung gewonnen, daß die Weißfluh verhältnißmäßig leicht erstiegen werden könne; aber einen so leichten A. Ludwig.

Aufstieg, dem alle und jede heikle Stelle fehlte, hatte ich mir doch nicht vorgestellt. Es war circa 1 Uhr, als wir den Gipfel erreichten; wir hatten somit von Küblis aus 6112 Stunden benöthigt; allerdings war unser Marschtempo kein besonders beschleunigtes gewesen. Nach Westen fällt die Weißfluh in ungefähr 200 m hohen Steilwänden ab; doch schien es mir nicht unmöglich, durch ein Kamin zwischen den Punkten 2836 und 2848 selbst von dieser Seite heraufzukommen, möchte aber den Versuch keineswegs empfehlen. Die Aussicht fanden wir der Anpreisung von Theobald durchaus würdig; uns fesselte namentlich der Anblick der wilden Umgebung und der Thalschaften; mit den entferntem Spitzen, namentlich mit den Oberländern, waren weder mein Gefährte noch ich sehr vertraut, und es tauchten bei der Feststellung der Namen derselben verschiedene Hypothesen auf, von denen wir, wie die Philosophen, jeweilen diejenigen annahmen, die sich am meisten durch ihre Fruchtbarkeit rechtfertigten. Erwähnen muß ich noch den Eindruck, den der Hochwang auf den Weißfluh-Besteiger macht; so wie so ein Gebirge von zahmem Charakter, erscheint er von hier aus als breiter Weiderücken ohne nennenswerthe Erhebungen, als Bild einer gewaltigen schönen Alp. Mit den Seen hatten wir heute entschieden Pech; jenes Stück des Bodensees, von dem Theobald redet, vermochten wir nicht zu entdecken. Freilich hatte sich der Himmel allmälig mit einem zarten Schleier überzogen; doch waren die Berge noch frei und unser Genuß wurde nicht geschmälert. Die Aussicht im Detail zu schildern, ist nicht meine Lieblingssache, abgesehen davon, daß ich es überhaupt nur sehr unvollkommen thun könnte.

Nach stark einstündigem Aufenthalt stiegen wir auf gutem Terrain — einige kaminartige Stellen werden ohne jede Schwierigkeit überwunden — in südöstlicher Richtung hinab in 's Haupterthäli, indem wir noch dem Schiahorn einen Besuch abstatten wollten. Den Stier bei den Hörnern zu packen, geht hier nicht an; man muß zuerst die Davoserseite gewinnen, auf der der Weg von der Höhe des Strelapasses hinaufführt. Die Paßhöhe selbst betraten wir nicht, sondern bogen schon vorher rechtwinklig ab, um den gewöhnlichen Schiaweg zu erreichen. Eben eilte eine Gestalt mit mächtigen Schritten vom Horn herunter. Fast waren wir versucht, derselben zu folgen; denn eine entsetzliche Lahmheit hatte sich unser Beider bemächtigt und schien mit jedem Schritte quadratisch zu wachsen. Die Kirschflasche war — horribile dictu — schon längst geleert, was sich jetzt an uns rächen zu wollen schien. Es habe keinen Zweck mehr, auf das Schiahorn zu steigen, wir seien ja heute schon auf einem höhern Gipfel gewesen, bemerkte Freund Johann sophistisch, und der Einwand kam mir wirklich sehr vernünftig vor. Mit Aufbietung aller Energie erreichten wir schließlich doch die Spitze, auf der wir freilich nicht mehr lange verweilten, da sie uns wenig Neues bot und die Zeit schon vorgerückt war. Auf leicht zu findendem Wege stiegen wir in der Dämmerung Kreuz und quer im Clubgebiet.

hinunter nach Davos-Platz, wo wir übernachteten, mit der Absicht, unsere Tour am folgenden Tag über die Maienfelderfurka nach Arosa und Chur fortzusetzen. Nebel und Regenschauer vereitelten jedoch den Plan.

