Mathematik am Eishang

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Von Charles Widmer.

...wie immer, protestieren.

Die Wissenschaft lehrt uns, dass wir Menschen unseren Schwerpunkt im Gesäss haben. Genauer gesagt, etwas vorne und oben davon. Er wandert aber dort mit dem Alter von vorne nach hinten, vom Geschlechte gegen den Darm — symbolisch und ohne Spass — und fixiert sich dann, meist schon sehr frühe, oft auch erst sehr spät, irgendwo im Kreuzbein.

Und wenn vorher dieser Schwerpunkt der ausgelassene Kobold gewesen, der sich auf dem Kopf oder auf einer halben Zehenspitze stehend gleich gut zurechtfand, der, auf den dünnsten Kirschbaumästen balancierend und an der luftigsten Felswand klebend, lustig den Knochen und Bändern seine sicheren Befehle gab, so wird er, fürderhin an einen Arbeitskarren gespannt, bald nur noch über das Pflaster deines Büroweges und die Laune deiner Füllfeder Bescheid wissen. Und eines Tages wird er auf einmal heftig protestieren, wenn du dich rücklings unter dein Auto legen willst, er wird Zetter und Mordio schreien, wenn eine Leiter wackelt, und wird sich an einer kleinen Felsplatte feige weigern, von einem Bein ins andere zu wechseln.

Solche Einkerkerung unseres schwebenden Gleichgewichtes in zuletzt ein paar arme und enge Schwerlinien, die durch winkelfeste Schädel, fest-verschraubte Wirbel, eingerostete Hüften und möglichst noch durch zwei Vili5 sperrige Hosensackfäuste zehnfach gesichert sind, dürfen wir nun nicht als die normale Rückbildung unseres Lebens, d. i. Bewegungsbedürfnisses, deuten. Es wäre irrtümlich und verhängnisvoll! Denn wir hätten uns damit am lebenswichtigsten Orte einer Selbstverantwortung entledigt, deren Wegfall uns vom Augenblick weg weit nach hinten wirft im Lebenskampf, zu denen, auf die es nicht mehr ankommt.

Überzeugen wir uns vielmehr selber bei denen, die am Morgen 2 Minuten vor 8 aus ihrem Bus und Tram steigen und auf der mit der Schnur gezogenen Linie ihren Schwerpunkt niveaufest an ihr Werkelpult schieben, wie sehr die Schuld bei ihnen liegt, dass ihr Leben arm geworden und, oh, wie so eng der Raum, der ihnen gehört.

Denn in eindringlicher und ausgiebiger Wahl hat ihnen allen, vom Augenblick weg, da sie ihn auf unsicheren Kindsbeinen erstmals in die Schwebe stellten, der Schwerpunkt die Unendlichkeiten des Raumes gezeigt und seine tausend göttlichen Erlaubnisse vorkosten lassen. Aber dann stand einmal der Versucher an einer Ecke und hat die Abkürzungswege, die Ruhebänke und Futterplätze gezeigt und die herrlichen Erlaubnisse blieben ungenützt. Dass sie hier auf den kostbarsten Teil des Menschentums Verzicht geleistet und dass hier eben just die grosse Auslese des Lebens vor sich geht, die Wertvolles von Wertlosem scheidet, daran denken bis anhin nicht allzuviele.

Auch die Wissenschaften sind gerade an den wichtigsten und fesselndsten Problemen, die Schwerpunkt und Gleichgewicht uns stellen, bisher vorübergegangen; nicht zum wenigsten wohl, weil in die rein physikalische Fragestellung das nicht wägbare Lebendige allzumächtig hereinspukt, weil, genau gesagt, der tatsächliche Schwerpunkt, um den sich unser Gehen, Stehen und Schaffen dreht, auf den sich aber auch unser ganzes inneres Leben, unsere Lust- und Unlustgefühle ausrichten, nicht mit dem theoretischen Massen-schwerpunkt des Körpers zusammenfällt.

