«Le Grand-Beau» - und Hänschen klein

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Hans Furer, Wahlern

« Sobald ,1e Grand-Beau'kommt, läute ich Dir wieder an » - das bedeutete Pikettstellung. Dieser meteorologische Lieblingsausdruck Frithjofs ist auf unserer Bergfahrt zum mehrdeutigen Stichwort geworden.

« Su, su, su, schlafe mein Kind, draussen säuselt der Wind » - das ist das Kinderverslein, nach dessen Takt und Ton es auf dieser Tour ging. Denn unaufhörlich hat er während vieler Stunden vom Gipfel herunter gesäuselt, rhythmisch und einschläfernd, wie eine Mutter das Schlummerlied singt. Draussen um die Biwaksäcke herum trieb er sein Wesen, oben am Mont Blanc, wo zwei Gestalten, jede in ihr Schneeloch geduckt, wohlgeborgen im Zimbakombi drin kauerten. So weit nur sassen sie auseinander, dass sie ohne grosse Lageveränderung jederzeit Tuchfühlung aufnehmen konnten, aber doch nur so nah, dass sie einander nicht störten: Hans den Frithjof nicht, der mit nicht nachlassender Energie seine Lauchneraip. Begegnungen und Erinnerungen - Traum oder Wirklichkeit?

Mag Menschenwerk in kurzer Zeit das Antlitz einer Landschaft umgestalten und verändern: was an beglückendem Erleben und Geschautem in unserer Erinnerung ruht, kann durch alles Drängen und Vorwärtsstürmen nicht auf ewige Zeiten begraben und verschüttet werden, sondern bricht als unversiegbarer Quell immer wieder zum Licht — zum Licht, das seit Anbeginn über unseren Bergen steht und zu dem wir Menschen aus dem Dunkel unserer Vergangenheit aufgebrochen sind, es zu suchen.

Füsse massierte, Frithjof den Hans nicht, denn der wollte jetzt schlafen, nachdem sein Freund ihm versichert hatte, er spüre nun auch seine Zehen wieder.

Ich war nun tatsächlich auch in diesem Punkt beruhigt und entspannt und durfte dem Schlaf entgegendösen. Ich nickte ein, ich erwachte: immer säuselte der Wind. Auf und ab ging es in Tempo und Tonstärke, aber nur sanft, wie wohleinstudierte Crescendi und Dimi-nuendi eines guteingespielten Orchesters. Und untermalt war das Säuseln durch das Geräusch des Triebschnees. Das alles Hess im Halbschlummer in mir ein anderes Liedlein aufklingen, das erste, mir so liebe Kinderlied, an das ich mich erinnere und das mir immer wieder schönste Bilder aus der Kindheit hervorzaubert. Wie oft hat es mir wohl meine Mutter auf mein Drängen immer wieder gesungen, das Liedchen, das mich auf diesem zu Ende gegangenen Tag begleitete und mir schon immer in den Ohren gelegen hatte:

« Hänschen klein geht allein in die weite Welt hinein. Stock und Hut stehn ihm gut, ist gar wohlgemut. » Und nun sass also dieses Hänschen auf der Gipfelkalotte des « Weissen Berges » in der Höhe der Petits Rochers Rouges. Zwar nicht allein, aber es fühlte sich klein und doch recht wohlgemut. Von Zeit zu Zeit öffnete es oben am Zim-bakombi den Reissverschluss und guckte in die weite Welt, vor allem hinauf und hinein in die unendlichen Räume des Sternenhimmels, dessen Ruhe nur von Zeit zu Zeit durch Kursflugzeuge gestört wurde. Und wenn es das Fensterchen wieder geschlossen hatte, räkelte es sich etwas zurecht auf dem als Sitzkissen dienenden Seil, zog die im Rucksack verstauten Füsse noch mehr an und überliess seine Gedanken bis zum nächsten Schlummer wieder der Erinnerung. Es lagen ja Tage hinter ihm, an denen in besonders ausgiebiger Weise geschehen war, was der Dichter so festhält: « Augen, meine lieben Fensterlein, gebt mir schon so lange hellen Schein, lasset freundlich Bild um Bild herein... » Bild um Bild... Da ist der sonnenhelle Morgen mit dem Ausblick über den Brienzersee, den meine Frau so liebt. Vom Sustenhorn her fallen die Sonnenstrahlen schon recht schräg ins breite, von feinen Morgennebeln leicht verschleierte Tal der Aare - Zeichen des nahenden Herbstes — und pflügen weiter talwärts eine breite Lichtfurche in die sonst spiegelglatte Wasserfläche; scharf kontrastiert hiezu das noch in tiefem Schatten der Faulhornkette liegende südliche Seeufer. Auf der Ostlaube unserer Ferienwohnung geniessen wir in aller Musse das Morgenessen. Vreneli, meine Frau, findet: « Wie schön und erholsam ist es doch, ein paar stille Tage weg von der Hausglocke und dem so oft rücksichtslosen Telephon » - da schrillt es schon! Der Anruf: « ,Le Grand-Beau'ist da, ich habe die Meldung direkt von der Quelle, ich komme heute abend nach Arbeitsschluss. » Wie der Schatten der Faulhornkette über das südliche Ufer, so fällt diese Meldung auf Vrenelis Gesicht; mir aber verlängert dieser Anruf die Lichtfurche in die kommenden Tage hinein...