Versuch auf die Kirchlispitzen. Am 10. October vollführte ich eine ähnliche Paßwanderung, wie eine Woche früher, aber mit einem anfänglich nicht beabsichtigten Abstecher. Morgens 7 Uhr Schiers verlassend, stieg ich, Schuders rechts liegen lassend, zum Schuderser Maiensäß auf und gelangte so auf jenen schönen grünen Rücken, der sich vom Gyrenspitz herunterzieht. Derselbe ist auch vom Thale aus sichtbar und wird gewöhnlich schlechthin „ Berg " genannt. Er wird mit mehreren Hundert Stück Galtvieh befahren und ist Eigenthum der Gemeinden Schiers und Grüsch, welche darüber in einen ziemlich complicirten Proceß gerathen sind. Wer von Schiers aus das Cavelljoch erreichen will, wie es heute in meinem Plane lag, dem ist unbedingt zu rathen, die genußreiche, leichte Wanderung über den „ Berg " sich nicht entgehen zu lassen. Lohnend ist schon der Anblick der langen, fast senkrecht aufsteigenden Drusenfluh mit den Pässen links und rechts, welches Stück der hier schon prächtigen Aussicht den Wanderer am meisten fesselt. Auch erhält man hier einen guten Einblick in die tief eingeschnittenen Tobel des Salgina- und Schraubaches. Mir weckte die Gegend mancherlei Jugenderinnerungen. Lächelnd dachte ich daran, wie ich einst in meinen Knabenjahren, als Hirtlein bei einem Bauer verdingt, die Aufgabe erhielt, allein von Landen ( hinter Schiers ) aus fünf Stück Jungvieh auf den „ Berg " zu befördern, der mir damals noch terra incognita war. Ich trat die Fahrt mit meinen Schutzbefohlenen in ähnlicher Stimmung an, wie wenn etwa ein Forscher eine Expedition in den dunkeln Welttheil unternimmt, jedoch mit dem Unterschiede, daß mein Bauer mir den Weg auf ein Blatt Papier vorgezeichnet hatte. Glücklich entledigte ich mich meines Auftrages und pries von Herzen das Salz als unschätzbares Lockmittel für die muthwilligen „ Galti ".

Auch der aus der Tiefe heraufgrüßende Maiensäß Salgina, wo ich manche Nacht zugebracht, erinnerte mich an die Zeit, da ich als sogenannter Herbsthirt mit dem Stecken meines Amtes waltete. Wenn nämlich das Vieh von den Alpen abgetrieben worden ist, so beginnt noch nicht sofort die Stallfütterung, sondern es kommt dann zunächst auf die Grummetweide der Privatgüter, wo es natürlich der Aufsicht eines Hirten unterstellt sein muß. Zu diesem Zwecke dingt der Bauer, wenn er nicht eigene Kräfte zur Verfügung hat, einen Knaben, meistens aus der ärmern Classe der Bevölkerung, die kein Großvieh besitzt. Der Dienstherr, bei uns „ Patrun " genannt, gibt seinem Angestellten Kost und Logis. Klingenden Lohn erhält der Herbsthirte nicht, dafür aber ein derbes Paar Schuhe. Die Dienstzeit dauert vier bis fünf Wochen und ist eine Art Nomadenleben. Jeder Bauer besitzt nebst dem eigentlichen Heimwesen noch mehrere A. Ludwig.