Erst an der Leiche sinkt der Schwerpunkt aber in den Schnittpunkt der Körpermassen zurück, und selbst in Bewusstlosigkeit und tiefster Ohnmacht sind noch Muskeln und Bänder da, die merkwürdigerweise nichts anderes tun, als den Schwerpunkt in einer Schwebe erhalten.

Tatsächlich würde denn der Körper des aufrechten Menschen in Hals, Hüften und Knien hintübersinken wie ein Erschossener, wenn es nach der Schwere allein ginge. In Wahrheit wird der Körper durch starke Muskeln, dazu, was das Merkwürdigste ist, ohne Arbeit, nach vorne gerissen und in Schwebe gehalten, etwa wie ein geschultertes Gewehr durch die Hand.

Es besteht so eine Distanz zwischen dem ins Kreuzbein fallenden toten Schwerpunkt und dem immer vor diesem liegenden lebendigen, aktiven Schwerpunkt. Es ist die Vorgabe des Lebens, dasAusmass der uns geschenkten Vergünstigung gegenüber der toten Materie. Schon die kinematographische Aufnahme des normalen Ganges, besser noch solche vom Vogelflug, von Sportsübungen zeigen überzeugend diese lebendige Vorgabe und den vorauseilenden Schwerpunkt, um den, und nicht um die anatomische Lotlinie, sich das Gleichgewicht ordnet. Aber auch schon mit zwei guten Standwaagen, auf die ein Mensch sein Gewicht verteilen kann, vermag man jenes « Etwas » nachzuweisen, das uns nach vorne bindet und das nicht nur « Gewicht » ist.

Am überzeugendsten beweisen uns das Phänomen wohl die Schläfer. Wir haben in den Soldatenkantonnementen vieltausendfach den normalen Schlaf uns zum Studium vorgenommen, welcher uns, vor allem anderen, immer das eine typische Kennzeichen entgegenhält, dass er den Schwerpunkt nach vorne in Schwebe stellt. Und noch weiter: in eine Schwebe, die nach drei Dimensionen, und wären es nur einige Millimeter, freien Spielraum hat.

So findet der gute, normale Schlaf von selbst die Seitenlage, meidet jede Strecklage, legt die Arme unter und findet des ferneren ein ganzes Schlaf-zeremoniell, das alles dem Schwerpunkt dient. Wo schläft man denn auch auf der Welt schlechter als in weichem Pfühle, wo alles gerade dort immer nachgibt, da man den Schwerpunkt in seine Schwebe bringen will. Wo aber schläft man etwa sicherer und seliger als auf einer fahrenden Kanonenprotze?

Denn nichts pflückt das Tagesbewusstsein sauberer und restloser aus all den tiefen Haftungen, des Willens, der Sorge und des Wahns, als Kapitän Schwerpunkt auf seiner Kommandobrücke, bei dem alle Schalter unserer « Maschine » zusammenlaufen, der aber auch tyrannisch alle Meldungen von Auge, Ohr und Sinnenwissen abdrosselt und auslöscht.

Auf dieses letztere aber kommt es nun an.

Die wenigsten geben sich Rechenschaft darüber, was geschieht, wenn das Kind durch seine Wiege in unwiderstehlicher Weise in tiefen Schlaf gelullt wird. Nun, es geschieht genau das gleiche, wenn wir am Berge, nach langem mühseligen Rutschen am sichtigen Kamm, wo wir mit hundert Kontorsionen stets unseren Schwerpunkt hinter uns versteckten, diesen Schwerpunkt dann auf einmal an der Plattenwand frisch an drei Fingern und auf einer Fussspitze hängend über das Leere schwingen müssen.

