Max

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. UolfSpöring, Luzern

Mit den besten Vorsätzen hatte ich mit Aufräumen begonnen, als mir sein Bild in die Hände fiel. Wie hätte es anders sein können? Meine Gedanken wanderten zurück, ans Ende der vierziger Jahre, in die Zeit, in der für mich die Bergwelt erschlossen wurde. Wohl die wichtigste Rolle spielte dabei mein Kamerad Max.

Eigentlich müsste ich noch weiter ausholen. Wir waren im gleichen Aussenquartier aufgewachsen, hatten im Winter die schneebedeckten Hügel am Stadtsaum als herrliches Tummclfeld, und seine Beherrschung des Telemarks machte mir grossen Eindruck, obschon ich nie in diese Kunst eindringen konnte. Wir mochten uns gut, Hohen Litte Saison i Sb, 3 LJuni-August 2920--3320 m 1 1 Gb, 3 K., 2 L Juni-August " 33.Ì3 ' "

rGb, 5L Juni Oktober Juni September Juni September 2770-3331 Sb, 9 I> 2700-3280 m K — Kabinenbahn I. = Lift aber der Kontakt blieb eigentlich lose, bis er mich einmal aufforderte, mit ihm und andern Kameraden eine Tour zu unternehmen.

Ich hatte während des Krieges in Kursen eine kleine Einführung in die Welt des winterlichen Alpinismus erhalten. Dass Max mich nun einlud, war fuir mich fast soviel wie eine Auszeichnung, ging ihm doch der Ruf eines ausgezeichneten Könners voraus, und seine Ausdauer war beinahe sprichwörtlich.

Früh im Winter war in den höheren« Lagen etwas Schnee gefallen, gefolgt von einer langen Trockenperiode, als wir, unser vier, Ende Dezember von Meningen Richtung Urbachtal zogen. Die Gaulihütte sollte unser erstes Ausgangslager sein. Max hatte schon verschiedentlich für die Kraftwerke jenes Gebietes photographiert. Er hatte uns gesagt, wir könnten möglicherweise die 1 Mit Ski unterwegs Photo Hans Zebrowski, Niedeihasli 2Rosenlauigletscher Photo Otto Pfenninger, Luzern 3Junge Gemse Photo L. Gensetter, Davos Dorf Werkbahn zur Gauli-Wasserfassung benützen. Erst viel später ist mir klar geworden, dass diese Möglichkeit nur klein war. Doch wir hatten Glück: In der Ebene hinten war man gerade daran, einen « Zug » vorzubereiten. Im ersten Wagen dieser Luftseilbahn sass immer der erforderliche Begleiter, der mit Funk oder Telephon dem Maschinisten die Position bei vorsichtig zu befahrenden Stellen angeben musste. Je nach Bedarf wurden mehr oder weniger Laufge-stelle aufdas Tragseil geschoben und offene, viereckige Kisten darangehängt.

In luftiger Fahrt querten wir zu verschiedenen Malen das tief unter uns rauschende Urbachwasser, bevor wir uns an der Baustelle mit kurzem Gruss verabschiedeten, um den verbleibenden Weg zur SAC-Hütte anzugehen.

Als erste Tour hatten wir das Ankenbälli vor. Nachdem wir auf der Abfahrt den Gauligletscher gequert hatten und nun vom Punkt Hinter dem Kammli wieder abfuhren, kreuzte eine Gemse unsere Spur. Mit pfeifendem Atem blieb sie an einer scheinbar glatten Stelle stehen und äugte zu uns herab. Ich hatte sie kommen sehen, aber es blieb fraglich, ob wohl das Tier oder meine vor-ausfahrenden beiden Kameraden mehr erschrocken waren.

Das aufklarende Wetter benützend, bestiegen wir tags darauf zu dritt das Hangendgletscherhorn. Ein harscher Wind schleuderte uns beissende Eiskristalle ins Gesicht, als wir vom Telli-grat aus den Gipfel erreichten. Bei einem Schlechtwettereinbruch wäre der Rückzug über den mangelhaft verschneiten Rosenlauigletscher kaum leicht gewesen. Doch glücklicherweise stand dies ausser Frage.