Güter, die oft stundenweit von seinem Wohnsitze entfernt sind und deshalb eigene Gebäulichkeiten, einen langen Stall mit angebautem Hüttchen, aufweisen. Daher rührt es auch, daß, wie Sererhard sagt, selten ein anderes „ Land " so viele Dächer zeigt, wie das Prätigau. Die braunen Holzbauten sind oft sehr malerisch gelegen und muthen Einen heimelig an. Je nach der Größe des Gutes und der Menge der vorhandenen Herbstweide wird nun das Vieh nach der Alpentladung 8 bis 14 Tage hier gehalten. Dann wird „ gezückt ", d.h. der Eisenkeil der Viehkette mit eigens hiezu construirtem Hammer aus dem Holze herausgetrieben, und fort geht 's auf einen andern Maiensäß. So gelangt man nach und nach zum „ Heimet " des Bauers. Mangel an Weide oder das Eintreten rauher Witterung bannen dann das Vieh Ende October in den Stall, und der Herbsthirte wird überflüssig. Kalte, neblige Tage ausgenommen, hat er ein zufriedenes, glückliches Dasein hinter sich. Mir gefiel dieses Leben so wohl, daß ich einst, als das Winterschulsemester schon begonnen hatte, das Hüten aber noch nicht beendigt war, nicht einrückte und mein Vater mich vom obern Busserein herunterholen mußte mit der mir schrecklichen Drohung, ich dürfe sonst die Seminar-Uebungsschule nicht mehr besuchen!

Im hintern Theile des Schraubachgebietes liegen die Hauptwaldungen der Gemeinde Schiers, von denen namentlich Sunni- und Liziwald zu erwähnen sind ( Liziseite heißt so viel als Schattenseite ). Man trifft in ihren untern Regionen häufig noch Buchen; sonst aber bestehen diese Wälder aus prachtvollen hochstämmigen Tannen. Das Holz muß durch Flößen in 's Thal hinausbefördert werden. Eine Ausnahme macht man beim Bauholz, den „ Blöckern " oder „ Tütschi ", deren Transport meist im Winter auf dem mit vieler Mühe practicabel gemachten Schlittwege vor sich geht. Wege im eigentlichen Sinne des Wortes führen nicht in diese Wälder, und ich wage nicht zu entscheiden, ob die enormen Baukosten und namentlich der äußerst kostspielige Unterhalt eines Sträßchens durch den hieraus resultirenden Mehrwerth des Holzes aufgewogen würden. Das Flößen läßt das Holz an Werth verlieren, ist bei niedrigem Wasserstande höchst mühselig, bei höherm gefährlich und mit viel Risiko verbunden. Tritt während dieser Arbeit Regenwetter ein, so sieht sich der Flößer meistens um die Früchte seines Fleißes betrogen. Der sogenannte „ Ueber-schlag ", eine Art Schwellvorrichtung, durch welche das Holz aus dem Schraubach in den Mühlbach geleitet wird, wo es als gesichert zu betrachten ist, fällt dem furchtbar angeschwollenen Gewässer fast regelmäßig zum Opfer, und die schönen „ Spälten " schwimmen dann der Landquart zu, die sie theils an den Ufern und auf den Zwischensändern liegen läßt, zum größten Theile aber mit sich fortnimmt. Auf diese Weise gingen z.B., als der Kirchwald am Stelserberg oberhalb Schiers abgeholzt wurde, in einer einzigen Nacht weit über hundert Klafter verloren. Zu Kreuz und quer im Clubgebiet.

solchen Zeiten haben die Bewohner des Rheinthals bis hinunter zum Bodensee Gelegenheit zu einer Art natürlich gerechtfertigtem Strandraub und eilen dann in hellen Haufen an den Strom, um das aus dem Kanton Graubünden herabgeschwemmte Holz aufzufischen.

