La Haute Route

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Skiwanderung Martigny—Zermatt. Von Georg Eglinger.

Die Erde dunkelt schon, im nahen Grunde rauscht ein Bach. Die Luft ist feucht und warm. Föhn!... Lang und teilweise steil steigt und windet sich die Strasse nach Sembrancher und Lourtier hinauf. Der Wagen rast, und der Lärm seines gleichmässig pulsierenden Lebens verhallt in der dunkeln Nacht. Sich an die Erde duckende Häuschen erscheinen und verschwinden im Licht. Bäume leuchten auf. Wie Störenfriede kommen wir uns vor, da alles schon so still und zurückgezogen. Nur in uns vieren ist es noch munter, dehnt und reckt sich etwas einem Ziel entgegen. Die alte Bereitschaft zur Natur erwacht.

Wir erreichen Verségères, 888 m, in tiefer Nacht. Ein Führer und Träger erwarten uns da, und nach dem Rat, erst besseres Wetter abzuwarten, bleiben wir.

Ich bin wohl der erste am Fenster diesen Aprilmorgen 1931. Ein lauer Wind streicht durch die enge Dorfgasse. Über den Dächern schieben sich noch graue Wolken. Einzelne blaue Flecken bringen Freude und Hoffnung. Gleich die Freunde geweckt!

In steilen Kehren führt uns die Strasse bis zum Flecken Lourtier, 1050 m. Unsere Nagelschuhe hallen auf dem holprigen Pflaster. Mit neugierigen Augen kommen die Kleinen unter die Türen getrippelt: Fremde ?!

Der Aufstieg zur Chanrionhütte, 2465 m, durch das Tal de Bagnes ist bekannt als lang und lawinengefährlich. Gleich nach Lourtier schliesst sich auch das Tal mehr und mehr. Hoch und ernst stehen die dunklen Tannen. Braune und braungelbe Erdflecken wechseln mit schmutziggrauen Schneebändern, es quirlt und brodelt vom sickernden Wasser.

Langsam steigt die Wegspur am Hang entlang. Die Ski und die schweren Säcke am Rücken fangen langsam zu drücken an. Wie froh sind wir, dass hohes Gewölk uns noch beschattet.

In Fionnay, 1497 m, ziehen wir schon auf unsern Ski ein. Alles ist ruhig und einsam. Die Häuser mit ihren geschlossenen Augen und dem in die Stirn gedrückten Dach liegen in tiefem Winterschlaf. Kein ungewohnter Laut schreckt sie auf. Weiche Schneeflächen breiten sich im Sonnenlicht, einzelne Tannengruppen und zartgeästete Lärchen warten auf den Frühling. Die Bretter tragen uns mühelos über das Weiss in vielen Windungen die Hänge hinauf, durch all die Schönheiten eines Spätwinters. Ein Höhepunkt ist die Talweite von Mazeria. Im Talschluss auf hohem Posten Hotel Montvoisin.

Intensiver, blauer Himmel, weit, weit... ganz nahe die Spitzen der Lärchen und die Felsengrate, deren beschneite Bänder und Rippen man bis ins Kleinste erkennen kann. Ein Wasserfall gurgelt in Schnee- und Eisgebilden sonnenbefleckt. Ein letzter Steilanstieg, endlich Montvoisin, unser Mittagsplatz.

Stotzig führt ein Couloir jenseits wieder auf den Talboden zurück. Jeder hinab wie er kann. Erdrückend nahe stehen an beiden Seiten die Wände, kahl und abgefegt. Ein feines Rieseln an den Nordhängen, ein Poltern an den Südwänden, wo kleine Hängegletscherchen sich lösen. Es steigt langsam, lange, endlos lange. Wir sind über einer Schlucht auf tiefverschneiten Geröllhalden. Es geht auf und ab. Ein Aufatmen am Plateau Lancey, wo die Landschaft sich wieder weitet. Die Sonne steht schon tief. Blaue Abendschatten legen sich in die Täler und Mulden, die Gipfel und Grate leuchten noch im letzten, weichen Sonnenlicht. Immer noch sind wir am Aufstieg, der jetzt mächtig steil auf eine Art Terrasse führt. Langsam, aber sicher. Das letzte Blitzen und Blinkern der Natur stirbt rasch, besonders wenn Nebelwolken sich wie eine Decke über alles senken. Es ist Nacht geworden. Wir tappen auf eisigem Schnee. Kein Wind regt sich, eine Stille, die fast erbeben macht. Dazwischen ächzen die Bretter. Wir versuchen sie zu tragen, die Decke bricht, und der Schnee darunter ist zu tief, also wieder auf die Latten. Der Geist hat die Arbeit eingestellt; wir sind auch zeitlos geworden. Plötzlich ein schwarzer, geometrischer Schattenriss. Wir stehen vor der Hütte. 10 Uhr abends.