Wie schon oft bannte Max auch von hier aus das eindrückliche Panorama auf einen Film; dabei kam ihm nicht nur das umfassende berufliche Wissen, sondern auch die Ausdauer des zähen Berggängers zugute. Nicht ohne Grund stand er im Begriff, sich einen Namen als Gebirgsphotograph zu schaffen. Um eines speziellen Ausblickes willen konnte er auf einer langen Tour einen halbstündigen Umweg in Kauf nehmen, um dann schliesslich oft doch auf die Aufnahme zu verzichten, wenn das Geschaute nicht ganz seinen Erwartungen entsprach. Wie oft mussten wir unsere Spur nicht so anlegen, wie es am gängigsten gewesen wäre, sondern so, wie es ihm graphisch am besten ins Bild passte. Dafür erhielten wir nachher Aufnahmen, die perfekt waren.

Nun aber sollten wir ins Gebiet des Lauteraargletschers hinüberwechseln. Die Rollen waren verteilt: Max und ich stiegen zum Ende des Gauligletschers hinab, um daraufdas Hühnertäli hin-aufzuspuren, während Kari und Sigi nach Beendigung des Küchendienstes nachfolgen sollten. Immer wieder hatte uns Max von den herrlichen Hängen der Südseite erzählt. Doch vorläufig waren wir noch nicht so weit. Der Nachzügler-gruppe gefiel das oberste Stück der Spur nicht. Sie sei zu weit östlich angelegt. Doch mit der gleichen Kompromisslosigkeit, mit der er schlechtere Bilder ausmerzte, verteidigte Max seine Theorie.

Aber der beste Übergang des Hühnertälijochs lag mehr westlich. Im schattenkalten, grundlosen Schnee mussten wir dorthin traversieren. Wenn man nicht vorwärtskeuchte, fror man beim Stehen. Endlich erlaubte unser Seilmaterial das Abseilen auf den steilen Vorder Triftgletscher. Doch mit den sonnenbeschienenen Hängen war es nicht weit her; die Sonne verschwand bereits hinter den westlichen Gipfeln, und bald machte uns eine diffuse Beleuchtung sehr zu schaffen. Als ich nun vorschlug, statt etwas zu riskieren, zu Fuss abzusteigen, nahm jedermann zu meiner Verblüffung diesen Vorschlag sofort an. Als wir die durchkältete Lauteraarhütte erreicht hatten, waren seit dem Frühstück gerade zwölf Stunden vergangen, in denen wir kaum etwas zu uns genommen hatten.

Dieser Übergang hatte uns mehr zugesetzt als erwartet. Deshalb verzichteten wir auf die Begehung des Lauteraarhornes, von dem die Rede gewesen war, und schalteten einen Rasttag ein. Sobald die Sonne morgens um zehn Uhr den Hüttenvorplatz erreicht hatte, setzten wir uns i t Blick vom Aletschwald zum Grossen Aletschgletscher 2Verhutzelte Baumgestalt ( Arve ) im Aktschwald Photos R. Schiffer, Freiburg i. Br.

dorthin und genossen die Wärme. Der Zusammenfluss der gewaltigen Eisströme, die Reihe zackiger Gipfel konnten einen wohl beeindrucken. Sobald aber gegen vier Uhr die Schatten zu uns heraufkrochen, verzogen wir uns wieder in unser Refugium. Laut Hüttenbuch war seit dem Oktober kein Besuch mehr erfolgt, und unser bescheidenes Herdfeuer konnte die Unterkunft nicht durchwärmen. So krochen wir nach einem frühen Nachtessen in unsere Lager, die ein jeder aus vielen Decken bereitet hatte, und verschliefen den Übergang ins kommende Jahr.

Tags darauffuhren wir, die Hütte schön aufgeräumt hinter uns lassend, dem gefrorenen und verschneiten Grimselsee zu. Mit grossen Abständen überquerten wir die ebene Fläche. Als Nichtschwimmer hatte unser sonst so unerschrockener Max grossen Respekt vor dem Wasser und setzte auf ein unterirdisches Knarren hin einen fulminanten Spurt an. Deshalb verblüffte uns die Bemerkung des Winterwartes im Hospiz, die Eisschicht würde einen Jeep ohne weiteres tragen, um so mehr. Bei der mächtigen Mauer des Räte-richsbodensees tauchten wir in den Schatten ein. Auf spärlichen, gefrorenen Schneeresten beidseits der Strasse schepperten wir Innertkirchen zu. Ein Jahr später. Aufdem Perron des Gotthard-Schnellzuges erreichte uns die Absage des vierten Kameraden. Einige Zeit darnach benützte unsere Dreiergruppe zuerst eine Langlaufspur in Richtung Göscheneralptal und bog dann rechts ab. Nachdem wir die Waldpartie durchquert hatten, fiel die Dunkelheit ein. Wegen eines Fellde-fektes folgte ich in einigem Abstand den Vorausgegangenen. Links murmelte gelegentlich ein Bach, während die Spur praktisch ertastet werden musste. Selten zuvor habe ich das Geborgensein in einer Unterkunft so tief empfunden wie damals, als die Voralphütte schemenhaft vor mir auftauchte.