Das Salginatobel ist weniger weitläufig und ärmer an Waldungen, von denen große Strecken gelichtet wurden, um Weide zu gewinnen; daher die „ Schwendi " unterhalb Salgina. Die einschließenden Bergabhänge sind theilweise sehr steil, und wer einmal in die Lage kam, in solchen Seiten herumzuklettern, die mit ihrem faulen, weil leicht verwitternden Schiefer ganz verwünschte Schwierigkeiten bieten, wird dieselben in Zukunft gerne vermeiden. Betrachtet man die Seitentobel und Rufen, deren namentlich das Salginatobel viele aufweist, die aber auch dem eigentlichen Schraubach durchaus nicht fehlen, so wundert man sich nicht, daß letzterer bei anhaltendem Regenwetter so dunkle, schlammige Fluthen daherwälzt und sein Wasser zur Bodenanschwemmung für die verwüstete Thalsohle zwischen Schiers und Grüsch verwendet werden kann. Gewöhnlich aber ist der Salginer wasserarm und das Flößen dann höchst beschwerlich, was wir vor bald zehn Jahren selbst zu erfahren Gelegenheit hatten. Mehrere Tage waren wir, unserer Drei, in jenes Tobel hineingewandert, hatten schließlich einige Klafter Holz aufgerüstet und vertrauten dieses dem Wasser an. Das Flößen ging verzweifelt langsam vor sich, so daß Freund M. ergrimmt ausrief: „ Bis jedä Broch ä paar tusig Stüpf hed, will är nid ab Fläck. " Lebhaft wünschten wir mehr Wasser, das uns denn auch noch zu Theil werden sollte. Am Morgen des dritten Tages gelangten wir endlich in den Schraubach. Ein leichter Regen, anfänglich nicht ungern gesehen, hatte sich eingestellt, wurde aber immer intensiver und spornte uns zu angestrengtester Thätigkeit an, da der Bach sichtlich anschwoll. Schon waren wir in der Nähe des Dorfes, an der Stelle, da der Mühlbach abzweigt, in den wir noch etwa die Hälfte unseres „ Flotzes " befördern konnten; dann aber riß das tobende Gewässer den „ Ueber-schlag " weg; die andere Hälfte schwamm auf Nimmerwiedersehen der Landquart zu, und wir selber kamen beim Uebersetzen auf das rechte Ufer in Lebensgefahr. Unser „ Lentimahl " fiel nicht gerade großartig aus.

Doch ich wollte ja eigentlich von meiner Wanderung reden; der Blick nach Salgina hinunter trägt die Schuld an der kleinen Abschweifung. Den „ Berg " verlassend, gelangt man mit leichter Mühe über einige Tobel in die Gegend des „ Steinhüttli " und von dort in nordwestlicher, fast horizontaler Richtung auf die Wasserscheide zwischen Cavell- und Valser-bach. Wie auf der Karte der Name „ Goldrosenhütte " sich einbürgern konnte, ist mir unerklärlich; bei uns wird der dortige Uebergang immer „ auf Colrosa " oder „ Calrosa " genannt, mit deutlicher Betonung der zweiten Silbe. Bis hinauf zur Höhe des Cavelljoches ist 's noch eine A. Ludwig.

