Leuchsturm-Südwand

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Mit 3 Bildern ( 92-94Von Max Niedermann

( Wattwü ) Der Leuchsturm steht im Wilden Kaiser und ist der vierte Turm des Kopftörl-Grates. Er bricht nach Süden mit einer steilen Wand ab, die ob ihrer Schönheit bekannt ist.

Ich hatte sie 1950 während meiner « Kaiser-Ferien » durchstiegen. Die Schönheit ihres Weges hatte mir dabei bleibende Eindrücke hinterlassen. Um meinen Kameraden Bert Wagner im Kletterparadiese des Wilden Kaisers gut einzuführen, wählte ich sie auch 1951 als erste Tour.

Gestern sind wir mit dem « Donnervogel », meinem Motorrad, aus dem Toggenburg kommend, in Elmau eingetroffen. Von diesem schmucken Ort, auf der Südseite des Gebirges, stiegen wir über sonnige Wiesen, durch dunkle Wälder und steinige Alpweiden zur Gaudeamus-Hütte auf. In diesem Berghause des Bergführers Peter Hofer werden wir, das wusste ich vom letzten Jahre her, gut aufgehoben sein. Wir wurden denn aber auch von unsern lieben Bekannten freudig begrüsst und frischten bis spät in die Nacht vergangene Erlebnisse auf.

Heute ist ein strahlend schöner Sommertag. Die Sonne brennt schon fast senkrecht auf unsere Oberkörper, denn es ist schon spät im Vormittag, wie wir mit umgehängten Seilen über das Kar hinauf zum Einstieg der Südwand stolpern. Diesen erreicht, ist auch das bewährte Seil schnell und kunstgerecht umgeknotet. Flott geht es über die ersten Schrofen Die Alpen - 1953 - Les Alpes17 auf ein Band, von welchem wir über eingeklemmte, überhängende Blöcke eine schattige Schlucht erreichen.

In der rechten Schluchtwand ist ein schmaler, feuchter Kamin eingeschnitten, der im Kaiser-Führer als « Jungfrauen-Riss » bezeichnet ist. Er ist gefährlich eng und im Ausstieg durch einen Klemmblock fast ganz versperrt. Durch einen weitern Kamin erreichen wir den Pfeilerkopf. Rechts zeigt sich ein gehbarer Riss. In schöner Kletterei gelange ich zu dem schon von unten erspähten Haken, dicht unter dem Überhang, der spreizend und stemmend überwunden wird. So stehe ich in kurzer Zeit auf einem bequemen Standplatz. Während ich meinen Freund im Nachkommen sichere, schweifen meine Augen hinunter zu den « Gaudi-Hütten », deren weiss getünchte Mauern im Sonnenlichte zu uns heraufblenden. Beidseitig von grünen, dunkeln Wäldern eingefasst, liegt das Elmauertal mit seinen goldenen Kornfeldern und den schmucken kleinen Dörfchen tief unter uns. Weiter hinten glitzert das Wasser des Schwarzsees. Über sonnige Höhen grüssen von ferne her die weissen Schneeberge der Hohen Tauern. Die Augen können sich kaum sattsehen an der für sie fast unbekannten Gegend!