Nebel, grauer Nebel. Leichtes Rieseln. Es ist wieder kälter geworden. Wie gut es einmal tut, nur an der Türe zu lehnen, die Hand an der Pfeife sich wärmend und das Wetter zu ahnen. Man sieht, wie es brodelt, wie die Nebelmassen aus den Tälern über die Höhen getrieben werden, um wieder in die Täler zurückzufallen. Manchmal teilt sich das ewige Grau, wird heller und heller, und plötzlich wandert ein Silberfleck auf den Hängen. Dann löst sich ein Berg aus dem Schleier, leuchtend und flimmernd, der « Grand Combin ».

Wie gross ist diese Einsamkeit und wie nahe am Unbegreiflichen. Es ist wirklich, als ob man ein Stück in den Himmel rage.

Federnd in den Knien, drehend in den Hüften, sausen wir jetzt bergab, Mulde folgt auf Mulde. Ein leichter Druck auf die Bretter; es stäubt der Schnee. Ein Jauchzer muss dem Mund entfahren, der das von Lust fast zerspringende Herz erleichtert. Es ist unglaublich, was ein Sonnenstrahl an seelischer und körperlicher Heilkraft besitzt.

Rotes, knisterndes Feuer, summender Kessel. Brütend sitzen wir über Büchern und Karten. Wiederum zieht Nebel an den Fenstern vorbei... Oft treibt es mich an die kleine Luke diese Nacht, zu sehen, wie die Wolken über die Pässe sich wälzen, wie zeitweise Mondlicht über die endlose, einsame Schneefläche streicht. Eine lautlose Nacht, ganz nahe bei mir das gleich-massig tiefe Atmen der Freunde. Endlich gegen 4 Uhr beginnt es zu krabbeln unter dem Dach, und die Unternehmungsmöglichkeiten werden besprochen. Der Führer war trägeren Blutes und weniger begeistert, doch das Aufblinken der Sterne musste auch ihn entflammen. 5 Uhr morgens ist der Aufbruch. Im Flüsterton noch einige Minuten vor der Hütte. Die Nacht liegt so ruhig, so bezaubernd über allem. Nebelschwaden ziehen an den Wänden des Point d' Otemma. Der Schnee ist hart. Einer nach dem andern verschwindet jetzt im Dunkel die Hänge hinab. Man hört die schneidende Arbeit der Bilgerimesser. Manchmal begegnen wir uns, krachen zusammen, ein Fluch und dann wieder weiter.

Leichter und zarter wird der nächtliche Dunst, und am Fusse des 10 km langen Otemmagletschers, der noch ganz im blauen Schatten liegt, treten die ersten Spitzen des Grenzgrates in das klare Sonnenlicht. Langsam steigt die Spur. Langgezogen liegt die grosse, weisse Fläche, Kälte ausströmend. Wir freuen uns, in die Sonne zu kommen. Über dem Col Chermontane die « Aiguille de la Za » emporschiessend. Langsam steigt die Spur.

In grossen Wellen, weich und kraftvoll zieht es sich hinauf zum Col du Petit Mont Collon. Glitzernder Schnee im frühen Sonnenlicht. Es reizt zu sausender Abfahrt. Wir umgehen breite, unüberbrückbare Spalten und winden uns am steilen Hang hinauf. Vom Col du Petit Mont Collon eine kurze Traversierung zum Col de l' Evêque, 3393 m. Ein Aufschrei der Begeisterung. Eine grosse Decke weisser Wolken über allen Tälern, den Gletscherzungen folgend, auf- und niederwallend. Darüber klar und fein gezeichnet Spitzen — Grate — Gletscher. Pigne d' Arolla, die weisse, spitze Mütze, Les Dents des Bouquetins, schaurige Wände und Grate. Dent d' Hérens, der aufragende Hoger und ringsum Eis, Schnee, sanfte Hänge und grausige Brüche. Ein Blick ins Innerste der Berge. Die Sonne brennt, der blaue Himmel wolkenlos.