Viertelstunde; es war 11112 Uhr, als ich dort oben ankam. Zunächst genoß ich mit Muße das schon oft gesehene, aber immer wieder mit neuem Zauber fesselnde Bild des Lünersees mit seiner großartigen Umgebung. Auch der kecken Zimbaspitze, die von jeder Seite ihrem Rufe Ehre macht, galt meine Aufmerksamkeit. Dann erfrischte ich mich gründlich, worauf es an eine Besichtigung des Absturzes der Kirchlispitzen zur Paßhöhe ging. Doch erhielt ich bald den Eindruck, daß hier an einen Aufstiegsversuch nicht zu denken sei. Als ich mich zufällig umwendete, sah ich drei Gestalten von der Schweizerseite her das Cavelljoch betreten. Jede hatte einen ziemlich schweren Sack auf dem Rücken, welche Last eilig niedergeworfen wurde. Hierauf lagerten sich die Männer behaglich im Sonnenschein. Bald dämmerte mir ein Licht auf, auf was für Wegen sie sich befinden möchten, und da es mir nicht unerwünscht war, einmal mit Schmugglern, vulgo „ Cuntrbändlern ", zusammenzutreffen, so verfügte ich mich zu ihnen hinüber. Meine Frage, ob sie Geschäfte in Kaffee machten, bejahten sie lachend. Einmal in 's Gespräch gekommen, waren wir bald in gemüthlicher Unterhaltung begriffen. Sie kamen durch das Valsertobel von Seewis, und Jeder hatte 25 kg. Kaffee geladen, welcher Artikel schwunghaft hinübergeschmuggelt wird. Von meiner Unverdächtigkeit hatten sie sich bald überzeugt, und so erfuhr ich denn interessante Einzelheiten über die Art und Weise, wie sie den, nicht der Bodenbeschaffenheit, wohl aber der „ Finanzer " wegen gefährlichen Abstieg bewerkstelligen wollten. Was für Kniffe zur Irreführung der Grenzjäger angewendet werden, setzte mich in Erstaunen; selbstverständlich mache ich aber hier von den Enthüllungen keinen Gebrauch. Der Aelteste von den Dreien schien mir ein besonders geriebener Patron zu sein. Kräftig und gewandt, intelligent, mit ziemlichen Kenntnissen von Land und Leuten hüben und drüben, eignet derselbe sich wohl zur Einweihung jüngerer Genossen in die Geheimnisse dieser „ freien Kunst ". Wohlgefällig erzählte er mir, wie er einst mit seiner Familie in Nationaltracht eine Schweizerstadt besucht, dort die Aufmerksamkeit der Bewohner auf sich gezogen habe und, mit Empfehlungen eines Prätigauers versehen, an verschiedenen Orten zuvorkommend aufgenommen worden sei. Mit Interesse betrachtete er die Excursionskarte des S.A.C. und war, wie seine Gefährten, sichtlich überrascht, den Lünersee hier so groß und formgenau zu finden. Hier erfuhr ich auch, was mir übrigens schon Hr. Imhof mitgetheilt hatte, daß der Uebergang von der Lüneralp zum Schweizerthor nicht Nerrajöchl, sondern Verrajöchl heißt; denn die Gegend bis hinauf zum erwähnten Joche bezeichneten sie auf meine Frage als Verraalp 1 ).

Kreuz und quer im Clubgebiet.

Nach gut dreiviertelstündiger Rast schickten sich meine Gesellschafter an, aufzubrechen. Ich stieg mit ihnen gegen den See hinab, nahm dann Abschied und schwenkte, nachdem ich schwach 200 m an Höhe verloren, dem Verrajöchl zu. Besonders aufmerksam betrachtete ich heute die Kirchlispitzen. Dieselben sind eine interessante Erscheinung und zeigen einige Aehnlichkeit mit den Saxerköpfen in der Säntisgruppe. Sie würden entschieden imponiren, ständen sie nicht zwischen Scesaplana und Drusenfluh. Von einer Besteigung der höchsten Spitze ist nichts bekannt, da die geringe Höhe ( 2555 m ) und die dem Anschein nach zu erwartenden Schwierigkeiten jedenfalls nicht zu einem Besuche ermunterten. Die Felswände fallen auf der Schweizerseite fast senkrecht ab und stellenweise auch auf der Nordseite; doch finden sich hier auch ziemlich lange und breite Halden von mäßiger Steigung, dem Untenstehenden der nächsten Felsen wegen theilweise nicht sichtbar und auf der Karte nicht mit genügender Genauigkeit zu erkennen. Wie ich nun längs der untern Felspartien des westlichen Theiles dahinwanderte, gelangte ich zu einer Geröllhalde, die ziemlich weit hinauf das Vorwärtskommen zu gestatten schien. Diese Halde mag ungefähr da ausmünden, wo auf der Karte im Wort „ Kirchlispitzen " das p steht. Sie begann oben am Fuße einer kühn geformten Pyramide, die jedes weitere Vordringen in dieser Richtung hemmen mußte, und die ich irrthümlich für die höchste Spitze oder doch derselben sehr nahestehend hielt. Ich beschloß, einen Versuch zu wagen; denn ich glaubte ein schmales Bändchen zu bemerken, das, westwärts laufend, mich auf die Felsen führen konnte, unter denen ich in der Alp gewandert und über welchen ich eine Art Plateau vermuthete. Ohne Schwierigkeiten gelangte ich hinauf unter die Felswand, wo sich eine Höhle befindet, die aber nicht einmal 10 m tief in den Felsen hineinführt. Dort verließ ich den Schuttkegel, dessen oberer Theil mit festgefrornem altem Schnee bedeckt war, welchen ich, trotz der Steilheit des Gehänges, leicht hatte passiren können. Nun mußte nach Westen abgeschwenkt werden. Was mir, von unten gesehen, als schmales Bändchen vorgekommen war, erwies sich jetzt als eine theils mit Geröll, theils mit Schnee bedeckte und mit felsigen Stellen durchsetzte Halde, über welche ich, nicht ohne einigemal umkehren zu müssen, zu einer Art Gemstobel à la Sulzfluh gelangte, durch welches der weitere Aufstieg ohne besondere Beschwerde vor sich ging; doch war beständig Vorsicht nöthig, da zu dieser Jahreszeit auf der Schattenseite immer verschiedene ungünstige Factoren zusammenwirken. Der Schnee war sehr hart, das Geröll fest zusammengefroren; ein Ausgleiten mußte schlimme Folgen haben, wie ich an einigen versuchshalber losgelassenen Steinen beobachtete. Am schwersten waren übrigens die Liechtensteinischen wilderten und gar zu sorglos in der Gritschhütte übernachteten, durch von Vaduz herbeigerufenes Militär umstellt und gefangengenommen wurde, bei welchem Anlasse einer der Jäger erschossen wurde.