Wer sucht nicht immer wieder, wenn er es nur einmal gekostet, das unvergleichliche, stolze Sicherheitsgefühl, das uns dann plötzlich blitzartig festigt, uns spürbar macht, dass wir den Raum beherrschen, es uns in die Adern giesst, dass die Materie unter unsern Fingern uns Untertan ist.

Der Augenblick ist aber vor allem für das Verständnis unseres ganzen Innenlebens interessant, denn in diesem Momente wird durch den Schwerpunkt den Bewegungsorganen eine lückenlose, zielsichere Automatie eingeschaltet, dass tatsächlich nur noch zweckmässige Arbeit erfolgen kann. Wir finden dann jeden Griff, verfehlen keinen Tritt, wissen von selbst der Arbeit Takt und Rhythmus, die allein taugen, erraten die kompliziertesten Stellungen, die wir nie hätten lernen können, und, wie sich auf einen Schlag jeder Schwindel verflüchtigte, so gelangen auch alle jene Warne- und Haltesignale, die ganze krampfige Raumsorge dann nicht mehr an unsere Arbeit heran. Der Schwerpunkt hat seine völlige, ursprüngliche Unabhängigkeit wieder erlangt. Das Hirn und seine Meldungen sind abgeschnitten. Was Auge und Ohr und Tastung noch herbeitragen, hat keine Befehlskraft mehr.

Das Experiment, weit sicherer noch die kinematographische Aufnahme, beweist uns nun, mit wie unerhörter Sicherheit und unglaublicher Feinheit diese Aus- und Umschaltung von der Willkür zur Automatie spielt, zeigt uns auch, dass es sich tatsächlich immer um Schwerpunktsbefehle handelt. Alle Mit- und Nebenbewegungen des praktischen Lebens, von Sport und Spiel sind Schwerpunktsschiebungen. Sie werden unnütz, wenn wir diesen auf andere Weise korrigieren. So wird von einer ganz bestimmten Bewegungs-schnelligkeit ab das Armschlenkern beim Laufe eingestellt. So ersetzt der Sportler den Anlauf durch hundert Startmätzchen, die alle am Schwerpunkt herumschaffen.

Schauen wir einmal den Turisten zu, die über den aperen Gletscher ziehen. Unbefohlen haben sie alle die kleinen Schritte gefunden, die dort allein taugen, unbewusst alle genau um dasselbe Mass den Schwerpunkt nach vorne geschoben. Der Jäger auf der Pirsch, der Soldat auf Patrouille, der Violinkünstler, der sich über sein Instrument wirft, sie alle müssen ihren Schwerpunkt anders schalten, und es ist herrlich, auszumessen, wie Freude und Leid, wie Gefahr und Not, immer unwillkürlich die genau gleiche Abwehr, gleichlange Schritte, tongleiche Schreie, zeitgleiches Tempo hervorbringt, wunderbar, wie in aller Welt sich Handwerker, Militär, Künstler, Chirurgen unbewusst in ihren Haltungen, Bewegungen, Formungen und Ausdrucksweisen geeinigt haben.

So müssen wir denn jetzt unsere Ansicht vom Instinktiven in unserem Leben ganz wesentlich korrigieren.

Jede Nutzung des Raumes, alle Zweckarbeit: Marschieren, Springen, Klettern, Schreiben, Musizieren sind ganz auf Automatie eingestellt. Wir könnten aus unserer Erfahrung, aus dem Gedächtnis, aus unserem Augen-und Sinnenwissen allein, wo es drauf ankommt, keinen Schritt richtig ausmessen, keine Zeile zu Ende schreiben. Darüber muss man sich völlig klar sein.

Es ist denn so eingerichtet, dass die, welche seit allen Zeiten vor uns marschiert sind, geschrieben haben, Griffe und Tritte spannen mussten, und, Ewigkeiten vorher schon alles, was sich auf unserer alten Erde getummelt, die genaue Kenntnis der Aussenwelt gestapelt und direkt in die Haut, in die Fingerspitzen und Füsse bereitgestellt haben, so dass nichts ist, was wir von allem Anfang ab lernen müssen. Hier ist nun der springende Punkt.