- Vor uns die lange, lange gerade Strasse nach Martigny, hinter uns die lange, lange gerade Strecke von Saxon her, und wir zwei stehen kopfschüttelnd, mit hängenden Armen vor dem offenen Motor, der keinen Mucks mehr von sich gibt. « Dass uns dein so viel gerühmter ,Louis Quinze'ausgerechnet mitten auf der längsten geraden Strassenstrecke der ganzen Schweiz stehen-lässt, ist doch etwas zuviel », hänselt mich Frithjof. Wagen um Wagen, die wir alle mit unserm sonst noch so fahrtüchtigen Veteranen überholt haben, defiliert wieder an uns vorbei. Erst zuletzt kommt mir der Gedanke: Kein Benzin? Ich kontrolliere genau; tatsächlich, ausgebrannt! Als ob sie meine Nrchlässigkeit strafen wollten, übersehen alle rollenden Passanten die Stoppzeichen, und Frithjof stellt wenig aufmunternd fest: « Kannst jetzt lange winken, mit Genugtuung lassen die uns nun auch stehen, wie wir sie vorher! » Da — was rattert plötzlich weit drin in der ausgedehnten Aprikosenhofstatt? Im Laufschritt eile ich dem sich weiter oben der Strasse nähernden Lärm entgegen und kann den auftauchenden Jeep gerade noch erreichen, bevor er uns, talaufwärts in die Strasse einbiegend, entwischt. Und mir scheint die Menschenfreundlichkeit aller Walliser im Gesicht des Chauffeurs konzentriert zu sein, wie er sich mir aussteigend zuwendet und — in bestem Berndeutschnach meinem Begehren fragt. Es ist der Chef einer Monteurgruppe, die an einer Überlandleitung arbeitet. Nach kurzer gegenseitiger Erklärung verschwindet er wieder im Aprikosenwald und kommt nach wenigen Minuten auf einem andern Fahrzeug und mit Benzinkanistern zurück. Damit ist auch unsere Panne behoben, und mit wachsendem Selbstbewusstsein steuere ich meine gute « Citrone » über den Grossen St. Bernhard, und gegen Mittag geht 's in sausender Fahrt talwärts...

Blick vom Fuss der Brenvaflanke gegen E zur Aiguille de la Brenva Photo Frithjof Stüssi, Wädenswil 2Das berühmte Schneegrätchen auf halber Höhe des Eperon Brenva Photo Frithjof Stüssi, Wädenswil - Suu, suuu, suuuu, sauste es draussen weiter. Aber es war kein Schlafliedlein mehr. Mit verstärktem Tempo und gesteigerter Tonstärke sauste er über die zwei winzigen Höcker hoch oben auf dem weiten Gipfelhang und hatte mich aus dem Schlummer gerissen.

— Soeben schlägt es zwölf Uhr, und wir stehen auf dem Kirchplatz in Courmayeur. Courmayeur! Für mich ist dieser Name unauflösbar verbunden mit dem Bilde des grossen Führers Joseph Croux, der auf diesem Platze, von einem heftigen Anfall von Angina pectoris betroffen, zusammengebrochen und gestorben ist.