A. Ludwig.

felsigen Stellen zu überwinden, dieselben waren wie mit Glasur überzogen, was wahrscheinlich von einer minimen Schicht frischen Schnees herrührte. Früher als ich 's gedacht, erreichte ich indessen, nun in südlicher Richtung wandernd, den von Westen nach Osten streichenden Grenzkamm, und zwar auf einer Einsattelung zwischen den Spitzen 2555 und 2541, der letztern etwas näher liegend. Diese Einsattelung mal nach meiner allerdings sehr oberflächlichen Schätzung etwas unter 2500 m Höhe haben. Hier spendete mir die Sonne wieder ihre wärmenden Strahlen, und während einer kurzen Rast genoß ich die hier natürlich nicht umfassende Aussicht, die aber das Auge dennoch fesselt durch den Blick über die hohe Felswand hinunter auf Vorder- und Hinterälpli. Dann aber galt es zu entscheiden, auf welche Seite ich mich wenden wollte. Westlich schien der Grat leicht Punkt 2541 gewinnen zu lassen; in ostnordöstlicher Richtung hatte ich die vorher erwähnte Pyramide vor mir, der ich schließlich den Vorzug gab; denn wenn ich auch jetzt schon stark bezweifelte, daß sie die höchste Erhebung bilde, so konnte doch von dort aus vielleicht die oberste Spitze, Punkt 2555, erreicht werden. Von der Einsattelung führt ein nicht sehr einladend aussehender Grat hinüber, nach der Nordseite mehrere kleinere Kamine entsendend, die zwischen kleineren Felsköpfen ihren Anfang nehmen. Theils über letztere, theils mit Benutzung des obersten Theils der Kamine gelangte ich leidlich bis fast auf die vermeintliche Spitze; aber wenige Meter unter derselben vermochte ich nicht mehr weiter zu kommen, nicht wegen der besondern Steilheit, sondern weil dem obersten höckerartigen Theile die Vorsprünge und Zacken fehlen, die mir bisher guten Stand und Griff gewährten. Ein gewandterer Kletterer hätte die Schwierigkeiten jedenfalls überwunden; ich wagte es nicht. Es war aber auch kein besonderes Interesse mehr vorhanden; denn von meinem Standpunkte aus erblickte ich nun deutlich, etwa 200 m östlich, den Punkt 2555. Von meiner Pyramide aus, die übrigens diese Benennung nur von Nordwesten aus rechtfertigt, führt ein, wie mir schien, nicht sehr schwieriger Kamm fast horizontal zum Gipfel hinüber. Auf Schweizerseite läuft unter demselben in gleicher Richtung ein schmales Bändchen, dürftige Vegetation aufweisend, nach Süden in schwindlige Tiefe abfallend. Ich betrat dasselbe; aber es lief aus, bevor ich mich auf den wenig höhern Hauptkamm schwingen konnte, und ich war zur Umkehr gezwungen. Jetzt war mir zum ersten Mal etwas bänglich zu Muthe, denn noch stand mir das viel schwierigere Hinabklettern auf die Einsattelung bevor. Doch da half kein Zagen; nach kurzer Pause machte ich mich ans Werk. Ich war froh, heute noch keine geistigen Getränke genossen zu haben; dagegen verwünschte ich meinen Tornister, der mich auf alle erdenkliche Weise hinderte, und auch mein kurzer Stock ohne „ Cuspe " war mir nur lästig. Tief aufathmend, erreichte ich endlich nach 20 Minuten aufregender Anstrengung den Sattel, wo ich neue Pläne schmiedete. Noch war es Kreuz und quer im Clubgebiet.