Wir erfahren sofort, dass die grosse Zentrale des Instinktes, die unsere Tritte und Hiebe, unsere Federn und Messer sicher führt, die eigene Einsicht und die eigene Führung nicht nur nicht benötigt und zuzieht, sondern mit allen Mitteln auszuschliessen sucht. Unser Instinkt kennt die Welt und den Raum nach anderem, viel einfacherem Gesetz, als Hirn und Sinne sie uns lehren, er reagiert auf sie anders, er nutzt sie anders.

Entfernung, Steilheit, Glätte usw. sind z.B. für den Instinkt einfach nicht mehr da, und er überwindet sie wirklich, indem er sie ignoriert. Hier aber stossen wir auf den Zwiespalt, der ausschlaggebend wird, nicht nur für den Ablauf einer Hochtur, sondern entscheidend für den ganzen Lebenskampf.

Der Alpinist hat nun wohl am unmittelbarsten Gelegenheit, die wunderbare Dramatik dieses Zwiespaltes zu kosten. Ja, wir alle gehen ja zuletzt gerade deswegen auf den Berg.

Wenn du also am Grate kletterst, und es weicht unter deinem Fusse ein kleines Steinchen, so wird das deinen Halt und Stand nicht im mindesten stören. Und doch weisst du dann mit einem Blitz von tausend Dingen, die dir deine Sinne melden. Vorher hast du nichts von dir gespürt. Jetzt weisst du, dass du rutschen kannst, dass es senkrecht hinauf geht, dass unter dir der Abgrund gähnt, dass es Eis auf den Felsen hat, dass ein einziges schmales Simschen deine ganze Grundlage ist. Das alles ist scharfe Beobachtung und getreue Rechnung von Hirn und Sinnen. Dann aber schreit eine ganze Wissenschaft und Logik nach der Basis und nach dem Haltepunkt, wie du sie suchst und verstehst, und du siehst, dass um dich alles sehr unsolid, sehr zufällig und problematisch ist. Wie- ist es dann doch, dass du deine eigene Einsicht dennoch ausschlägst, dass du gerade das Gegenteil tust, dich mit dem Pickel von der Wand wegstösst und dich aufrichtest auf dem Grate? Wie ist es, dass du mit einem Male die Sicherung aus Auge und Tastung nicht mehr brauchst und deine Schwindelfreiheit und dein Gleichgewicht nicht mehr von ihnen kommen?

Hier, wo das Instinktive, Automatische die Willkür ablöst, wo es uns auf einen schnellen Augenblick anheimgestellt ist: Ich oder Es, hier ist nun etwas Wunderbares geschehen.

Von hier ab ist eine neue Entwicklungsstufe erklommen, und, was mehr noch ist, wir erleben sie in unserem Fleisch und Blut. Von hier weg erst hat denn der Mensch seinen aufrechten Gang, von hier ab erst haben wir eigentlich die dritte Dimension erobert.

Von hier ab kennen wir die Welt nicht mehr mit dem Auge des Adlers, mit der Witterung des Löwen, mit dem Lauscher der Leitgemse. Die äussere Beschaffenheit der Dinge um uns bekümmert uns nicht mehr in erster Linie. Ein Tieferes hat uns nun die Welt sozusagen von innen gelehrt, nach Stil, Bahnung und Widerstand zu messen.

Dieses Tiefere ist der Schwerpunkt.

Aber es ist ein ganz neuer Schwerpunkt mit einer ganz anderen Mathematik, der uns die neue Welt gegeben.

