Melodie vom Mont Blanc de Cheilon

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Von M. Dörlg

Mit 2 Bildern ( 75, 76Langenthal ) Lieber Bergkamerad Hans!

War es eigentlich an unserer Frühjahrswanderung durch die malerischen Terrassen-dörfer des Gambarogno, da ich Dir einiges von meinen 1951er Exkursionen zwischen Val Moiry und Val des Dix schilderte? Oder geschah dies an jenem Tag, als wir durch die herbe und dennoch mit viel Lieblichkeit gepaarte Talschaft des oberen Onsernone flaniertenItem, irgendwas, wahrscheinlich das Glück eines höchst beschwingten Wanderns in den warmgetönten Tessiner Landschaften, liess uns den aufgegriffenen Gesprächsstoff nicht weiterspinnen. Weil ich indessen weiss, dass Dich besonders stark Einzelheiten vom Mont Blanc de Cheilon interessieren, so will ich heute versuchen, Dir in ein paar Strichen das Erleben meiner Fahrt zu skizzieren.

Hinter uns lag wiederum eine Reihe ausgeprägter Schönwettertage, Marke « Wallis ». Nun drohte doch ein Witterungswechsel einzutreten. Optimistisch wie man sein muss, sind wir gleichwohl in gewitterschwangerer, früher Nachmittagsstunde von Arolla zum Col des Vignettes hinaufgestiegen. Vom ungeheuren Moränenwall, welcher den Glacier de Tsidjiore Nouve vom Glacier de Pièce trennt, sind wir im Abstieg auf letzteren urplötzlich in eine Nebelsuppe dickster Sorte eingetaucht. Die Sicht blieb bis zur Cabane des Vignettes, un- mittelbar östlich des Gletscherpasses gleichen Namens ( 3157 m ), auf wenige Meter, zeitweise auf Dezimeter beschränkt. Auf dem Col selbst blies uns ein aus dem Kessel des Glacier de Vuibé heraufpurzelnder Wind in grellsten Tönen in die Ohren. Unentwegt schneite und orgelte es die Nacht hindurch. Den ganzen darauffolgenden Tag verhielt sich das Wetter womöglich noch unfreundlicher. Wir hatten denselben eigentlich für die Überschreitung des Mont Collon reserviert. Die verschlechterten Verhältnisse zwangen uns aber, jenen Plan für diesmal abzuschreiben. Welch überraschenden Auftakt brachte jedoch der dritte Tag, als sich in der vierten Morgenstunde die noch schlummernde Eiswelt um uns blankgefegt präsentierte. Eine in kaum glaublicher Intensität gleissende Sternenwelt belebte aufs feierlichste die weite Himmelskuppel. Hei, wie rasch packten wir die Säcke! Angeseilt und im Scheine unserer Laternen schritten wir zwei aus dem warmen Berghaus, hinaus in die Kälte des herannahenden Morgens. Bereits am Steilhang westlich des Passes harrte uns die erste Arbeit. Während zwei bis drei Seillängen bekamen unsere Pickel die Qualität des Harteises unter der frisch abgelagerten Schneeschicht voll zu spüren. Einmal diese erste Stufe überwunden, strebten wir in unaufhaltsamem Schritte höhenwärts. Nicht nur der Körper, sondern auch mein Herz begann sich dabei ordentlich zu erwärmen. Vor 7 Uhr schon standen wir auf dem Pigne d' Arolla ( 3796 m ), von dessen weissem Scheitel wir das Bild einer grossen und blendenden Umwelt in uns aufnehmen konnten. Für uns völlig lautlos schwebte ein einzelner, motorgetriebener Silbervogel im Höhenkurs von etwa 3000 m ostwärts über die Walliser Vorberge hinweg. Die übrigen Seilschaften von der Cabane des Vignettes, welche den Pigne als einziges Ziel auf ihrem Tagesprogramm hatten, zeigten sich immer noch nicht in der Gletschermulde. Zur Genüge sind Dir ja die berauschenden Gefühle eines Gipfelaufenthaltes bekannt.