Keine Seele, kein Laut weit und breit.

10 Uhr. Die Sonnenstrahlen fallen schon ziemlich steil und der Reflex ist von heimtückischer, riesiger Kraft. Licht und Wärme; zwei entsetzliche Feinde im Hochgebirge.

Am Seil, zwei Partien, fahren wir jetzt den obersten Teil des Arollagletschers hinab, massig geneigt, aber voll Hindernissen, die wir uns selbst legen. Der Führer, die Route nur im Sommer kennend und der vielen Spalten VIII12 bewusst, hemmt; wir, die herrlichen, weissen Flächen sehend, sind wie junge Rosse ungehalten. So geht es langsamer, als uns lieb ist.

Wie eine breite, weisse Strasse zieht der Arollagletscher in grossem Bogen talab. Ein Kessel hieroben, von weit überragenden Zinnen und Eisrücken eingeschlossen. Senkrecht die Sonne, kein Hauch, kein Ton. Die Glut vibriert über dem ewigen Schnee. Man möchte ihr entfliehen, doch das Blut wird zu Blei. 3000 m. Tücher schützen unsere Nasen, Stirn und Mund. Es steigt wieder einer Schneewand entgegen, dem Col Mont Brulé. Der Schnee ist sulzig, durchgeweicht, die Felle kleben. Es steigt, steigt. Wir stapfen zu Fuss, einer nach dem andern, im steilen Couloir. Kein Wort.

Col de Mont Brulé, 3400 m.

Es geht weiter, eine unbedeutende Abfahrt, Haut Glacier de Tsa de Tsan. Die italienische Seite. Eisbrüche von einer Gigantik, die unser matter Geist nicht mehr aufzunehmen vermag. Höhen und Tiefen wechseln in einem wilden Rhythmus, und wir schleichen am Fusse der Dents des Bouquetins entlang, jeden Schattenfleck suchend. Doch umsonst. Immer weiter, immer fort. Völlig Maschine geworden. Noch ein Blick zum Col de Valpelline, 3562 m, wo das Steigen enden soll. Es zieht sich weit und lange.

Die hundert Meter hohe Eiswand des Col des Bouquetins, der zur Bertolhütte führt, macht unsere Köpfe noch einmal heben, dann bleiben sie gesenkt. Selbst auf dem Col de Valpelline, wo wir aus dem Südkessel in einen eisigen Wind treten, sind wir zu müde, die Grosse und das alles überragende Matterhorn zu würdigen. Fred zitiert Götz von Berlichingen.

Aus dem Tal von Zermatt schleicht es violett, ein leichter Dunst; eisige Bläue zieht aus den Tiefen in die rötlich beleuchteten Spitzen. Die Sonne stirbt in den Gletschern, es schauert mich. 1000 m unterhalb die Hütte von Schönbühl.

Noch Stunden dauert es, das Halblicht im Eis erlöscht. Die Nacht umhüllt alles mit ihrem ewigen Frieden. 9 Uhr stolpern wir über die Schwelle der Hütte.

Erst den andern Morgen kommt uns zum Bewusstsein, wo wir sind. Wir treten vor die Hütte und sehen den Zmuttgrat hinaufwachsen zum Gipfel des Matterhorns, von voller Sonne Übergossen. Schauerlich die schattige Nordwand mit ihren wenigen Graten und Rinnen. Weit hinten wölben sich Eisberge, die Monte-Rosa-Gruppe.

Feine Wolkenzeichen stehen am Himmel.

Talwärts führt nun unsere Spur, wieder durch grünende Wälder, sickernde Matten und Wiesen. Wir ruhen auf blosser Erde, ihren Geruch aufsaugend. Schwarze Hütten, hellgrüne Baumwipfel.

Vespergeläute. Zermatt.

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