Am nächsten Morgen brachte uns die weitge-schwungene Spur zum Brunnenstock hinauf. Das letzte Stück musste im tiefen Schnee, die Ski auf die Säcke gebunden, erkämpft werden, bevor wir fast ebenaus zur Sustenlimmi wechselten. Abfahrt zur Tierberglihütte und Wiederaufstieg zu Zwischen Tierbergen. Die Abfahrt hob sehr steil an. Um allfälligen Schneerutschen gewachsen zu sein, fuhr nur einer, Max oder ich. Während der Vorausfahrende um zwei Seillängen hinunterfuhr, sicherte der Wartende mit eingerammten Ski und Stöcken. Damit sollte die Spannung des Hanges ausgelöst sein, und Kari folgte als Dritter nach. Als die Steilheit nachliess, misstrauten wir den Spalten, so dass wir auch hier angeseilt fuhren, und den Triftgletscher querte dann jeder einzeln und mit möglichst grosser Geschwindigkeit.

Der Aufstieg zur altehrwürdigen Windegghütte entpuppte sich noch als sehr « anhänglich ».

Das Mährenhorn war der erste Gipfel im neuen Jahr. Dem Spürsinn von Max verdankten wir aufder direkten Abfahrt vom Gipfel aus in Richtung Guttannen jeweils die beste Passage. Einzig eine Waldpartie zwang uns für eine Weile zum Skibuckeln. Teilweise den alten Grimselweg benützend, erreichten wir wiederum Innertkirchen.

In der Rückblende sind mir diese beiden Touren besonders gegenwärtig geblieben. Wie Max mit dem Instinkt des naturverbundenen Menschen Wetterkarte, Barometer und die Zeichen am Himmel richtig zu deuten vermochte, erstaunt mich noch heute. Seine Prognosen erlaubten uns viele glückliche Fahrten. Die geschilderten Touren sind für standsichere Fahrer und guttrainierte Skiläufer nichts Aussergewöhnliches. Was ihnen einen besonderen Nimbus gegeben hatte, war die Wahl der Jahreszeit.

Und die war falsch. Sicher beurteilten wir die heimtückische Gefahr der Schneebretter zu gering, obwohl Max vorher schon verschiedentlich in ganz respektablen Rutschen hinuntergefegt worden war. Und das andere: die zu geringe Einwinterung der Gletscher. Die breiten weissen Flächen spiegeln eine trügerische Sicherheit vor. Es braucht aber manchen Schneefall, unterbrochen von wärmeren Perioden, bis ein Gletscher - wenn überhaupt - « so ohne weiteres » befahren werden darf. Wer je unsere ausgeaperten Eisströme im Sommer studiert oder je auf einem frühlingshaften Gletscher sondiert hat, wird mir beipflichten. Infolge seiner Bescheidenheit, seiner genügsamen und kameradschaftlichen Art blieb mir diese eine Seite unseres Freundes Max lange verborgen: seine Abenteuerlust, sein Kräftemessen mit der Gefahr. Es war Hans, der mich darauf hinwies. Dass die Warnung gerade von seiner Seite kam, von einem ebenso passionierten Alpinisten, gab mir zu denken.