Mittlerweile ist Freund Bert nachgekommen, und ich muss mich wieder dem harten Fels zuwenden, der hier seine schwerste Aufgabe stellt. In der nun kommenden Verschneidung zieht sich ein schmaler Riss hinauf, der einen dauernd aus der Wand drückt, fast grifflos und genau so breit ist, dass ich gerade noch die rechte Hand und den Fuss darin verklemmen kann, indessen meine Linke nach den spärlichen Griffen sucht, die mithelfen müssen, mich aufwärtszubringen. Die Verschneidung ist oben durch ein Felsendach versperrt. In halber Höhe erreiche ich einen Haken. Hell klingend springt der Karabiner ein. Zehn bis zwölf Meter rechts zieht sich ein Felsband schräg hinauf, das es zu erreichen gilt. Ich überlege mir: Soll ich nun die Verschneidung ganz hinaufklettern, um dann, wie letztes Jahr, im Dülfersitz schräg hinunterzuseilen? oder soll ich den Wandteil bis zum Felsband waagrecht durchklettern? Als Abwechslung entschliesse ich mich zu letzterem. Ein zweiter Karabiner muss das Quergangsseil aufnehmen. Jetzt geht 's hinaus an winzig kleinen Griffen und auf Rundungen, die kaum als Tritte anzusprechen sind. Zwei Meter in der Wand klebend, winkt in gleicher Entfernung ein Haken. Zwei Züge noch und ich bekomme ihn, aufatmend, mit der rechten Hand zu fassen... Seil geben!... Zugependelt gelange ich auf zwei relativ grosse Tritte. Die erste Hälfte ist geschafft. Aber wie nun weiter? Vor mir ist nichts als runder, steilster Fels. Kaum eine Rauheit... Doch nun haben meine Finger eine solche ertastet und krallen sich daran fest. Mit den Fussen auf Reibung gehend, komme ich eine Spanne weiter. Draussen erspähe ich eine kleine Ritze, für einen Mauerhaken wie geschaffen. Waagrecht muss ich mich ins straffe Seil legen, das von meinem Kameraden gut und zuverlässig bedient wird. Seil und Körper bilden eine horizontale Linie, wobei die Füsse immer aus den Rundungen zu rutschen drohen. Mit letzter Energie gelingt es mir, den Haken zu schlagen, dann aber muss ich zurück. Seil einziehen... Mit einem Leichtmetall-Karabiner in der rechten Hand lege ich mich zum zweitenmal ins Seil, das Bert langsam ausgibt. Ein heller Ton, der Karabiner ist eingeschnappt. Seil geben, hinüber pendeln und das Seil einhängen ist eins. Auf gleicher Höhe vor mir bäumt sich ein Überhang auf, der in bezug auf Glätte nichts zu wünschen übrig lässt. Unter mir aber gähnt bodenlose Tiefe. Etwas schräg rechts unten beginnt das Felsband mit einer willkommenen Leiste. Die rauhen Gummisohlen der Kletterschuhe an einer Rundung festdrückend, lege ich mich wieder behutsam ins Seil. Die Hände saugen sich förmlich an den kleinen Rundungen fest, aber der Fels drückt bedenklich weg. Der Kopf ist schon um einiges tiefer als die Füsse. Die eine Hand vorsichtig vorschiebend, gelange ich bis auf weniges an die Leiste. Wenn ich nur einen Zentimeter grösser wäre! Jetzt dreht es mich plötzlich aus der Wand und wirft mich zurück bis senkrecht unter den Haken. Zwei Klimmzüge am Seil empor, und das Manöver kann von vorne beginnen!

Diesmal kriege ich die Leiste zu fassen. Mich hinunterpendeln lassend, erreiche ich das ersehnte Band. Wahrlich, der Quergang hat es in sich! Er ist nicht umsonst als der schwerste im ganzen « Kaiser » bekannt. Üblicherweise wird er zwar von oben im Dülfer gequert, und nicht wie mir eingefallen war, horizontal durchklettert. Am vorhandenen Ringhaken wird das Geländerseil festgebunden. Nachkommen... Freund Bert klettert die Verschneidung empor, die auch ihm, trotzdem sie im Schatten liegt, einigen Schweiss aus der Stime treibt. Das Quergangsseil erreichend, verschnauft er kurz und gleitet dann am Karabiner zu mir herüber. Während er dann das Geländerseil wieder einzieht, mache ich es mir auf dem Felsband bequem und bewundere die Fernsicht. Grossglockner, Grossvenediger, Hochfeiler, Riffelspitze und wie sie alle heissen, diese weissen Berge, bilden ein prächtiges Panorama.

Horch mal, sagt Bert! Vom Kar herauf tönt der Toggenburgerruf, wie wir ihn schon so oft in den heimischen Kreuzbergen vernommen haben. Mit dem gleichen Ruf antworten wir.

Vor uns bäumt sich der Plattenwulst, der die Platte abschliesst. Behutsam schleiche ich mich zu den beiden daruntersteckenden Haken und hänge je ein Seil ein. Der Wulst wird angegangen. Die Griffe sind schön gross, wie richtige Briefkasten. Flugs bin ich oben, und dann turnt mir Bert nach. Meine Finger machen sich unangenehm bemerkbar, denn sie sind alle wund geworden unten im Quergang. Der schwierige Wandteil liegt ja hinter uns. Der nun kommende ist leicht und gängig, nur aufpassen muss man, um den Weg zu finden. In einer schwachen Stunde sind wir oben. Ein kräftiger Händedruck, und dann liegen wir beide, mit uns und der Welt zufrieden, auf dem warmen Gipfelplateau. Von hier aus sehen wir geradewegs in das Herz des Wilden Kaisers, das Eldorado des Kletterers, ein bizarres Reich von Spitzen und Türmen. Nordwärts erhebt sich die gewaltige Totenkirchl-Westwand. Trotzig und ihres Rufes bewusst, steht sie da. Nach guter Rast steigen wir über den Kopftörlgrat zur Elmauerhalt. Droben angekommen, beginnen sich die umliegenden Spitzen bereits in der Abendsonne rot zu färben. Wir haben keine Zeit mehr zum Verweilen. Ein Wettlauf mit der Nacht beginnt, um den Weg zurück zu den Schuhen nicht zu verfehlen. Über den « Versicherten-Weg » geht es hinunter ins Kar und zu unsern Schuhen. Mit Einbruch der Nacht erreichen wir die Grutten-Hütte. Nachdem wir den ärgsten Durst und Hunger gestillt haben, geht es in stockdunkler Nacht hinunter zur Gaudi-Hütte, wo Steffi, die besorgte Hüttenwirtin, mit einem währschaften Essen aufwartet.

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