Sofort sehen wir, dass der Mensch einen vom Tiere, auch vom höchst-stehenden, gänzlich verschiedenen Rauminstinkt besitzt. Der Raum reicht beim Tiere denn auch niemals weiter als seine Sinne, sein Gesicht und seine Witterung. Sein Körperbau, die schnellen Beine, die raschen Flügel, seine Krallen und Zähne, vollends seine scharfen Sinne sind ganz auf Gegenwart eingestellt, umfassen eine engumschriebene Aussenwelt. Ich höre hier den Einwand der Zugvögel. Aber gerade der Vogelzug, die Wanderfische und Nomadentiere beweisen die sinnliche Gebundenheit des Tierreichs und zeigen seine eindimensionale Raumerfahrung. Verbinden doch diese Flüge und Züge stets nur durch Erdevolutionen, Kontinentschiebungen und Eiszeiten aus-einandergezerrte alte Einheitsstandorte.

Wenn wir aber fragen, warum der gelehrigste Hund auf der Eisbahn nicht zurechtkommt, warum die Katze die Uhr nicht weiss und der Hase seinen Kohl nicht selber baut, so merken wir bei näherem Zusehen, dass die Sache ganz mathematisch zugeht, weil unser Menscheninstinkt auf einem höheren Niveau arbeitet, und dass dies alles letzten Endes engstens mit unserem aufrechten Gange zusammenhängt.

Der freie Schwerpunkt, den das Menschenkindlein beim ersten Aufrichten sich erlistet, und den kein Tier sein eigen nennt, hat uns eine neue geometrische Funktion erschlossen und damit unsere Welt, unseren Raum, die Erde und die Weiten um tausende, um millionen Male multipliziert und potenziert.

Jetzt erst sind wir die Herren der Schöpfung geworden und ist uns die Welt zu Nutzung, Recht und Genuss überlassen, uneingeschränkt, wenn wir alles, was die Sinne uns berichten, restlos ausschalten können. Dies ist aber gerade die Methode unseres Unbewussten, unseres Instinktes, der im Schwerpunkt seine Zentrale hat.

Durch Takt und Rhythmen, durch folgesichere, elementare Wiederholung beschäftigt er Muskeln, Nerven, den ganzen Körper, dass nichts anderes dazu kann, durch unerhörte Stellungen und Exposition mobilisiert er ebenso unerhörte Hilfen, und je lauter Auge und Ohr und Hirn protestieren, desto enger drosselt er das Sieb, dass auch die letzte Willkür fernbleibt.

Auf den Skiern oder an der Kletterwand aber fühlen wir es ja so gut, wie diese Mathematik einen Muskel um den andern, der sich anklammern wollte und niedertun, frei macht, wie wir frech werden und lustig, wo eben der Krampf noch sass...

Unsere beste und vornehmste Menschenarbeit fliesst nun aus solchem saubergegrenztem Instinkte, ist durch Rhythmus unbewusst, willkürfrei gemacht. Das Spiel des Künstlers, das Training des Sportmanns erstrebt nichts anderes, als Willenseinspruch bis zur Vollkommenheit auszusperren.

Von da weg, und das ist das Neue, geht jeder Refehl und jede Massregel für die Haltung und Rewegung des Körpers nicht von einem ungenauen und unbestimmten Gefühle aus, als das uns selbst die Wissenschaft den Instinkt noch darstellt, sondern vom Genauesten und Empfindlichsten, was wir haben, vom Schwerpunkt. Für jede Raumeigenschaft, für jede Reschaffenheit der Erde und ihrer Dinge hat er die mathematische Formel in Unendlichkeiten von Entwicklungsjahren errechnet, wo er genau stehen muss, um seine freie Totalverfügung ausgeben zu können. Der Instinkt setzt also einfach diesen für jede Leistung verschiedenen Punkt dorthin, wo ihn Hirn und Sinnen nicht mehr erreichen, stören können, und dann weiss er alles auswendig. Wir brauchen uns nicht mehr um Kopf und Rauch und Glieder einzeln zu sorgen, wenn nur der Schwerpunkt richtig schwebt.