Im Rhythmus wohlabgewogener Schritte stapften wir zum Col de la Breney hinunter und der Nordseite der Pigne-Cheilon-Gletscherbastion entlang, hinüber zum Col de la Serpentine ( 3547 m ). Der eingeschaltete Imbisshalt gestattete uns hier von neuem ungetrübten Genuss einer eindrucksvollen Schau, vor allem in die von azurnem Himmel überdachten Grajischen Alpen, dominierend mit Grivola und Gran Paradiso. In der Südflanke von Punkt 3827, der im Klubführer als Ostgipfel des Mont Blanc de Cheilon angesprochen wird, mühten wir uns im Neuschnee und im Wirrwarr eisverkrusteter Gesteinstrümmer zu dem zwischen den beiden Gipfeln tiefeingeschnittenen Sattel. Wuchtig strebt von hier weg der Ostgrat zum Hauptgipfel ( 3869 m ). Ungeachtet der verschneiten Felsen erklommen wir diese von zwei pikanten Türmen unterbrochene Himmelsleiter im Vollgefühl einer recht interessanten, wenn auch keine extra Schwierigkeit bietenden Kletterei. Auf dem stellenweise knapp schuhbreiten Gipfelgrat erwies sich der tückische Schnee schon als ziemlich aufgeweicht. Mehrmals geschah es, dass unsere Pickel durchstiessen und wir so durch die entstandenen Öffnungen rechter Hand Hunderte von Metern in gäher Flucht die Nordwand hinab auf den Glacier de Cheilon oder links auf den Glacier de la Serpentine staunen konnten.

Während der Feierstunde dieser zweiten Gipfelrast beeindruckte uns vorweg die nahe Ruinette. Kein Hauch eines Lüftchens regte sich. Im Osten ein Bild vollendeter Harmonie: Weisshorn, Dent Blanche, Matterhorn, mit einer stattlichen Kette nicht minder hoheits-voller Drei- und Viertausender! Nördlich im Vordergrund zeigten sich in geduckter Haltung die kühnen Granitzacken der Aiguilles Rouges d' Arolla, die weitgedehnte Firngruppe Mont Pleureur—Rosa Blanche und darüber hinweg in weicheren Linien die Gipfelflur der Waadtländer und Berner Alpen. Durch ein auf schätzungsweise 2400 m Höhe sich hinstreckendes Wolkenband markierte sich das Längstal der Rhone. Grand Combin und Mont Blanc, mit ihren würdeverleihenden Gletschermänteln, perlend im Sonnenglast, zogen uns zwei Menschlein in ihren Bann.

Äusserste Sorgfalt erheischte, der Gwächten und Vereisung wegen, der Abstieg über Südwestgrat und Westflanke.Vom Col de Cheilon ( 3243 m ) wateten wir im aufgeweichten Firn des warmen Julitages hinab zur Cabane des Dix. Den daselbst allein anwesenden Hüttenwart konnten wir seit unserm frühen Aufbruch als ersten uns begegnenden Menschen begrüssen. Gerne erinnere ich mich seiner Zuvorkommenheit bei diesem kurzen, wie auch bei dem eine Woche darauf erfolgten Besuche. Unterdessen begannen hochschwebende, leichtere Wolkengebilde wechselnd reizvolle Licht- und Schattenspiele in die umgebende Hochwelt zu zaubern. Mit dem Marsch über den Pas de Chèvres - die elegante, bis an die Basis verschneite Cheilon-Felspyramide im Rücken und mit der Freude an tausendundein Blumenwundern der Montagne de l' Arolla - verebbte ein grosser Tag.

So, mein lieber Hans, da wäre nun der letzte Strich der eingangs versprochenen Skizze angebracht. Dass Du den herzerquickenden Ausklang ebenfalls mitempfindest und dass in Dir auch mancherlei Erinnerungen an einstige Walliser Fahrten aufflammen, dessen bin ich gewiss.

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