möglich, die westliche Spitze zu gewinnen, die scheinbar weniger Schwierigkeiten bot; aber ein Blick auf die Uhr zeigte mir, was zu thun sei. Es ging auf 3 Uhr; an einen directen Abstieg auf Schweizerseite war nicht zu denken und der weite Heimweg über Verrajöchl und Schweizerthor erforderte mindestens vier Stunden; Mondschein war nicht zu erwarten. Rasch formirte ich statt eines Steinmannes einen Kreis von Steinen und stieg dann vorsichtig zur Verraalp hinunter. Spuren eines früheren Aufstieges konnte ich nirgends finden; merkwürdigerweise entdeckte ich auch keine Gemsenspuren. Den Aufstieg bis zum Sattel kann ich auf Blatt Bludenz und Vaduz der österreichischen Generalstabskarte 1: 75000 entschieden besser verfolgen, als auf der Excursionskarte. Obwohl erstere sonst zu unseren Siegfried-Blättern einen ähnlichen Contrast zeigt, wie ein guter Holzschnitt zu einem fein colorirten Bilde, zeichnet sie sich doch vielerorts durch vortreffliche Wiedergabe der Details des Terrains aus.

Der weitere Heimweg, der in beschleunigtem Tempo vor sich ging, bietet wenig des Erwähnenswerthen. Auf dem Verrajöchl angelangt, sah ich so recht, wie unüberlegt und planlos ich vorgegangen; denn wenn Punkt 2555 erstiegen werden soll, so geschieht es jedenfalls am leichtesten von hier aus, was ich freilich vorher nicht wissen konnte, da ich noch nie dieses Joch passirt hatte. Beim Schweizerthor unterließ ich heute jeden Abkürzungsversuch und benützte wohlweislich das Rasenband. Es dämmerte bereits, als ich auf dem nicht endenwollenden Alpwege gegen Schuders hinauswanderte. Dann hatte ich noch das Vergnügen, in ägyptischer Finsterniß die steile Cresta hinabzustolpern, von welcher der Sage nach der Teufel, als er sie hoch in der Luft gegen Schuders hineintrug, schon auf Busserein ein Stück verloren haben soll, was mir beim „ Stutz "'in der dortigen Gasse sehr glaubwürdig erschien. Um 7 ½ Uhr langte ich in Schiers an und verabredete noch am gleichen Abend mit zwei Clubgenossen eine Scesaplana-Fahrt, die denn auch, begünstigt vom prachtvollsten Wetter, am folgenden und nächstfolgenden Tage ausgeführt wurde und den Reigen meiner Wanderungen im Jahr 1890 in würdiger Weise schloß. Möge das Clubgebiet auch im Jahre 1891 seine Anziehungskraft bewähren und jedem Wanderer so helle Witterung beschieden sein, wie sie mir der Herbst 1890 bot!