« Er ist zu früh gestorben. Aber der sanfte Tod des Gerechten war ihm beschieden. Ergriffen und trauernden Herzens grüsse ich das Grab und das Andenken dieses besten Mannes, der glorreich in den Bergen gearbeitet hat und der mit aufrechter Stirne und mit reinem Herzen die Wege seines schlichten und ehrlichen Lebens gewandelt ist », so zeichnet Julius Kugy das Bild des Mannes, dem er kurz vor seinem Tode schon das Zeugnis ausgestellt hatte: « Ihm gebührt unter allen Grossen, die je mit mir gegangen sind, die Palme. Er beherrscht gleich souverän Eis, Fels und Schnee. Er ist ein Mann von eiserner Energie und hohen moralischen Eigenschaften. Seine Tüchtigkeit als Führer wird nur von seiner Rechtlichkeit als Mann übertroffen. » - Ein leuchtendes Leitbild noch heute - ein « Grand-Beau » besonderer Art. Doch nun weg aus der Vergangenheit und hinüber ins « Bureau des Guides » im modernisierten Courmayeur. Da empfängt uns ein ebenfalls vertrauenerweckender Vertreter der heutigen Führergilde. Wir fragen ihn um Rat. Im rauhen Dialekt der Aostataler gibt er uns mit kameradschaftlicher Freundlichkeit Auskunft über die Eperon-Route am Mont Blanc. Auf unsere besondere Frage über den gegenwärtigen Zustand der Séracs beim Ausstieg auf die Gipfelkalotte prüft er den Berg nochmals sorgfältig durchs Fernrohr und äussert sich zu diesem wichtigen Punkte achselzuckend kurz so: « Peut-être ça veut aller. » Auch dieses gewichtige « Peut-être » will Hänschen nicht mehr aus dem Sinn und untermalt sein Liedchen mit einem dunklen Basston...

- Su, suu, suuu, sauste draussen weiter und kräftiger und kälter der Wind. Vor vierundzwanzig Stunden, ja, da lagen wir...

Und da liegen wir nun in den Decken des Bivouac de la Fourche, etwas unruhig, voller Erwartung und mit beschwertem Magen. Welch phantastischen Standort diese Unterkunft auf scharfer Gratschneide hat! Aus der schon lange beschatteten Nordflanke aufsteigend, steht man ganz unvermittelt vor der mächtigen Brenva-Flanke. « Le Grand-Beau! » Mit diesem Ausruf bleibt Frithjof einen Augenblick einfach stehen und schaut ihn, den Berg, der uns beide mit seiner Grosse jetzt ganz erfüllt. Dann erreichen wir den nach Süden gerichteten Eingang in die Tonne über Steinplatten, die balkonartig über den Steilhang zum Brenva-Gletscher hinausragen. Und lange sitzen wir, plaudernd und schneeschmelzend und immer wieder schauend, unter dem Schlupfloch zu diesem Schwalbennest, bis uns kurz vor der Dämmerung Stimmen erreichen. Zwei Chamoniarden sind es, die die Sentinelle Rouge im Kopf haben, mit'Auf-bruch um 2 Uhr. Und bald darauf huscht lautlos und schemenhaft eine lange Gestalt über den Ein-trittsbalkon: Walter Bonatti beugt sich durch die Türe. Auch ein « Grosser »; aber er redet sehr kameradschaftlich mit uns « Kleinen » und gibt uns Ratschläge: Aufbruch für den Eperon spätestens um 3 Uhr. Er will mit seinem Klienten auf den Mont Maudit. Ich schaue diesem Mann bei seinen Hantierungen mit der improvisierten Kocheinrichtung zu: Aussergewöhnlich rasch und präzis sind alle seine Bewegungen...

— Su, suu, suuu; draussen säuselte der Wind und trug mit sanfter Gewalt, aber unaufhörlich feinsten Triebschnee talwärts, häufte ihn auch hinter den zwei ungewohnten Hindernissen an.

3Der Mont Blanc von der « anderen », ungewohnten Seite: Blick von der Aiguille de Bionnassay gegen Dome du Goûter und Mont Blanc Photo Frithjof Stüssi, Wädenswil 4Blick zur Nordwand der Aiguille de Bionnassay ( 4051,5 m ) Photo Erich Vanis, Wien Diese bewegten sich denn auch von Zeit zu Zeit und versuchten, sich drehend und wendend, der zunehmenden Last zu entledigen.

