Mein «Alleingang» am Walker-Pfeiler

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René Pellaton, Genf

Schon lange hatte ich über diese Besteigung nachgedacht, zwar mit niemandem darüber gesprochen, vielleicht aus Aberglauben, in der Angst, mein Plan könnte sich zerschlagen, wenn ich vorher darüber redete; vielleicht sogar, um nicht in den Verdacht zu geraten, ich wolle Publizität daraus schlagen. Dabei ist mir so etwas wirk- lieh zuwider; denn ich habe immer an der - zweifellos veralteten - Einstellung festgehalten, dass ein Bergsteiger bescheiden sein, sich nicht mit seinen Heldentaten brüsten und damit Lorbeeren ernten soll: Er unternimmt seine Besteigungen aus Freude und stellt sie nicht zur Schau.

... Ich war allein in der grossen Wand - allein, weil ich es so gewollt hatte. Um das Glück meines Abenteuers besser auszukosten, um in aller Musse aufzusteigen, ohne Übereile.

Auch hatte ich, um für mich allein zu sein, einen Spätherbsttag ausgewählt. In dieser Jahreszeit sind die Seilschaften im Hochgebirge weniger zahlreich; die grossen, im Sommer so viel begangenen Routen werden nur mehr selten gemacht, wenn einmal der Herbst ins Land gezogen ist.

Auch sind die Wetterumstürze nicht mehr so unvermittelt; Gewitter sind keine mehr zu befürchten, und man fühlt sich sicher hier, wo diese sonst so häufig auftreten.

Natürlich sind dafür die Tage kürzer, und die Sonne strahlt nicht mehr so brennend. Doch ich wollte mir Zeit lassen, und es war mir einerlei, ob ich einen Tag mehr oder weniger brauchte, um diesen Pfeiler zu besteigen. Ich war nicht hergekommen, um mein Vorhaben nach einem festen « Fahrplan » durchzuführen.

Einen weiteren Vorteil bringt im Herbst die Klarheit der Luft mit sich, welche die Sicht weitet, die Umrisse klärt und die Bergketten gegen den Horizont plastischer in Erscheinung treten lässt.

Ich hatte Chamonix in der Morgendämmerung verlassen und war während Stunden und Stunden dem Berg zu marschiert, ohne bei Leschaux vorbeizukommen. Natürlich dachte ich niemals daran, den Gipfel noch am gleichen Tag zu erreichen; vielmehr hatte ich im Sinn, bis in die Abenddämmerung hinein zu klettern, um dann dort zu biwakieren, wo mir die Nacht begegnen würde.

Was ich im Moment zu tun hatte und was mir die Fortsetzung der Besteigung bereithalten würde, beschäftigte mich weit mehr als das, was hinter mir lag. Davon blieb nur eine ganz verschwommene Erinnerung zurück. Sicher habe ich die - heute klassische - Route gemacht, die mir der Vallot vorgezeichnet hatte; aber ich konnte mir die Folge der einzelnen Passagen nicht mehr ins Gedächtnis zurückrufen. Zwar wusste ich, dass ich diesen ersten Teil des Weges mit viel Leichtigkeit zurückgelegt hatte, und wenn ich anfänglich noch zur Selbstsicherung gegriffen hatte, so verwendete ich sie jetzt seit langem nicht mehr. Ich befand mich in jenem « gehobenen » Zustand - den man nur selten empfindet -, wo man das Gefühl hat, der Körper sei unendlich leicht. Man klettert ohne jegliche Mühe, ganz natürlich und beschwingt, wie man sonst etwa marschiert. Ich stieg regelmässig, indem ich immer dort, wo es nötig war, einen Griff für die Hand und einen Halt für den Fuss fand.

Nicht dass ich etwa enttäuscht gewesen wäre; eher war ich erstaunt, dass ich vorankam, indem ich die Hindernisse überwand, ohne einen Widerstand zu spüren. Natürlich lag eine gut ausgefüllte Klettersaison hinter mir; ich war ausgezeichnet in Form, mein Körper war ordentlich durchtrainiert. Doch bin ich weit davon entfernt, ein « Ge-waltskletterer » zu sein, und die Route hat wirklich beachtliche Schwierigkeiten.

Ich hatte das Gefühl, schon sehr hoch gestiegen zu sein. Und doch schienen die Platten, wenn ich nach oben schaute, gegen den Himmel zu wachsen, als wollten sie kein Ende nehmen. Wenn ich aber nach unten blickte, sah ich dieselbe Flucht von glattem Fels, die erst in der Tiefe des Gletschers endigte. Und was ich in der Runde sah, entsprach nicht dem Bild, das ich mir vorgestellt hatte. Ich sah die vertrauten Berge unter einem mir neuen Gesichtswinkel, was mich ein wenig verwirrte. Alle diese Nadeln, Gletscher, Grate und Wände ringsum schienen mir von ungewohntem Ausmass, fast zerschmetternd.

