L. Rütimeyers kleine Schriften

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Am 25. November 1895 starb zu Basel Professor Dr. L. Rütimeyer, ein Naturforscher von wohlbegründetem Weltruf, in Sachen der Paläontologie der Wirbeltiere wohl die erste Autorität seiner Zeit, aber auch ein hervorragender Gebirgs- und Gletscherforscher und als solcher dem Schweizer Alpenclub, dessen Ehrenmitglied er seit 1884 war, wohl bekannt.

Was Ludwig Rütimeyer für die Paläontologie und die vergleichende Anatomie gewesen ist, braucht hier nicht erörtert zu werden. Es ist bekannt, daß seine Arbeiten über die Fauna der Pfahlbauten und der Knochenhöhlen von Thayngen u. s. w., über die helvetischen Schädelformen, über die natürliche Geschichte des Rindes, des Pferdes, des Schweines, der Hirschfamilie von grundlegender Bedeutung sind.

Was Rütimeyer als Gebirgs- und Gletscherforscher, was er insbesondere dem Schweizer Alpenclub war, das ist in unseren Publikationen bereits geschildert worden. In der Alpina, Band IV, Nr. 2, Zürich 1896, hat ein Freund des verstorbenen Gelehrten, Herr Albert Hoffmann-Burckhardt, der seither auch dahingeschieden ist, die unermüdliche, fruchtbringende Thätigkeit Rütimeyers sowohl im Gesamtclub, wie in der Sektion Basel, zu deren Gründern er gehörte, in kurzen Zügen gezeichnet und darauf hingewiesen, daß es vor allem Rütimeyer war, der „ die Vereinsthätigkeit über die bloße, vergnügliche Bergsteigerei hinaus auf edlere und höher gestellte Ziele zu lenken wußte ". Im Jahrbuch XXXI entwirft Dr. C. Schmidt das Lebensbild Rütimeyers und schildert ihn als Gebirgsforscher, als Bahnbrecher der modernen Anschauungen über die Gestaltung der Erdoberfläche, insbesondere über Thal- und Seebildung, als Förderer und Chronisten der Rhonegletschervermessung und als langjährigen Mitarbeiter an den Publikationen des Schweizer Alpenclubs.

Die Arbeiten, die Rütimeyer für unsern Club geschrieben hat, namentlich seine mustergültigen Itinerarien ( St. Gotthard 1871, Rheinwaldgebirge 1872, Tessiner Alpen 1873 ), sind populär wissenschaftlich im besten Sinne des Wortes. Rütimeyer verdünnt die Wissenschaft nicht, sondern er vereinfacht sie, indem er überall das Wesentliche hervorhebt, das weniger Wichtige unterdrückt oder zurückdrängt und die Fachtermi-nologie soweit thunlich vermeidet. Seine Sprache ist edel, frei von Schwulst, entbehrt aber bei aller Schlichtheit nicht, der Wärme und Lebendigkeit, ja der Poesie. Auch die vielen andern Schriften allgemein naturwissenschaftlichen Inhalts, die Rütimeyer in verschiedenen Zeitschriften, Programmen u. s. w. veröffentlicht hat, weisen dieselben Vorzüge auf.

Nicht alle in demselben Maße: bei einzelnen erscheint die Form da und dort etwas ungelenk; die Fülle der sich drängenden Gedanken kommt mit dem Streben nach Kürze und Prägnanz des Ausdrucks in Konflikt; der Wunsch, logisch Zusammengehöriges in demselben Satz zu vereinigen, führt oft zu schwerfälligen Satzgefügen. Rütimeyer macht denn auch selbst kein Hehl daraus, daß ihm der Guß nicht immer schon beim erstenmal gelang, und daß ihm die letzte Ausfeilung oft große Pein verursachte.

Auch seine leichtflüssigsten Schriften, wenn dieser Ausdruck gestattet ist, erheischen aufmerksame, denkende Leser; so leicht, wie etwa eine naturhistorische Plauderei von Karl Vogt, lesen sie sich nicht. Dafür ist aber auch ihre anregende Wirkung, ihr geistiger Ertrag weit edler und nachhaltiger.

Rütimeyer hat viel geschrieben; die Mehrzahl seiner Arbeiten ist in Fachzeitschriften, in den Abhandlungen der schweizerischen paläontologischen und in den Denkschriften und Verhandlungen der schweizerischen naturforschenden Gesellschaft, im Archiv für Anthropologie u. s. w. erschienen; andere wurden selbständig in Form von Broschüren oder Büchern veröffentlicht, die zum Teil längst vergriffen sind. Es war deshalb ein glücklicher Gedanke der Angehörigen und der Freunde des verstorbenen Gelehrten, eine Sammlung seiner kleinen naturwissenschaftlichen Schriften allgemeinen Inhalts zu veranstalten, und Herr Dr. H. G. Stehlin hat sich durch die Herausgabe derselben ein eigentliches Verdienst erworben. Die naturhistorische Litteratur ist zu arm an echt wissenschaftlichen, gemeinverständlichen Werken, als daß es nicht ge- boten gewesen wäre, die vergriffenen oder im Staube alter Jahrgänge von Zeitschriften vergrabenen kleinen Schriften Ludwig Rütimeyers wieder zugänglich zu machen.