- Aber in der Biwaktonne ist die Belastung meines Magens jetzt viel bedrohlicher. Sie lässt mich nimmer schlafen. Was ist nur los? Der Speck? Ja, der mit Heisshunger verschlungene Speckberg belastet jetzt. Und der Magen bewegt und windet sich auch; er dreht sich beinahe um und jagt mich aus den Decken. Mit ganzer Kraft umklammere ich, durchs Schlupfloch gebeugt, den Fensterpfosten, um nicht durch die heftigen Magenstösse über den schmalen Balkon hinausgespickt zu werden. Schade für den anbrechenden Tag - und um den ausbrechenden Speck.

Bald darauf gleiten die Franzosen an ihrem Seil in die Tiefe des Brenva-Gletschers. Eine Stunde später startet - nach väterlicher Ermahnung an uns zu sofortigem Aufbruch - auch Bonatti. Frithjof aber braut mit geradezu mütterlicher Sorgfalt dem « Hänschen klein » ein äusserst mildes Schwarzteelein mit der ganz schwach glimmenden Hoffnung, dieses Tränklein möge die Wende bringen. Im Scheine der Kerzenflamme aber erkenne ich in seinen Augen neben der Fürsorge auch deutlich Traurigkeit; denn er wird nicht zum erstenmal unverrichteter Dinge vom Col de la Fourche wieder nordwärts absteigen müssen. Ganz « süferli » trinke ich Schlücklein um Schlücklein; solches Tun ist momentan der einzige Beitrag, den ich zum Gelingen der Fahrt noch leisten kann. Und dann grosse Stille, alle menschlichen Geräusche sind verstummt. Der Sternenhimmel lässt erkennen, dass « le Grand-Beau » hält - Hänschen aber schlummert bald ein...

- Und da fällt das erste, vom Mont-Blanc-Gip-fel reflektierte Morgenlicht durch die kleine Fensteröffnung in die dunkle Tonne. Nichts merke ich von Frithjof; lautlose Stille herrscht immer noch, aber wie ich mich nach ihm umdrehe, sitzt er da und ich spüre, mit welchem Verlangen er durch die Lichtluke in den herrlichen Tag hin- aus- und dem Ziel entgegendrängt. Fragend dreht er sich nun um. « Frithjof, brau mir jetzt noch einen Kaffee! » Bei meinem Wunsch sehe ich in seinen Augen einen Hoffnungsschimmer aufleuchten. Und mein zuverlässiger Freund erweist sich auch als guter Medizinmann und braut mir einen herrlichen Heiltrunk, den besten, den ich je aus seiner Hand entgegennahm.

Um halb 7 Uhr ziehen auch wir unser Seil durch den obersten Abseilring unmittelbar unter dem balkonaftigen Zugang zum Schwalbennest und gleiten in die Tiefe.Von unsern Schlafkameraden ist nichts zu sehen, nichts zu hören, weit und breit nur Stille und Licht - aber nun sind ja auch wir unterwegs, zwar mit vier Stunden Verspätung, aber « peut-être »...

Doch gerade deshalb konnte jetzt dieser Wind ohn'Unterlass die beiden vermummten Gestalten mit Triebschnee bedrängen, musste Frithjof periodisch seine Füsse massieren und konnte ich ihm, der mich so gut gepflegt hatte, aus Platzmangel nicht Gegenrecht halten bei der Pflege. Ich unterstützte ihn aber moralisch: « Hast du deinen Teig nicht bald durchgeknetet? » - « Und dein Rohspeck, liegt er immer noch im Kühlschrank des Brenva-Gletschers? » gab er, tief atmend, zurück. Kein Wunder, bei dieser anhaltenden Schwerarbeit eines Masseurs in solcher Höhe und auf so engem Raum. Aber trotzdem und trotz allem hatte er doch seinen grimmigen Humor nicht verloren; und das machte mich froh.

Seit unserm letzten Zwiegespräch waren die Sternbilder ein gut Stück westwärts gezogen. Wir standen bereits in den ersten Stunden des neuen Tages. Was würde der alles bringen? Ich zog mein Himmelsfensterchen auch wieder zu, ganz zuversichtlich. Und Hänschen klein summte jetzt ein anderes Liedchen, ein ganz gutes: « Meinem Gott gehört die Welt, meinem Gott das Himmelszelt, ihm gehört der Raum, die Zeit, sein ist auch die Ewigkeit.