Während ich meine Besteigung fortsetzte, ging der Tag zur Neige. Schon erreichten die Sonnenstrahlen die etwas weniger hohen Berge nicht mehr, nur die allerhöchsten erstrahlten im Glanz der untergehenden Sonne. Der Gletscher hatte zuerst eine bleifarbene Tönung angenommen; dann verschluckte ihn die Dunkelheit und entzog ihn meinem Blick.

Diese Finsternis stieg zu mir herauf und tauchte mich auch sogleich ins Ungewisse: Es war Zeit haltzumachen. Glücklicherweise hatte ich eben eine Terrasse mit einer genügend grossen Fläche erreicht, dass ich die Nacht einigermassen bequem verbringen konnte. Es war mir angenehm, mich hier zum Schlafen einzurichten, und es dauerte auch nur ein paar Sekunden, bis ich in tiefen Schlaf verfiel.

Die kalte Morgendämmerung war eingebrochen, und ich hatte meinen Weg — wenn man das fast senkrechte Steigen in den Himmel so nennen will - im jungen Licht des Tages wieder unter die Füsse genommen. Hier auf die Sonne zu warten wäre vergeblich; sie berührt diese Wand niemals.

Während Stunden war ich, mich den Formen des Geländes anpassend, angestiegen. Wie gestern, so fühlte ich mich auch heute in bester Form und kam überall ohne Schwierigkeiten durch. Auch hatte ich endgültig auf jede Selbstsicherung verzichtet; sie kostete nur Zeit und verursachte ermüdende Bewegungen. In allen Einzelheiten könnte ich die bezwungenen Stellen nicht beschreiben. Im übrigen liegt mir so etwas überhaupt nicht. Es ist mir schon immer schwergefallen, wenn nicht sogar unmöglich gewesen, meine Besteigungen Punkt für Punkt zu rekapitulieren. Die einzelnen Stellen geraten mir immer durcheinander; ich vergesse welche oder erfinde andere dazu, und nur selten ist es mir gelungen, einen wirklichkeitsgetreuen Bericht über die begangene Route zu erstatten. Meine Sinne sind gewöhnlich zu sehr auf die unmittelbare Umgebung oder auf die Schwierigkeit des Gländes konzentriert, als dass sie die Folge der topographischen Einzelheiten registrieren könnten.

Wiederum Anstieg seit Stunden. Unter meinen Füssen wuchs die Entfernung des Gletschers mehr und mehr, und über meinem Kopf kam der Gipfel näher und näher. Jetzt sah ich ihn sogar ganz deutlich, und mit jeder Bewegung verringerte sich der Abstand.

Ich empfand kein überschwängliches Glücksgefühl des Gelingens; ich könnte sogar nicht einmal sagen, dass ich überhaupt irgendwelche Freude empfunden hätte. Es war mir ganz einfach wohl, da zu sein und das richtig zu tun, was zu tun war. Die grosse Freude würde später kommen, wenn ich nicht mehr durch die Notwendigkeit, meine Aufgabe zu erledigen, angespannt sein würde. Denn sogar in der Gewissheit, dass das Erreichen meines Zieles nicht mehr vom Glück abhing, durfte ich meinem Geist doch keine Ruhe gönnen.

Ich musste mein Tempo ganz unbewusst beschleunigt haben, denn auf einmal merkte ich, dass der Gipfel nur noch einige Meter über mir lag — im übrigen ein Empfinden, das ich in den Bergen häufig gehabt habe: Lange Zeit scheint der Gipfel weit entfernt - und plötzlich ist er da. Erlag ich jedesmal einer optischen Täuschung? Habe ich mir die noch zu überwindenden Schwierigkeiten übertrieben vorgestellt? Ich kann es nicht sagen.

Im Moment war für mich das wichtigste, dass der Gipfel nicht mehr weit entfernt war. Allmählich begann ich die Auswirkungen der Höhe zu spüren. Seit einigen Minuten fühlte ich ein immer deutlicher werdendes Ohrensausen. Das war aber kein wirkliches Ohrensausen, sondern etwas viel Deutlicheres, wie ein immer eindringlicheres Geläute, das niemals aufhörte.

- Dring... dring... dring...

Da sprang ich in einem Satz auf- und sowie ich meine Armbanduhr umgebunden hatte, platzte es aus mir heraus: « Donnerwetter! Es ist 8 Uhr, und ich sollte seit einer Stunde im Büro sein! » - Mein Wecker läutete noch, als ich die Türe hinter mir ins Schloss geworfen hatte...

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