Jetzt ist es auf einmal so einfach, die komplizierteste Arbeit, z. R. Traversieren eines Eiscouloirs, eine Reckübung, Klavierspielen zu können. Wir könnten sie aus den einzelnen Notwendigkeiten niemals zusammensetzen.

Nunmehr gucken wir es einfach dem Lehrer, dem Führer ab, wo wir den Schwerpunkt stellen müssen, oder wir fühlen es tastend selbst heraus. Ein Weiteres ist aber nicht mehr nötig.

Nunmehr ist es uns wie Schuppen von den Augen gefallen. Die Läufer, die Springer, die Turner und Kletterer, sie sorgen sich im Letzten immer einzig um den Schwerpunkt. Wir sehen es sogar auf jedem Rüde, wie dort alles zusammenläuft. Wir fühlen es genau dort, wenn wir einem Seiltänzer, einem Trapezkünstler zuschauen, wie es in uns rechnet und mitgeht, wir imitieren am Bergführer, am Geigenkünstler nichts von ihren Gliederbewegungen und Schwüngen, sondern trachten ihm nur die Schwebung seines Schwerpunktes abzugucken. So kann ich im Speisewagen nur das schwebende, niemals das feststehende Glas sicher füllen; so sind in den Bergen nicht die exponierten Grat-turnereien die gefährlichsten Stellen, sondern die Simse und Hänge, wo man den schwebenden Sicherheitspunkt wieder gegen das Basisgefühl eintauscht. Am Liegenden und Kranken aber können wir messen, wie der Verzicht auf den Schwerpunkt neun Zehntel der normalen Selbstwehr wegnimmt, und man kann manche Krankheiten tatsächlich heilen, indem man verordnet: Steh auf!

Es ist nun sonderbar, wie wenig im praktischen Leben, ausser etwa in Sport und Spiel, wir von dieser präzisen Instinktsarbeit, von dieser haarscharfen Schaltung Unbewusst-Bewusst nutzen und auch wissen, trotzdem unsere ganze Lebensgeschichte eigentlich die Geschichte unseres Schwerpunktes ist.

Unser Körperbau, unser Hirn selber, zeigt uns diese Entwicklung. Die scharfen Sinne, die schnellen Beine, die Waffen werden abgebaut. An ihrer Stelle genau entstehen Sammelstellen, die die Eindrücke der Aussenwelt nicht mehr direkt in Befehl umwandeln und Reaktion, sondern zurückbehalten, weghalten.

Ob nun ein Kind gehen oder sprechen lernt, ob wir an der Plattenwand den Aufstieg ertasten, wir können es aufs genaueste verfolgen, in welchem Augenblick die Willkür der Selbsttätigkeit Platz macht, wo das zögernde Suchen der Bewegungen sicherer Takt wird. So finden wir dann statt mit dem Auge mit dem Instinkte den besseren Weg, so hören wir Musik nicht mit dem Ohre, sondern mit dem Schwerpunkt.

Dies sei jedoch nicht als poetische Flunkerei verstanden. Das Tier zeigt es uns übrigens prächtig, wie anders und endgültig unsere Instinkte gegenüber den seinen sich gerichtet, wie unzertrennlich hinter all seinen Handlungen und Bewegungen noch Auge und Ohr lauern.

Das Tier, auch die flinke Gemse und der sonnlustige Schmetterling, hat denn auch statt des Schwerpunktes nur eine Schwerlinie. In Zeitlupenaufnahmen der Pferderennen, des Vogel- und Insektenfluges usw. erkennen wir eindeutig, dass den Bewegungen eine Dimension fehlt und dass das Gleichgewicht auf einer Geraden festgehalten und geschoben wird. Es besteht eine Ausnahme bei den höheren Tieren, die, wenn sie annehmen und beim Begat-tungsakt bezeichnenderweise sich dann ein freies Gleichgewicht zulegen.