Und sein eigen bin auch ich, Gottes Hände halten mich, gleich dem Sternlein in der Bahn, keins fällt je aus Gottes Plan. » Aus solcher Erkenntnis quillt tiefste Zuversicht.

- Und es folgt nun das schönste Bild, mit den kräftigsten Strichen gezeichnet und den lebendigsten Farben gemalt: Auf dem Eperon de la Brenva! Zum Col Moore hinüber trägt der Schnee trotz der späten Stunde noch gut. Kurz ob dem Col doppeln wir vorsichtigerweise das Frühstück nach. In guter Verfassung beginnen wir nun den klassischen Aufstieg durch die Ostflanke mit den eindrücklichen Rückblicken weit hinaus ins Aostatal. Das bekannte Firngrätchen beim endgültigen Übergang von den Felsen in die Firn-und Eisflanke befindet sich in ausgezeichnetem Zustand. Abwechselnd spurend, steigen wir ruhig, aber stetig. Die Tiefe wächst. « Irrsinnig schön, und ,le Grand-Beau'bleibt », stellt Frithjof in einem Zuge fest. Tatsächlich, auch was wir jetzt in den obern Regionen erleben und in höchsten Tönen besingen, tönt harmonisch - beinahe ganz. Dennoch kann Hänschen das « Peut-être » nicht überhören, das hin und wieder aufklingt und die Harmonie in Frage stellt. Und wie ein leichtes, aber nicht zu übersehendes Wölklein schwebt dieses Wörtlein von Zeit zu Zeit über das sonnige Bild und wirft seinen flüchtigen Schatten.

Eine imponierende Flanke, augenblicklich in gutem Zustand, so dass wir mit wenig Hieben gute Standplätze schaffen können und eine Eisschraube pro Seillänge genügt, um absolute Sicherung zu erreichen. Und l' Ilot rocheux supérieur, die Eingangspforte in die Zone der obern Séracs, rückt stetig näher; « peut-être »...

Su, su, su, draussen säuselte immer noch der Wind. Denn in den Séracs supérieurs waren wir ja denn auch steckengeblieben. Sie scheinen von jeher die Schlüsselstelle auf dieser klassischen Route gewesen zu sein. 1865 schon ist sie zum erstenmal begangen worden, erstaunlich früh.

Durch diese Tat trat einst ein anderer Grosser in den Kreis der Grössten: Melchior Anderegg. Was dieses Unternehmen damals bedeutet hat, kann daran erkannt werden, dass in den darauffolgenden sechzig Jahren die Eperon-Route nur neun-zehnmal wiederholt worden ist. Und es war mir, als sähe ich den grossen Meiringer Führer mit seinem edlen Gesicht in den wilden Séracs Stufen schlagen - mit seinem wallenden, vom Winde zerzausten Vollbart. Und ich rezitierte nochmals in aller Musse und jetzt auch mit persönlicher Erfahrung den Satz im Vallot-Führer, wo diese Route so charakterisiert ist, dass ihre hauptsächlichsten Schwierigkeiten die folgenden seien... und dass von diesen die oberste Sérac-Zone « l' obstacle le plus redoutable » darstelle.