Wiederum plante Max eine Tour im frühen Winter; ich musste jedoch absagen. Es war an einem regnerischen Samstagmorgen, am 3. November. Noch heute erinnere ich mich an die Worte und den Tonfall eines gemeinsamen Bekannten am Telephon: « Max ist nicht zurückgekehrt. » Gemeinsam mit seinem Freund und früheren Lehrmeister war er zur Sustlihütte aufgestiegen, am Freitagnachmittag zum Stössensattel. Der jüngere und stärkere Max rief seinem Gefährten zu, dort zu verbleiben, während er noch vom Grassen aus photographieren wolle. Solange die Sonne wärmte, blieb der Ältere dort, fuhr dann zur Hütte, bereitete das Nachtessen vor und wartete - wartete eine einsame lange Nacht auf Max... vergeblich. Am nächsten Morgen wollte er ihm entgegensteigen, doch Nebel und einsetzender Schneefall liessen ihn zurückkehren, in Färnigen die Rettungsstation und auch uns alarmieren.

Alle Hindernisse mussten überwunden werden. Bei trübem Wetter fuhren wir zu acht Richtung Wassen. Kurz nach Meien verschwand die im Sommer so geschäftige Sustenstrasse; nur einzelne aus dem Schnee ragende Wehrsteine liessen ihren Verlauf erahnen. Langsam stiegen wir in der Dunkelheit zur Hütte auf. Am folgenden immer noch trüben Morgen teilten wir uns mit den Färnigern in drei Gruppen ein. In der Annahme, Max sei mit einer Wächte die Südseite hinunter gestürzt, begab sich das grösste Détachement dorthin, eine weitere Gruppe sollte den Gipfel ersteigen und eine kleine Abteilung den Grassen umrunden. Die Gipfelgruppe fand dort Abfahrtsspuren und signalisierte unsere Dreierpartie, die bereits auf der Westflanke Nachschau hielt, zurück.

Die Spur unseres Vermissten verlor sich oberhalb einer riesigen Spalte. Nach langem fruchtlosen Suchen kamen wir aber zur Einsicht, dass Max nicht im Schrund, sondern in der westlich anschliessenden, dreifach gefächerten Lawine sein müsse. Am Montag sondierten wir vergebens. Eine Woche später stellten sich 50 Mann der Sektion bereit. Der Föhn hatte während der wenigen Tage gewaltig gewirkt. Mit zwei Cars konnte diesmal bis zur Gorezmettlenbrücke gefahren werden, und vom meterhohen Lawinenanriss und dem Schneebrett war praktisch nichts mehr zu sehen. Aber auch diese Aktion verlief ergebnislos.

Genau neun Monate später sichteten Berggänger den Leichnam unseres Kameraden; er war durch das Abschmelzen freigelegt worden.

Auf Anfrage der Rettungsstation Engelberg, die anderweitig belegt war, holten wir Max und brachten ihn zu Tal. Das letztemal hatte seine Gewandtheit nicht mehr ausgereicht; eine Mulde hatte ihm die Flucht aus der Lawine versperrt. Entgegen unserer Überlegung war er mehr gegen Westen gefahren, und unsere Sondeneinsliche hatten ihn um ein paar Meter verfehlt.

Sein Verlust traf uns zutiefst. Aber wäre es richtig gewesen, nur traurig und nichts als traurig zu sein? Hatte er nicht unzählige Höhepunkte erleben dürfen, nicht auf starr festgelegten Aller-weltsstrassen, sondern in der Unberührtheit des Gebirges? Und ist nicht gerade heutzutage diese Freiheit aus Sicherheitsgründen in manchen Kreisen verfemt, fast zu etwas Asozialem gestempelt?

Alpines Skifahren bedingt neben den rein körperlichen und technischen Voraussetzungen vielseitige Kenntnisse, die Fähigkeit des Abwägens der Möglichkeiten und Gefahren, unter Umständen auch den Mut zum Verzicht. Der Ahnungslose bringt sich leichtsinnig in Schwierigkeiten, während der Erfahrene durch richtige Zeit- und Routenwahl zu einer herrlichen Tour gelangen kann. Erfahrung erwirbt man aber nur, wenn man die bis ins letzte vorgezeichneten Wege verlässt.

Hätte es keine wagemutigen Männer gegeben, so stünden unsere Alpen noch heute unerschlossen als riesige Schreckgespenster vor uns, und, nur auf Sicherheit bedacht, wäre mancher um unbezahlbare Bergerlebnisse ärmer. Es gilt die Grenzen richtig abzustecken. Unserem Freund aber verdanken wir manches: eine sehr ernst zu nehmende Warnung, die Erinnerung an herrliche Gipfelfreuden und an eine bis über den Tod hinaus währende Bergkameradschaft.

Er habe Dank dafür!

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