Zum Schlusse erwähne ich noch, was mir auf meinen Streiftouren an Wild zu Gesichte gekommen ist. Da will ich vorerst bemerken, daß sich mir, trotzdem ich während dreier Wochen fast alle Tage ausrückte, auch nicht eine Gemse zeigte. Nicht etwa, daß sie so selten wären; aber die Tageszeit, in welcher ich die höhern Regionen erreichte, war in dieser Beziehung meist ungünstig. Die einzigen lebenden Gemsen, die ich im Excursionsgebiete je beobachtete, waren Waldthiere, welche öfters auf eine Wiese im Landquartberg gegenüber Schiers zur Weide herunterkamen, dorthin, wo auf der Karte die Zahl 855 steht. Längere Zeit konnte man A.. Ludwig.

dieselben vom Dorfe aus regelmäßig Morgens und Abends sehen. Murmel- thiere hörte ich viele und sah auch mehrere hinter der Drusenfluh. Acht Tage später, als ich die Kirchlispitzen besuchte, hörte ich ihre schrillen Pfiffe nicht mehr, obwohl sie in dieser Gegend sehr häufig sind. Wahrscheinlich hatten sie sich schon zurückgezogen, und wohl aus dem gleichen Grunde vermißte ich sie am 5. October an der Weißfluh, wo sie ebenfalls zahlreich vorkommen. Die Murmelthiere werden im Prätigau „ Murmandä " oder „ Murmandä " genannt, was der bekannten Ableitung von den Stämmen „ mur ", resp. „ mus " und „ montan " entspricht. Der schönste Anblick wurde uns aber auf einer Tour nach Tschagguns zu Theil: auf der Tilisuna-Alp sahen wir vier Hirsche, die nicht gar eilig gegen Verspalen hinaufzogen, um dann, wahrscheinlich gegen die Sporn-Alp, zu verschwinden. Dieses edle Wild ist auch auf der Südseite des Rhätikon nicht ganz selten. Vor drei Jahrzehnten galt es im Prätigau fast als ausgestorben; nur wie eine Art Sage erzählte man sich, noch lebe „ im Tobel drin " ein altes Exemplar von außerordentlicher Größe. Allgemein war man daher überrascht, als es Anfangs der siebenziger Jahre einem Jäger von Furna gelang, in einem strengen Winter einen prachtvollen Hirsch lebendig zu fangen. Auf den Märkten war das Wunderthier um Geld zu sehen, und auch ich bezahlte damals meinen Zehner, um es anzustaunen. In den letzten Jahren wurden in jeder Jagdsaison mehrere Hirsche geschossen. Manche der erlegten Exemplare habe ich selbst gesehen, darunter ein von dem tüchtigen Bussereiner Jäger David Willi geschossenes Prachtsthier von fast 200 kg. Gewicht.

Für die Armuth an Hasen mag der Umstand zeugen, daß ich nur eines einzigen ansichtig wurde. Allerlei Raubvögel, Steinadler, Falken, Weihen u. s. w., setzen dem Kleinwild furchtbar zu.

Auerhahn und Birkhahn, die ich sonst etwa auf der Höhe des Landquartberges beobachtete, erblickte ich dieses Jahr nicht, ebenso wenig die schönen Pernisen oder Steinhühner, die mir früher hie und da begegnet waren. Schneehühner sah ich ziemlich zahlreich beim Drusenthor, an der Scesaplana dagegen nur ein einziges Exemplar. Ein drolliger, gar nicht scheuer Cumpan präsentirte sich mir auf der Alp Ober-Larein am Glattwang, nämlich der Tannenhäher, den ich viele Jahre im Prätigau nicht mehr beobachtet hatte.

Diese dürftigen, unzusammenhängenden Bemerkungen sollen nicht etwa zu einem Schlusse auf den Wildstand berechtigen; mit letzterem müßte es in diesem Falle sehr schlecht bestellt sein, was übrigens theilweise auch zutrifft, namentlich für das Gebiet des Rhätikon. Doch ist hierbei nicht zu vergessen, daß der flüchtige Tourist Manches unbeachtet läßt, was dem geschärften Auge des erfahrenen Jägers oder Naturforschers nicht entgeht.

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