- So durchlebe ich nochmals die heikelsten Minuten des Aufstieges, sehe uns wie auf einer Messerschneide auf einer gewaltigen Eislamelle stehen, drei Meter unterhalb der obern, leicht überhängenden Spaltenlippe. Die Überquerung dieser Kluft würde den Ausstieg auf die spaltenlose Gipfelhaube bedeuten. Aber in diesem Augenblick kehrt uns das zwielichtige « Peut-être », das « Vielleicht », nur seine negative Seite zu und wird zum « Viel-schwer », und wir müssen hier zurück. Unten in der Sérac-Mulde liegt fusstiefer Pulverschnee. Frithjof klagt über gefühllose Fusse; bereits um 3 Uhr sind wir in den Bergschatten geraten. Die vordringlichste Massnahme heisst nun unverzügliche Massage der steigeisenbewehrten Füsse, und das braucht ordentlich Zeit. Während der Behandlung entschliessen wir uns, zum Ausstieg die Variante über den Col de la Brenva zu wählen, etwas länger, aber sicher und bei diesem stabilen « Grand-Beau » kein Risiko. Ein eindrücklicher Gang, für mich der packenden Schönheit, für Frithjof sicher der Schwierigkeiten wegen, die er mit seinen Füssen hat. Denn wie wir les Petits Rochers Rouges bereits unter uns haben, muss er erklären: « Halt, unbedingt nochmals Fussmassage! » Jetzt beginnt die Zeit zu eilen. Eine Entscheidung wird fällig: Bei zu- nehmender Kälte mit diesen Füssen noch über den Gipfel - oder biwakieren und anhaltende Be-treuungsmöglichkeit? Noch wissen wir nicht, dass wir diesem Entschluss « le Plus-Grand-Beau » unserer Mont-Blanc-Fahrt verdanken werden... Und das erleben wir jetzt in einem unvergleichlich eindrücklichen Doppelakt. Sein erster Teil ist der Sonnenuntergang: Wie es zuerst hinter, dann über den fernen Gipfeln der Berner und Walliser Alpen Nacht wird, der Erdschatten am Horizont hochsteigt und die Sterne daraus hervortreten, während im schier unbegrenzten Westen noch die ganze Lichtfülle des Tages leuchtet. Dazu all die Abstufungen von Schattierungen von einer Bergsilhouette zur andern im Osten und als Kontrast dazu die ganze Skala an hellen, warmen Farben im Westen. Weit über eine Stunde dauert dieser erste Teil, bis der Vorhang der Nacht endgültig gefallen ist...

« Su, su, su, schlafe mein Kind, draussen säuselt immer noch der Wind » - und droben sass immer noch Hänschen klein, ganz allein, tief in seinem Zeltsack drein... Es kuschelte sich noch etwas fester zusammen. Aber schlafen wollte und konnte es nun nicht mehr; denn die Kälte ging jetzt durch und durch, und damit setzte der zweite Teil des schönsten Aktes ein: Ex oriente lux! Ganz im äussersten Osten begann es wieder: ein Schauspiel von seltenster Grosse und Eindringlichkeit. Wie dieser feinste Lichtschimmer zum mächtigen Lichtbogen heranwuchs, aus dessen Zentrum plötzlich die Sonne hervortrat! Weit warf sie die Schatten der tausend und mehr Gipfel über das Wolkenmeer, das zweitausend Meter unter uns auf 2600 Meter Meereshöhe die Täler bedeckte. Und Frithjof vergass ob all dieser Schönheit sogar die Sorge um seine Füsse. Mich aber erinnerte der wieder munter knurrende Magen an die Erkenntnis, dass ein zuerst als Hemmnis erlittenes Geschehen uns zum Erleben des Schönsten und Besten dienen kann. Ich braute nun den Morgentee; die direkt auffallenden Strahlen halfen kräftig mit und tauten zuletzt auch unsere steifen Schuhe auf. Das war der durch die Tiefe seiner Eindrücke unersetzbar wertvolle zweite Teil des Aktes, dem ersten noch fast überlegen, aber nur darin, dass er zu allem andern auch noch die Fülle der einfachsten Le-bensimpulse unmittelbar weckte.

Auf dieser Bergfahrt ist uns Frithjofs« Grand-Beau » in mancherlei Gestalt begegnet und hat uns bis zuletzt nicht im Stiche gelassen. Aber auch die Kleinheit von uns « Hänschen » ist uns immer wieder bewusst geworden: vor dem leeren Autotank, in der Biwaktonne, auf der messerscharfen Eislamelle. Auch später noch, als wir glücklich, aber mit weichen Knien über die endlosen Moränen des Miage-Gletschers ins Val Veni hinausstolperten. Doch « le Plus-Grand-Beau » lag mit diesem in der Höhe der Petits Rochers Rouges erlebten Doppelakt und dem in ihm eingeschlossenen Biwak hinter uns - der optimale Höhepunkt war überschritten. Was jetzt noch folgte, war und blieb ein schönes Postludium.