Erst der homo sapiens, der immer homo erectus ist, hat aber endgültig für sein bestes Menschentum den Schwerpunkt bekommen und damit einen sichtbaren Schritt über eine mächtige Entwicklungsstufe getan.

Mit der aufrechten Haltung erhält aber das oberste Geschöpf, über das nun einmal die Zukunftslinie alles Lebendigen läuft, auch sein Element. Es ist das Feste, die Erde.

Es ist denn kein Zufall, dass die zu 4/5 auf die nördliche Erdhalbkugel gedrängte « Feste » mit ihren geographischen und kosmischen Sonderheiten auch die Grundlage der letzten menschlichen Entwicklung, ja seiner besonderen Kultur gegeben und in unserem Körper die Bahnen schon sicher ausgesteckt hat, die sie ferner laufen muss.

Mit dem letzten Härchen, der winzigsten Fiber haben wir das Amphibium, den Vogel abgestreift und haben alle unsere Organe endgültig und entschlossen « den Landweg » eingeschlagen.

Wahllos, unentrinnlich weist uns auch alles Instinktive diesen Weg. Wir sind durch Anpassung und instinkthafte Abwehr vielmehr als durch schlaue Berechnung und « freien » Willen Kulturmenschen geworden auf unserer Erdhalbkugel. Weitgehende Sicherungen, unzweifelhafte Vorrechte und erstaunliche Immunitäten sind uns hier geschenkt worden, an denen wir nicht das leiseste Verdienst haben, die aber der Südseeinsulaner, der Hottentotte, der Feuerländer ganz entbehren muss. Eine rechtsläufige, rechtswegige, rechtshändige Welt liess uns fühlen, wo es schneller, tiefer, sicherer in die Substanz hineingeht, gab uns bessere Waffen, tüchtigere Werkzeuge, gab uns Schrauben, Uhren, Maschinen, gab uns Schrift und Sprache. Und es ist nicht zufällig, dass die Südhalbkugel kein Kulturvolk, keine Schrift, keine Geschichte hat. ( Denn die einzige Ausnahme, die Inkas von Peru, sind sicher nördlicher Provenienz und in Zeitrelation dort nichts anderes als die Spanier, ihre Nachfolger in der Eroberung. ) Wie aber der Schwerpunkt einzig auf dem « Festen » sich aufrichten und frei werden konnte, so hat auch die Maschine, die Rhythmus gewordene Willkür, nur ein Element: das Feste, und sie überwindet Wasser und Luft ja nicht anders, als indem sie sie mit unerhörtem Rhythmus zum Festen dichtet.

Auch die Vererbungslehre und die Krankheitsauslese verweisen uns nur auf das Feste. Nicht die Feldherren-, sondern die Soldatenqualitäten vererben sich. Nicht am Flug des Genies, sondern am langweiligen, eintönigen Erden-takte hält die Natur hartnäckig fest.

An den goldenen Gestaden herrscht immer Fieber und Plage, und auf den seligen Inseln wohnt das schnelle grausame Sterben. Flussabwärts geht nur, was müde ist und verbraucht. Leben, Fortschritt, junge Sehnsucht drängt flussauf, bergwärts.

Es wäre aber an der exakten Wissenschaft, es zu sagen, dass der Schwerpunkt allein mit seinen sicheren Reihen und weisen Ordnungen noch Platz weiss und der Arbeit genug, für die ganze Zukunft des Menschengeschlechtes.

Die grosse, die gute Menschenarbeit, ob wir unseren Werktagskarren schieben, ob wir mit toten oder lebendigen Widerständen kämpfen, ob wir an einer Kunst uns glücklich pendeln, ob wir die Matterhornnordwand erlisten, alles was wertvoll ist und endgültig, schafft immer allein unser Tiefstes, unser Instinkt, unser Schwerpunkt.

Von ihm auch will der Bergsteiger in Wahrheit Genuss und Lohn.

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