Die Sammlung besteht aus zwei stattlichen, würdig ausgestatteten Bänden. Der erste enthält nach einem kurzen Vorwort die Autobiographie Rütimeyers, die dieser selbst als „ Ungeordnete Rückblicke auf den der Wissenschaft gewidmeten Teil meines Lebens " bezeichnet, und sieben Arbeiten aus dem Gebiete der Zoologie, denen eine Karte, sechs Holzschnitte und als Titelbild das wohlgetroffene Porträt des Verfassers beigegeben wird.

Rütimeyer hat seine „ Rückblicke " in den Jahren 1888-1895 geschrieben, ganz im stillen, denn bis nach seinem Tode wußten selbst seine nächsten Angehörigen nichts von diesen Aufzeichnungen, die gerade deshalb, weil sie nicht für die Öffentlichkeit bestimmt waren und also nicht ausgearbeitet und ausgefeilt sind, uns einen tiefen Einblick in die Entwicklungsgeschichte, die Art des Schaffens und das Gemütsleben des « dein Menschen und großen Forschers Ludwig Rütimeyer gewähren. Auf seinen äußeren Lebensgang braucht nach den Nekrologen in der Alpina und im Jahrbuche nicht eingetreten zu werden; nur das sei als charakteristisch für den Werdegang des berühmten Gelehrten hervorgehoben, daß Rütimeyer, bis er 1843 im oberen Gymnasium zu Bern den geistsprühenden, elektrisch belebenden Unterricht Bernhard Studers in der mathematischen Geographie genoß, in den Naturwissenschaften durchaus Autodidakt war und sich noch als Greis glücklich preist, durch den Privatunterricht seines Vaters, des Pfarrherrn zu Biglen, „ dem Elend der öffentlichen Schule " entgangen zu sein, „ wo ja von früh an alles, was von Persönlichem, von Typischem, von Selbsteigenem aufkeimen möchte, methodisch glattgeschlagen und womöglich zertreten und ausgerottet wird ". „ Landleben ", schreibt er, „ von den ersten Jahren an in frischer Luft, in Wiese und Feld, im Wald und auf den Höhen, das hat durch mein ganzes Leben hindurch gewirkt Die Naturkunde zog von selber, und nicht als Kunde und in erbärmlichen Formeln, sondern vollkommen still und unvermerkt, wie Morgenhauch in offene Pforten des Erkennens, des Atmens, des Fühlens ein. " Die erste Nachhülfe, wenn von einer solchen überhaupt die Rede sein kann, ward dem künftigen Gelehrten von einem schlichten Bauernknecht zu teil, dem alten Hans aus Schwarzenegg, der die Landwirtschaft des Pfarrgutes besorgte, und das erste Gebiet, an dem der Erforscher der Thal- und Seebildung sein Beobachtungsvermögen übte, war die Hundschüpfe {Blasenfluh, 1117 m, Siegfried ), „ von der die zahlreichen Thäler und Schluchten der Pfarrgemeinde ( Biglen ) und der Nachbargemeinden ausstrahlten. Selbst im tiefsten Winter bei meterhohem Schnee wurde sie besucht, und mit ahnungsvoller Andacht schweifte der Blick nicht nur über die Fernsicht, welche uns vom Vater jeweilen des sorgfältigsten erklärt wurde, sondern auch in die Labyrinthe von Wald und Feld, welche dort zu Füßen lagen. Vollkommen unmerklich erwachte auf diesen Wanderungen und vor allem auf diesem Centralpunktx ) das Interesse, das später zu geologischen Studien führte, und die Keime der späteren Arbeit über Thal- und Seebildung... stammen durchaus aus jener Zeit. "

Von den andern Arbeiten des ersten Bandes seien die gedankenschwere Rektoratsrede ( von 1867 ) „ Über die Aufgabe der Naturgeschichte ", die bahnbrechende tiergeographische Studie „ Über die Herkunft unserer Tierwelt " ( aus demselben Jahre ) und namentlich die klassische Abhandlung: „ Die Veränderungen der Tierwelt in der Schweiz seit Anwesenheit de » Menschen " ( von 1875 ) hervorgehoben.

Der zweite Band enthält zunächst vier Arbeiten vorwiegend geographischen Inhalts. Zwei derselben sind den Jahrbüchern unseres Club* entnommen: die Abhandlung „ Über die Bevölkerung der Alpen ", eine Frucht der Studien über schweizerische Schädelformen, erschien im Jahrbuch I, der „ Blick auf die Geschichte der Gletscherstudien in der Schweiz " im Jahrbuch XVI, als Einleitung zu den jährlichen Berichten über die Vermessungsarbeiten am Rhonegletscher, die Rütimeyer von 1881—1889 im Jahrbuch erstattet hat.