Dazu zählte auch schon der geruhsame, unbeschwerte Morgengang über den Gipfel. Im Abstieg zur Vallothütte bemerkte ich, dass Frithjof bisweilen auf die Zähne beissen musste; die Füsse bereiteten ihm Beschwerden. Den ersten Menschen begegneten wird erst im Weiterabstieg über den Dôme zum Refuge du Goûter, wo wir einen stillen Nachmittag zubrachten. Allerdings getraute sich Frithjof nicht, den linken Schuh auszuziehen, denn er befürchtete, diesen Fuss am folgenden Morgen nicht mehr hineinzwängen zu können. Trotzdem war es eine Folge der Initiative Frithjofs, dass wir am andern Tage beschlossen, über die Aiguille de Bionnassay nach Courmayeur zurückzukehren. Der Gang über den vergwächteten Ostgrat der Aiguille bot neue technische Delikatessen und neue Anblicke des grossen Berges. Über die einsame, seit vielen Tagen nicht besuchte Gonellahütte stiegen wir zum langen Miage-Gletscher ab. Wie froh waren wir, als uns bei Pian Veni ein Holztransport mitnahm! Es war nun Dienstag abend, als wir in La Palud eintrafen und heimtelephonierten. « Schlafet Obelisk, vom Basislager aus gesehen Photo Werner Munter 2Ankunft der beiden Boote in Kulusuk Photo Werner Munter 3Ktmgmiut Photo Jürg Müller de zerscht rächt », riet mir Vreneli. Doch Frithjof musste unbedingt am Mittwochmittag an seinem Disponentenpult in Zürich sitzen. Im Autobiwak in Aosta weckte mich eine gewisse Unruhe - der Himmel war bedeckt; hatte uns « le Grand-Beau » verlassen? Wir entschlossen uns zum Sofortstart um i Uhr, und nicht weit über Aosta tauchten wir schon in dichten Nebel, der uns aber kurz nach der Passhöhe ( die Tunnelar-beiten standen erst im Anfangsstadium ) wieder freigab. Frithjof legte sich nun auf dem Hintersitz sorglos aufs Ohr. Als mich auf der Anfahrt zum Pillonpass der Schlaf übermannen wollte, überholte mich im richtigen Augenblick ein Notfallarzt. Ein gutes Stück über Les Diablerets hinaus setzte es nun ein richtiges Verfolgungsrennen ab, und das half mir über die kritische Schwelle. Auf dem Hintersitz schlummerte Frithjof unbekümmert dem Tag entgegen. Das gönnte ich ihm, wollte er doch nach kurzer Morgenpause in Schwanden mit seinem VW gleich Zürich ansteuern.

Unbehindert vom Schlaf, liess ich das langgezogene Simmental hinunter die ebenso lange Reihe von Erinnerungsbildern unserer zu Ende gehenden Bergfahrt vorüberziehen. Als ich unsern braven « Louis Quinze » übers « Bödeli » dem Brienzersee zusteuerte, tagte es über dem Susten. Von Minute zu Minute wurde die in die morgendliche Dämmerung gepflügte Lichtfurche länger und tiefer. Damit war der weite Bogen eines grossen Bergerlebnisses wieder einmal vollendet.

Über dem verklingenden Kinderliedchen vom « Hänschen klein » erklang nun — voll Dankbarkeit und Staunen — das schon uralte, aber immer wieder gute und neue Lied eines Mannes, der seinen Gott und Herrn dankbar anbetet: « Herr, unser Herrscher, wie herrlich ist Dein Name in allen Landen, der Du zeigst deine Hoheit am Himmel.

Wenn ich sehe die Himmel, Deiner Finger Werk, den Mond und die Sterne, die Du bereitet hast:

Was ist der Mensch, dass Du seiner gedenkst, und des Menschen Kind, dass Du Dich seiner annimmst? » Postskriptum: Pünktlich hat Frithjof seinen Platz am Disponentenpult eingenommen und seine Verfügungen rechtzeitig getroffen. Erst nach Feierabend hat er bei seinem Vertrauens-arzt nach drei Tagen wieder beide Schuhe ausgezogen. Besorgt, aber um so energischer hat dieser eingegriffen und die schwer lädierten Zehen gerettet. Seither lebt Frithjof in den Bergen auf « grossem Fuss »: Er trägt, besorgt um Ex-trakälteschutz, einen abnormal grossen Schuh, aber das ist ja nur ein kleiner Schönheitsfehler...

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