Die beiden andern sind die klassischen Werke „ Vom Meer bis zu den Alpen, Schilderungen von Bau, Form und Farbe unseres Kontinente » auf einem Durchschnitt von England bis Sizilien ", und „ Die Bretagne^ Schilderungen aus Natur und Volk ". Beide Werke sind in Buchform erschienen, aber längst vergriffen. Das erste, eine Sammlung von öffentlichen Vorträgen, die Rütimeyer im zweiten Jahre seiner Thätigkeit al& akademischer Lehrer in Bern gehalten hat, kam 1854 zu Bern heraus, das zweite 1883 zu Basel, wo Rütimeyer seit Anfang 1855 eine zweite Heimat gefunden hatte.

Es sind namentlich diese beiden Schriften, die Rütimeyer als Meister der gemeinverständlichen, wissenschaftlichen Darstellung zeigen, und die wohl auch die populärsten unter all seinen Arbeiten geworden sind.

Die Ansichten über den Bau der Erdrinde, die er in dem ersten Werke ausspricht, sind teilweise veraltet — die Geologie hat seit 1854 mächtige Fortschritte gemacht — nie veralten werden aber seine wunderbaren Naturgemälde. Ob er das blaue Meer an den Küsten von Sorrent oder die weißen Dünen der Nordsee schildert, ob er in sicheren, markigen Zügen das Sandsteingebirge zeichnet, von den sanftgewellten Höhenzügen der Normandie bis zu den rauhen „ Eggen " und Gräben de& heimatlichen Emmenthals, ob er den Jura mit seinen Hochflächen und wellenartig gereihten Ketten charakterisiert oder das krystallinische Hochgebirge, in dem er noch vulkanische Ringbildung erblickt, immer sehen wir, daß in dem scharf und klar beobachtenden Naturforscher auch ein Künstler und ein Dichter stecken. Aber die poetische Empfindung trübt die Schärfe der Beobachtung nicht, und das ästhetische Genießen wird durch das Verständnis des Werdens und Vergehens des Geschauten, der Ursachen von Form und Farbe der Erdfläche nicht gestört, sondern vertieft.

Noch höher, wenigstens in formeller Hinsicht, steht die Schilderung, die er von Land und Leuten der Bretagne entwirft. Der Meister, der uns von der Superga den „ Alpenring von Piémont " in dem Farbenglanz der untergehenden Sonne zeigt, der wird auch der schwermütigen Schönheit der bretonischen Landschaft gerecht, den öden, einförmigen, ginster-und heidekrautbewachsenen „ Landes ", den düstern Menhir- und Dolmen-feldern des Morbihan und den wilden Fjorden, den flutzernagten Klippen des Finistère. Ich wüßte diesen ergreifenden Natur- und Stimmungsbildern aus der Bretagne nichts an die Seite zu setzen, als etwa die italienischen Landschaftsgemälde Ferdinand Gregorovius'( Wanderjahre in Italien ), nur daß freilich bei dem Historiker Gregorovius die Völkergeschichte, nicht die Erdgeschichte, der Landschaft die Stimmung verleiht.

Den Schluß des Bandes bilden die Nekrologe der Naturforscher Louis Agassiz, Charles Darwin, Peter Merian und Bernhard Studer und ein sehr verdienstliches Verzeichnis der Publikationen Rütimeyers. Wenn an diesem etwas auszusetzen ist, so ist es das, daß statt der Originalausgaben der drei Itinerarien, die 1871-1873 in Basel erschienen sind, die jeweilen ein Jahr später im Jahrbuch veröffentlichten Ausgaben angegeben sind, die nur den allgemeinen Teil, nicht die speciellen Itinerare enthalten, und daß die Bretagne nicht 1882, sondern, nach dem Datum des Titelblattes, 1883 erschienen ist, während allerdings die Vorrede vom Juli 1882 datiert ist, endlich, daß die letzte Angabe etwas vorgreift; denn Rütimeyers druckfertig hinterlassenes Manuskript: „ Entstehung und Verlauf der Vermessung des Rhonegletschers " harrt leider immer noch der Veröffentlichung. Hoffentlich nicht mehr lange; denn es ist wirklich hohe Zeit, daß die seit Jahren „ nächstens erscheinende " Publikation des S.A.C. über die Rhonegletschervermessung, zu der Rütimeyers letzte Schrift die Einleitung bilden soll, endlich einmal wirklich erscheine.

Der Herausgeber der „ kleinen Schriften " hat durch seine mit feinem Verständnis zusammengestellte gediegene Publikation der vielseitigen und doch harmonisch in sich geschlossenen Persönlichkeit Rütimeyers ein würdiges Denkmal gesetzt. Es ist eine Ehrenpflicht des Schweizer Alpenclub, ihm auch seinerseits ein solches zu stiften durch die Herausgabe der Resultate einer Arbeit, für die Rütimeyer im S.A.C. zwei Jahrzehnte hindurch unermüdlich und tapfer gekämpft hat, so viele Widersacher und so schwere Widerwärtigkeiten sich auch dem Werke der Rhonegletschervermessung in den Weg stellten.

A. W.

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